Was das Virus auslöst

Literatur „Corona und die Demokratie. Eine linke Kritik“ warnt eindringlich vor den gesellschaftlichen Folgen der Pandemie-Politik
Was das Virus auslöst
#stayathome für die Reichen – soziale Distanzierung können sich nicht alle leisten

Foto: Christian Mang/Imago Images

An einer Brücke in Potsdam stadtauswärts befand sich vor einigen Wochen der Schriftzug „Das Virus ist der Kapitalismus“. So könnte auch der Titel des Buches der drei Publizisten Gerald Grüneklee, Clemens Heni und Peter Nowak lauten, die sich dezidiert mit einer linken Kritik an den von Bund und Ländern seit März 2020 verordneten Corona-Maßnahmen zu Wort melden. Ihre Sprache: klar und deutlich, ihr Urteil: unmissverständlich und schonungslos, ihre These: schockierend, denn unsere Gesellschaft zeige, ausgelöst durch die disziplinierenden Maßnahmen zur Corona-Eindämmung, alarmierende Tendenzen eines „präventiven Sicherheitsstaats“ und einer „autoritären Formierung“, ja einer „Selbstfaschisierung“, ihre Botschaft: endlich aufwachen und die Krise zu einem wahren Wandel nutzen.

Den Band eröffnet ein wortgewaltiger Essay von Rebecca Niazi-Shahabi. In kürzester Zeit sei ein „totalitäres Gedankengebäude“ errichtet worden, so die Autorin, das trotz seiner zeitlichen Begrenzung großen gesellschaftlichen Schaden angerichtet habe, denn für die menschliche „Psyche gibt es kein Vorübergehend“: „Wer einmal psychisch bereit ist, für sein nacktes Überleben alles in die Tonne zu hauen, was sein Menschsein ausmacht, der wird es wieder tun“. Und Niazi-Shahabi wird noch deutlicher, wenn sie die Ambivalenzen anspricht, die sich aus einer vermeintlich hehren Absicht entwickeln können: „Denn das Schlimme am Totalitarismus ist ja nicht, dass Böse Böses vorhaben, sondern dass das Gutgemeinte maßlos ausgedehnt wird, bis es schließlich alles andere in der Gesellschaft verschlingt. Der oder die ‚total Gute‘ ist auch deswegen so gefährlich, weil die total Guten bis zum letzten Moment glauben, sie seien auf der richtigen Seite.“

Empathielose Würstchen

Die auf Niazi-Shahabi folgenden Beiträge der drei Herausgeber haben alle eine eigenständige Form: Gerald Grüneklee liefert mit seinem anregenden Essay, der auf tagebuchartige Notizen währen der Corona-Krise zurückgeht, den einzigen Originalbeitrag, während Clemens Heni die Beiträge seines Blogs wiedergibt und Peter Nowak thematisch einschlägige Zeitungsartikel und Interviews aus eigener Feder versammelt. Mit dem Wiederabdruck bereits an anderer Stelle erschienener Beiträge hat das Buch eher den Charakter eines Dokumentenbandes.

Dennoch handelt es sich wegen seines frühen Erscheinungsdatums um eine Pionierleistung. Allerdings wäre es besser gewesen, wenn die drei Teile nicht einfach unverbunden nebeneinanderstehen würden und von mehr als einem achtseitigen Vorwort zusammengehalten worden wären. Darin stecken die drei Autoren ihr Feld zunächst klar ab, nehmen für sich eine „dezidiert linke Position“ in Anspruch und distanzieren sich sowohl von Pandemieleugnern („Wir sehen die Gefahr des Virus und jeder Tod ist tragisch.“) als auch von rechten Vereinnahmungsversuchen, was in Zeiten, in denen alle KritikerInnen der Corona-Einschränkungen gerne in einen, nämlich den „rechten“, Topf geworfen werden, leider notwendig ist. An Deutlichkeit lassen die Autoren es dabei nicht mangeln, wenn sie Björn Höcke einen „Faschisten“ und die Bild-Zeitung ein „Hetzblatt“ nennen. Auch ihre GesinnungsgenossInnen aus dem linken Lager müssen sich heftige Kritik gefallen lassen, wobei dessen von Clemens Heni konstatierter „endgültiger Niedergang“ schon allzu oft prophezeit wurde. Auch Henis Publikumsbeschimpfung der Mehrheit der Deutschen als „empathielose Würstchen“, die dort, „wo sich das Hirn befinden sollte, eher einen Hohlraum haben“, ist alles andere als zielführend und zeugt selbst von Empathielosigkeit. Denn gesellschaftliche Kritik ist kein Selbstzweck und darf nicht ausschließlich der Selbstvergewisserung dienen, sondern sollte im besten Falle die Menschen erreichen und nicht beleidigen.

Das Buch ist aus einem „Impuls der Empörung und der Wut“ entstanden. Heftige Emotionen sind natürlich keine gute Grundlage für eine sachlich-nüchterne Aufarbeitung der letzten Wochen mit ihren massiven Grundrechts- und Freiheitseinschränkungen, aber für eine Streitschrift, die einer laufenden Debatte neue Impulse verleihen soll, sind sie nicht die schlechtesten Ausgangsbedingungen. Mit besonderer Verve widmet sich Grüneklee den Widersprüchen der Corona-Politik, denn sie sind keine Lappalien eines überforderten Entscheidungsapparats, sondern offenbaren die Willkür mancher Maßnahmen. Wieso etwa konnten Tausende deutsche Touristen aus dem Ausland zurückgeholt und Erntehelfer für den deutschen Spargel eingeflogen werden, aber Mitte April nur 47 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus Moria gerettet werden? Zuvor war es noch nicht einmal möglich, in Deutschland zu demonstrieren, um auf deren Schicksal jenseits jeder Gesundheitsversorgung aufmerksam zu machen, während hierzulande Tausende Krankenhausbetten leer standen, von denen jedes mit einer staatlichen Bonuszahlung von 560 Euro pro Tag alimentiert wurde. Grüneklee macht auch auf das Schicksal weiterer benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen in diesem Land während der Corona-Krise aufmerksam: von Armut betroffene Kinder und Familien, alte Menschen, psychisch Erkrankte, Gefangene, freie Kulturschaffende und Obdachlose.

Wie muss auf diese Menschen wohl das Foto gewirkt haben, das auf der Umschlaginnenseite des Bandes zu sehen ist? Der Fotograf Matthias Coers hat es an dem an der Spree gelegenen Luxus-Wohnkomplex Living Levels in Berlin aufgenommen, von dessen Dach wochenlang die Laufschrift „#stayathome“ in die Nacht strahlte. Das Bild führt die soziale Spaltung des Landes vor Augen, die die Pandemie in aller Brutalität offengelegt hat und die durch die Eindämmungsmaßnahmen nach Überzeugung der Autoren weiter vertieft werden wird. Denn soziale Distanzierung muss man sich leisten können, wie ein Blick nach Neukölln, Göttingen und Rheda-Wiedenbrück offenbart. Und das Primat der Politik gebührt auch weiterhin der Wirtschaft.

Info

Corona und die Demokratie. Eine linke Kritik Gerald Grüneklee, Clemens Heni, Peter Nowak Edition Critic 2020, 190 S., 14 €

René Schlott ist freier Publizist in Berlin und Initiator der Aktion „Grundgesetz a casa“. In der Süddeutschen Zeitung erschien im März sein viel beachteter Zwischenruf zu den Corona-Maßnahmen: „Um jeden Preis? Wird die offene Gesellschaft erwürgt, um sie zu retten?“

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06:00 07.08.2020

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