Warum wird es abends dunkel?

Kosmologie Ertrunken in Sternenlicht oder das Geheimnis der Unendlichkeit des Weltalls: Wilhelm Olbers galt als einer der berühmtesten Astronomen seiner Zeit

Er riet ihr, den Kranken sofort zu heiraten, sonst sei es zu spät. Sie: Gesche Gottfried, später enttarnt als Norddeutschlands gefährlichste Giftmischerin. 15 Menschen hatte sie mit Mäusebutter (Fett, durchsetzt mit Arsenkügelchen) aus dem Leben befördert. Er: Heinrich Wilhelm Olbers. Seit 1781 praktizierender Arzt. Erfahren, korpulent, jovial.

Bremen 1817. Darwin trägt kurze Hosen, Elektrizität ist rätselhaft, man spekuliert über Äther als den Weltraum erfüllenden Stoff. Olbers, das achte Kind einer Pastorenfamilie, selbst ein Leben lang von diffusen Krankheiten geplagt, hat von 1777 bis 1780 in Göttingen astronomische und mathematische Vorlesungen bei dem innovativen Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg gehört und Medizin studiert.

Unbegreifliche Körper durchziehen den Himmel

Doch was weiß man über den Körper und die Bewegung der unterschiedlichsten Materien in ihm? Blutgruppen sind unbekannt, die Vorstellungen über Gifte, Viren und Bakterien verschwommen. Man lässt zur Ader; Leichen sieht man viele. Immer wieder marodieren Soldaten unterschiedlichster Provenienz durch die Stadt: seit Olbers, geboren 1758, denken kann, verändert sich die politische Ordnung Europas in gewaltigen Schüben. Über allem wölbt sich der Himmel, große, unbegreifliche Körper durchziehen auch ihn; und auch er will sich kaum mehr gleichen.

Tags arbeitet Olbers in seiner Praxis, nachts sitzt er am Fernrohr. Wann er schläft? 1813 explodiert eine gegen die napoleonischen Truppen gerichtete Granate in eben dem Zimmer, in dem er sich kurz ausruht. Mausig dünnes, vom Kopf abstehendes Haar, ein rundes, in der Mitte um Nase und Mund gebündeltes Gesicht. Kinnkerbe, feine Haut. Die Lippen ein wenig aufgeworfen als seien sie immer feucht.

Mit wissenschaftlichen Kollegen tauscht er Briefe, über 37 Jahre erstreckt sich die Korrespondenz mit dem Mathematiker Karl Friedrich Gauß, man kooperiert. Im März 1802 entdeckte Olbers seinen ersten Kleinplaneten, im März 1807 den zweiten; ein Leben lang beobachtete er Kometenbahnen. Man hatte Vorstellungen von den Entfernungen zwischen den Planeten, über Mars, Jupiter und Saturn, dachte nach über animalischen Magnetismus und Licht. Olbers galt als einer der berühmtesten Astronomen seiner Zeit. Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb sogar im fernen Astrachan ein junger Lehrer seine Examensarbeit über ihn. Es war Lenins Vater. Und heute? Ein Komet heißt nach Olbers, ein Mondkrater. Und ein Paradox.

Das unzufriedene Genie

Man braucht keine Formel, um es auszudrücken, eine einfache Frage genügt: Warum ist der Nachthimmel dunkel?

Die Antwort scheint selbstverständlich: weil die Sonne untergeht. Ebenso selbstverständlich ist damit gemeint, dass die Erde „untergeht“, schließlich ist sie es, die sich dreht. Die kleine Sprachungenauigkeit – weil Sprache dem alten Augenschein folgt, nicht der Wissenschaft –, ist indes mehr als Anekdote oder Ornament. Sie weist auf die Zeit zurück, aus der die erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts als „Olberssches Paradox“ bekannt gewordene Problemstellung eigentlich stammt.

