Was früher alles besser war

Optimierungswahn Nostalgie bedeutet nicht nur Realitätsflucht. Denn manchmal hilft auch ein milder Blick zurück, um schärfer nach vorn schauen zu können. Eine kleine, wehmütige Liste
Was früher alles besser war

Fotos: (von links oben im Uhrzeigersinn): Pitalev Iliya/ Ria Nostovi/ AFP, Ute Mahler/ Ostkreuz, Redux/ Laif, Louietjie/ Istockphoto, Henry Diltz/ Corbis, DPA, rue des archives/SZ-Photo, H. Christoph/ Ullstein, Roger Viollet/ AFP

Seit 50 Jahren studiert der amerikanische Kulturanthropologe Jared Diamond die traditionellen Gesellschaftsmodelle auf Papua-Neuguinea. In seinem jüngsten, gerade im S. Fischer Verlag erschienenen Buch Vermächtnis entwickelt er nun ein beachtenswertes Argument: Fortschritt bringt uns nicht immer weiter. Seine Betrachtungen haben nichts nostalgisches, sie sind keine Anrufung des „Edlen Wilden“. Vielmehr untersucht Diamond nüchtern, welche Kulturtechniken verdrängt wurden. Sein Fazit: „Die Gesellschaften, zu denen die meisten Leser dieses Buches gehören, repräsentieren nur einen kleinen Ausschnitt aus der kulturellen Vielfalt der Menschen. Sie haben ihre weltweite Vorherrschaft nicht wegen einer allgemeinen Überlegenheit erlangt, sondern aus ganz bestimmten Gründen: Ihre technischen, politischen und militärischen Vorteile erwuchsen aus der frühen Einführung der Landwirtschaft. Trotz dieser besonderen Vorteile entwickelten sich in den modernen Industriegesellschaften keine überlegenen Methoden zur Erziehung, zur Behandlung älterer Menschen, zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten, zur Vermeidung nicht übertragbarer Krankheiten und zur Lösung anderer gesellschaftlicher Probleme.“ Wir ergänzen seine Liste um einige weitere verlorene Weisheiten.

FDP

Es wäre eine schöne Millionen-Frage bei Günther Jauchs Wer wird Millionär?: Welche deutsche Partei forderte in ihrem Parteiprogramm einmal gleichzeitig „Menschenwürde durch Selbstbestimmung“, „Fortschritt durch Vernunft“, „Demokratisierung der Gesellschaft“, „Reform des Kapitalismus“ und „Vorrang des Umweltschutzes vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen“?

a) SPD

b) FDP

c) Die Grünen

d) Die Linke

Die aus heutiger Sicht unfassliche, aber dennoch richtige Antwort ist: FDP. Das alles stand in den sogenannten „Freiburger Thesen“, ihrem im Jahr 1971 beschlossenen Parteiprogramm. Damals regierten die Liberalen nicht nur erstmals mit der SPD zusammen auf Bundesebene, damals war auch ein langjähriger leitender Redakteur der Frankfurter Rundschau FDP-Generalsekretär, nämlich Karl-Hermann Flach. Und eng mit ihm zusammen arbeitete einer der klügsten Köpfe und klarsten Denker, die Deutschland im 20. Jahrhundert hervorbrachte: Ralf Dahrendorf.

Rückblickend betrachtet war das wohl das letzte Mal, dass sich einer der Top-Intellektuellen des Landes in die Niederungen der Parteiarbeit begab. Dabei war das gerade bei den Liberalen schon mal vorgekommen: Der Soziologe Max Weber war nach dem Ersten Weltkrieg einer der Mitgründer der linksliberalen DDP, der bourgeoise Citoyen Walther Rathenau für sie Außenminister. Und für welche Partei war Rudolf Augstein nochmal im Jahr 1972, wenn auch nur für ein paar Monate, in den Bundestag eingezogen?

