Warum Techies auf Bernie Sanders stehen

Tal der Träumer Eigentlich mögen Silicon-Valley-Pioniere den Staat nicht. Es sei denn, der Markt ist gegen sie

An manchen Tagen ist die Welt in Ordnung im Café Wicked Grounds inmitten der Betonödnis des Start-up-Stadtteils Soma: Eine junge Frau sitzt gebückt über ihr Macbook, auf dem Bildschirm flimmert Code. Im Hintergrund spielt The Grateful Dead’s The Music Never Stopped, und neben Kaffee und Kuchen verkauft das Café Mundknebel und BDSM-Seile aus Hanffaser. Mainstream und Gegenkultur leben friedlich miteinander, Diversität wird gefeiert als hätte San Francisco die Marketing-Abteilung von Benetton aufgekauft.

Selbst wenn wir Lavalampen nun durch WLAN-gesteuerte LED-Birnen ersetzt haben und sich alle darüber beklagen, wie schnell sich San Francisco ändert, Gentrifizierung und so weiter, lebt der Freigeist der Stadt weiter, und die Stadt lässt den Freigeist weitestgehend am Leben. Wenn die Sonne scheint, kann man immer noch unbelangt direkt vor einem Polizeiauto eine rote Fußgängerampel überqueren – mit einem Joint in der einen Hand und einer Bierdose in der anderen. Obwohl es die Gegner der Gentrifizierung und die Ludditen nur ungern zugeben wollen, war eben auch der Technologieboom im Silicon Valley schon immer ein Produkt der Gegenkultur der 60er und 70er.

Inzwischen liegt Silicon Valley irgendwo zwischen Ayn Rand, Ikone der Libertären, und dem Kommunarden Stewart Brand, und normalerweise hält man sich aus der Politik raus. Das ist Teil des Selbstverständnisses, schließlich hält sich die Politik ja auch weitestgehend aus Silicon Valley raus.

Für manche ist das nicht genug: Star-Investor und Milliardär Peter Thiel möchte am liebsten eine künstliche Insel außerhalb der Drei-Meilen-Zone bauen, in der Unternehmer ganz frei von Staaten und Gesetzen die Welt verändern und reich werden können. In diesem schwimmenden Utopia könne sich sodann die Gesellschaft durch Technologie selbst regulieren. Der Staat ist für Peter Thiel wie eine firmenweite Windows-XP-Installation, wenn doch alle lieber auf ihren eigenen iPads arbeiten würden: obsolet und produktivitätshindernd.

Obwohl die radikal-libertären Stimmen oft die lautesten sind, wollen die meisten Techies in Wirklichkeit gar keine rechtsfreie Independent Republic of Silicon Valley. Entgegen der hiesigen politischen Weisheit unterstützen viele der mehrheitlich privilegierten Techies Bernie Sanders in den Vorwahlen – immer noch gegen das Establishment, libertär hin oder her. Und ein bisschen Staat möchte man dann doch haben. Die absurd hohen Mieten sollten bitte schön reguliert werden, Google-Busse ersetzen das marode Nahverkehrssystem, aber eben nur für die Privilegierten, Unternehmen schleusen ihre Steuern am Gemeinwesen vorbei. So ganz funktioniert es mit der Selbstregulierung wohl doch nicht. Und so finden manchmal doch alle einen gemeinsamen Nenner. Die Hippies, die man nach den Festivals von der Couch kratzen muss, bevor sie das nächste Grateful-Dead-Album auflegen wollen, und die CEOs, die mit ihrem teuren Tesla beim Bio-Supermarkt vorfahren: Sie alle möchten, dass sich der Staat aus ihrem Leben raushält – außer wenn der Markt gegen sie steht.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

06:00 08.06.2016
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