Was ein "Gotteskrieger" dürfen darf

AFGHANISTAN Zuviel Appetit auf verbotene Früchte - die Taleban haben ihr Image als islamische Saubermänner längst verspielt

Das Verhalten der Taleban während der Entführung der Air-India-Maschine aus Kathmandu am Heiligen Abend erinnerte an die Affäre um den in den USA als Staatsfeind Nr. 1 gesuchten Islamistenführer Usama bin Laden 1998. Erst nach monatelangem Druck hatten die Taleban seinerzeit eingeräumt, ihn als "Gast" zu beherbergen. Anschließend wurde ein monatelanges Versteckspiel um seinen Aufenthaltsort veranstaltet. Auch beim Air-India-Drama war offene Sympathie mit den Hijackern nicht zu übersehen, obwohl Außenminister Abdul Wakil Mutawakkel keinen Zweifel lassen wollte, sich von dem terroristischen Akt zu distanzieren und - jedenfalls offiziell - ein Aufenthaltsrecht zu verweigern. Sollten sich indes die Aussagen indischer Passagiere des gekidnappten Jets erhärten, dass die Taleban die Entführer in Kandahar sogar mit Waffen und Munition versorgt haben, erscheinen Wakils Erklärungen im nachhinein als perfides Täuschungsmanöver. Wo sich das Entführungskommando gegenwärtig aufhält, ist - dank der Taleban - ungeklärt. Nach ihren Angaben waren die Männer nach dem Ende der Geiselnahme am Silvestertag mit den drei frei gepressten Rebellenführern in Richtung Quetta im pakistanischen Teil Belutschistans unterwegs. Während zwei der Kaschmirer inzwischen in Pakistan auftauchten und von ihren Anhängern mit Jubel empfangen wurden, fehlt von den Hijackern nach wie vor jede Spur. Wahrscheinlich halten sie es wie viele in Pakistan und Afghanistan gesuchte Kriminelle: Sie haben sich in die Stammesgebiete auf der pakistanischen Seite der Grenze zu Afghanistan abgesetzt, in denen Pakistans Behörden nichts zu sagen haben. Einem britisch-afghanischen Vertrag zufolge, den Pakistan nach Ende der Kolonialherrschaft übernehmen musste, dürfen sie nur die Durchfahrtsstraßen kontrollieren und kei nerlei Strafverfolgung in diesem Areal unternehmen.

Als die Taleban 1994 ihren Siegeszug durch Afghanistan starteten, war ihnen zunächst die Zustimmung der kriegsmüden Bevölkerung gewiss. Zudem hatten sie versprochen, nach einem Jahrzehnt sowjetischer Besetzung und den Jahren des sich anschließenden Bürgerkrieges zwischen rivalisierenden Mudschahedin "Ruhe und Ordnung" wieder herzustellen und selbst nicht an Macht interessiert zu sein. Doch in der Stunde der Niederlage zeigten sie ihr wahres Gesicht. Nachdem die "Koran-Studenten" im März 1995 Kabul erstmals erfolglos attackiert hatten, griffen sie zu einem Mittel, mit dem sich schon andere aus der großen Schar afghanischer Warlords diskreditiert hatten: Ohne Rücksicht auf Zivilisten wurden zivile Wohnviertel beschossen, um den Gegner zur Aufgabe zu zwingen. Dabei kam unter noch immer ungeklärten Umständen auch der schiitische Mudschahedin-Führer Abdul Ali Mazari im Gewahrsam der Taleban ums Leben. Während letztere behaupten, Mazari sei bei einem Fluchtversuch erschossen worden, gehen die meisten Afghanen von einer brutalen Hinrichtung aus. Ihr Verdacht verstärkte sich, nachdem Mazaris Anhänger die Taleban 1997 zeitweilig aus Masar-e Scharif vertrieben und ihnen damit eine weitere schwere Niederlage zugefügt hatten. Als sie ein Jahr später die nordafghanische Großstadt wieder einnahmen, übten die Taleban-Kämpfer grausame Rache: Sie massakrierten Tausende - einige davon durch einen rituellen Mord auf dem Grab Mazaris.

Auch am Herrschen haben die Gotteskrieger inzwischen Geschmack gefunden. Die versprochene Technokraten-Regierung gibt es bis heute nicht. Dafür wurde Afghanistan 1997 zum "Islamischen Emirat" erklärt und der Taleban-Führer Mullah Muhammad Omar zu dessen Oberhaupt. Seit Ende 1999 nennen sich die Mitglieder der Taleban-Regierung in Kabul auch nicht mehr "amtierender Minister". Dieses Attribut, das die Zeitweiligkeit ihrer Herrschaft andeuten sollten, entfiel. In den Augen einer Mehrheit der afghanischen Bevölkerung haben sich die Tale ban spätestens damit als politische Kraft erwiesen, die wenig von ihren Gegnern trennt - schon gar nicht ein selbst auferlegter hoher moralischer Anspruch zu Beginn ihres Aufstiegs.

Dass auch in der Taleban-Verwaltung nichts mehr ohne Schmiergelder geht, kann man in Kabul an jeder Straßenecke erfahren. Nicht umsonst musste Mullah Omar vor wenigen Wochen ein Dekret erlassen, dass bei Korruption sechs Jahre Gefängnis androht. Taleban-Führer sind direkt am einkömmlichen Transithandel mit Autos und anderen Luxusgütern aus den Golfstaaten nach Pakistan beteiligt. Heimlich lassen sich Taleban, die Villen im früheren Kabuler Botschaftsviertel Wazir Akbar Khan übernommen haben, Satellitenantennen für das eigentlich verbotene Fernsehen einbauen. "Sicherlich kann ich jetzt mit viel Geld in der Tasche ungefährdet den Basar durchqueren", fasst ein Buchhändler den Stimmungswandel zusammen, "aber das ist nicht alles. Wir wollen auch frei unsere Meinung sagen können."

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.01.2000

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare