Warum in Lemberg das Kino stirbt

Im Gespräch Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch über alte Oligarchen und neue Eklektiker in seiner Heimat

Juri Andruchowytsch ist 1960 in Stanislaw (heute Iwano-Frankiwsk) in der Ukraine geboren und lebt in Lwiw (Lemberg). Er gehört zu den bedeutenden jungen Autoren seines Landes, die in den Achtziger Jahren mit einer modernen Literaturauffassung gegen den Sozialistischen Realismus aufbegehrten. Mit zwei Kollegen gründete er die Gruppe "Bu-Ba-Bu", schrieb karnevaleske Gedichte und drei postmoderne Romane (Feiertage, Moskowiade und Perversion). Darüber hinaus arbeitet er als Essayist und Journalist; für die zweisprachige ukrainische Gedichtsammlung Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts fungiert er als Herausgeber. Auf Deutsch ist von ihm bislang nur ein kleiner Gedichtband erschienen. Derzeit genießt er ein Stipendium an der Starnberger Villa Waldberta. Am 31. März sind in der Ukraine Parlamentswahlen.

FREITAG: Herr Andruchowytsch, Sie arbeiten selbst auch als Journalist. In der Ukraine haben es Journalisten im Augenblick nicht leicht, wie etwa die Fälle der ermordeten Kollegen Gongadse und Alexandrow zeigen. Wie gespannt ist die Lage zwischen der Regierung und der Intelligenz?
JURI ANDRUCHOWYTSCH: Leider nicht so gespannt, wie sie sein sollte. Meiner Meinung nach müsste die Spannung viel größer sein, weil Spannung die normale Beziehung zwischen der Macht und den Publizisten ist. Die jetzige kritische Lage ergibt sich daraus, dass vor allem das Fernsehen völlig unter staatlicher Kontrolle ist. Und das Fernsehen beeinflusst ja schließlich Millionen. In einigen Print-Medien und im Internet wurde deshalb heftige Kritik laut und ein starker Wunsch nach dem freien Wort. Der Mord an Georgi Gongadse war ein riesiger gesellschaftlicher Skandal. Bekanntlich gibt es Hinweise für eine direkte Verwicklung des Präsidenten Kutschma und seiner Regierungskreise in diesen Fall. Gongadse hatte den Versuch gemacht, ein unabhängiges Internet-Magazin zu gründen. Diese Vorgänge zeigen, das die Situation alles andere als gesund ist.

Inwieweit ist Gongadse ein Einzelfall? Ich höre heraus, dass das Gros der Journalisten zu angepasst ist?
Es gab Dutzende von ähnlichen Fällen in den neunziger Jahren. Natürlich ist es immer ein Kampf, wenn man die Demokratie erst schaffen muss. Aber es gibt daneben auch die Interessen kleiner gesellschaftlicher Gruppen, der Clans. Es kommt sogar recht häufig vor, dass sich ein Journalist einem dieser Clans verkauft, dass er einer bestimmten Gruppe dient. Dann kommt es vor, dass er von einer anderen, konkurrierenden Gruppe bestraft wird.
Was nun Gongadse angeht, so machte er den Versuch, mit Geld aus der amerikanischen Botschaft eine unabhängige Internet-Seite zu etablieren. Er war der erste, der Gelder aus Amerika bekam. Es ging da wohl um ein Modell für die künftige Entwicklung. Nach diesem Fall hat sich die Lage ein wenig verbessert. Journalisten bekamen mehr Freiheit. Aber sie müssten eigentlich eine noch viel stärkere Solidarität praktizieren. Im letzten Jahr gab es viele offen kritische Berichte in unserer Presse. Leider ist die Situation im staatlich kontrollierten Fernsehen dagegen hoffnungslos. Die sogenannten Oligarchen, die Besitzer der Kanäle, sind sehr willfährig gegenüber der Regierung. Das ist traurig, weil am 31. März die nächsten Parlamentswahlen sind und das Fernsehen hat einen viel größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung als das eine Zeitung mit 50.000 Auflage haben kann.

Die UdSSR war ein Leseland. Gibt es diese Lesekultur heute noch?
Wenn es um die nackte Zahl geht, um die reine Auflage, dann ist das heute kümmerlich im Vergleich zu früher. Aber ich sehe das optimistisch. In der UdSSR waren Bücher doch auch schwer ideologisch beschränkt. Der Sozialistische Realismus war die einzige Methode für einen Autor. In der Ukraine war der Druck besonders stark, da kamen zu den sozialistischen Tabus auch noch die Tabus der örtlichen Nationalisten dazu.

Wer liest denn heute noch in der Ukraine?
Ich hoffe in erster Linie auf die junge Generation, auf die Studenten etwa. Ich kann nur von meinem Beispiel ausgehen. Jedes meiner Bücher hat zehn- bis fünfzehntausend Leser in der Ukraine. Und ich habe zum Beispiel in Kiew eine literarische Veranstaltung gemacht, mit Performance und Musik, zusammen mit meinem polnischen Kollegen Andrzej Stasiuk. Da kamen immerhin 600 Menschen. Und das waren zu 95 Prozent junge Leute.

Natürlich ist die Konkurrenz gewachsen. Es gibt jetzt Fernsehkanäle, Kino, Magazine, Boulevard, Internet.
Vor allem das Internet. Das Kino haben wir leider ganz ruiniert. In meiner Heimatstadt, in Lwiw, gibt es kein einziges Kino mehr. Es waren mal vier oder fünf. Ich glaube, das liegt an der Finanzierung. Die Kinobesitzer machen keinen Profit, die Karten sind zu billig, sie kosten vielleicht umgerechnet eine Mark. Daran sterben die Kinobesitzer. In Kiew ist die Bevölkerung reicher, da kann man mehr verlangen, und da sind die Kinos sehr modern gestaltet. Da funktioniert es.