Warum ist der Nachthimmel dunkel? Die scheinbar simple Frage und unser Reflex, automatisiert mit der gelernten Antwort darauf zu reagieren, offenbaren etwas Wesentliches über (Er)Findungen und unser Denken. Wieder einmal scheint es eben dort anzufangen, wo der „gemeine Verstand“ sich, beruhigt von einer ersten Antwort, zufrieden gibt. „Genie“: nicht zufrieden sein. Die durchaus richtige Antwort vom Sonnenuntergang zur Kenntnis nehmen und unbeeindruckt dieselbe Frage noch einmal stellen. Nun, in der Wiederholung, lässt sie sich bereits präzisieren: warum schwimmen wir nachts nicht in Sternenlicht?

Wer einmal in einer warmen, luftklaren Region der Erde unter dem Sternenhimmel lag, getränkt von seinem Gefunkel und schlaflos davon, wird die Zweischneidigkeit dieser Idee sofort verstehen. Bereits den Astronomen Johannes Kepler trieb die Sternenlichtfrage um. Mit grauem Bart, hohlwangig, asketisch, den Zirkel in der Hand zeigt ihn ein Porträt von 1610. Er ist 41 Jahre alt. Seine Mutter wurde als Hexe verfolgt, er hingegen rechnete und rechnete, bis er seine revolutionären Kalkulationen zur interdependenten Dynamik der Planetenbewegungen veröffentlichen konnte. Sie hoben die alte Welt aus den Angeln. Gegen Ende seines Lebens wurde ihm deutlich, dass nun, bei Annahme eines unendlichen Kosmos, der irdische Nachthimmel nicht mehr zu verstehen war. Ein unendliches All enthielte notwendig eine unendliche Menge von Sternen. Ähnlich wie der Sehstrahl in einem Schneesturm letztlich immer auf eine Schneeflocke fällt, müsste somit der Augenstrahl von der nächtlichen Erde in den Himmel immer auf einen Stern treffen. Nacht um Nacht müsste die Menschheit in Sternenlicht schwimmen.

Die trüben Nebel im Himmel

Weder Kepler noch die Physiker nach ihm vermochten, die erkannte innere Widersprüchlichkeit der nächtlichen Himmelsdunkelheit zu erklären. Unendlichkeit des Kosmos in Raum und Zeit sowie seine mehr oder minder homogene Durchsetzung des Alls mit Sternen wurden dabei vorausgesetzt. 1800, auf Besuch bei seiner Schwester im Pfarrhaus von Lunsen, soll Olbers seinerseits erstmals auf dieses Paradox gestoßen sein.

23 Jahre lässt sein Versuch einer Antwort auf sich warten. Olbers saß an den Teleskopen der Sternwarte in Lilienthal bei Bremen. Sie zählte zu den besten der Welt. Auch als „Hobby“-Forscher konnte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts, allemal mit solchen Hilfsmitteln, Furore machen. Eben erst hatte der englische Apotheker Luke Howard eine Typologie der Wolken entwickelt, ein Schüler von Olbers, Friedrich Wilhelm Bessel, berechnete auf 390 Seiten die Bahn eines neu entdeckten Kometen. Der von der Sternenkunde begeisterte Kaufmannslehrling sprach Olbers auf der Straße an, sechs Jahre später erhielt er den Lehrstuhl für Astronomie an der Universität Königsberg. Was für Wege. Man suchte, man glaubte, man maß.

Über Störungen des inneren Auges hatte der Mediziner Olbers promoviert; bei seinem Versuch, den Nachthimmel zu erklären, folgt er einer verwandten Gedankenspur. Sein Aufsatz „Über die Durchsichtigkeit des Weltraums“ (1823) bringt das Paradox bereits im Titel auf den Punkt. Legt man nachts den Kopf in den Nacken, scheint sich der Blick in etwas Durchsichtiges zu richten. Doch dies mag, so Olbers, täuschen. Nimmt man an, dass sehr dünn im Raum verteilte Materie das von überall stark anflutende Sternenlicht abfängt, ist die nächtliche Himmelsdunkelheit mühelos erklärt. Die Hypothese gefällt Olbers, erlaubt sie ihm doch, das Postulat aufrechtzuerhalten, die Fixsternsysteme seien unendlich. Allerdings wirft sein Lösungsansatz sofort neue, schmerzlich unbeantwortbare Fragen auf: woran reibt das Sternenlicht sich auf? Und wohin soll seine im Raum gelöschte Kraft verschwinden?

