Warum ich Deutschland verlasse

Auswandern Es gibt viele Gründe, in die Schweiz zu gehen. Die Häuser, die Bahnhöfe, das heile Leben – vor allem aber natürlich die Frauen

Eines Tages erwischte ich mich dabei, wie ich Paukerfilme aus den siebziger Jahren guckte. Ja, richtig gelesen: Paukerfilme! Das waren so unsäglich einfältige Klamaukstreifen, in denen immer die junge Uschi Glas mitwirkte und ein bayerischer Bub namens Hansi Kraus, der überhaupt nicht spielen konnte und es auch nicht erst versuchte. Zwischen 1967 und 1971 entstanden etwa 20 dieser Filme, ich hatte sie alle. Ich sah sie mehrmals, oft mit Tränen in den Augen. Ich, der ich früher einen guten Kinogeschmack besessen hatte! Ich, der ich Filmkritiker der Zeit gewesen war! Ich ängstigte mich, meine Freunde könnten dahinter kommen. Ich würde mich vielleicht verraten, durch eine achtlose Bemerkung. Wie hatte ich nur so tief sinken können?

Nun, diese Filme dokumentierten unfreiwillig ein völlig anderes gesellschaftliches Bewusstsein. Alles lief so dermaßen harmlos ab, dass es mir früher das Gehirn zerrissen hätte. Die Handlung wurde vorangetrieben durch die Streiche, die die ziemlich erwachsen aussehenden Schüler – alles Schauspieler über 20 – dem Klassenlehrer spielten. Es sollten wohl Abiturienten sein, denn sie fuhren immer im offenen BMW vor, rot, von Papi ausgeliehen. Gymnasiasten kamen noch aus wohlhabenden Familien damals. Und mussten nicht nach Afghanistan. Das wurde von einem weisen König regiert, war friedlich wie die Werbung von „Bärenmarke“.

Womit wir bei der Schweiz wären. Dort ist die Zeit stehengeblieben. Mitte August bin ich mit einem Spezialticket eine Woche lang kreuz und quer durch die Alpen gefahren. Den Ausschlag für meinen Entschluss, ganz dort zu bleiben, gaben dann drei Schweizerinnen, die ich in Genf, Zürich und Lugano kennenlernte. Gemeinsam war ihnen, bei aller Unterschiedlichkeit, zunächst eines: Sie waren beziehungsfähig. An diesem Punkt setzte ich an. Warum, so fragte ich, konnten diese Frauen noch Männer lieben, gänzlich ungebrochen, wie einst Uschi Glas den Fritz Wepper?

Die erste schrieb wunderbare Prosa, weiß Gott besser und härter als alles hier bekannte Zeug, war scheinbar prädestiniert für Neurose und Geschlechterkrieg. War aber so glücklich verheiratet wie Helmut Schmidt. Die zweite inszenierte moderne Stücke am Theater, war ein Kind jenes Künstlermilieus, das seit 150 Jahren, seit Villon, Mallarmé und Baudelaire, die Elemente Poesie, Opium, sexueller Exzess und künstlicher Wahnsinn zu einem Berufsprofil verrührt. Das gibt es auch bei uns, nur: diese Frau lebt, zwischen ihren Beinahe-Selbstmordversuchen, monogam und liebevoll. Die dritte war Literaturagentin, fleißig, integer, sozial, bemüht, rechtschaffen, allzeit bereit und immer zuverlässig. Die ideale Schweizerin. Sie engagierte sich politisch und kämpfte für das Minarettverbot. Von ihrer Kollegin in Berlin oder Frankfurt am Main unterscheidet sie nur zweierlei. Ihr Opa war nicht bei der Waffen-SS, noch nicht einmal herbeiphantasierterweise. Und ihr Mann ist für sie kein Thema. Sondern ihr Mann. Bald verliebte ich mich in eine ihrer Freundinnen, die noch frei war. Meine Freundlichkeit wurde nicht als sexuelle Nötigung wahrgenommen. Auch das war für mich neu. Und als sie ja sagte, war das nicht der Startschuss zur never ending beziehungsdiscussion.

