Warum sollte Herr Mehdorn zurücktreten, Herr Wolf?

Nachgefragt Die Bahn zieht derzeit alle ihre 70 ICE-Züge mit Neigetechnik aus dem Verkehr, um die Radachsen zu kontrollieren. Weshalb? Ein solcher Gewaltakt ist ...

Die Bahn zieht derzeit alle ihre 70 ICE-Züge mit Neigetechnik aus dem Verkehr, um die Radachsen zu kontrollieren. Weshalb?
Ein solcher Gewaltakt ist nicht notwendig, zumindest dann nicht, wenn es stimmt, was die Bahn behauptet, dass es nämlich keinen konkreten Anlass - wie zum Beispiel erhebliche tiefe Risse - für diese Kontrollen gibt. Die Bahn behauptet lediglich, die Hersteller hätten erklärt, sie übernähmen keine Gewährleistung, aber das ist lächerlich, bei den mindestens fünf Jahre alten Achsen. Insofern halten wir diesen Akt für völlig überzogen. Man hätte dem begegnen können, indem man die Neigetechnik abschaltet und mit langsameren Geschwindigkeiten die Belastungen deutlich reduziert, um dann sukzessive die einzelnen Achsen zu untersuchen.

Weshalb wird dennoch außerplanmäßig eine so große Kontrollaktion angesetzt, von der tausende von Bahnkunden betroffen sind?
Die Bahn hat eine Reihe von Fachartikeln aus den Jahren 2006 und 2008 ignoriert, die warnten, dass alle Radsatzwellen der ICE-3- und ICE-T-Züge nicht den Belastungen des Hochgeschwindigkeitsverkehrs standhalten. Spätestens seit dem 9.7. dieses Jahres, als in Köln eine Radsatzwelle eines ICE-3-Zuges brach, hätte die Bahn vorgewarnt sein sollen. Sie hat mit Blick auf den Börsengang eine Reaktion hinausgezögert.

Sie haben auf die besonderen Belastungen der ICE hingewiesen.
Im Unterschied zu Japan und Frankreich gibt es auf unseren ICE-Strecken auch Güterverkehr und die ICE verkehren auch im konventionellen Netz, wodurch sie höheren Belastungen ausgesetzt sind. Zusätzlich wurde ein großer Teil der Neubaustrecken als "feste Fahrbahn" ausgeführt, mit in Beton gegossenen Gleisen, die weit weniger Elastizität aufweisen als Gleise im traditionellen Schotterbett.

Was sind die Konsequenzen dieser Vorgänge?
Erstens: Der Bahnvorstand muss gehen, speziell Herr Mehdorn. Er ist verantwortlich für das gesamte Debakel mit den ICE-Achsen. Zweitens: Man muss konstruktiv die ICE-3-und die ICE-T-Achsen überarbeiten, wahrscheinlich ersetzen, und drittens: man muss auch die Konzeption des Hochgeschwindigkeitsverkehrs in Deutschlands neu durchdenken. Im Übrigen ist das Desaster bei der Bahn und an den Börsen so groß, dass die Politik sich eine Teilprivatisierung vor der Bundestagswahl 2009 nicht mehr leisten kann. Bei allem Negativen bietet das die Chance für einen Neuanfang.

Das Gespräch führte Connie Uschtrin

Winfried Wolf ist Sprecher des Bündnisses Bahn für Alle.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare