Was die Welt im Innersten zusammenhält

Abschaffung des Geldes Kritische Anmerkungen zu einer Lieblingsidee sozialer Utopien

Zeit ist Geld. Geld regiert die Welt. Money makes the world go around. Money, money money. Und immer wieder scheidet das Geld nicht nur die menschlichen Geschöpfe unterm Himmelszelt, sondern auch ihre auf Veränderung sinnende Gedankenwelt. Kann man das Geld, das Karl Marx einmal den Kommunismus nannte, den man in der Hosentasche trägt, einfach abschaffen? Wäre eine Zähmung des Geldes und der Neigungen, die von ihm ausgehen, der bessere Weg? Es gibt noch eine dritte Variante, behauptet der Finanzökonom Ulrich Busch.

"Wenn wir doch bloß das Geld abschaffen könnten!" (Ludwig Tieck)

Der Stoßseufzer des Berliner Dichters und "Königs der Romantik" Ludwig Tieck ist nicht nur Ausdruck subjektiver Verzweiflung angesichts drückender Schulden. Er steht zugleich für die antimonetäre Grundhaltung vieler Intellektueller nach 1806, nachdem mit den Armeen Napoleons der Kapitalismus in Deutschland seinen Einzug gehalten hat. Während Goethe als Dichter wie als Staats- und Geschäftsmann vom Geld noch fasziniert war und der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber positiv eingestellt, gingen die Romantiker zur Revolution, zum Kapitalismus und zum Geld spürbar auf Distanz.

Die Antwort auf die Frage, "was die Welt im Innersten zusammenhält", die Goethe für die moderne Gesellschaft im Faust gegeben hatte, nämlich Geld, wollten die Romantiker nicht akzeptieren. Ebenso wenig vermochten sie der ganz und gar unromantischen Kritik des Geldes zu folgen, wie sie beispielsweise von Karl Marx formuliert worden war. Stattdessen sahen sie im Geld eine "entsetzliche Erfindung", "Teufelswerk", "Unnatur" und den "Quell des Verderbens". Sie träumten von seiner Abschaffung, seiner moralischen Verdammung und Ächtung und - im Gegenzug - von Tischleindeckdich, Schlaraffenland und anderen Utopien einer Welt ohne Geld. Und das bis heute, denn die Vorstellungen der Geldgegner und -reformer in der Gegenwart sind nichts anderes als eine Fortsetzung der romantischen Geldkritik.

Selbst die Argumente sind noch immer dieselben: Kritisiert werden Indifferenz, soziale Kälte, semantische Armut und funktionale Eigenlogik des Geldes, seine Ansammlung und Verleihung gegen Zinsen, ferner die dominante Rolle, die es im gesellschaftlichen Leben spielt und die wirtschaftliche und politische Macht, die von ihm ausgeht, seine ungleiche und zumeist ungerechte Verteilung, sein Fetischcharakter, seine Irrealität. Geld und Zins zu kritisieren, zu verwerfen, zu hassen und zu verdammen ist "eine bemerkenswert verbreitete Übung", schreibt der Mannheimer Medienexperte Jochen Hörisch, die sich bei "Linken" wie "Rechten", Gläubigen wie Atheisten, Revolutionären wie Reaktionären, "Volkstümlern" und elitären Schöngeistern gleichermaßen findet. Insbesondere scheint sie eine unverzichtbare Zutat aller antikapitalistischen Sozialutopien zu sein. So gibt es wohl kaum ein Projekt zur Gestaltung einer postkapitalistischen Welt, worin nicht das Paradies einer geldfreien Wirtschaft beschrieben wird, einer Gesellschaft ohne Markt und Preis, ohne Banken, Kredit, Zins und Geldumlauf.

Auch wenn bisher alle Versuche, das Geld einfach abzuschaffen und ohne es auszukommen, zum Scheitern verurteilt waren, so ist die Utopie einer geldfreien Gesellschaft deshalb nicht grundsätzlich falsch. Schließlich sind Geld und Kredit historische Kategorien und als solche an bestimmte Bedingungen gebunden. Ändern sich diese, so wandelt sich auch das Geld - bis hin zu seiner völligen Auflösung. Vor gut zweieinhalbtausend Jahren im antiken Griechenland entstanden, spielte das Geld in den einzelnen Epochen der menschlichen Zivilisation bisher eine durchaus unterschiedliche Rolle. Denn nicht alle Produktionsweisen waren Geldwirtschaften und nicht alle Gesellschaftsformationen waren derart vom Geld beherrscht wie der Kapitalismus. Hier allerdings wird das Geld unbestritten zum wichtigsten Vermittler und Motor wirtschaftlicher Aktivitäten, zur Inkarnation allen stofflichen Reichtums und zur ökonomischen Macht - im Guten wie im Bösen. Das war schon zu Shakespeares Zeiten der Fall, prägte sich im 17. und 18. Jahrhundert weiter aus, wurde im 19. und 20. Jahrhundert universell und bestimmt bis heute unser Leben. Kann man davon loskommen und eine geldfreie Wirtschaft schaffen?

