Was für eine Zeit

Vergeltungs-Phantasien Die heutige Weltkrise stellt sich als Konflikt-Tableau der abrahamitischen Religionen dar

Der Irakkrieg wirft mehr Fragen auf als die, wie das Öl künftig beherrscht wird. Was kennzeichnet die Zeit, in der wir leben? Man muss versuchen, sie mit den Augen des später lebenden Historikers zu beurteilen, statt auf ihre Drohungen nur mit Protest und Polemik zu reagieren, so wichtig diese sind. Wir brauchen weniger negative Faszination, dafür mehr Analyse. Der Leitartikel von Michael Schneider in Freitag 9/2003 gab einen Anstoß, indem er von der Angst sprach. Willi Brüggen zeigte im Freitag 10/2003, welche Auswirkung eine als gefährlich erlebte Enttraditionalisierung auf politische Entscheidungen haben kann.

Braucht unsere Gesellschaft Feindbilder? Eine Reihe von Texten wird sich in den nächsten Wochen mit dieser Frage befassen.

Es ist erfrischend, dass Willi Brüggen das Problem des Versagens vor der Moderne einmal nicht der »rückständigen« islamischen Welt, sondern dem entwickeltsten Land des Westens zurechnet. Aber ich kann die Fragestellung nicht übernehmen: welche Folgen die Moderne hier und anderswo hat. Was ist denn »die Moderne«? Welche Geschichtsphilosophie verbirgt sich hinter dem Begriff? Wenn es eine »Moderne« gäbe, müsste sie das letzte Geschichtszeitalter sein - die Endzeit. Man sieht es schon an der Wut, die bei den Anhängern des Begriffs die Ausrufung der »Postmoderne« geweckt hat. So etwas kann es in der Perspektive der Modernisten gar nicht geben. Die Postmodernisten wurden von ihnen als Prämodernisten entlarvt. Als Reaktionäre. Wenn wir in der Moderne leben, kann es gewiss immer noch moderner werden, aber das sind dann nur noch graduelle Schritte.

In dieser Perspektive bewegt sich auch Präsident Bush. Die Moderne als letztes Stadium des Fortschritts soll nun auch in der islamischen Welt verankert werden. Er hat der alten Fortschrittsphilosophie, die den Fortschritt noch für ein Gesetz der Geschichte hielt, entscheidend auf die Sprünge geholfen, indem er den Zusammenhang von Progression und Aggression herausfand. Seine Vorstellung ist, dass der Irak »frei« sein soll. Und damit modern. Sollen wir nun kontern, vielmehr sei Bush der Unfreie und Unmoderne? Eine solche Umkehrung ändert noch nichts am Diskurs.

Freiheit heute

Es ist wahr: Wertbindungen lösen sich auf. Das Über-Ich schreckt nicht mehr ab, die Werte zu verletzen. Von ihrer »Verinnerlichung« kann keine Rede mehr sein. Wenn wir aber nicht gebunden sind, dann sind wir frei. Das ist eine Chance und eine Gefahr, vor allem aber - eine Tatsache? Nein, gerade das ist es nicht.

Denn die Auflösung der Wertbindungen findet seit etlichen Jahrtausenden statt. Auf dieser Diagnose hat Marx seine Lehre aufgebaut. Die Zersetzung der ursprünglichen Solidarität durch die Entdeckung, Ausweitung und zunehmende Dominanz des Privateigentums begann im Neolithikum. Warum soll sie ausgerechnet heute in ihr entscheidendes Stadium getreten sein? Weil wir es sind, die sie nun auch erleben? Für Marx war die Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln das Entscheidende. Aber das ist 150 Jahre her. Die Zersetzung geht immer weiter. Marx hat sie begrüßt: »die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen«, heißt es im Kommunistischen Manifest. Jetzt müssen die Beziehungen mit Bewusstsein und in Freiheit geknüpft werden. Keine Stütze haben sie mehr in den »heiligen Schauern der frommen Schwärmerei«.

Marx hatte Recht, diesen Zustand zu loben, aber die Behauptung, er sei schon da, war völlig absurd. Wann sind Menschen zur Nüchternheit gezwungen? 1848? Heute? Morgen? Ich wüsste ein Kriterium für Nüchternheit: dass die Menschen sich frei für ihre Werte entscheiden können. Das Problem dabei ist, eine solche Entscheidung lässt sich nicht begründen. Warum soll sich Präsident Bush für Werte wie »du sollst nicht töten« oder »du sollst nicht falsch Zeugnis reden« entscheiden? Er hat gute Gründe, das gerade nicht zu tun. Die Freiheit dazu hat er auch. Schade, dass er nicht ein bisschen unfreier ist! Etwa in der Art des Papstes! Hier könnte eingewandt werden, eine Freiheit, die auf Entscheidung gegen die elementaren Werte statt für sie hinauslaufe, widerlege sich selbst. Nur wer, ohne gebunden zu sein, sich binde, sei frei. Ich würde mich dem Einwand anschließen. Aber wie ich ihn begründen sollte, wüsste ich nicht. Jedenfalls ist es eine Tatsache, dass wir nicht in einer Zeit so definierter Freiheit leben.

