Warum läuft der Oberst Amok?

Rumänisches Kino heute Städte mit Vorkriegsantlitz und multikultureller Gegenwart - Beobachtungen vom "Transsilvanischen Filmfestival" im siebenbürgischen Cluj

Die Abschlussveranstaltung im Opernhaus, einem Juwel der Wiener Sezession, geriet zum schrillen Spektakel: Die Werbung für das berühmte Schweizer Kaffeepulver verunziert die Bühne, eine Dixieland-Band übertönt die Nennung von Preisträgern und auf einer Riesenleinwand läuft eine bonbonbunte TV-Show, die sich immer wieder live zuschaltet. Echte Überraschung und aufrichtige Rührung gab es, als plötzlich Dan Nutzu auf der Bühne steht, einst ein gefeierter Schauspieler des rumänischen Films, in den siebziger Jahren emigriert - und nun erstmals wieder bei einem rumänischen Kulturereignis. So kommt es selbst in dieser auf populistische Akzeptanz zielenden, dabei zur unfreiwilligen Parodie auf Hollywood verrutschenden Preisverleihung des 3. Internationalen Transsilvanischen Filmfestivals im rumänischen Cluj zu authentischen Momenten, die auf die Verwerfungen der jüngeren Vergangenheit verweisen und auch Eigensinn und Unabhängigkeit der Festivalmacher beglaubigen.

"Dass wir niemand um Erlaubnis fragten und bei keiner Behörde zu Kreuze krochen, als wir dieses Festival gründeten, mag den Verantwortlichen in der Hauptstadt ein Dorn im Auge sein," sagt der junge Festivalleiter Tudor Giurgiu über die zögerliche Unterstützung der Kulturbehörden in Bukarest. An der künftigen Förderung dürften sie indes nicht vorbeikommen.

Dass dieses erste internationale Festival für Spielfilme im zentralistischen Rumänien ausgerechnet in der Provinzstadt Cluj entstand, ist kulturpolitisch ein Glücksfall. Denn die k.u.k.-geprägte Stadt am Fuß der Westkarpaten ist durch ihre Geschichte und Gegenwart geradezu beispielhaft für europäische Wurzeln und Perspektiven. Das ungarische Kolozsvar und siebenbürgische Klausenburg, erstmals von 1920 bis 1940 und seit 1947 zu Rumänien gehörig, wurde unter Ceausescu in Erinnerung an eine antike Römersiedlung Cluj-Napoca getauft. Die Stadt ist nach wie vor multikulturell geprägt; an den Theatern wird rumänisch und ungarisch gespielt, im Bildungsbereich spielt die deutsche Tradition eine wichtige Rolle, obwohl nach der Wende die meisten Deutschstämmigen weggingen. Dass es in der 300.000 Einwohner-Stadt rund 80.000 Studenten gibt, mag der Grund sein, dass Cluj mit 1,2 jährlichen Kinobesuchen pro Einwohner als filmhungrigste Stadt Rumäniens gilt.

Für dieses Publikum ist das Festival ein Fenster nach draußen. Die Sieger größerer Festivals (Michael Moores Bowling for Columbine lief zur Eröffnung, Berlinale-Gewinner Gegen die Wand von Fatih Akin zum Abschluss), die rumänischen Premieren neuer Kinohits, filmhistorische Ausgrabungen, als Tribut ans internationale Image Transsilvaniens auch Klassiker und neue Werke des Horrorgenres ziehen Zuschauer in großer Zahl an.

