Warum Mitgefühl gut für die Wirtschaft ist

Die Buchmacher Meditation gehört heute zum Alltag vieler Manager. Aber der Buddhismus kann den Kapitalismus auf ganz andere Weise verändern als durch die Vereinnahmung seiner Profiteure
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 22/2015 4
Warum Mitgefühl gut für die Wirtschaft ist
Der Buddhismus ist für alle gut - ob Hunde oder zur Not auch die Wirtschaft
Foto: Toru Yamanaka/AFP/Getty Images

Trügerisch ist jenes Glück, das allein auf dem Kontostand basiert. Stets muss Nachschub her und so läuft sich der Mensch im kapitalistischen Hamsterrad die Fersen wund. Warum? Weil die Wirtschaftstheorie uns lange eintrichterte: Maximierung macht glücklich. Dafür dürften wir gegen uns und unsere Umwelt vorgehen.

Mittlerweile gesteht die Forschung dem Menschen zu, von Natur aus ein soziales und mitfühlendes Wesen zu sein. Wir sind gar nicht so egoistisch. Für diese Botschaft allein hätte es kein weiteres Buch gebraucht. Was Mitgefühl in der Wirtschaft. Ein bahnbrechender Forschungsbericht dennoch lesenswert macht, ist die Idee, den Fehlern unseres Wirtschaftssystems mit den Lehren des Buddhismus beizukommen.

Zwar ist im Silicon Valley und an der Wall Street die Vereinnahmung des Buddhismus für den Kapitalismus in vollem Gange: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos meditierten die Manager und für Google sind spirituelle Praktiken Bestandteil einer Arbeitskultur, die Freiheit suggeriert und im Gegenteil Zeit, Raum und nun eben den Geist seiner Mitarbeiter vollständig usurpiert.

Doch der Neurowissenschaftlerin Tania Singer und dem Molekularbiologen und buddhistischen Mönch Matthieu Ricard geht es um etwas vollkommen anderes. Sie haben verschiedene Wissenschaftler und das Oberhaupt der tibetischen Buddhisten, den 14. Dalai Lama, an den Diskussionstisch geholt. Entstanden sind Gespräche über die Frage, wie Mitgefühl im westlichen Wirtschaftsmodell eine stärkere Rolle spielen kann. Denn in einem Punkt sind sich die Neurowissenschaftler, Ökonomen und Mönche einig: Derzeit kommt es viel zu kurz. Der Buddhismus könnte hier helfen, lehrt er doch, dass jeder Mensch mitfühlen kann. Wer das anerkennt, könnte auch die Wirtschaft besser machen, lautet die These.

Es ist Tania Singers zentrales Thema, die Bedeutung von Empathie, Mitgefühl oder Fairness im wirtschaftlichen Miteinander zu erforschen. Damit will die studierte Psychologin, seit 2010 Direktorin des Max-Planck-Instituts für Neurowissenschaft in Leipzig, das gängige Bild des Marktteilnehmers als Homo oeconomicus entkräften.

Kooperation aktiviere das Belohnungszentrum im Gehirn und sei allein dadurch erstrebenswert, heißt es im ersten Teil des Buches. Hier berichtet außerdem Richard Davidson, US-amerikanischer Professor für Psychologie, dass Mitgefühl erlernbar sei. Zumindest waren nach Meditationssitzungen entsprechende Hirnareale bei seinen Patienten, die sich selbst als nicht kooperativ wahrgenommen hatten, viel aktiver als zuvor. Das Buch ist gespickt mit solchen Forschungsergebnissen: Ein Experiment zeigte, dass sich einander vollkommen fremde Menschen Geld leihen. Wenn eine Belohnung in Aussicht gestellt werde, dann sei die Bereitschaft zum Geben aber größer, schreibt der Direktor des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich, Ernst Fehr. Die Kooperationsbereitschaft bricht hingegen ein, wenn Hilfsbereitschaft ausgenutzt wird. Gibt es also reinen Altruismus? Auf alle Fragen gibt auch dieses Buch keine Antworten. Dafür bereichert der Dalai Lama die Lektüre in der von ihm bekannten, durch und durch empathischen Weise: Er stellt Fragen wie ein Kind und drückt sein Erstaunen über alles aus, was er neu lernt. Eine ichbezogene Sicht auf die Welt gilt ihm nicht als verwerflich, sondern im Buddhismus gewissermaßen sogar erstrebenswert: Wer mit sich selbst im Reinen sei, gebe nicht so viel auf Geld und Besitz.

Mitgefühl in der Wirtschaft. Ein bahnbrechender Forschungsbericht Tania Singer, Matthieu Ricard, Michael Wallossek (Übersetzung). Knaus 2015, 256 S., 16,99 €

06:00 10.06.2015

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