Was der Kunde braucht

Müll Wer kauft heute noch mit Plastiktüten ein? Viel zu viele. Ein Pfandsystem könnte das Problem lösen
Was der Kunde braucht
Der Plastiktütenverbrauch in Deutschland liegt bei 6,1 Milliarden Stück pro Jahr

Foto: Jean-Philippe Ksiazek/AFP/Getty Images

Es ist immer wieder das Gleiche: Ich stehe an der Supermarktkasse, der Einkaufswagen ist voll, und ich habe keine Tasche dabei. Also noch einen Stoffbeutel kaufen, obwohl sich die Dinger zu Hause schon stapeln? Oder eine billige Plastiktüte? Im Kleidungs- oder Elektronikgeschäft sind sie meist sogar kostenlos.

Und so steigt der Plastiktütenverbrauch in Deutschland immer weiter, bisher lag er stabil bei über fünf Milliarden Stück pro Jahr, heute sind es bereits 6,1 Milliarden. Dabei haben die Deutschen durchaus solche Bilder im Kopf, wenn sie zur Plastiktüte greifen: den toten Nordseevogel, aufgeschnitten, sein Bauch voller Plastikmüll; Schlote, aus denen gasförmig ehemalige Plastiktüten kommen, die die Atmosphäre mit noch mehr Treibhausgasen füllen und den Klimawandel anheizen … Und trotzdem tun es die deutschen Verbraucher laut Statistik 64 Mal im Jahr. Klima- und Umweltschützer, darunter der BUND, Greenpeace, der WWF und die Deutsche Umwelthilfe, fordern jetzt, dass die Politik eingreift.

Wie könnte das aussehen? Michael Angrick vom Umweltbundesamt (UBA) plädiert für einen verpflichtenden Preis. „Wir haben der Bundesregierung empfohlen, dass alle Branchen Einwegtüten verkaufen müssen, anstatt sie kostenlos auszugeben“, sagt Angrick. Eine Abgabe, zu der auch die EU schon länger in einer Plastiktütenrichtlinie ermuntert.

In anderen Ländern war das bereits erfolgreich, zum Beispiel in Irland. Dort hat ein Pflichtpreis dazu geführt, dass der Plastiktütenverbrauch um 96 Prozent gesunken ist. Mindestens 20 Cent müsse so eine Einwegtüte kosten, damit sich eine Lenkungswirkung entfalte, schätzt die Deutsche Umwelthilfe.

Immer wieder kursiert außerdem der Vorschlag, ein Pfandsystem für Plastiktüten einzurichten. Unternehmen wären dann zur Rücknahme und Auszahlung ihrer Plastiktüten verpflichtet. So könnte kontrolliert werden, was mit den Tüten nach Gebrauch passiert. Werden alle wieder abgegeben, könnte man mehr recyceln. Jetzt landen sie häufig im Restmüll (und werden dann verbrannt). UBA-Experte Angrick hält das allerdings nicht für praktikabel: „Wie wollen Sie bei einem Produkt mit relativ geringem Wert einen Preis etablieren, der die Leute tatsächlich dazu bringt, die Tüte wieder zurückzubringen?“ Außerdem könne der Eindruck entstehen, dass das Wegwerfprodukt damit als ökologisch wertvoll gelte.

Andersherum entsteht vielleicht eher etwas Vernünftiges, mit einem Pfandsystem für Stoffbeutel, wie es etwa die Drogeriekette DM eingeführt hat. Entscheidet man sich für einen Stoffbeutel, kann man ihn später wieder abgeben und den vollen Kaufpreis oder einen neuen Beutel zurückbekommen, alle Biotaschen bestehen aus 100 Prozent Baumwolle und sind handvernäht. „Ja, das könnte schon ein Modell sein“, sagt Michael Angrick. Wirklich hilfreich für Umwelt und Klima ist laut UBA ohnehin nur die Mehrwegtüte, nicht das Einwegmodell aus Papier oder jeder Art Plastik. Und früher oder später hat die Bundesregierung sowieso tätig zu werden, wenn sie nicht gegen EU-Recht verstoßen will. Denn die Union will bis 2019 erreichen, dass ihre Bürger nicht mehr durchschnittlich 198 Einwegplastiktüten im Jahr verwenden, sondern nur noch 90. Im Jahr 2025 soll dann die 40er-Marke erreicht sein.

Bis Ende 2018 muss jeder Mitgliedsstaat einen Plan zur Umsetzung parat haben. Und ich ab morgen eine anständige Tasche.

06:00 15.07.2015
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