Fast 100 Jahre später weisen Albert Einsteins Relativitätsüberlegungen dem Dilemma einen anderen Weg. Zwei Thesen bzw. Formelgewissheiten müssen zusammen genommen werden, damit der dunkle Nachthimmel sich erklärt. Licht, so die spezielle Relativitätstheorie, hat eine konstante endliche Geschwindigkeit. Wenn dem so ist, zeigt die irdische Dunkelheit, dass der Kosmos unendlich im Raum sein mag, nicht jedoch in der Zeit. Nachts wird und bleibt es dunkel, weil Licht eine bestimmte Wegezeit braucht und seit der Entstehung des Alls nicht ausreichend Zeit vergangen ist, dass alles Licht des uns umgebenden Raumes die Erde bereits erreicht hätte.

Kurzum: der Nachthimmel ist dunkel, weil der Kosmos einen Anfang hatte.

Und, möchte man heute ergänzen, weil es schwarze Löcher wirklich zu geben scheint. Auch die sich über uns zeigende Durchsichtigkeit ist, wie Olbers nicht ganz falsch vermutete, eine Illusion.

So die Antworten des 20. Jahrhunderts. Wer allerdings weiß, wie lange sie gelten mögen? Man spricht inzwischen, klüger geworden, in diesen Bereichen nicht mehr von Wissen, sondern von Standardmodellen. Rechnet man sich an die Sekunde Absolut-Null des Standardmodells Urknall heran, brechen alle physikalischen Begriffe und Formeln zusammen. Unser zeitlich und räumlich bestimmtes Denken kommt bei dieser Entstehung dem Nichts des Anfangs nicht hinterher. Die Null bleibt unerreichbar, ihrerseits ein denkerisches Paradox. Aus Kants Anschauungsformen Zeit und Raum rechnen wir uns offensichtlich nicht heraus.

Fragt man sich nach Denk- und Wissenskonstellationen der Zeit, zeigen sich bei Olbers starke Verbindungen nach Göttingen (Gauß) und Königsberg; seine Überlegungen fußen in hohem Maß auf frühen Kantischen Schriften zur Himmelstheorie. Eine andere, überraschende Linie hingegen führt nach Fordham/New York.

Inspektor Dupin ermittelt

Der dort lebende Forscher verfügt kaum über Zugang zu Teleskopen, aber über einen scharfen Verstand. Er verwendet ihn darauf, eine neue Weise des Schlussfolgerns zu entwickeln. Für ihn weltbekannt macht sie Inspektor Dupin, wenn er Mordfälle in der Rue Morgue untersucht. ‚Deduktion’ heißt das Zauberwort: es meint den Schluss von allgemeinen Bedingungen, verbunden mit empirisch gesättigten Beobachtungen, auf das, was bereits vorliegt und zu erklären ist. Mit dieser Methode revolutioniert Edgar Allan Poe nicht nur das Erzählen, sondern auch den Blick auf Wirklichkeit.

Erneut denkt hier jemand über das Sehen und seine Bedingungen nach, über Verknüpfungen von innen und außen. Poes Erzählung Der entwendete Brief macht sich zunutze, dass Menschen das, was sie suchen, gerade dann übersehen, wenn es ihnen offen vor Augen liegt. Der seinerseits scheinbar so offene Sternenhimmel zieht Poe zeitlebens an – er muss gelesen werden. Poe versteht ihn als hermeneutischen Prozess. Gerade die Lektüre des Himmels ist ein Paradebeispiel für die Tragkraft seines Deduzierens: nie kann der Astronom seinen Gegenstand greifen, nie ein Experiment arrangieren. Er muss sich ganz damit zufrieden geben, was er, mehr schlecht denn recht, sieht und denkend durchdringen bzw. zusammensetzen kann.