Mit ihrem (oft ein wenig verkopften) Bekenntnis zur Freiheit konnte sich die FDP jahrzehntelang als klein, aber fein positionieren und die Apparatschicks der Volksparteien rechts wie links in ihrem Machtstreben zügeln. Die Janusköpfigkeit der Freiheit, Citoyen versus Bourgeois, freie Menschen versus freies Kapital, sorgte dazu dauerhaft für innerparteilichen Konfliktstoff – oft nervig, aber oft auch fruchtbar. Und unterhaltsam.

Einen haben wir noch. Festhalten bitte: „Liberalismus und Sozialismus haben beide ihren Ursprung in Humanismus und Aufklärung. Sie stimmen in entscheidenden Punkten ihrer Zielsetzung überein. Sie haben in Konservativen und Reaktionären gemeinsame politische Gegner.“ So stand es 1971 im „Leverkusener Manifest“ der Jungdemokraten, damals die offizielle Jugendorganisation der FDP. Elf Jahre später wurden diese „Judos“ dann durch die braven, rechtsgedrehten „Julis“ ersetzt. Letztere waren erst zwei Jahre vorher überhaupt gegründet worden – unter anderem von einem Bonner Abiturienten namens Guido Westerwelle. Detlef Gürtler

Feiern

„Früher“, erzählt Wilfried Wiegand, einst Feuilleton-Chef der FAZ, seinem sehr viel jüngeren Kollegen Ijoma Mangold, Literatur-Chef der ZEIT, bei einem Abendessen, „haben immer alle bis 3 Uhr nachts gefeiert und sich dann stockbesoffen hinters Steuer gesetzt. Irgendwann in den frühen Actzigern hörte das quasi über Nacht auf. Ich weiß auch nicht warum. Danach stand immer nur so ein Kuchenblech herum, wenn ein Kollege Geburtstag hatte. Auch irgendwie schade.“

Erziehung

Selbstständigkeit wird in den traditionellen Gesellschaften höher geschätzt als in der westlichen Gesellschaft. Die Kinder der Sammler und Jäger auf Papua-Neuguinea sind geschickter im Gespräch mit den Eltern. Sie sind reifer, erleben keine Pubertätskrisen. Warum? Weil sie viel, viel autonomer aufwachsen. Sie haben mehrere Bezugspersonen, nicht nur ein Elternpaar. Bei uns schiebt man das Baby flach liegend im Kinderwagen und wenn man es trägt, dann immer mit dem Gesicht zu den Eltern. In Papua-Neuguinea werden Kinder immer auf dem Rücken getragen. Sie sehen, was die Erwachsenene sehen. Und sobald sie laufen können, bewegen sie sich frei. Sie sind unabhängig, haben keine Angst. Bei uns ist Sicherheit das oberste Gebot – in traditionellen Gesellschaften ist es Freiheit. (Aus: Jared Diamond Vermächtnis, S. Fischer 2012)

Publikum

Goldener kann ein Zeitalter kaum sein als jenes fünfte vorchristliche Jahrhundert in Athen. Zumindest, was das Theater angeht: In dieser kurzen Epoche brachte diese eine Stadt allein drei der größten Dramatiker aller Zeiten hervor: Aischylos (525 – 456 v. Chr.), Sophokles (496 – 405 v. Chr.) und Euripides (480 – 406 v. Chr.). Insgesamt etwa 300 Stücke dieser Dichter sind dem Namen nach bekannt, von denen 32 erhalten sind. Darunter Orestie, Antigone, Elektra, Ödipus, Iphigenie und Medea.

Das Instrument, mit dem diese Höchstkultur erreicht wurde, war denkbar einfach: ein Wettbewerb. Jedes Jahr traten jeweils drei Dichter bei den Dionysien an, von denen jeder jeweils drei Tragödien und ein Satyrspiel ins Rennen schicken musste. Das Urteil sprach eine zehnköpfige Expertenjury, allerdings eine ganz besondere. Die Mitglieder wurden nämlich aus der gesamten wahlberechtigten Bevölkerung Attikas – ausgelost!

