Warum ich in den Hungerstreik getreten bin

Offener Brief Nadeschda Tolokonnikowa beschreibt die menschenunwürdigen Bedingungen in dem russischen Straflager, in dem die Pussy-Riot-Aktivistin seit einem Jahr einsitzt
Warum ich in den Hungerstreik getreten bin
Nadeschda Tolokonnikowa; hier im April diesen Jahres, als sie vor einem Gericht in Mordwinien eine Haftentlassung auf Bewährung forderte
Foto: Maksim Blinov/ AFP/ Getty Images

Beginnend am Montag, den 23. September, trete ich in den Hungerstreik. Es ist eine extreme Maßnahme, aber ich bin überzeugt, dass es keinen anderen Ausweg aus meiner aktuellen Situation gibt. Die Leitung meiner Strafkolonie lässt nicht zu, dass ich angehört werde. Ich wiederum weigere mich, meine Forderungen zurückzuziehen. Ich werde nicht schweigen, und schicksalsergeben mitansehen, wie meine Mitinsassinnen unter Bedingungen zusammenbrechen, die mit Sklaverei zu vergleichen sind. Ich fordere, dass die Verwaltung die Menschenrechte respektiert. Ich fordere, dass im Arbeitslager in Mordwinien die Gesetze eingehalten werden. Ich fordere, dass wir wie Menschen behandelt werden, nicht wie Sklaven.

Ein Jahr ist vergangen, seit ich in der Strafkolonie No. 14 in der Ortschaft Parza in Mordwinien angekommen bin. Unter Häftlingen heißt es in Russland: „Wer nie in Mordwinien eingesessen hat, hat nie eingesessen.“ Ich hatte von den Strafkolonien in Mordwinien gehört, als ich noch in der Untersuchungshaft in Moskau saß. Dass dort die Sicherheitsstandard am höchsten sind, die Arbeitstage am längsten und die Menschenrechtsverletzungen am drastischsten. Wenn man nach Mordwinien geschickt wird, ist das als werde man zum Schafott geschickt. Bis zum letzten Moment war da die Hoffnung: „Vielleicht schicken sie dich ja doch nicht nach Mordwinien? Vielleicht kommst du davon?“ Aber so kam es nicht, und im Herbst 2012 betrat ich das Straflager am Ufer der Parza.

In Mordwinien empfing mich der stellvertretende Leiter des Lagers, Oberstleutnant Kupriyanow, der das Lager de facto verwaltet, mit den Worten: „Sie sollten wissen: In politischen Fragen bin ich Stalinist.“ Der andere Verwalter, Oberst Kulagin, rief mich am ersten Tag zu sich, um mir ein Schuldeingeständnis abzuzwingen: „Ein Unglück ist über Sie gekommen. Ist es nicht so? Sie sind zu zwei Jahren in diesem Lager verurteilt worden. Menschen ändern in der Regel ihre Meinung, wenn ihnen etwas Schlechtes widerfährt. Wenn sie so bald wie möglich auf Bewährung entlassen werden möchten, dann sollten sie sich schuldig bekennen. Wenn nicht, wird es keine Bewährung geben.“ Ich erklärte ihm unumwunden, dass ich nicht länger als acht Stunden am Tag arbeiten werde, wie es das Arbeitsrecht vorschreibt. „Das Gesetz ist eine Sache – was zählt, ist, ob Sie Ihre Quote erfüllen. Wenn nicht, machen Sie Überstunden. Sie sollten wissen, dass wir schon Menschen mit stärkerem Willen gebrochen haben, als Sie!“, war Kulagins Antwort.

17 Stunden arbeiten wir am Tag

Meine Einheit in der Näherei arbeitet 16 bis 17 Stunden am Tag. Von 7.30 Uhr in der Früh bis 0.30 Uhr in der Nacht. Bestenfalls schlafen wir vier Stunden pro Nacht. Alle eineinhalb Monate haben wir einen freien Tag. Wir arbeiten so gut wie jeden Sonntag. Insassinnen reichen Anträge ein, dass sie „auf eigenen Wunsch“ am Wochenende arbeiten möchten. In der Realität kann man wahrlich nicht von einem Wunsch sprechen. Die Anträge werden auf Anordnung der Verwaltung geschrieben – und unter dem Druck von Mitinsassinnen, die ihr bei der Durchsetzung behilflich sind.