Wirkung und Interdependenzen jeglicher Art – sprachlich, siderisch, alkoholisch, seelisch – schlagen Poe gründlich in ihren Bann. Er erörtert Stern- und Augenwirkungen über dem Erdboden, zielt mit seinen fiktiven Texten auf maximale Wirkung im menschlichen Gemüt. Einige Monate vor seinem rätselhaften Tod mit nur 40 Jahren – Poe wurde mit zerschlissener Kleidung in verwirrtem Zustand aufgefunden, er delirierte, niemand wusste, was vorgefallen war – veröffentlichte er ein kleines Buch.

Ihm selbst galt es als sein wichtigstes Werk. Seine Leser waren anderer Ansicht: Heureka, Poes astronomischer Poesieessay, wurde kein Erfolg. Heute ist der Text vergessen, seine rasante Mischung aus Pathetik, Didaxe und Schlussfolgerungswut macht ihn fast unlesbar. Im Scherengriff der Deduktion wird das Konzept „Unendlichkeit“ gleich zu Anfang zerschreddert. Poe erklärt sie zu einem von der Seele geträumten, ungedanklichen Gedanken, was man sich, als Gedanken, durchaus auf der Zunge zergehen lassen kann.

Der Kosmos muss einen Anfang gehabt haben

Der Autor folgt seiner Intuition und dem Prinzip, dass Erklärungen möglichst einfach sein müssen. Das Ergebnis ist erstaunlich, es löst, allerdings von der Physik weitgehend unbemerkt, Olbers Paradox, noch bevor dieses so heißt: der Kosmos, so Poe, muss einen Anfang gehabt haben. Nicht Undurchsichtigkeit, sondern Endlichkeit antwortet auf das Paradox. Verstanden als eine Geschichte, die sich erzählen lässt.

Und wir? Legen nachts den Kopf in den Nacken und ahnen, dass, was wir sehen, durchaus ein Bild ganz nach der Façon unserer Augen ist? Dass der Kosmos endlich sein mag, auch wenn diese Endlichkeit unsere Vorstellungskraft wohl nicht minder überschreitet als der Versuch, „Unendlichkeit“ zu denken. Und lassen uns, den Kopf in den Nacken gelegt, berühren? Weil wir ahnen, dass wir, schwämmen wir Nacht um Nacht in Sternenlicht, andere Wesen wären. Mit Sternlichtaugen, Sternlichtträumen. Nicht menschlich, ohne Endlichkeit?

1818 starb Olbers’ Tochter im Kindbett, zwei Jahre später begrub er seine zweite Frau. Damals begann er, noch einmal über die Dunkelheit des Nachthimmels nachzudenken. Weil er sie nun – schätzte? Seltsam sicher sagte er Jahre später, dass er sich auf seinen eigenen Tod freue. Und im übrigen in jenem Monat aus dem Leben gehen werde, der ihm die entscheidenden Blicke in den Himmel geschenkt hatte.

So kam es. Olbers starb am 2. März 1840. Der nach ihm benannte Komet zeigt sich wieder 2026. Lichtbahnen glühen auf, vergehen. Lebensläufe und Ideen scheinen ihnen gleichen zu wollen. Doch eben in den Augenblicken des Verlöschens kann man manchmal sehen, wie samtig sie zu sein vermag, wie dicht und weit, ein Teil unserer Selbst: die von Sternen gesprenkelte, nächtliche, endliche, zum Träumen bringende Dunkelheit.

Ulrike Draesner hat zuletzt den Gedichtband berührte orte im Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht. Im kommenden Jahr wird ihr Wissenschaftsroman Vorliebe erscheinen.

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05:00 07.05.2009

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