Offiziell führten die Athener solche Losverfahren durch, um den Willen der Götter in der Stadt gegenwärtig zu machen. Faktisch jedoch handelte es sich um eine höchst effektive Maßnahme, um eine Aufgabe, in diesem Fall die Wahl des besten Dramatikers, zu einer Aufgabe für die gesamte Bevölkerung zu machen: Da das Los jeden treffen konnte, musste auch jeder dafür bereit sein.

Anfangs mochten durchaus viele der ausgelosten Bürger Schwierigkeiten gehabt haben, ein künstlerisch angemessenes Urteil zu fällen. Doch im Laufe der Zeit entstand ein leidenschaftliches Expertentum. Die Athener hatten jahrzehntelang erstklassigen Stoff für endlose Diskussionen, das Lebenselixier der damaligen Bürger – und so entstand das wohl beste Theaterpublikum, das es je gab. Wenn es heute Deutschland sucht den Superstar heißt, so ist das eine an Lüge grenzende Übertreibung. Auch wenn ein paar Hunderttausend ihre Stimme abgeben und ein paar Millionen vor dem Fernseher sitzen, so agiert hier nicht ein Volk, sondern eine Zielgruppe. Als hingegen Athen den Superdichter suchte, war das ganze Volk an der Suche beteiligt, auch wenn am Ende nur zehn Stimmen in die Wertung kamen. DG

Arbeitsplatz

Damals, vor 20 Jahren, als sich die Franzosen noch bemühten, die Deutschen zu verstehen, gab Michel Albert, einer ihrer profiliertesten Manager dem von Deutschland geprägten Wirtschaftssystem den Namen „Rheinischer Kapitalismus“. Und er lobte uns über den grünen Klee: „Unter allen Industrieländern ist Deutschland dasjenige, das gleichzeitig die niedrigste Arbeitszeit und die höchsten Löhne hat. Was es nicht davon abhält, einen enormen Außenhandelsüberschuss zu erwirtschaften.“ Und er bezeichnete Deutschland sogar als ein Modell, „das die Effizienz und den Wohlstand des amerikanischen Kapitalismus und die relative soziale Sicherheit des ehemaligen kommunistischen Systems miteinander verbindet“.

So viel Lob! Für uns! Das konnte nicht gut gehen. Und in der Tat begannen die ökonomischen Eliten des Landes schon bald, den Rheinischen Kapitalismus zu demontieren. Ihr Zauberwort dafür hieß „Shareholder Value“, in der damals praktizierten Vulgärform eine Steigerung des kurzfristigen Profits zu Lasten der langfristigen Perspektiven des Unternehmens – und seiner Beschäftigten.

Besonders in den börsennotierten Großkonzernen wurden den Beschäftigten klar gemacht, dass nach US-Vorbild nun die Interessen der Aktionäre Vorrang hatten. Einen traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung markierte Anfang 2005 die Deutsche Bank, als sie zeitgleich mit der Feststellung eines Rekordgewinns im Vorjahr den Abbau von weltweit mehr als 6.000 Arbeitsplätzen ankündigte. Viele deutsche Unternehmer fühlten sich traditionell in besonderem Maß für ihre Beschäftigten verantwortlich und versuchten, auch in einer Krise die Belegschaft so gut wie möglich zu halten. Die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften wiederum waren dafür in der Regel bereit, in harten Zeiten auch schmerzhafte Einschnitte mitzutragen. Denn das langfristige Überlebensinteresse des Unternehmens liegt den Beschäftigten vor allem dann am Herzen, wenn sie sich von diesem Unternehmen ernst genommen und respektiert fühlen. Wer vom Shareholder-Value-Wahn befallen wurde, zerstörte diese Bindung – und verkaufte seine rheinische Seele. DG

Treue

Irgendwann um die Jahrtausendwende schickte mir meine Krankenkasse ein Gratulationsschreiben zur 25-jährigen Mitgliedschaft. Gleichzeitig erreichte mich eine Einladung meiner Gewerkschaft, der ich ebenfalls 25 Jahre lang die Treue gehalten hatte. Bei der Post war ich mit meinem Telefonanschluss jahrzehntelang quasi Zwangskunde, und es gab auch nur einen Grundversorger für Strom und Gas.