Niemand wagt es, sich dem zu widersetzen und keinen Antrag einzureichen. Das bedeutet, wir arbeiten am Sonntag bis ein Uhr morgens. Einmal bat eine 50-jährige Frau um acht Uhr abends darum, sich in den Wohntrakt zurückzuziehen. Sie fühlte sich krank; sie litt unter Bluthochdruck. Die Reaktion darauf war eine Versammlung der Einheit, bei der die Frau niedergemacht, beleidigt und gedemütigt wurde. Sie brandmarkten sie als Schmarotzerin. „Glaubst du, du bist die einzige, die mehr Schlaf will? Du musst härter Arbeiten, du Kuh!“ Wenn jemand mit einem ärztlichen Attest der Arbeit fern bleibt, wird er ebenfalls schikaniert. „Ich habe mit 40 Grad Fieber gearbeitet, und das ging gut. Was glaubst du denn – wer wird deinen Anteil übernehmen müssen?“

Als ich am ersten Tag den Wohntrakt des Lagers betrat, empfing mich eine Mitinsassin, deren neunjährige Haft dem Ende zuging, mit den Worten: „Die Schweine haben Angst, dich selber anzufassen. Sie wollen sich dafür der anderern Insassinnen bedienen.“ Es ist Aufgabe der Vorarbeiterinnen der Brigaden und der Frauen, die schon länger einsitzen, die anderen zu schikanieren, ihre Rechte zu missachten und sie in stumme Sklaven zu verwandeln – auf Anordnung der Gefängnisverwaltung.

Das inoffizielle Strafsystem

Um die Disziplin und den Gehorsam aufrecht zu erhalten, besteht ein inoffizielles Strafsystem, das sehr weit ausgelegt wird. Inhaftierte werden gezwungen, „in den Lokalka (den abgezäunten Durchgängen zwischen zwei Bereichen des Lagers) zu stehen, bis die Lichter ausgeschaltet werden“ (das heißt, es ist ihnen verboten in die Baracken zu gehen – egal ob es Herbst oder Winter ist. In der zweiten Einheit, die aus Häftlingen mit Behinderungen und Alten besteht, bekam eine Frau nach einem Tag in der Lokalka so schlimme Erfrierungen, dass ihre Finger und ein Fuß amputiert werden mussten). Sie „verlieren ihre Hygiene-Privilegien“ (das heißt, die Gefangene darf sich nicht waschen oder zur Toilette gehen); oder ihre „Einkaufs- und Teestuben-Privilegien“ (sie darf kein eigenes Essen mehr zu sich nehmen und keine Getränke).

Wenn die Inhaftierte an nichts anderes mehr denken kann, als an Schlaf oder einen Schluck Tee, wird sie gequält und schmutzig, wie sie ist, in den Händen der Lagerleitung gefügig wie Wachs. Für die Verwalter sind wir nichts anderes als kostenlose Sklavenarbeiter. Im Juni 2013 betrug mein Gehalt 29 Rubel (67 Cent) im Monat. Unsere Brigade näht 150 Polizeiuniformen am Tag. Wohin fließt das Geld, das die Verwaltung dafür erhält?

Das Lager hat einige Male Gelder für neue Ausrüstung zugeteilt bekommen. Die Verwaltung hat sich jedoch darauf beschränkt, die Nähmaschinen von den Häftlingen neu streichen zu lassen. Wir nähen mit Maschinen, die technisch am Ende sind. Laut Arbeitsrecht müssen die Produktionsquoten gesenkt werden, wenn die Ausrüstung nicht den aktuellen Industrienormen entspricht. Stattdessen wird das Pensum angehoben, plötzlich und aus dem Nichts. „Wenn sie sehen, dass du 100 Uniformen liefern kannst, heben sie die Quote auf 120!“ erklärte mir eine erfahrene Näherin. Nicht zu liefern ist keine Option, denn dann wird die ganze Abteilung bestraft. Die Strafe kann zum Beispiel darin bestehen, dass alle gezwungen werden, stundenlang im Hof zu stehen. Niemand darf auf die Toilette. Niemand bekommt einen Schluck Wasser.

