Warum wir zu wenig tun

Literatur Armin Nassehi ergründet die Überforderung westlicher Gesellschaften. Seine Diagnose lässt allerdings viele Fragen offen
Die Gesellschaft kennt eine Antwort auf Überforderung: Grenzen
Die Gesellschaft kennt eine Antwort auf Überforderung: Grenzen

Foto: STR/AFP/Getty Images

Schon nach den ersten Sätzen ist klar, dass Armin Nassehi sich mit seinem neuen Werk Unbehagen nicht an ein Laienpublikum wendet. Ohne sozialwissenschaftliches Studium dürfte es schwer sein, den Sätzen des Soziologieprofessors zu folgen. Aber der Autor ist durch Essays in großen Zeitungen bekannt, berät die Politik (der Freitag 37/2021) und gilt als einflussreicher Intellektueller – Grund genug, um nachzulesen, was die theoretischen Grundlagen seiner Zeitdiagnosen sind.

Die zentrale Frage, die sich als Grundmotiv durch das Buch zieht, lautet: Warum löst die Gesellschaft ihre großen Probleme nicht, wo sie doch offenbar die Mittel dazu hat und wo doch bekannt ist, was zu tun wäre? Die „überforderte Gesellschaft“ wird dadurch bestimmt, dass sie ihre Probleme nicht lösen kann, das „Unbehagen“ ergibt sich eben daraus, dass der Widerspruch zwischen offensichtlichen Problemlösungsmöglichkeiten und fehlenden praktischen Lösungen offenbar wird. Als Referenzfälle für diese Situation nennt Nassehi die Klimakrise und die Pandemie.

Aber trifft die Diagnose, die in der Frage nach dem Warum der Überforderung steckt, überhaupt zu? Wissen wir tatsächlich, was zu tun ist? Und werden die Probleme tatsächlich nicht in ausreichendem Maße angegangen? Sicherlich sind das verbreitete Urteile in der Alltagsdiskussion, aber eine soziologische Argumentation muss da genauer hinsehen.

Und wenn man genauer hinsieht, merkt man schnell, dass es mit der Frage, was zu tun ist, dann doch nicht so einfach ist. Die Antworten, die Nassehi gibt, sind reichlich abstrakt: Der CO₂-Ausstoß muss gesenkt werden. Aber was heißt das konkret? Verbrennungsmotoren durch Elektromotoren ersetzen? Mobilität und Transporte ganz reduzieren? Selbst wenn es darauf klare Antworten gäbe, bliebe fraglich, welche Handlungen wirklich möglich sind. Wenn die Strom- oder Lebensmittelversorgung zusammenbräche, weil man für den Klimaschutz „das Richtige“ getan hätte, hätte man sicherlich nicht das Richtige getan.

Genauso fraglich ist, ob die Gesellschaft tatsächlich nicht das Nötige tut, um die Probleme zu lösen. Beispiel Pandemie: Natürlich sind alle unzufrieden mit den Entscheidungen der Politik – das ist nichts Neues seit der Entstehung der Demokratie. Aber werden wir in einem halben Jahr nicht vielleicht sagen, dass die Gesellschaft insgesamt und unterm Strich doch ganz gut durch die Pandemie gekommen ist?

Nassehi meint, wie viele andere auch, dass China viel besser durch die Pandemie gekommen sei als die westlichen Gesellschaften – und er nutzt das für eine ausführliche Diskussion des chinesischen Modells der Konsensfindung und Motivation. Offenbar hält er die chinesische Gesellschaft nicht für überfordert und meint, dass es dort kein Unbehagen gibt. Wenig überraschend konzentriert er sich dabei ganz auf die Pandemie-Problematik, der Umgang Chinas mit der Klimakrise ist kein Thema. Die Frage, ob Infektions- und Todesfallzahlen, die von vielen Bedingungen abhängen, überhaupt das richtige Maß sind, um zu ermitteln, wie gut eine Gesellschaft mit der Pandemie zurechtkommt, bleibt offen.

„Was tun?“, fragt Nassehi am Ende. Die Antworten bleiben theoretisch. Was genau könnte es im Fall der Klimakrise bedeuten, „die fast ausschließliche Konzentration auf die Sozialdimension und die alleinige Politisierung von Problemen zu überwinden“?

Vielleicht lässt sich, in Podiumsdiskussionen und Vorträgen, in Essays für große Tageszeitungen, dieses theoretische Ergebnis ja doch etwas konkreter – mit Bezug auf die konkreten Krisen – in Handlungsvorschläge umsetzen. Allerdings wäre es wohl auch hilfreich, die Diagnose selbst, auf der die Vorschläge letztlich beruhen, gründlich zu diskutieren.

Info

Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft Armin Nassehi C. H. Beck 2021, 384 S., 26 €

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