Als ich in den siebziger Jahren ins Erwerbsleben trat, waren Mitgliedschaften lokal oder korporativ geregelt und fürs Leben gedacht: Jeder Berufsgruppe ihre Krankenkasse, jeder Stadt ihr Stadtwerk. Das hatte etwas Entlastendes: Man gehörte ganz selbstverständlich irgendwo dazu, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. Selbst der einmal gewählten Tageszeitung hielt man die Treue.

Als ich nach über 30 Jahren schließlich doch die Krankenkasse wechselte, hatte ich fast ein schlechtes Gewissen. Meine Bindung zur Großgewerkschaft ist ungleich lockerer als früher. Ich verschwende viel Zeit, mich ständig um den günstigsten Provider zu kümmern, und nun nötigt die Energiewende sogar die Unwilligen, ständig den Strom- und Gasanbieter zu wechseln, damit der Abschlag nicht gar zu hoch ausfällt – alle Ärgernisse inbegriffen.

Vielleicht gibt es irgendwo eine Statistik, die festhält, wie viel Zeit und Energie in die Suche nach irgendwelchen Billigheimern investiert wird und was der Gesellschaft dabei verloren geht. Die Wahl, suggeriert uns der Markt, bedeutet Freiheit. Grenzenlos nicht nur über den Wolken, sondern auch in den Niederungen des Immergleichen. Ulrike Baureithel

London

In den achtziger Jahren gab es für Menschen aus dem abendländisch-urbanen Kulturkreis vielleicht ein Dutzend wirklich exotischer Destinationen zu entdecken. Darunter: Tadschikistan, die Regenwälder Ruandas, den Mars und natürlich London.

In dieser Weltkapitale der Kulturen war es damals nicht möglich, ein Lokal zu finden, das genießbare Pasta servierte. Stattdessen: eel and mash, Aal und Kartoffelbrei. Um ein Päckchen Espressopulver zu erwerben, musste man U-Bahn-Fahrten von anderthalb Stunden in Kauf nehmen. Vorausgesetzt, man erwischte einen jener ganz besonderen Tage, an denen die U-Bahn tatsächlich fuhr. Ein griechischer Mitstudent wurde von einem Eingeborenen gefragt, in welchem Teil Spaniens denn Kreta liege. Der Versuch, eine französische Käsesorte maximal britisch auszusprechen („Cäm’n’Bört“) quittierte die Verkäuferin mit einem entzückten „Are you French?!“

Die populärste Werbung des Jahrzehnts: Ein Komiker, der dem Volk erklärte, wie man die natürlichste aller Maßeinheiten verhunzen kann: „A pint – 0.568 of a litre“. Und exakt vier Fernsehstationen. Viermal englische Serien, englische Quizshows, englische Gärtnerskunst, englische, also absurde Sportarten.

Und heute? Bioläden, die marinierte Oliven provençale feilbieten. Engländer, die besser Deutsch können als Jogi Löw. Statt versiffter Pubs in Plüsch und Schummerlicht chromstählerne, europanormierte Gähn-Bistros. Michel Foucault: Das Gegenteil von Differenz ist Uniformität. Nostalgiker: Das Gegenteil von London ist London. Bruno Ziauddin

Das Ruhrgebiet

Nach der heiligenden Kulturhauptstadtregionwerdung darf man im Ruhrgebiet nicht mehr zurückblicken, nur noch stolz nach vorn: Auf die säuberlich geleerten Industriegehäuse und die reinweg ausbleibenden Start-ups, den Wegziehenden oder -sterbenden hinterher und den Touristen zag entgegen …

Ach, aber es wandelt einen doch immer mal wieder an, das Früher, das besser war, weil’s früher war: Als der fliegende Maulwurf noch seinen Schlag fand, obwohl Willy Brandt den Himmel noch nicht gebläut hatte; als die Kumpel sich noch gegenseitig buckelten, obwohl sie sich vor Kohlenstaub gar nicht erkannten; als die Köttelbecke noch direkt in die Emscher floß – und als im Hintergrund gebaut wurde, während diese beiden Mägdelein (siehe Bild links) Milch holten.

