Was hat Berlin schon mit Shanghai zu tun?

Urban Age Das "Zeitalter der Städte" sucht nach dem urbanen Raum der Zukunft und sieht Europa nicht dem Untergang geweiht

Mit einem überaus medienwirksam inszenierten "Städte-Gipfel" fand am vergangenen Wochenende in Berlin ein mehrjähriges Konferenz- und Forschungsprogramm seinen (vorläufigen) Abschluss. Ausgerichtet von der zur Deutschen Bank gehörenden Alfred-Herrhausen-Gesellschaft und unter konzeptioneller Leitung der LSE (London School of Economics and Political Science), trafen sich auf der Urban Age-Konferenz Stadtforscher, Bürgermeister, Planer, Politiker aus New York, Shanghai, London, Mexiko-City und Johannesburg - angelockt vom "Experiment Berlin".

Nach UN-Berechnungen lebt spätestens 2007 die Hälfte aller Erdbewohner in Städten. Im Jahr 2050 werden sechs Milliarden Menschen - zwei Drittel der Menschheit - städtischer Herkunft sein. Weltweit wachsen und wuchern die Megastädte - Ballungsräume ab zehn Millionen Einwohnern - und Hyperstädte, wie Agglomerationen ab einer Bevölkerung von 20 Millionen neuerdings genannt werden.

Nie zuvor war die Weltöffentlichkeit Zeuge einer so rapiden Urbanisierung, weshalb man unsere Zeit gewiss ein "Zeitalter der Städte" nennen kann. Auf deren Schattenseite allerdings lebt einer von drei Stadtmenschen (eine Milliarde) in Elendsvierteln. Dabei sind die politischen Konsequenzen dieser Urbanisierung noch gar nicht absehbar. Die zentrale Herausforderung, städtisches Wachstum und Migration nachhaltig zu bewältigen, stand bereits im Zentrum des diesjährigen UN-Weltstädteforums in Kanada, doch vielleicht bedarf es nichtstaatlicher Konferenzen wie Urban Age, um die Nachricht zu verbreiten.

Monsterstädte, Megacities

Obwohl das Programm schon in den beiden Jahren vor der Berliner "Gipfelkonferenz" auf fast allen Kontinenten Station gemacht hatte, fiel zu Beginn des Treffens doch wieder der Abstand auf, den man in Deutschland im Vergleich zu den eigentlichen Schauplätzen der Verstädterung hat. Weder die Bezeichnung "große Städte" (Bundeskanzlerin Angela Merkel) noch die von Gunnar Schuppert vom Berliner Wissenschaftszentrum so genannten "Monsterstädte" schienen so recht zum Thema Megacities zu passen. Andererseits ist auch nicht unbedingt auf Anhieb einsichtig, was Berlin mit London, New York, Mexico City, Shanghai und Johannesburg gemein haben soll - denn um einen Vergleich eben dieser Städte ging und geht es.

Anhand vieler eindringlicher Satelliten- und Luftbildaufnahmen zeigte Projektleiter Ricky Burdett unterschiedliche Stadt-Physiognomien oder Typen urbanen Wachstums auf: Shanghai macht binnen zweier Jahrzehnte Entwicklungen durch, für die Rom oder London Jahrhunderte benötigten; charakteristisch für Mexiko-Stadt ist die Ausdehnung in die Fläche, informelle Wohnsiedlungen, der Mangel an Wasser und Grün. Johannesburg dagegen weist eine sehr unterschiedliche Bevölkerungsdichte auf, die gerade an den Stadträndern zunimmt; die starke Segregationen zwischen Bevölkerungsgruppen sind ein weiteres Merkmal. Wie alle Megacities plagen sich London und New York mit Verkehrs- und Umweltproblemen, ihnen macht außerdem die Migration und das Auseinanderdriften verschiedener Quartiere zu schaffen. Das grundlegende Verstädterungsproblem, meint Bruce Katz, ist die "Unverbundenheit".

Bei aller Vielfalt der Themen, die von Stadtökonomie, über Mobilität, Governance, Sicherheit bis hin zum Design reichte - zog sich wie ein roter Faden die Frage nach dem Zusammenhang von Städtebau (Physis) und Stadtleben (sozialer Raum) durch die Veranstaltungen. Dieses Leitmotiv nahm auch der Soziologe Richard Sennett auf: Sein Plädoyer für die "offene Stadt" unterstrich das Risiko der "Überdeterminierung" im Städtebau und in der Stadtentwicklung. Er forderte die anpassungsfähige Stadt, die nicht die Zukunft ihrer Menschen "verbaut", sondern auch den künftigen Generationen offen steht für ihre unvorhersehbar wechselvollen Lebenswege.

Die neue Rolle des Quartiers

Frappierend war, wie häufig die Diskutierenden die Rolle nicht nur des öffentlichen Stadtraums, sondern der Quartiere oder Gemeinden (neighborhoods, communities) auf Stadtteilebene hervorhoben. Dass ausgerechnet Ian Blair, der Polizeichef von London, am dezidiertesten die umfassende Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger bei der Terrorabwehr beziehungsweise Gewährleistung des öffentlichen Gutes "Sicherheit" betonte, war bemerkenswert. Auch sein indischer Kollege Pasricha (Maharashtra State Police) hob die bürgerschaftliche Mitwirkung als Antwort auf die geballten Herausforderungen von Kriminalität und Terror hervor. Von großer Bedeutung für die Stadtentwicklung ist dabei die städtische Dichte (density). Wo sie fehlt, hat das gravierende Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt, auf Ressourcenverbrauch, Sicherheit und nicht zuletzt die Wirtschaftsentwicklung.

