Büşra Delikaya
Ausgabe 0717 | 15.02.2017 | 13:59 6

Warum ich es liebe, Germanistik zu studieren

Debatte Der „Spiegel“ übte starke Kritik an dem Fach. Bedeutende Professoren haben geantwortet. Hier nun schreibt jemand, für den dieses Studium keine Selbstverständlichkeit ist

Warum ich es liebe, Germanistik zu studieren

Nicht alle setzten akademische Bildung mit Karrierechancen gleich

Foto: Lars Reimann/Imago

Zugegeben, meine Leidenschaft begann untypisch. In der Vorschule war ich die Letzte, die das Lesen lernte, ich mühte mich im Deutsch-, Englisch- , und Türkischunterricht, nichts lag mir ferner, als ein Buch in die Hand zu nehmen, aber keine Sprache klang schöner als die deutsche, während ich nebenher mit Kurdisch und Türkisch aufwuchs.

Mein Interesse für die Literatur wurde Ende des ersten Schuljahrs geweckt. Entgegen aller Geringschätzung der Kompetenz von Lehrkräften, die in der aktuellen, von einem Spiegel-Artikel ausgelösten Debatte über die „Krise der Germanistik“ zur Sprache kommt, spielte bei mir der Deutschunterricht eine große Rolle. Die Förderung meiner Deutschlehrerin in der Grund- und später der Oberschule, mein Deutschlehrer in der Abiturzeit, dessen Faszination für Sprache und Ästhetik auf mich abfärbte; ohne sie hätte ich mein Germanistikstudium nicht angefangen.

In Neukölln

Dabei ist das nicht einmal die erste Pflicht eines Deutschlehrers. Kein Schüler muss für die deutsche Sprache begeistert werden, kein Lehrer kann begeistern, wenn er nicht selbst begeistert ist. So ist es nicht verwunderlich, dass viele GermanistikstudentInnen erst einmal eher orientierungslos wirken. Der Spiegel-Journalist und Germanist Martin Doerry leitete aus diesen Defiziten ein Totschlagargument gegen die gesamte Fachrichtung ab.

Ja, es stimmt, auch ich wurde im Lauf meines Studiums mit dem Typus des ahnungslosen Studenten konfrontiert, auch mir begegneten sie, die anstrengend fanatischen Literaturgroupies, die steifen Wagenlenker im affektierten „Sprachpanzer“, ebenjene, deren Sprache der Philosoph Richard David Precht abfällig als „arrogant-schnöselig“ schimpft (es gibt sie übrigens auch unter Geschichtsstudenten). Aber ich wehre mich gegen die Karikatur einer ganzen Fachrichtung.

Keine steile Karriere

Vergessen geht das unterschiedliche Niveau der Sozialisierung. Vielleicht bin ich dafür besonders sensibilisiert. Ich besuchte in Neukölln die Grundschule, mein schulisches und soziales Umfeld bestand fast ausschließlich aus Migranten. Was nicht heißt, sie hätten meine Sprachentwicklung negativ beeinflusst; sie haben aber die Dynamiken, mit denen diese wuchs, geprägt. Und so bereichernd die Diversität meines Umfelds war, so herausfordernd war sie für meine Sprachkompetenz.

Dadurch reifte mein Idealismus. Viel zu oft ist von einer brotlosen Kunst die Rede, auch in der aktuellen Debatte, und viel zu selten vom Idealismus. Und ich verstehe darunter nicht nur die Liebe zur Sprache, zur Sprachkunst. Durch Teildisziplinen wie Diskursanalyse und Textlinguistik wird das kritische Denken trainiert. Nicht selten verfügen Germanisten, wie andere Geisteswissenschaftler auch, über einen besonders sensiblen, auch analytischen Blick auf das, was man „Debatten“ nennt. Wir brauchen diese nüchternen Blickwinkel, und genauso brauchen wir die eloquenten, öffentlichen Stimmen, heute eines Albrecht Koschorke, damals eines Hans Mayer. Sie bereichern ja nicht nur den Kultur- und Literaturbetrieb, sie sind unentbehrlich in der Stammriege der kritischen Intellektuellen.

Nein, die Germanistik ist kein Studienfach, das eine steile Karriere verspricht. Sie verspricht anderes: die Gelegenheit, eine Leidenschaft zur Berufung zu machen, zum Beispiel – allen medialen Spottgedichten zum Trotz.