Das heißt mit anderen Worten: Wir leben nicht in der Endzeit. Die Fähigkeit, sich frei für die Werte entscheiden zu können, wäre ja das gute Ende von allem. Es ist so unerreicht, wie es nur sein kann. Damit stellt sich heraus, dass wir nicht wissen, in welcher Zeit wir leben. In »der Moderne« jedenfalls nicht. Die Behauptung ist einfach falsch, unsere Zeit sei schon in der Freiheit, nur hätten das einige Menschengruppen und Weltteile noch nicht gemerkt. Höchstens dass alle Zeiten Zeiten der Befreiung sind, kann wahr sein.

Wie charakterisieren wir nun unsere Zeit? In einem ersten Schritt mag es sinnvoll sein, die tatsächlich sehr dominante Freiheits-Norm - den Wert der Werte - mit der ebenso tatsächlichen Praxis der Unfreiheit zu konfrontieren. Das schon vor 150 Jahren getan zu haben, ist ja Marx´ großes Verdienst. »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« war von der Französischen Revolution ausgerufen worden, es stimmte aber nicht. Die Freiheit müsste da anfangen, wo die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, gerade da hörte sie aber auf. Es gab herrschende und beherrschte Klassen. Was produziert wurde, bestimmte nicht der angeblich »freie Markt«, sondern war eine Funktion der Suche nach maximalem Profit. Und der Staat war nicht der Lenkungsausschuss einer sich selbst regulierenden Gesellschaft, sondern hatte eine Schlagseite in Richtung der Minderheit der Profitmaximierer. All das ist heute noch ebenso wahr wie zu Marx´ Zeiten. Genauer gesagt, es ist wieder so wahr. Denn zwischenzeitlich waren die harten Marxschen Wahrheiten verdeckt gewesen, weil die herrschenden Klassen sich ein wenig zügeln mussten angesichts der Konkurrenz der sozialistischen Länder.

Eine Auswirkung der ökonomischen Unfreiheit spielt auch im Text Willi Brüggens eine Rolle: die »geheimen Verführer«, die den Kauf auch dann erzwingen, wenn die Werte des Käufers eigentlich dagegen sprechen. Aber nicht nur die Werte sprechen dagegen, sondern es kann schlechthin der Wille des Käufers außer Funktion gesetzt werden. Ein zugespitztes Beispiel ist die Zigarette, der neben dem Nikotin noch andere Suchtstoffe beigefügt sind, weil das Zeug sonst niemandem schmecken würde. In den USA sind aus diesem Grund Tabakkonzerne mit Erfolg verklagt worden. In Deutschland rauchen wir auch solche Zigaretten. Das Beispiel ist zugespitzt und doch exemplarisch, da man den Willen nicht nur physiologisch, sondern auch psychisch und diskursiv unterwühlen kann. Ich kann doch diese Situation nicht so abbilden, dass mir durch die »geheimen Verführer« die psychischen Stützpunkte geraubt würden, die mich sonst an »unhinterfragte Werte« fesselten, so dass ich nun heilsam gezwungen sei, mich ganz frei zu entscheiden. Vielmehr machen mich die »Verführer« psychisch unfrei, und da es gerade mein Wille ist, der auf diese Weise gefesselt wird, kommt mir die Freiheit, mich zu entscheiden, die ich sonst hätte, gerade abhanden. Denn ein anderes Freiheitsorgan als meinen Willen habe ich nicht.

Angst und Vergeltung

Ich halte es nicht für überholt, die gegenwärtige Weltkrise als Folge einer ökonomischen Krise zu analysieren. Die USA müssten ihren Lebensstandard um 20 Prozent senken, wenn die Logik des Weltmarkts sich ungefiltert auf sie auswirken könnte. Rein ökonomisch gesehen ist es wahrscheinlich, dass dies demnächst auch geschieht. Aber da sie militärisch dem Rest der Welt so haushoch überlegen sind, kommt ihre Regierung in Versuchung, den Niedergang auf antike Weise abzuwenden.

Es ist dennoch richtig, in der Weltkrise auch so etwas wie eine Krise des Wertehaushaltes zu sehen - schon deshalb, weil es der Erklärung bedarf, dass die Bush-Administration in Teilen der demokratischen Bevölkerung der USA Unterstützung findet. Hier komme ich auf die Frage zurück, in welcher Zeit wir eigentlich leben. Man muss versuchen, sie weder eschatologisch: als ob wir schon im Tausendjährigen Reich der Freiheit lebten, noch bloß negativ zu charakterisieren: indem wir die nicht verwirklichten Werte auflisten. Zwei Wege, die eigentlich nur Kehrseiten voneinander sind. Es ist besser, gerade umgekehrt auf Basis der verwirklichten Werte zu urteilen. In diesem Fall sind wir auf den gegenwärtigen Stand der Religionsgeschichte verwiesen. In der Religionsgeschichte geschieht es, dass Werte, gute und weniger gute, nicht nur unter Ethikern verwirklicht werden, sondern massenhaft. Die heutige Weltkrise stellt sich als Konflikttableau der abrahamitischen Weltreligionen dar. Es genügt, die Konfliktparteien aufzuzählen, um das zu belegen: Israel, islamische Welt, katholisches und protestantisches Europa, puritanische USA und mit der europäischen und amerikanischen Kultur verwoben, aber nicht identisch der Kapitalismus, den Walter Benjamin als Religion bezeichnet hat.