Neue städtische Wissensökonomie

Wenn die Chicagoer Soziologin Saskia Sassen die Globalisierung insgesamt durch das "urbane Auge" betrachtet, so hat sie dabei vor allem die "neue städtische Wissensökonomie" im Blick. Gerade aus ihr erwachse den Metropolen eine ganz neue Macht, weil die Unternehmen viel stärker als früher auf ein urbanes Umfeld samt informellen Netzwerkstrukturen angewiesen seien. Die Thesen Sassens, die sich auf einen neuen Typ ökonomischer Informalität beziehen, dürften noch von sich reden machen. Er erlange, so Sassen, heute schon größere Bedeutung als dem so genannten informellen Sektor je zugekommen sei. Egal ob in Mumbai, Paris oder Berlin, verbinden sich mit der neuen Informalität - etwa die Tatsache, dass sich in den neu entstehenden städtischen Transitzonen Tag für Tag Menschen begegnen - neue Gelegenheiten, ökonomisch aktiv zu werden. Wenn etwa Kunststudenten in Berlin leerstehende Lagerhallen in Beschlag nehmen und dort ihre "kreative Energien" entfalten, zeige sich bei dieser Gelegenheit eine Art informeller Tätigkeit, die sich gerade als Ablösung vom traditionellen informellen Sektor begreife.

Transfer kann Verschiedenes meinen, doch Urban Age scheint das Voneinander lernen ernst zu nehmen. So ließ Urbanes Wachstum gerade im internationalen Städte-Vergleich Facetten aufscheinen, die sonst unbeachtet bleiben. Im Titel der Veranstaltung, die sich der Erkundung von Mexiko-City widmete - Wachstum an der Grenze - spiegelte sich beispielsweise die widersprüchliche Tatsache, dass sich die mexikanische Hauptstadt zwar immer weiter, sozusagen bis an ihre erträglichen Grenzen ausdehnt, ihr Wirtschaftswachstum allerdings - zumindest den formalen Daten nach - stagniert. Expansion und ökonomisches Wachstum sind zunehmend entkoppelt. Das erhellte auch die deutsche Fallstudie, die am Beispiel von Berlin und Halle nach dem Erfolg von Stadtentwicklung ohne Wachstum fragte. Die ausländischen Gäste, wurde erzählt, seien auf der Vorkonferenz von der trotz des schwierigen Strukturwandels forcierten Entwicklung Halles beeindruckt gewesen.

Metropolen-Netzwerk

Ein wichtiger Repräsentant der hiesigen Forschung ist der Regional- und Stadtökonom Dieter Läpple. Sein in der Schlussveranstaltung präsentiertes Konzept Globales Städte Netzwerk versteht sich als ein Alternativmodell zum angelsächsischen Modell der Global City, das insbesondere an den Headquarters der Dienstleistungsindustrie orientiert ist. Mit regional je unterschiedlich spezialisierten und integrierten funktionalen Ausprägungen lassen sich Läpple zufolge die Großstädte in Deutschland als ein arbeitsteiliges Metropolen-Netzwerk darstellen. Diese Option, so Läpple, sei auch international übertragbar, etwa auf Shanghai, das derzeit vor der Entscheidung steht, wie es sich weiterentwickeln soll.

Welche Impulse die Konferenzreihe am Ende auf die konkrete Stadtentwicklungspolitik geben wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Immerhin ist es ihr gelungen, die hierzulande übliche schroffe Abschottung der kommunalen Städtediskurse und eingefahrene Denkmodelle - auf der einen Seite Schrumpfung, Altern, Implodieren, auf der anderen explosionsartiges Wachstum - zu überwinden.

Auch die Vorstellung, dass die Alterung der Städte Leerstand und Kriminalität nach sich ziehen muss und mit Migrationsproblemen einhergeht, lässt sich so nicht halten. Weltweit gesehen sind urbaner Strukturwandel und Migration voneinander abhängige Prozesse, und der Zusammenhang zwischen städtischer Verwaltung, bürgerschaftlicher Teilhabe, Sicherheit und vieles mehr erscheint in einem neuen Licht. Das "alte" Europa entwickelt sich, wenn es seine Schotten nicht ganz dichtmachen will, also keineswegs nur in Richtung Schrumpfung.

Der Transfer aus Urban Age soll künftig auch jenseits der direkt Beteiligten fortgeführt werden. So haben die London School of Economics und die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft die Verbindung zu einem ständigen Runden Tisch europäischer Bürgermeister hergestellt. Urban Age konferiert auf diese Weise dann international und prominent besetzt, wie wir es vom Global Player Deutsche Bank erwarten mögen.

Für ein tatsächliches Stadtgespräch fehlte es dem "Gipfeltreffen" allerdings an Basis. In diesem Punkt kennzeichnet eine Metapher von Norman Foster die Situation. Er verglich in seiner Präsentation die herausragenden Bauwerke unserer Städte mit "der Spitze des Eisbergs". Zu einem weitaus größeren Teil bestehen Städte aber, so Foster, gleichsam unsichtbar, aus Infrastruktur und Verkehr.

www.urban-age.net


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00:00 17.11.2006

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