Kein Bahnhof aus Glas

Ich mag die Schweiz auch, weil da noch richtige Häuser gebaut werden, aus Stein, mit weißem Putz, Fensterrahmen aus Holz, rote Ziegel auf dem Dach, Bäume im Garten, der Cayenne gewaschen und poliert in der Garage. Bahnhöfe sehen noch wie Bahnhöfe aus, Schulen wie Schulen. Bei uns dagegen ist der postmoderne Baustil verbindlich angeordnet. Überall in Deutschland stehen jetzt diese postmodernen Gebäude herum, bloße Stahlträger mit Nieten, dazwischen Glas, Glas, Glas. Schon der zehnte Hauptbahnhof dieser Art wirkt unorigineller als ein Nokia Handy von 1998. Niemand fühlt sich darin wohl. Traurige, humorlose Gestalten mit hängenden Schultern schlurfen an den immer gleichen dämlichen Handtaschen- und Douglas-Läden vorbei. Das ist Deutschland im Jahre 2010. Stuttgart 21 als Blaupause für unser aller Zukunft.

Unser aller? Nicht meiner. Die Schweiz ist zwar nicht das Gegenteil der Postmoderne, aber ein Sowohl-als-Auch. Die Eidgenossen haben eine andere Volksreligion. Eine, die ich noch nicht kenne. Die mich noch nicht stört. Und erkennbar ist vieles, was bei uns vernichtet ist und das ich mag, dort noch heil. Bei uns ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau zerstört. Auch das zwischen den Kindern, die im Internet leben, und ihren Eltern. Das zwischen den Einzelnen und der Familie. Das zwischen den Einzelnen und dem Staat. Das zwischen den Migranten und den Nichtmigranten. Summa sumarum sind wir ein unglücklicher heterogener Haufen mit einer beschissenen Identität. Die Schweiz nicht. Heidi lebt!

Das wäre jetzt ein schöner Schluss, aber den glaubt natürlich niemand. Man verlässt eine Demokratie nicht aus ideologischen Gründen; es muss schon ein ökonomischer dazukommen. Bei mir heißt er: Berlin. Ich lebte als junger Mann in Hamburg. Meine Freunde waren unangepasste, wache Figuren, die den ganzen Tag umwerfend anregend waren und wissbegierig. Sie lasen Michel Houellebecq und überhaupt die besten Bücher, und sie lebten von Luft und Liebe, also vom Scheck der Eltern. Ein paar Jahre später verdienten sie gut, hatten Frau und Kinder, lasen schlechte Bücher und waren nicht mehr anregend. Aber nett. Das war in Hamburg der Lauf der Dinge, und ich hatte nichts dagegen.

Als ich Anfang des Jahrhunderts nach Berlin kam, lief es umgekehrt. Meine neuen Freunde hatten lukrative Jobs in den boomenden Medien, waren solide verheiratet, fuhren einen Volvo älteren Jahrgangs und bauten gerade die zweite Etage aus, die sie dazugekauft hatten. Sie lasen nur Sachbücher und Computerliteratur, morgens berufsrelevante Blogs und dröge Online-News, waren aber trotzdem euphorisch.

Job weg, Frau weg, Auto weg

Heute haben sie ihre Festanstellungen verloren. Die Frau hat sich schmutzig scheiden lassen. Der Volvo darf nicht mehr bewegt werden, seit Einführung der Umweltzone. Die Leute sehen schlecht aus, trinken Bier aus Flaschen statt Caipirinha, stehen spätnachts in Clubs herum, wenn es keinen Eintritt mehr kostet. Sie lesen keine der neuen Sachbücher mehr, dafür Dostojewski aus der Stadtbücherei, Ingeborg Bachmann und Sibylle Berg. Sie sind ungeheuer inspiriert, diskutieren gern, aber die Haare gehen ihnen aus und ihre Garderobe verfällt. Sie sind wunderbare Menschen geworden, weise, altersmilde wie ein liegengebliebener, faulender Apfel.

Sie sind gescheitert. Zurück in ihre alten Städte können sie nicht mehr, nach Köln, München, Hamburg. Sie sind „Herr Lehmann“ geworden, wie alle in Berlin. Wobei die Stadt nur krasser zeigt, was wahrscheinlich überall so passiert in diesem Land und diesem Jahrzehnt. Nur nicht in der Schweiz eben. Auch deshalb bin ich nach Zürich gezogen.

Joachim Lottmann, 49, Schriftsteller, lebte bis Ende September in Berlin-Mitte. Anfang des Jahres erschien bei Kiepenheuer & Witsch sein vielbeachteter Roman Der Geldkomplex.

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17:00 05.10.2010

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