Warum nicht gegen Elon Musk auf die Straße?

Coronakrise Der Obernarzisst des Silicon Valley ist ein besseres Feindbild als Bill Gates
Warum nicht gegen Elon Musk auf die Straße?
Musk oder Gates: Welcher Milliardär ist zwielichtiger?

Foto: Joshua Lott/Getty Images

Im ganzen Land versammeln sich Menschen gegen Microsoft-Gründer Bill Gates. Unter anderen Umständen wäre das eine gute Nachricht, leider haben wir es hier mit verschwörerischem Geraune der eher rechtsradikalen Art zu tun. Kritisieren soll man ja konstruktiv, und deswegen möchte ich lieber einen anderen Tech-Milliardär vorschlagen und ein paar Argumente für die Wut – statt gefährliches Halbwissen – in den Ring werfen.

Ich würde gerne mit vielen Menschen gegen Tesla-Chef Elon Musk demonstrieren, schön mit Abstand und hübsch vermummt mit Maske versteht sich. Der Obernarzisst des Silicon Valley bietet sich als Oberschurke doch viel mehr an; im Übrigen ist er der Gates’schen Philanthropie gänzlich unverdächtig. Seine Arbeiter*innen setzt Musk ohne Gewissensbisse dem Infektionsrisiko aus. Mitte Mai kündigte er an, die Produktion in seiner Elektroautofabrik in Fremont wieder aufzunehmen, obwohl die in Kalifornien nötigen Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden konnten. Profite um jeden Preis auf Kosten der Arbeiter*innen – so kennt man Musk. In der Vergangenheit ist er mit aggressiver Behinderung von Gewerkschaftsarbeit aufgefallen.

Auf die staatliche Androhung, die Fabrik, wenn nötig, mit Gewalt zu schließen, reagierte Musk mit der ihm eigenen Inszenierung als Märtyrer und plärrte auf Twitter: „Wenn jemand verhaftet wird, dann verhaftet mich!“ Elon Musk ist kein Held, er ist ein Erpresser: Dem kalifornischen Staat drohte er damit, seine Fabrik – und damit die Steuerabgaben in Millionenhöhe – nach Texas zu verlegen, sollte der seinen Forderungen nach Öffnung der Fabrik und gegen Arbeits- und Infektionsschutz nicht nachkommen. Warum sollte uns das hierzulande interessieren? Musk lässt in Grünheide nahe Berlin gerade seine deutsche Tesla-Fabrik bauen. Was von den hiesigen Politiker*innen als Erfolg verkauft wird, wird für die dort Arbeitenden in der Zukunft ein harter Kampf um Arbeitsrechte. Gute Gründe, sich den Protesten in Grünheide gegen die Tesla-Fabrik anzuschließen.

Wem das noch nicht reicht, kann gern die Amazon-Arbeiter*innen in deren Kampf unterstützen. Während sie in den Logistiklagern dauerhaft einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind, ist das Vermögen ihres Bosses Jeff Bezos laut der Organisation Americans for Tax Fairness und dem Institute for Policy Studies zwischen Mitte März und Mitte Mai dieses Jahres um 34,6 Milliarden Dollar gestiegen. Sein Kollege, Facebook-Chef Mark Zuckerberg, wurde um 25 Milliarden Dollar reicher – weil wir im Corona-Lockdown alle so brav in unseren Social-Media-Apps rumgeklickt haben.

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06:00 02.06.2020

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