Ob je Kindergesichter noch mal in solch entschlossenem Ernst der Zukunft entgegensehen? Hierzulande wohl nicht. (Politische Nostalgiker mögen sich die Seite 139 des wunderbaren Bildbands Koks und Cola. Das Ruhrgebiet der 1950er Jahre, Emons 2012, ansehen und sich dann ein wenig schämen.) Erhard Schütz

Architektur

Schauen Sie auf die Bauruine des BER-Flughafens in Berlin. Betrachten Sie den Franz-Josef-Strauß-Flughafen in München oder den Hamburg Airport. Und blicken Sie dann auf das TWA-Terminal am John F. Kennedy Flughafen, das der finnische Architekt Eero Saarinen 1956 für die Fluggesellschaft Trans World Airlines (TWA) entwarf. Der Bau ist so schön, die Form so vollendet, dass man vor Glück weinen möchte. Ein Kind kann erkennen, dass früher vieles besser war (siehe Bild unten). Mikael Krogerus

Gebrauchsgegenstände

Der libanesisch-amerikanische Autor Nassim Taleb macht in seinem neuen Buch „Antifragile“ (Allen Lane 2012) eine interessante Beobachtung: Wir überschätzen systematisch die Rolle des Neuen. Taleb nennt es die Neomanie, die „Manie für das Neue“. Wir glauben, gesellschaftlich erledigt zu sein, wenn wir nicht ständig das neueste Produkt verwenden, doch tatsächlich wird unser Leben, so Taleb, in 50 Jahren kaum anders aussehen als heute, weil unsere Gebrauchsgegenstände Bestand haben. Talebs augenzwinkernde Faustformel: Die meisten Technologien, die es seit mindestens 50 Jahren gibt, werden auch weitere 50 Jahre Bestand haben. Jene Technologien hingegen, die wir erst seit kurzem benutzen, werden in wenigen Jahren verschwunden sein. MK

Konsum

Früher hat das Konsumieren noch Spaß gemacht. Man stand pfeifend unter der Dusche, ohne sich zu fragen, wie viel Wasser und Energie sie die Welt und den eigenen Geldbeutel kosten würde. Man freute sich über den neuen Computer, ohne sich über dessen ökologischen Fingerabdruck den Kopf zu zerbrechen. Man spielte glücklich mit der ausziehbaren Antenne des ersten Mobiltelefons und dachte nicht an elektromagnetische Strahlung.

Man saß in einem bequemen, weil nicht stromlinienförmigen, Auto und schoss ohne Reue als einziger Insasse mit 180 Stundenkilometern über die Autobahn. Man verwöhnte seine Kinder zu Weihnachten mit Süßigkeiten, ohne sich wie ein Dealer vorzukommen, der die Volksdroge Zucker vertreibt. Man spazierte sorglos durch den Supermarkt und kaufte, was einem in den Sinn kam: wächsern glänzende Äpfel, appetitliche Ananas, verführerisch im Rotlicht schimmernde Steaks und Deodorants in FCKW-Sprühdosen, ohne dabei auch nur einen Gedanken an Pestizide, für Plantagen gerodete Urwälder, depressive, mit Antibiotika bei Gesundheit gehaltene Mastkühe, die Versuchsmäuse der Kosmetikindustrie, nicht deklarierte Farb-, Konservierungs- und Aromastoffe zu verschwenden.