Wohin geht das Geld?

Vor zwei Wochen wurden die Produktionsquoten für alle Brigaden willkürlich um jeweils 50 Stück erhöht. Wenn das Minimum vorher 100 betrug, waren es nun 150. Laut Gesetz müssen Arbeiter mindestens zwei Monate vor Änderung einer Produktionsquote informiert werden. Wir mussten eines morgens feststellen, dass wir eine neue Quote erfüllen müssen, weil es der Verwaltung unseres „Sweatshops“ (so nennen die Häftlinge das Lager) eben in den Sinn kam. Die Anzahl der Häftlinge ist gesunken (einige sind entlassen oder verlegt worden), aber die Quoten steigen. Die Zurückgebliebenen müssen immer härter arbeiten. Die Mechaniker sagen, dass ihnen die nötigen Teile fehlen, um die Maschinen zu reparieren, und dass sie sie auch nicht bekommen werden. „Es gibt keine Teile! Wann sie kommen? Machst du Witze? Wir sind hier in Russland. Warum fragst du überhaupt?“

Während der ersten Monate in der Näherei wurde ich aus der Not heraus quasi zur Mechanikerin. Ich warf mich auf die Maschine, den Schraubenzieher in der Hand, und versuchte verzweifelt, sie zu reparieren. Deine Hände sind von Nadelstichen übersät, das Blut ist auf der ganzen Werkbank, aber du nähst weiter. Du bist Teil des Fließbands, und du musst deine Arbeit so gut erledigen wie eine erfahrene Näherin. Und dann macht die Maschine schlapp. Weil du neu bist und es zu wenige funktionierende Maschinen gibt, kriegst du die schlechteste – der schwächste Motor in der ganzen Linie. Und dann ist sie schon wieder kaputt, und wieder, du rennst und suchst den Mechaniker, aber es ist unmöglich, ihn zu finden. Sie schreien dich an, weil du die Produktion verlangsamst. Nähunterricht gibt es nicht. Neuankömmlinge werden vor ihre Maschine gesetzt und bekommen ihre Aufgabe.

"Wenn du nicht die Tolokonnikowa wärst, hätten sie schon lange die Scheiße aus dir heraus geprügelt“, sagen Mitinsassinnen, die der Verwaltung nahe stehen. Es ist wahr: Andere werden geschlagen. Weil sie es nicht schaffen, das Pensum zu erfüllen. Sie werden in die Nieren und ins Gesicht geboxt. Die Gefangenen führen diese Schläge aus, aber kein einziger erfolgt ohne die Zustimmung und das vollständige Wissen der Verwaltung. Vor einem Jahr, damals war ich noch nicht hier, wurde eine Sinti-Frau in der dritten Einheit zu Tode geschlagen (die dritte Einheit ist eine „Druckeinheit“, die Gefangenen dort werden täglich geschlagen). Die Frau starb in der medizinischen Einheit der Strafkolonie 14. Der Verwaltung gelang es, ihren Tod zu vertuschen. Offiziell starb sie an einem Schlaganfall.

Verräterinnen werden zusammengeschlagen

In einer anderen Einheit wurden neue Näherinnen, die das Pensum nicht schafften, gezwungen, sich auszuziehen und nackt zu arbeiten. Niemand wagt es, sich gegenüber der Verwaltung zu beschweren. Denn die wird nur lächeln und die Gefangene in ihre Einheit zurückschicken. Dort wird die „Verräterin“ dann auf Befehl der gleichen Verwaltung zusammengeschlagen. Für die Verwaltung der Kolonie ist kontrollierte Schikane eine zweckmäßige Methode, die Häftlinge zu zwingen, sich dem systematischen Missbrauch von Menschenrechten vollkommen zu unterwerfen.