Wie steht es mit dem Verlagswesen?
Das war die beste Sache in den Neunzigern: die wachsende Verbreitung der Verlegerinitiativen. Verleger brauchen heute keine Genehmigung mehr aus Kiew oder Moskau. Jeder, der eine Idee hat, kann verlegen. Überall, auch in kleinen Städten, gibt es heute Verlage, mehr als in der Sowjetunion. Das Problem ist der Vertrieb. Wenn ich in Lwiw lebe, ist es fast unmöglich, ein Buch aus Charkow zu kriegen. Ich weiß zwar, dass das Buch existiert und eine Auflage von 1.000 Stück hat - das ist das Minimum für die Druckereien -, aber ich weiß nicht, wo ich es kriegen kann. Und die Konkurrenz aus Russland ist erdrückend. Unser Land ist zweisprachig, Ukrainisch verhält sich zum Russischen etwa wie Holländisch zu Deutsch, und die Bücher aus dem mächtigen Russland sind zahlreicher und billiger. Der ukrainische Buchmark ist zu 80 Prozent von russischen Büchern besetzt. Etwas ganz Neues sind aber die öffentlichen Bücherbasars, Zelte auf Marktplätzen, da kann man billige Bücher kaufen.

Sie haben mit der Gruppe "Bu-Ba-Bu" gegen den Sozialistischen Realismus aufbegehrt. Mit Performance, Karneval, Travestie, Lautpoesie.
Das war Mitte der Achtziger, die Zeit der Perestrojka, das war für uns eine glückliche Zeit. Wir haben immer mehr innere Freiheit in uns selbst entdeckt und es wurde immer mehr Freiheit in der Gesellschaft akzeptiert. Es gab keine Zensur mehr, keine offizielle Bevormundung. Wir konnten alles selber organisieren. Aber zu Anfang war das ein typischer Underground-Versuch. Wir hatten keine Veröffentlichungsmöglichkeiten und konnten unsere Sachen nur auf Live-Veranstaltungen deklamieren.

Muss man sich das als experimentelle Literatur vorstellen?
Was die Form betrifft, war unsere Literatur eigentlich ganz traditionell, streng metrisch und mit Reimen. Aber inhaltlich brachten wir etwas ganz Neues, etwas Urbanisches. Die ukrainische Kultur war von je her eine bäuerliche, sehr bodenverhaftete. Wir sprachen nun plötzlich vom heutigen Leben in der Stadt, von Rockmusik, von den Punks. Unsere Texte wurden auch von Rockgruppen vertont. Wir machten schon durch die Performance den Versuch, die Leute, die bei Lesungen einschlafen wollten, immer wieder aufzuwecken. Deshalb musste der Inhalt drastisch sein, auch unser Wortschatz war neu.

Wussten Sie damals schon, dass es im Westen ganz ähnliche Bestrebungen gab, was die Rebellion gegen das traditionelle Lesungsritual angeht?
Das erfuhren wir erst später, als wir über Polen Kontakt aufnahmen mit dem Westen. Wir erfuhren vom Prenzlauer Berg. Ich habe diese Gruppe nie gesehen, nichts gelesen, aber man erzählte davon. Dann kam die Zeit für internationale Festivals, wo wir sahen, dass die Kollegen aus westlichen Ländern etwas Ähnliches erzählten. In den Achtzigern wussten wir aber noch nichts davon. Das war ein Protest gegen die Literatur, wie sie vom Schriftstellerverband propagiert wurde. Die war grau und langweilig, aber ein mächtiger Strom, gegen den wir schwammen. Diese Leute haben das Berufsbild des Schriftstellers ruiniert. Das formulierten wir nicht ganz so laut, aber das stand hinter unseren Texten.

Ihre drei Romane sind noch nicht ins Deutsche übersetzt. Man hört, sie seien postmodern?
Das ist für mich heute schon ein Schlagwort, das ich hasse. So viele Leute, vor allem in der Ukraine, haben meine Texte als postmodern bezeichnet, dass ich einfach protestieren musste. Ich habe ein privates, intimes Verhältnis zum Schreiben. Ich kenne nicht einmal die Werke der postmodernen Ideologen wie Derrida oder Baudrillard. Ich denke über meine eigene Lage nach, meine eigene Zeit und meinen eigenen Ort. Etwa über die Situation heutiger mittelosteuropäischer Länder in der postkommunistischen Ära, diese ganz wenig bekannten und wenig populären Kulturen. Das scheint mir fruchtbarer als irgendeine postmoderne Idee. Allerdings glaube ich, dass in der eklektischen Attitüde eine große Chance liegt, ich arbeite auf verschiedene Ebenen, versuche eine produktive Mischung.

Wie zum Beispiel in Ihrem letzten Roman "Perversion"?
Ja, wenn man will, kann man den Roman meinetwegen schon als eine postmoderne Bearbeitung der Gegenwart betrachten. Er ist eine Art Pastiche, eine Sammlung aus fiktiven Dokumenten, aus Erzählelementen, aus ausgewertetem Videomaterial, alles, was nach dem wahrscheinlichen Tod eines erfundenen ukrainischen Abenteurers und Dichters geblieben ist. Das ist eine Art Spiel mit der Realität, auch mit dem Sujet von Thomas Manns Tod in Venedig. Der Leser, der für den Text offen ist, kann zum Teilnehmer werden, er kann mit phantasieren. Er kann die Geschichte vervollständigen.

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00:00 28.03.2002

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