Warum Matz Löwe nie Innenminister wurde

Schießbefehl und Bröckelbeton Neuigkeiten aus der deutschen Erinnerungspolitik

Am Tag des Herrn kam der bethlehemitische Kindmordwille der Deutschen jenseits der Elbe ans Licht: "DDR wollte auf Kinder schießen" titelte die Frankfurter Allgemeine am Sonntag. Zur besseren Verdauung seines Mittagsmahles meldete sich um 14.07 Uhr der FAS-Leser und Diplomverwaltungswirt Bernd Hafenberg im Internet zu Wort und bekundete, dass er es nun wirklich satt habe. "Wir hatten ja überhaupt keine Zeit, über den Schießbefehl an der Mauer nachzudenken, weil wir uns immer nur mit dem beschäftigen mussten, was vor 70 Jahren passiert ist."

Die deutsche Gedenkkultur ist endlich authentisch geworden. Natürlich muss man DDR und Nazistaat als "die beiden deutschen Diktaturen" gleichsetzen, selbstverständlich müssen wir die Millionen, die an der Mauer vergast wurden mit den 133 Toten aufwiegen, die in Auschwitz umkamen.

Auch die meistgelesene Schweizer Tageszeitung 20 Minuten berichtete über den von der Birthler-Behörde "neu gefundenen" Schießbefehl, meinte aber: "Doch während bei unserem nördlichen Nachbarn die innerdeutsche Vergangenheitsbewältigung die Emotionen hochgehen lässt, gehören an einer anderen Grenze Tote zum medial weitgehend unbeachteten Courant normal. Beim Versuch der illegalen Überquerung der Grenze zu den USA sind in diesem Jahr bereits 210 Mexikaner ums Leben gekommen. Darunter ebenfalls zahlreiche Frauen und Kinder."

Was aus dem "Magdeburger Unterfeldwebel Manfred L. (55), der als ›Matz Löwe‹ die Kenntnisnahme dieses Todesbefehls quittiert hat" (Bild am Montag), heute geworden ist, wissen wir nicht. Er ist nicht Bundesinnenminister geworden, der Menschen gern auch mal auf Verdacht liquidieren lassen will. Er wurde auch nicht Ministerpräsident eines Bundeslandes, mutmaßlich deshalb, weil er nie mit eigenhändigen Urteilen die Vernichtung von Fahnenflüchtigen angeordnet hat.

Für den hochbegabten Stasiromancier Hubertus Knabe, der die ganze Weite und Vielfalt seines Œuvres der bekannten zweiten deutschen Diktatur gewidmet hat und dazu ein eigenes Museum unterhält, war es eine willkommene Ablenkung, dass die "Lizenz zum Töten an der DDR-Grenze" abermals gefunden worden sei.

Walter-Linse-Preis

Ab September wollte nämlich der Förderverein der Knabe-Gedenkstätte in Hohenschönhausen regelmäßig "Persönlichkeiten" auszeichnen, die sich "in herausgehobener Weise um die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur verdient gemacht haben". Die dafür vorgesehene 5000-Euro-Prämie sollte den Namen "Walter-Linse-Preis" tragen, nach einem Abteilungsleiter der vom CIA finanzierten Agentur "Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen". Linse wurde 1952 in den Osten entführt und in Moskau hingerichtet.

Der "Walter-Linse-Preis" führte zum Streit mit dem Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen Martin Gutzeit. Der hielt die Namensgebung des Preises für "problematisch": Linse sei NSDAP-Mitglied gewesen und habe als "Arisierungsbeauftragter" bei der Industrie- und Handelskammer Chemnitz gearbeitet. Gutzeit forderte den Förderverein deshalb auf, die Ausschreibung des Preises "umgehend zurückzunehmen". Die Auslobung könne zum "größtmöglichen Schadensfall" werden.

Jörg Kürschner, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins, fand das nicht so problematisch. Er warf Gutzeit vor, an dem "Menschenrechtler" einen "medialen Totschlag" zu vollführen. Linse sei "wie viele andere ein reines Parteimitglied" gewesen, erläuterte er dem Tagesspiegel. Und er habe auch mindestens einem Juden das Leben gerettet (Was man auch Adolf Hitler gutschreiben muss: Er rettete den jüdischen Arzt seiner Mutter vor dem Holocaust). Jedenfalls werde der "Walter-Linse-Preis" im September verliehen, man habe auch von diesem Punkt in der Vergangenheit Linses gewusst. Doch Ende vergangener Woche gab ein Sprecher der Knabe-Gedenkstätte plötzlich bekannt, dass jemand, der in der NS-Diktatur Schuld auf sich geladen habe, nicht Namensgeber dieses Preises sein könne - nächstes Jahr sehe man weiter.

Das Deutschland-Lied in Krakau

Inzwischen bröckelt das Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin, der Schutzanstrich, den ihm der Degussa-Konzern großzügig verpasste, will den Beton nicht auf ewig zusammenhalten. Welt-online hat aus diesem Anlass Fotos ins Netz gestellt, die den immer noch beengten deutschen Horizont erweitern können. Während Welt-Leser Brink sich am 8. August im angemessenen Insulanerton freute: "Für 1.000 Jahre gebaut, wie es schien, bröckelt´s bereits nach zwei Jahren dahin. Sehen Sie, das ist Berlin" - eröffnete das Springer-Organ neue Aussichten: "Eine Frage der Perspektive: Je nachdem, wo man sich befindet, bietet das Holocaust-Mahnmal immer wieder verblüffende Ausblicke. Hier sind im Hintergrund die Reichstagskuppel und die Quadriga zu sehen."

Auf dem dazu gezeigten dpa-Foto stürmt die deutsche Siegesgöttin mit ihrer Quadriga und dem 1991 restituierten Eisernen Kreuz dank geschickter Perspektivwahl direkt auf dem Mahnmal für die ermordeten Juden gegen Osten, dorthin wo Polen liegt.

Ja, Polen ist wieder offen. Bekanntlich versteht sich die "Preußische Treuhand" als "strategisches Instrument" zur "Verwirklichung der Besitzansprüche von Vertriebenen und stellt Rechtsanwälte zur Verfügung. Erika Steinbach, die als Tochter eines deutschen Besatzungssoldaten aus Polen in dessen Heimatstadt Hanau "vertrieben" und darum Vertriebenenpräsidentin wurde, ist nach einem Gespräch mit Angela Merkel zuversichtlich, dass bis 2009 "alle Weichen" für ihr "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin gestellt sind. Egal, ob die Polen sich dagegen sperren.

Schließlich ist die Kanzlerin noch immer verschnupft über die polnische Unverschämtheit: Hatte doch Präsident Kaczynski daran zu erinnern versucht, dass Polen heute 66 Millionen Menschen hätte, und nicht 38 Millionen, wenn die Deutschen nicht über Polen hergefallen wären. Und dabei unterschlagen, wie groß Deutschland heute ohne den Zweiten Weltkrieg wäre.

Im Krieg hatten die Nazis die Handschrift des Deutschlandliedes, wie es unser Hoffmann von Fallersleben niedergeschrieben hat, ins deutsche Krakau ausgelagert. Und das reklamieren die Polen jetzt als europäisches Kulturgut. Wie denn? Das Deutschlandlied, das wir mit allen Strophen von den Polen zurückhaben wollten, legt es doch fest, was uns gehört: "Von der Maas bis an die Memel von dem Etsch bis an den Belt."


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00:00 17.08.2007

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