In der Arbeitszone ist die Atmosphäre bedrohlich und angsterfüllt. Die Insassinnen, die unter ewigem Schlafmangel und den unmenschlich hohen Produktionsquoten leiden, sind ständig am Rande des Zusammenbruchs, sie schreien einander an, streiten um die kleinsten Dinge. Erst vor kurzem wurde einer Frau eine Schere in den Kopf gestochen, weil sie eine Hose nicht rechtzeitig abgeliefert hatte. Eine andere versuchte, sich den eigenen Bauch mit einer Metallsäge aufzuschneiden. Sie haben sie aufgehalten.

Diejenigen, die im Jahr 2010, dem Jahr der Großbrände, des Feuers und des Rauchs, in der Strafkolonie 14 waren, berichten, dass sie selbst dann noch in die Arbeitszone gehen und ihre Quoten erfüllen mussten, als die Feuer auf die Mauern der Kolonie zukamen. Wegen des Rauchs konnte man keine zwei Meter weit sehen, dennoch gingen sie alle zur Arbeit. Ihre Gesichter schützten sie dabei mit nassen Taschentüchern. Wegen der Sicherheitslage durften sie nicht zum Essen in die Cafeteria gehen. Mehrere Frauen haben mir erzählt, sie seien so furchtbar hungrig gewesen, dass sie begonnen hätten, Tagebuch zu schreiben, um die Gräuel zu dokumentieren. Als die Feuer endlich gelöscht waren, durchsuchten die Sicherheitskräfte das Lager gründlich nach diesen Tagebüchern. Keines sollte nach draußen gelangen.

800 Frauen pro Waschraum

Die Hygiene- und Wohnbedingungen im Lager sind so ausgelegt, dass die Gefangenen sich wie schmutzige, rechtlose Tiere fühlen. In den Schlafsälen gibt es „Hygieneräume“. Es gibt aber auch einen „allgemeinen Hygieneraum“. Er dient der Erziehung und Bestrafung. Fünf Menschen passen in diesen Raum hinein, trotzdem müssen alle 800 Insassinnen der Kolonie sich dort waschen. In den Hygieneräumen in unseren Baracken waschen wir uns nicht – das wäre zu einfach. Im ewigen Gedränge des „allgemeinen Hygieneraums“ versuchen die Frauen sich aneinandergequetscht mit kleinen Bottichen so schnell wie möglich zu säubern. Einmal in der Woche dürfen wir unsere Haare waschen. Doch selbst dieser Badetag fällt immer wieder aus. Eine Pumpe geht kaputt oder die Rohre verstopfen. Bisweilen konnte meine Einheit schon zwei bis drei Wochen nicht baden.

Wenn die Rohrleitungen verstopfen, spritzt das Urin, Fäkalienklumpen fliegen aus den Hygieneräumen. Wir haben gelernt, die Rohre selbst frei zu machen, unsere Erfolge sind aber nur von kurzer Dauer – kurz darauf sind sie wieder verstopft. Werkzeuge um sie zu reinigen gibt es in der Kolonie nicht. Einmal in der Woche können wir unsere Wäsche waschen. Der Waschraum ist klein, aus drei Wasserhähnen rinnt schwach kaltes Wasser.

Eine Erziehungsmaßnahme soll offensichtlich auch sein, dass die Gefangenen nur altes Brot, stark verdünnte Milch, vom Pilz befallene Hirse und verfaulte Kartoffeln erhalten. Diesen Sommer wurden massenhaft Säcke mit schleimigen, schwarzen Kartoffeln in die Kolonie gebracht. Wir bekamen sie dann zu essen.

