Warum trifft es Olmert gerade jetzt?

Gastkommentar Israels Premier im Korruptionssumpf

Ich kann kaum behaupten, dass mir Ehud Olmert jemals sympathisch war. Aber jetzt tut er mir wegen der ihn fast vernichtenden Korruptionsaffäre leid. Es ist nicht angenehm, mit ansehen zu müssen, wie sie sich jetzt auf ihn stürzen und wie Schakale und Hyänen um einen Tierkadaver kämpfen.

Olmert ist ein typisches Produkt des Zynismus und der Gesetzlosigkeit, die dieses Land in den 41 Jahren der Besatzung infiziert haben. Er trottet nicht als das einzige fehlbare menschliche Wesen durch dieses Paradies. Die Geschichten über die mit Bargeld vollgestopften Kuverts, die Zigarren und die Luxus-Suiten in Nobelhotels mögen die Phantasie beflügeln, nur ist Olmerts Hedonimus kein anderer als der von Benjamin Netanjahu oder Verteidigungsminister Ehud Barak. Wenn gerade Letzterer Olmert jetzt anklagt, ist es, als würde ein Esel einen anderen Esel "Langohr" nennen.

Nach Jahrzehnten als Armeeoffizier mit einem nicht übermäßigen Gehalt und einigen Jahren als Kabinettsminister mit ähnlichem Einkommen verschwand Barak eine Weile aus der Öffentlichkeit, um später als reicher Mann zurückzukehren. Er kaufte ein Luxusapartment in einem der teuersten Bauten Tel Avivs, der ein Symbol für protzigen Reichtum ist. Wie wird man in kurzer Zeit so begütert? Könnte es sein, dass man Verbindungen ausnutzt, die sich im Staatsdienst ergeben haben?

Ehud Olmert gilt als Pionier dieser Methode. Als sehr junger Politiker wurde er dadurch reich, dass er die Kontakte zu den Chefs der Regierungsabteilungen zu nutzen verstand, die er als parlamentarischer Berater knüpfte. Je größer die dabei gewonnene Nähe wurde, um so mehr blühte die Korruption. Ein fast automatischer Prozess.

Was sagt das alles über unsere Politiker? Ganz einfach: Keiner von ihnen ist eine verantwortungsvolle Führungsperson. Ein wirklicher Führer ist nicht nur eine Person mit einem Ziel, sondern mit einem einzigen Ziel. So handelten David Ben Gurion und Menachem Begin, so ist uns auch Yitzhak Rabin in Erinnerung. Sie verzichteten nicht etwa auf Luxus, sondern waren einfach nie daran interessiert. Vom ersten Augenblick am Morgen, da sie die Augen öffneten, bis zum letzten am Abend, wenn sie die Augen wieder schlossen, beschäftigte sie nur eines - ihr Ziel. Im Unterschied dazu ist die ganze Ernte solcher Leute wie Moshe Dayan, Eser Weizman, Shimon Peres, Benjamin Netanjahu oder Barak und Olmert von ganz anderer Sorte. Sie verkörpern den Nur-Politiker, der an die Macht will, um sich an ihren Annehmlichkeiten zu erfreuen - die Macht als Mittel des Aufstiegs zu Geld, Luxus, erstklassigen Hotels und Reputation.

Eine Frage stellt sich freilich wie von selbst: Warum beginnen solche Skandale wie der um Olmert immer dann, wenn ein israelischer Politiker Schritte in Richtung Frieden unternimmt oder zumindest vorgibt, dies zu tun? Ich glaube nicht, dass es ein Komplott gibt oder eine Verschwörung, obwohl dies nicht völlig auszuschließen ist. Um so mehr haben wir es hier mit einem tiefer sitzenden Phänomen zu tun. Die Schwungkraft des derzeitigen Establishments geht in Richtung Besatzung, Expansion und Krieg. Wenn sich dann ein Führer, den die Korruption einholt, genau in dieser Richtung bewegt, wird der Skandal erstickt. Aber wenn der Skandal einen Führer

belastet, der etwas in Richtung Frieden tut, ist der Tumult gewaltig. Das passierte Ariel Sharon am Vorabend des Abzugs aus dem Gaza-Streifen. Das geschieht jetzt Olmert, wenn er wagt, mit Syrien über Frieden und die

Evakuierung der Golansiedlungen zu sprechen.

Uri Avnery, Israelischer Schriftsteller

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00:00 13.06.2008

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