Der Kapitalismus ist die Religion der Vergeltung, weil er die Ökonomie des verallgemeinerten Warentauschs ist. Aristoteles hat es schon dem beschränkten Warentausch abgelesen. Er erinnert an die »Gerechtigkeit des Rhadamantys« (eines Richters der griechischen Totenwelt): »›Decken sich Strafe und Tat, so ist der Richtspruch gerade‹«. Dass Gerechtigkeit überall »Wiedervergeltung« sei, bestreitet er zwar mit dem Argument, dass im Verhältnis von Staat und Bürgern auch asymmetrisches Leid als gerecht gelten könne. Die Tat eines Amtsträgers bleibe oft ungesühnt und die Tat am Amtsträger werde nicht nur vergolten, »sondern auch noch zusätzlich bestraft«. Der Mann nimmt´s genau! »Aber«, fährt er fort - »in den geschäftlichen Beziehungen der Menschen, da zeigt diese Form des Rechts eine zusammenhaltende Kraft - die Wiedervergeltung nämlich. Die Bürger suchen nämlich Böses mit Bösem zu vergelten oder sie suchen Gutes mit Gutem zu vergelten und wenn sie es nicht können, so kommt keine Gegenseitigkeit zustande.«

Judentum, Christentum und Islam sind demgegenüber Religionen, in denen die Vergeltungs-Gerechtigkeit mit jener ganz anderen Gerechtigkeit im Streit liegt, die darin besteht, dass man dem Ungerechten die Angst nimmt, die ihn in die Enge treibt - das kann gerade die Angst vor Vergeltung sein -, um ihn dadurch zum Gerechten zu machen. Auf diesem geschichtlichen Pfad hat sich auch der Kommunismus herausgebildet, der an die so platte wie peinliche Tatsache erinnerte, daß Menschen nicht nur die Vergeltung, sondern auch das Verhungern fürchten. Er schwankte genauso zweideutig zwischen den beiden Gerechtigkeiten wie die anderen eben genannten Religionen. Die Gerechtigkeiten liegen jeweils schon in den religiösen Aussagen über Werte im Streit, erst recht aber in der Praxis der Werte-Verwirklichung durch die Religionsanhänger.

Feindbild-Projektion

Weil alle abrahamitischen Religionen zwischen den Werten der Vergeltung und der Angstwegnahme schwanken, kommt ein noch viel schlimmerer Mechanismus ins Spiel: dass eine Religion ihren eigenen Vergeltungs-Anteil nach außen auf die andere Religion projiziert, um einen Vorwand für »Kreuzzüge« zu gewinnen. Das war lange ein Grundzug des christlichen Antisemitismus. Der Glaube der Juden wurde als Vergeltungs-Religion verleumdet. Dabei wurzelt die christliche Religion der Angstwegnahme gerade in der Hebräischen Bibel. Und ihr »Neues Testament« lässt sich eben nicht auf den Römerbrief reduzieren; es strotzt nur so von Vergeltungs-Phantasien.

Für die heutige Weltlage ist eine nochmalige Drehung in diesem Mechanismus charakteristisch. In jedem der genannten Weltgebiete vermischen sich die zweideutigen altreligiösen Traditionen mit der neuen kapitalistischen Religion der eindeutigen Vergeltung. Immer noch wird das andere Weltgebiet statt des eigenen als Weltgebiet der Vergeltungs-Religion wahrgenommen. Aber nun hat man auch »empirische Beweise«: Man sieht die Vergeltung, die dort tatsächlich stattfindet, und schreibt sie nicht dem Kapitalismus, sondern der auch immer noch vorhandenen abrahamitischen Religion zu. Präsident Bush operiert auf dieser Basis. Er ist »ein Christ«. Dass er als solcher blutige, mörderische »Vergeltung« übt, wird von vielen US-Bürgern nicht als Widerspruch empfunden. Das Verbrechen aber, das nach Rache schreit, besteht selbst in nichts anderem, als dass da Menschen sind, die Vergeltung üben (wie die Terroristen) oder denen man das andichten kann (wie dem angeblich so kriegslüsternen irakischen Diktator). Präsident Bush kämpft angeblich gegen einzelne böse Figuren wie Osama bin Laden oder Saddam Hussein. In Wahrheit kämpft er gegen den Islam. Der ist seine Projektionsfläche. Er will die islamische Welt in ein Reich der kapitalistischen »Freiheit« verwandeln. Die Niederwerfung des Irak ist nur der erste Schritt.

Wir sollten ihm gewiss vorwerfen, dass er lügt, wenn er von Freiheit zu sprechen wagt. Uns selbst ist aber nicht gedient, wenn auch wir nur von Freiheit sprechen, dem eschatologischen Thema. Es geht vielmehr konkret darum, die religiösen Lügen aufzudecken.

00:00 21.03.2003

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