Beschwerden werden verhindert

Die Zahl der Verstöße gegen die gesetzlich vorgeschriebenen Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Strafkolonie 14 ist endlos. Meine größte und wichtigste Klage jedoch ist diese: Die Verwaltung verhindert mit den allerhärtesten Mitteln, dass irgendeine Beschwerde oder Forderung bezüglich der Bedingungen in der Strafkolonie 14 nach außen dringen kann. Die Verwaltung zwingt die Menschen zu schweigen. Sie scheut nicht, sich zu den allerniedrigsten und grausamsten Mitteln herabzulassen, um dieses Ziel zu erreichen. Alle anderen Probleme gehen auf dieses zurück – die Quotenerhöhungen, der 16-Stunden-Arbeitstag, etc. Die Verwaltung fühlt sich unantastbar; rücksichtslos unterdrückt sie die Insassinnen mit immer größerer Härte.

Ich konnte nicht verstehen, warum alle still hielten – bis ich mich selbst mit der Lawine der Hindernisse konfrontiert sah, die auf Gefangene herabgelassen wird, die sich entscheiden, etwas zu sagen. Beschwerden verlassen das Gefängnis einfach nicht. Eine Chance, sich zu beschweren hat man nur über einen Anwalt oder Verwandte. Die Verwaltung, kleinlich und rachsüchtig, nutzt derweil gegenüber der Insassin alle ihr zur Verfügung stehenden Druckmittel. Die Frau soll einsehen, dass ihre Beanstandung niemandem helfen und alles nur noch schlimmer machen wird. Dazu dienen ihr etwa Kollektivstrafen: Wenn man sich beklagt, dass es kein heißes Wasser gibt, schalten sie das Wasser komplett ab.

Im Mai 2013 reichte mein Anwalt Dimitri Dinze bei der Staatsanwaltschaft eine Beschwerde über die Bedingungen in der Strafkolonie 14 ein. Oberstleutnant Kupriyanow sorgte sofort dafür, dass die Bedingungen im Lager unerträglich wurden. Eine Durchsuchung nach der anderen, über meine Bekannten wurde eine Flut von Berichten verfasst, warme Kleidung wurde konfisziert, die Konfiszierung warmen Schuhwerks angedroht. Bei der Arbeit rächten sie sich mit komplizierten Nähanweisungen, Quotensteigerungen und fabrizierten Störungen. Die Vorsteherinnen der Nachbareinheit, die Oberstleutnant Kupriyanows rechte Hand sind, riefen die Insassinnen offen dazu auf, meine Arbeitsergebnisse zu manipulieren, damit ich wegen der „Beschädigung von Regierungseigentum“ in die Strafzelle verlegt werden könne. Außerdem wiesen sie die anderen Inhaftierten an, Streits mit mir zu provozieren.

Die Methode der Kollektivbestrafung 

Solange man nur selbst betroffen ist, kann man alles ertragen. Die Methode der Kollektivbestrafung geht aber über einen selbst hinaus. Sie bedeutet, dass die ganze Einheit, oder gar die ganze Kolonie, die Strafe mit einem ertragen muss. Auch – das ist am Schlimmsten – Menschen, die einem ans Herz gewachsen sind. Einer meiner Freundinnen wurde die Bewährung verwehrt, auf die sie sieben Jahre lang gewartet hatte, für die sie hart gearbeitet und ihre Arbeitsquoten übererfüllt hatte. Sie wurde gemaßregelt, weil sie mit mir Tee getrunken hatte. Am gleichen Tag verlegte Oberstleutnant Kupriyanow sie in eine andere Einheit.

Eine andere enge Bekannte, eine äußerst gebildete Frau, wurde in die „Stresseinheit“ verlegt, in der täglich geschlagen wird. Wir hatten gemeinsam ein Dokument des Justizministeriums gelesen und diskutiert, dessen Titel lautete: „Regularien für die Verhaltensregeln in Justizvollzugsanstalten“. Über jeden, der mit mir sprach, wurden Berichte angefertigt. Es tat mir weh, dass Menschen, die ich gern hatte, leiden mussten. Grinsend sagte Oberstleutnant Kupriyanow dann zu mir: „Viele Freundinnen hast du wahrscheinlich nicht mehr!“ Und er erklärte mir, das alles geschehe wegen Dinzes Beschwerde.