Man flog im Sommer sorglos in die Sonne, ohne sich als Kulturimperialist, Ressourcendieb, Umweltzerstörer oder Sponsor korrupter Regime zu fühlen. Man freute sich über den neuen, kuschelig weichen Pulli, ohne dabei die traurigen Augen ausgebeuteter kleiner Bangladeschis an ihren Nähmaschinen zu sehen. Man glaubte ebenso selbstverständlich an den schönen, bunten und sanften Kapitalismus, wie man als Kind an den Weihnachtsmann geglaubt hatte. Und heute? Man konsumiert und weihnachtet noch immer. Man verzichtet auf wenig. Aus Gewohnheit und Ratlosigkeit. Doch über allem schwebt das schlechte Gewissen. Eine Uhr scheint zu ticken. Die alte Sorglosigkeit ist dahin. Rohland Schuknecht

Kindheit

Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich leere Wohnstraßen. Hier und da krauchte einmal ein Käfer, bellte ein Opel. Aber eigentlich gehörte die Straße uns, den Kindern, insbesondere den sogenannten Schlüsselkindern, die nach der Schule sich selbst überlassen blieben.

Im Sommer schnallten wir die schweren Rollschuhe an und sausten stundenlang mit ohrenbetäubendem Lärm über den Asphalt; im Winter zog es uns in den nahe gelegenen Wald. Reit- oder Ballettstunden waren damals nicht üblich, ein anspruchsvolles Musikinstrument besaßen die wenigsten; das Nachbarsmädchen, das fechten lernte, galt als Exotin. Aber auch zum Blockflötenunterricht, ins Sonderturnen oder in den Kindergottesdienst brachte uns niemand.

Den Eltern fehlte es nicht nur an Zeit, sie wären auch gar nicht auf die Idee gekommen, uns durch die Gegend zu schieben. In meiner Erinnerung war es ein Reich der Freiheit. Nie traten wir alleine auf, immer nur in geräuschvollen größeren Gruppen, die die Hinterhöfe unsicher machten, über die hohen Begrenzungsmauern kletterten, ein paar Tollkühne voran, dahinter der Tross der Kleineren, die man, nicht ganz freiwillig, immer im Schlepptau hatte. Wir klauten elend saure Kirschen von den Bäumen und bettelten uns durch die kleinen Läden. Die Milchfrau war großzügig und der Bäcker „gitzig“. Oder war es umgekehrt? Die erste Babyboomer-Generation überzeugte durch Masse: In den überquellenden Schulklassen, auf Spielplätzen, bei Geburtstagen.

Wir waren viele, eine Last und eine Lust zugleich. Das Wirtschaftswunder war nicht überall angekommen, aber wir wurden, wo wir auftauchten, durchgefüttert. Die Gang traf sich auf jedem Kindergeburtstag. Alleinesein war Luxus. An einem Herbsttag fand das Leben auf der Straße ein gefühltes Ende. Als wir wieder einmal auf der Straße spielten, fuhr mich ein Auto an, ich rollte meterweit die Fahrbahn hinunter. Wie durch ein Wunder passierte nichts. Aber es war ein Schock. Und das Signal, dass wir diesen Spielplatz bald würden räumen müssen, um einer anderen Geräuschkulisse Platz zu machen. UB

Ich

Im November diesen Jahres verkündete der große amerikanische Schriftsteller Philip Roth (Portnoys Beschwerden, Der menschliche Makel) er werde nie wieder ein Buch schreiben. Seine Begründung war ebenso charmant wie himmeltodtraurig: Er höre auf, „weil ich nichts mehr zu sagen habe“. Letztes Jahr habe er gemerkt, wie ihm die Ideen ausgehen. Er las die großen Meister auf der Suche nach Inspiration, er las sein eigenes Werk, und am Ende war ihm klar, dass er nie wieder so gut sein würde, wie er einmal gewesen war.

„Ich war früher besser“ ist keine traurige Einsicht, sondern eine weise Erkenntnis, die außer Roth leider viel zu wenige Künstler haben. MK

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12:32 20.12.2012

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