Festivalleiter Giurgiu geht es aber auch um ein Schaufenster des rumänischen Films. Damit haperte es zumindest in diesem Jahr. Im Wettbewerb, der den jungen Regisseuren und ihrem ersten oder zweiten Spielfilm gilt, gab es gar keinen rumänischen Beitrag. Von den sehr wenigen neuen rumänischen Spielfilmen beeindruckte vor allem Niki und Flo des Altmeisters Lucian Pintilie. Sein Porträt zweier Familien, die trotz jahrzehntelanger Nachbarschaft unterschiedlicher nicht sein könnten, deren Kinder jedoch heiraten und aus der Plattenbautristesse nach Amerika flüchten, ist eine beklemmende Studie des Verfalls überkommener gesellschaftlicher Strukturen und der Abwesenheit neuer. Dass der pensionierte Oberst Niki, der sich stets den Verhältnissen anpasste, am Ende Amok läuft und seinem Nachbarn Flo, dem ewig widersprechenden, ihn auch demütigenden Querdenker, den Schädel einschlägt, ist der Ausbruch lange unterdrückter Bitternis über ein verfehltes Leben. Weit schwächer geriet Serban Marinescus Familienalbum über einen Medienmogul zwischen Familientragödie und politischen Verstrickungen. Schauspielerische Kraft und effektvolle Melodramatik können nicht davon ablenken, dass die Wirklichkeit hier allzu kintoppselig überhöht wird. Die Fallhöhe eines rumänischen Citizen Kane von heute dürfte doch niedriger sein. Solche nur pseudokritische Sicht auf die eigenen Verhältnisse scheint ein Symptom im heutigen Rumänien, das 2007 doch Mitglied der Europäischen Union werden will.

Von dem, was in solchen Filmen merkwürdig unkonkret bleibt, von der Vergangenheit, die noch in die Gegenwart reicht, handelt der abendfüllende Dokumentarfilm Der große kommunistische Bankraub von Alexandru Solomon: Gegen eine Gruppe jüdischer Intellektueller, allesamt einst in hohen Parteiämtern, fand 1960 ein Schauprozess wegen des Überfalls auf einen Geldtransport der Nationalbank statt. Doch bevor die fünf männlichen Angeklagten zum Tod verurteilt und hingerichtet wurden und die Frau eines Hauptangeklagten für Jahre im Zuchthaus verschwand, drehte man mit ihnen einen Film - nicht nur über den Prozess, sondern auch über den Überfall, ihre Verhaftung und ihre Verhöre. Im Wechsel zwischen dem makabren parteiinternen Schulungsfilm von damals und heutiger Spurensuche entsteht das bedrohliche Bild einer noch nicht aufgearbeiteten Zeit. Geradezu erschreckend wie ein Täter von damals, ein brutaler Securitate-Offizier, aus der Position des pensionierten Beamten von heute darauf besteht, völlig korrekt gehandelt zu haben. Die ganze Wahrheit vermag der Film nicht ans Licht zu bringen, aber gerade damit erinnert er auch an die Unzuverlässigkeit des einst für unbestechlich ausgegebenen Mediums Film.

Dass Rumänien schon lange über eine entwickelte Filmproduktion verfügt, wurde angesichts der Misere der letzten Ceausescu-Jahre fast vergessen. Mehr als 30 Spielfilme jährlich entstanden noch Anfang der achtziger Jahre. Die Wende bedeutete nicht nur die Privatisierung der staatlichen Studios, sondern auch die Öffnung des heimischen Markts, den nun wie anderswo Hollywood dominiert. Gerade noch drei, vier Filme konnten jährlich gedreht werden, im Jahr 2000 sogar gar keiner. Im letzten Jahr waren es immerhin sieben. Dass das Weiterbestehen der Bukarester Filmhochschule nach der Wende gesichert und eine staatliche Filmförderung im europäischen Kontext etabliert wurde, sind wichtige Voraussetzungen für die weitere Entwicklung des rumänischen Films. Seine professionelle Basis hat auch dank vieler Koproduktionen überlebt. Vor allem amerikanische und französische Produzenten wissen die Drehorte zwischen Hochgebirge und Meeresküste und die kostengünstigen Dienstleistungen zu schätzen. Zuletzt standen in Anthony Minghellas Cold Mountain die Karpaten für die Berge North Carolinas.

Hiesige Filmemacher fanden bislang nur selten den Weg nach Rumänien, obwohl gerade in Siebenbürgen deutsche Dorf- und Städtebilder, unversehrt wie vor dem Weltkrieg, als Motive locken. Ein Grund sind die protektionistischen Förderungsregeln. Wer in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen Geld für einen Film erhält, soll es auch dort wieder ausgeben. Manch interessantes, gar europäisch akzentuiertes Projekt mag an solchen Bestimmungen zerschellen. Auch die Debatte solch filmpolitischer Aspekte macht das Transsilvanische Internationale Film Festival zu einer kulturpolitischen Initiative, die nicht mehr übersehen werden sollte.


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00:00 23.07.2004

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