Haarige Beine als Frau? Ist doch sexy! Ich trag gerne Pelz

Unrasiert Meine Körperhaare sind schwarz und wirr, sie liegen mal zart nah an der Haut, mal stehen sie in alle Richtungen ab. Im Gegensatz zu denen auf meinem Kopf sind sie nicht weiß geworden, nur lang. Seit zwei Jahren lasse ich sie wachsen
Männliche Individuen können ungestört ihre Körperbehaarung in der Öffentlichkeit herumtragen, während weibliche Individuen sie verstecken sollen
Männliche Individuen können ungestört ihre Körperbehaarung in der Öffentlichkeit herumtragen, während weibliche Individuen sie verstecken sollen

Foto: Picture Alliance/Photoshot

„Fell-Aktivistin!“, ruft eine Freundin mir zu und lacht. Sie schaut auf mein rechtes Bein, das in einer kurzen Hose steckt und das ich an der Ballettstange dehne. Das durchgestreckte Bein ist dicht behaart, genau wie mein Standbein. Es ist heiß, wir sind durchgeschwitzt und rot im Gesicht. Kleine Pappelpollenpuschel fliegen herum, Sonnenstrahlen leuchten im Tanzstudio. Meine Körperhaare sind schwarz und wirr, sie liegen mal zart nah an der Haut, mal stehen sie in alle Richtungen ab. Im Gegensatz zu denen auf meinem Kopf sind sie nicht weiß geworden, nur lang. Seit zwei Jahren lasse ich wachsen.

Wenn der Zeitpunkt, in kurzer Hose und Unterhemd zu tanzen, nicht endlich gekommen wäre, würde meine Freundin meine Körperbehaarung nicht betrachten – und kommentieren. Das ist also ein Sommerthema.

Sie möchte es als Witz meinen, doch in ihren amüsierten Blick mischt sich noch etwas ein: Verlegenheit. Ich weiß (wir kennen uns gut), dass sie sich nicht trauen würde, „so“ herumzulaufen.

Auch ich habe gelernt, dass männliche Individuen ungestört ihre Körperbehaarung in der Öffentlichkeit herumtragen, während weibliche Individuen sie verstecken sollen. Ich werde daran erinnert, wenn mein Gegenüber für Sekunden während eines Gesprächs meinen Körper abscannt. Und wenn es nur eine Millisekunde dauert: Alles, was ich in dem Moment sage, ist unwichtig. Es irritiert. Ich versuche zu ignorieren, dass mein Körper jederzeit zum Kommentarfeld werden kann. Nur meine Freundin traut sich, mich „Fell-Aktivistin“ zu nennen und offen darüber zu lachen. Diesmal lache ich nicht mit. Mir wäre es lieber, wenn mein Unrasiertsein kein Gesprächsthema wäre.

Seit einigen Jahren kursieren immer wieder Aktionen im Internet – wie etwa „Januhairy“ Anfang 2019 –, die versuchen, das Stigma weibliche Behaarung zu brechen. In meinem Alltag gibt es zum Ausgleich unangenehmer Situationen Spaces (Frauen-Sportverein, Flinta*-Kneipen, feministische Gruppen), wo die Behaarung nicht nur als „normal“, sondern auch als schön und empowernd wahrgenommen wird.

Als neulich eine andere Freundin „ich liebe deine Haare“ sagte, dachte ich zuerst, sie spreche von meiner Frisur. Doch sie fuhr mit dem Handrücken an meinen Beinen rauf und runter, als würde sie das Fell eines kleinen Tieres streicheln. Wir lagen in der Sonne und machten Siesta im Park. „Danke“, sagte ich und döste weiter.

Luciana Ferrando schreibt als freie Autorin über dies und das im Stadtleben – und ist hin und wieder ebenfalls Buchhändlerin

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