Büşra Delikaya, Jahrgang 1995, studiert Germanistik und Geschichte in Potsdam

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/17.

Kommentare (6)

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Ehemaliger Nutzer 16.02.2017 | 03:14

Büşra Delikaya liebt es Germanistik
zu studieren.

Ich lerne, meine eigene landesspezifische Sprache über Fremdsprachen ggf besser zu deuten.

Wünschen wir dem Autoren dieses lesenswerten Beitrags der eigenen Landessprache ggf via Germanistik begegnen zu können.

Auch althochdeutsch wie mittelhochdeutsch bleibt kein Spass.

Dank erneut für diesen lesenswerten Beitrag

Columbus 17.02.2017 | 18:43

Ich kann sie nur beglückwünschen, Büşra Delikaya.

Die Germanistik kann, wenn sie nicht in Verengung und Einseitigkeit führt und in jeder Beziehung offen bleibt, als eigenständige Wissenschaft und als Grundlage für ganz andere, buchstäblich und sachlich fachfremde Tätigkeiten, eine gewichtige Basis liefern.

Ich habe von Germanisten viel gelernt, über sprachliche Modi und über das, was auch mir zumeist im gelebten Leben verborgen bleibt, allenfalls von mir nur erahnt werden kann: Ein Leben und Denken in der Sprache.

Um sie noch ein wenig zu unterstützen, traue ich mich hier, selbstverständlich nur in Auswahl und keineswegs, um Wertungen zu den Persönlichkeiten abzugeben, einmal ein paar Germanisten zu nennen, von denen ich lernte, die mich beeindruckten, die mir sogar, in irgend einer Weise, Lebenshelfer wurden:

Mit Wolfgang Promies, dem Magdeburger und Wahl- Darmstädter, lernte ich Christoph Lichtenberg schätzen und er vermittelte mir auch den Blick auf den psychosomatischen Klassiker- Arzt, Friedrich Schiller. Was finge ich nur mit meinem Liebling Eichendorff an, ohne Emil Staigers Interpretations- und Aufmerksamkeitskunst? Deutschsprachige Literatur bliebe mir schwer zugänglich, könnte ich mich nicht immer wieder von Peter von Matts Texten aufladen und anregen lassen. Und Claudio Magris verknüpft die Welten Europas, in denen auch Deutsch gesprochen wird.

Sie erwähnten Hans Meyer, der für mich eher ein Germanist der zweiten Art, nämlich nach der unbedingten Neigung, war und gerade damit die Bedeutung der Germanistik stärkte. Meyer färbte ab, zum Beispiel auf Fritz J. Raddatz.

Am Ende eines Germanistik- Studiums, könnte ja auch die Erkenntnis reifen, dass die wissenschaftliche Beschäftgung mit einer Kultursprache und vor allem auch ihrer Schrift, gar nicht auf Hierarchisierungen und steile Karrieren aus ist, sondern unbedingt auf Erweiterung und Offenheit abzielt, um überhaupt so etwas wie eine Kultur zu haben, die sonst in der Verengung abstirbt.

Kultur- und Sprachfähigkeitsverluste begleiten mit schöner Regelmäßigkeit auch Humanitätsverluste.

Warum ist das so? Je schlechter entwickelt das Sprachverständnis und die Sprachfähigkeit daherkommen, desto geringer sind die Chancen auf eine Verständigung, auch zu sehr komplexen und komplizierten Sachverhalten, auch zu Emotionen und vor allem dann, wenn Gegensätze nicht nur ertragen, sondern verstanden werden müssen. - Die reiche und vermittelnde Sprache, ist regelmäßig auch ein wenig eine Lebensversicherung, in persönlichen und kollektiven Krisen.

Germanisten, selbst diejenigen, die sich vornehmlich mit der Grammatik und Performanz des Deutschen beschäftigen, könnten sicherlich wieder mehr Beachtung finden, wenn sie dieses Spezifikum der Sprachen wieder mehr betonten und durch eigene Sprachanstrengungen in einer größeren Öffentlichkeit aufzeigten. Dazu muss man ihnen Platz und Zeiten einräumen und dem allgemeinen Wunsch, alles in wenigen Worten und Zeilenzeichen ausdrücken zu wollen, keinesfalls nachgeben.

Nur weiter

Christoph Leusch