Franz Schandl fordert eine Welt "ohne Geld und Markt, ohne Arbeit und Wert" (Freitag 25 vom 11. Juni 2004). Und das nicht für eine ferne Zukunft, sondern hier und jetzt. Also: "Denken wir sie uns weg." Vorstellen kann man sich vieles, warum nicht auch dies. Praktische Experimente dieser Art, wie beispielsweise 1918 - 1921 in Sowjetrussland und 1976 - 1979 in Kambodscha, endeten allerdings regelmäßig in Gewalt und Chaos. Zum Glück blieb es zumeist bei entsprechenden Gedankenexperimenten und Wunschvorstellungen. Selbst im Staatssozialismus ist es nicht gelungen, das Geld vollständig abzuschaffen, obwohl man immer wieder versucht hat, in Naturaleinheiten (also nicht in Geld) zu rechnen. So ist die "Abschaffung" des Geldes bis heute eine Lieblingsidee alternativer Entwürfe geblieben, eine Utopie, die in keinem radikalen antikapitalistischen Programm fehlen darf. Aber ist sie in dieser Form auch realistisch?

Wie überwindet man die fordistische Produktionsweise, den Industriekapitalismus? Durch "Abschaffung" der Maschinen, durch Maschinenstürmerei? Wohl kaum. Aussichtsreicher ist die Entwicklung der Technik, die Steigerung der Produktivität - ein Prozess, der gegenwärtig in vollem Gange ist. Und wie überwindet man den bürgerlichen Staat? Indem man seine Einrichtungen abschafft und die Anarchie ausruft? Wäre es nicht sinnvoller und realistischer, die "Demokratie" zu demokratisieren, sie zu verändern, indem man sie auf die Spitze treibt? Verhält sich dies beim Geld vielleicht ähnlich?

Die seit dem 19. Jahrhundert zu beobachtende Tendenz der Kommerzialisierung und Monetarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft hat inzwischen einen Stand erreicht, wo ohne Geld oder am Gelde vorbei überhaupt nichts mehr geht. Das Geld ist die Seele des Kapitalismus, nicht bloß der Wirtschaft, sondern auch der Politik, Kultur und Wissenschaft, kurz: der bürgerlichen Gesellschaft. Geld ist der Nabel der Welt, um den sich alles dreht, das Medium, wie Goethe richtig erkannt hatte, das "die Welt im Innersten zusammenhält". Es durchdringt alle Bereiche des Lebens, und seine Logik bestimmt alle Sphären der bürgerlichen Gesellschaft. Die Geldwirtschaft ist heute zur gesellschaftsbeherrschenden Totalität geworden. Aber gerade dadurch hebt sie sich allmählich auf und geht über in andere Formen der Koordination und Regulation, Information und Repräsentation. Denn ihre Ausdehnung auf alle Bereiche der Gesellschaft lässt zugleich ihre Grenzen hervortreten. Das Kapital flüchtet sich in Formen, die, wie Marx es ausdrückt, die Herrschaft des Geldes "zu vollenden scheinen", in Wahrheit aber "die Ankündiger seiner Auflösung" sind.

Nicht die "Abschaffung" des Geldes, wovon schon die Romantiker vor 200 Jahren kunstvoll, aber vergeblich träumten, ist demnach der Weg zu seiner Überwindung. Auch nicht die administrative Einschränkung seiner Zirkulation oder die Ersetzung des offiziellen Geldes durch Komplementärwährungen beziehungsweise minderwertigen Ersatz wie "Regiogeld", "Knochengeld", zinsfreies Leihgeld oder Tauschringe. Seine Auflösung vollzieht sich vielmehr durch die allmähliche Aufhebung seiner Voraussetzungen: Privateigentum an Produktionsfaktoren und privatkapitalistische Produktion. Dies ist jedoch ein langwieriger und widersprüchlicher Prozess, der sowohl die Ausdehnung der Geldwirtschaft umfasst, die totale Monetarisierung, als auch den Formwandel des Geldes und die Veränderung seines sozialen Inhalts. Dieser Prozess hat längst begonnen - als Kehrseite der allseits beklagten Universalisierung und Vollendung der Geldherrschaft. Ein Ausdruck dafür ist die Entmaterialisierung und Virtualisierung des Geldes, die sich unglaublich rasch vollzieht, ein anderer seine Internationalisierung oder Globalisierung.