Nun ist mir klar, dass ich schon im Mai, als ich mich erstmals in dieser Situation befand, in den Hungerstreik hätte treten sollen. Der enorme Druck, den die Verwaltung wegen meines Handelns auf meine Mitinsassinnen ausübte, brachte mich aber dazu, keine weiteren Beschwerden über die Bedingungen in der Kolonie einzureichen.

"Im Jenseits gibt es keine Grund für Beschwerden"

Vor gut drei Wochen, am 30. August, bat ich Oberstleutnant Kupriyanow, den Gefangenen in meiner Brigade acht Stunden Schlaf zuzugestehen. Wir sprachen darüber, den Arbeitstag von 16 auf zwölf Stunden zu verkürzen. "Schön, ab Montag wird die Brigade immer nur acht Stunden am Stück arbeiten“, sagte er. Ich wusste, dass es sich dabei um eine weitere Falle handelte. Es ist physisch unmöglich, die erhöhten Quoten in acht Stunden zu erfüllen. Die Brigade wird zu wenig Zeit haben, die Folge werden Strafen sein. "Falls jemand herausfindet, dass du hinter der Sache steckst, wirst du dich nie wieder beschweren“, sagte der Oberstleutnant dann. „Im Jenseits gibt es keinen Grund zur Beschwerde.“ Nach einer kleinen Pause sagte er dann. "Eins noch: Fordere nie etwas für andere. Bitte nur für dich selbst. Ich arbeite seit vielen Jahren in den Lagern. Wer zu mir kommt und mich für andere um etwas bittet, geht aus meinem Büro direkt in die Strafzelle. Du bist die erste, der das nicht passiert.“

In den darauf folgenden Wochen wurde das Leben in meiner Einheit und in meiner Arbeitsbrigade unerträglich. Gefangene mit engen Verbindungen zur Verwaltung stiften die anderen an, es mir heimzuzahlen: „Euch sind Tee und Essen verboten, ihr dürft keine Toilettenpausen einlegen und eine Woche lang nicht rauchen. Ihr werdet immer wieder bestraft werden, wenn ihr nicht anfangt, euch anders gegenüber den Neuen zu verhalten – besonders gegenüber Tolokonnikowa. Behandelt sie so, wie die alten Inhaftierten euch behandelt haben. Wurdet ihr geschlagen? Natürlich wurdet ihr das. Setzt ihnen zu – ihr werdet nicht bestraft werden.“

Immer und immer wieder versuchen sie, mich dazu zu kriegen, mich zu streiten. Aber warum mit Menschen streiten, die nicht für sich selbst verantwortlich sind, sondern bloß auf Anordnung der Verwaltung handeln?

Beherrscht von Angst

Die Gefangenen in Mordwinien fürchten sich vor ihrem eigenen Schatten. Sie sind vollkommen verängstigt. Gestern erst standen sie einem noch wohlgesonnen gegenüber und bettelten: „Tu etwas gegen den 16-Stunden-Tag!“. Doch seit die Verwaltung angefangen hat, gegen mich vorzugehen, haben sie sogar Angst davor, mit mir zu reden.

Ich habe mich mit einem Vorschlag zur Lösung des Konflikts an die Verwaltung gewandt. Ich habe darum gebeten, vom Druck befreit zu werden, der auf ihre Anordnung von den Gefangenen ausgeübt wird, die von ihr kontrolliert werden; ich habe darum gebeten, dass sie der Sklavenarbeit in der Kolonie ein Ende macht, indem sie die Länge des Arbeitstages kürzt und die Quoten auf ein Maß senkt, das sich in Übereinstimmung mit dem Arbeitsrecht befindet. Der Druck ist nur größer geworden. Deshalb trete ich beginnend mit dem 23. September in den Hungerstreik und weigere mich, an der Sklavenarbeit in der Kolonie teilzunehmen. Ich werde dies tun, bis die Verwaltung beginnt, sich an das Gesetz zu halten und aufhört, die inhaftierten Frauen wie Vieh zu behandeln, dass aus der Geltungssphäre der Justiz ausgestoßen wurde, um die Produktion der Textilindustrie zu erhöhen. Bis sie anfangen, uns wie Menschen zu behandeln.

16:44 25.09.2013

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