Noch vor wenigen Jahren existierte Geld vor allem in der Form von Banknoten und Münzen und war national verfasst. Heute sind mehr als 90 Prozent des in Europa zirkulierenden Geldes unsichtbares Geld, elektronische Zeichen. Die Masse aller Transaktionen erfolgt bargeldlos, und bald werden Geld- und Kreditkarten sowie elektronische Verrechnungssysteme das bare Geld vollständig verdrängt haben. Sparen und Geldaufbewahren erfolgt fast ausnahmslos auf Konten, und das umlaufende Geld ist Kreditgeld, was jede Diskussion über die Schädlichkeit seiner Hortung und die Zweckmäßigkeit einer Beschleunigung seines Umlaufs obsolet macht. Schon vor Jahrzehnten spottete Ernst Bloch über die "Freigeld- und Schwundgeld-Utopie" Silvio Gesells, nannte sie "zwerghaft-komische Gebilde", die nach dem Ersten Weltkrieg in Anlehnung an "einen der bedenklichsten Utopisten", Proudhon, formuliert worden sind, den Bedingungen einer modernen Kreditgeldwirtschaft aber nicht gerecht werden. Bestenfalls taugen sie als lokales oder regionales "Notgeld" in Krisensituationen, wenn das offizielle Geld seine Funktionen nicht erfüllt. Eine wirkliche Alternative für die Zukunft sind sie nicht. Was soll man heute, wo die Entwicklung des Geldes so unendlich viel weiter fortgeschritten ist, mit diesen Reformvorstellungen von 1918 noch anfangen?

Aber auch Vorschläge, wie der von Hans Thie unterbreitete, wonach die Nachfrageschwäche in Europa dadurch überwunden werden könnte, dass jedem Bürger, "vom Baby bis zum Greis, vom Clochard bis zum Milliardär, monatlich 100 Euro von der Europäischen Zentralbank" gratis ausbezahlt würden (Freitag 9 vom 20. Februar 2004), sind problematisch, da sie auf zweifelhaften Voraussetzungen beruhen. In ihrer Absicht, Geld aus dem Nichts hervorzuzaubern, bauen sie auf eine wundersame Geldvermehrung mittels Geldschöpfung durch die Zentralbank, ohne jedoch die andere Seite der Bilanz, die Kreditseite, gebührend zu berücksichtigen. Eine derartige Geldvermehrung würde eine zusätzliche Kreditnahme des Staates oder der Wirtschaft einschließen, das heißt, bei der Europäischen Union beziehungsweise ihren Mitgliedstaaten würden dadurch zusätzliche Schulden entstehen. Dafür aber gibt es politisch gegenwärtig keinen Spielraum. Ohne die Bereitschaft zu einer zusätzlichen Verschuldung lässt sich jedoch keine zusätzliche Geldschöpfung bewerkstelligen. Da diese Konsequenz ausgeblendet wird, ist der "100-Euro-Deal" nicht weniger phantastisch als das Grimm´sche Märchen vom Sterntaler, wo das Geld vom Himmel fällt und nur eingesammelt zu werden braucht - wieder nur eine romantische Vorstellung, die an den realen Geldverhältnissen vorbeigeht.

Das Geld selbst entwickelt sich indes stürmisch weiter, so dass der Zustand einer bargeldlosen Wirtschaft unaufhaltsam näher rückt. Vielleicht geht damit für so manchen Geld-Kritiker ein Traum in Erfüllung: die Abschaffung des Geldes in seiner baren Form. Geld aber gibt es dann immer noch, bloß in einer anderen, eben weniger greifbaren Gestalt. Und sein kapitalistischer Charakter bleibt vorerst auch noch erhalten, wenn auch modifiziert. Die allmähliche Aufhebung der Geldwirtschaft umfasst neben der Entmaterialisierung des Geldes (Loslösung vom Gold, Virtualisierung des Geldumlaufs und Ersetzung des Bargeldes durch Buchgeld) auch die Globalisierung seiner Emission, Zirkulation und Kontrolle. Dass dieser Prozess - äußerlich gesehen - mit einer Ausdehnung der Geldwirtschaft einhergeht, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei um einen sozialökonomischen Wandlungsprozess handelt, an dessen Ende schließlich eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung stehen wird, eine Gesellschaft ohne Geld und Kapital.

Damit erhält die Utopie einer geldfreien Gesellschaft eine reale Grundlage. Sie ist jetzt kein lediglich im Kopf konstruiertes illusionäres Wunschbild mehr, kein romantischer Traum und keine abstrakte Idee, sondern wird, indem sie die reale Tendenz der ökonomischen Entwicklung aufgreift, zur "konkreten Utopie".


00:00 30.07.2004

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