Was hätte ich sagen sollen?

Konzentrierter Sterbebericht Michael Lentz´ Sammlung von Prosatexten "Muttersterben" gleicht manchmal einer Mogelpackung

Muttersterben heißt eine erstaunliche Sammlung kurzer Prosatexte. Muttersterben heißt auch ein Text, mit dem der Züricher Autor Michael Lentz im vergangenen Jahr in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2001 gewonnen hat. Die preisgekrönte Geschichte erzählt das Sterben als Verschwinden, als Mangel und Verlust von Gewohntem und daher Selbstverständlichem. Mutter, der stets um Beherrschung bemühten Frau, ist der Zerfall ihres Körpers eine überfordernd peinliche Entwicklung. Während ihr Körper sich auflöst, verändert sich auch ihre Persönlichkeit: sie kann ihre Selbstkontrolle nicht halten, ihre Ordnung, ihr Bewusstsein, alles bricht auseinander. Die Fassungslosigkeit angesichts dieser Entwicklung vermitteln sehr klare Sätze, die darauf verzichten, Gefühle direkt zu benennen. Nüchtern, frei von schmückendem Beiwerk, zeugen sie von der totalen Überforderung: Der Sohn reagiert auf den Tod der Mutter mit emotionaler Erstarrung, zugleich funktioniert seine Beobachtungsgabe erbarmungslos präzise weiter.
Lentz´ sehr genauer, artifizieller Sprachgebrauch hat die Juroren bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur begeistert. Von einem promovierten Lautpoesiespezialisten, der auch Kurator von Veranstaltungen akustischer Kunst, Musiker und Vortragskünstler ist, kann ein solch ambitionierter Umgang mit Sprache erwartet werden. Lentz selbst positioniert sich abseits jugendlicher Zeitgeistautoren und betont, dass Tradition und die Rückbesinnung auf Sprache ihm wichtiger seien als modisches Oberflächenbeschreiben.
Um so größer ist das Erstaunen bei der Lektüre der beiden ersten großen Kapitel. Von elaboriertem Stil kann da weitgehend nicht die Rede sein. Bevor klar wird, warum diese vielen Seiten unterschiedlichster Kurzprosa hier versammelt sind, beschleicht einen manchmal das Gefühl, Lentz oder der Verlag hätten einfach alles, was an kürzeren, erzählenden Texten in Schubladen lagerte, gesammelt und unter dem prestigeträchtigen Preistitel eingeschmuggelt. Mehrmals zum Beispiel ist das Fliegen Thema, das Fliegen und das Kotzen und die Brühe, durch die man fliegt. Stil: schnell dahingekritzeltes Tagebuch. Prompt ist am Ende der Erzählung eine krakelige Handschrift abgebildet, auf Briefpapier von "Mercury Hotels".
Eine der längeren Geschichten beschreibt die Suche nach Spuren der Lettristen - einer französischen Spielart akustischer Literatur - in Paris. Spaziergänge durch die Straßen, Beobachtungen vom Café aus, ein Besuch auf dem berühmtesten Friedhof, die Begegnung mit dem fast versteinerten Gründer der Bewegung. Was Lettrismus genau ist, wovon die immer noch sprudelnden Textmassen des Lettristen-Fossils handeln - keine Auskunft. Das Ganze erinnert an eine typische Reisereportage, mit großer Freiheit in Richtung persönlicher Stil. Dann plötzlich ein trockener Kommentar: Im rückblick also eine seit jahren abkömmliche person von bewegender historie aufsuchen, mikrophon aufstellen und geschichtsträchtiges hineingeflüstert wissen wollen, und sei es auf dem sterbebett.
Verstörend ist wiederum eine Reihe von Geschichten, in denen es um Zerhacken von Leichen geht. Meistens zerstückelt ein Mann eine Frau, mal auf einer halben Seite im abgehackten Zeitungsmeldestil, dann ausführlicher ein Ehemann die Ehefrau, die nicht genug Schinken im Haus hatte für seine drei täglichen Butterbrot-mit-Schinken-Mahlzeiten. Undsoweiter. Man wundert sich und weiß nicht, was das soll. Bis am Ende der letzten Zerhack-Geschichte der Sohn als neuer Protagonist eingeführt wird und zum abschließenden Kernkapitel Muttersterben überleitet.
Ab da fließt alles. Nach den vielen äußerst heterogenen Kurztexten vorher, über die zu holpern und zu stolpern manchmal einiges Durchhaltevermögen verlangt, liest es sich jetzt wie von allein und in einem Zug. Die Wirkung der sehr ernsten und sehr traurigen Sätze ist besonders intensiv, weil vorher viele Seiten lang ungemein schnoddrig beschrieben wurde: drastisch sexuelle Handlungen, scheinbar belanglos Urlaubsbeobachtungen. Jetzt scheinen das alles Vorstufen gewesen zu sein, ein Anlaufnehmen vor Szenen wie dieser: Das erste mal nach ihrer erstmals freiwilligen und zugleich letzten einlieferung besuchten wir sie pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Sie ist in einem so erbärmlichen zustand, dass ich außerstande bin anderes zu tun als stundenlang nur wortlos neben ihr zu sitzen. Selbst anschauen ist unmöglich. Auch die hand verstohlen auf die blaue wolldecke legen ist unmöglich. Barbara ist tränendurchschossen direkt aus dem zimmer wieder hinaus, kaum dass sie mutter so daliegen und so erbärmlich sein und so fast verschwunden eingefallen vertrocknet und knochenschädelig so hat daliegen sehen, sofort wieder aus dem zimmer raus. Was hätte ich mutter sagen sollen?
Vor diesem zentralen, konzentrierten Sterbebericht erscheinen die Geschichten vorher als Spiegelungen, Reflexionen oder Negativbilder, deren genauer Bezug zum Muttersterben glücklicherweise nicht eindeutig bestimmbar ist. Sind die Zerhackgeschichten Phantasien über die Beziehung der Eltern? Und der wunderbare Text über den grauen Mann, der Weltgeschichte aus Akten schaffen will, ist er eine Parabel für das vergebliche Sinnstiften aus Alltäglichem? Also wiederum eine Selbstreflexion auf die Erzählsituation, auf das Erinnern und das Zu-Geschichten-Fügen des Erinnerten? Lässt er sich nicht auch auf das Mutterleben projizieren, das vom Maßstab der Kriegserlebnisse nicht mehr abrücken konnte und sich also oftmals in abgedunkelter Depression abspielte? Und hat nicht schließlich auch der Vater eine Vorliebe für Akten - eine so große, dass er selbst Liebesbriefe darein versenkt?
So ließe sich das Spiel mit möglichen Verweisungen immer weiter treiben. Wie sich Leser auf der Suche nach Bezügen kreisend in den Texten bewegen, so kreist auch das Schreiben selbst, innerhalb eines Satzes und als Ganzes bei dem Versuch, das Denken einzuholen: Der es jeden tag unternimmt, dicht an die gegenwart heranzukommen. Der aber immer nur dicht unter der oberfläche bleibt. Der gerne das packeis der spieldose gedächtnis kräftig durchstoßen würde. Die geht immer so rund und rund und ist doch immer gleich und ist doch immer anders gleich. Er habe jetzt immer nachgedacht und nachgedacht und jeder gedanke sei klarerweise nur eine gewisse erinnerung und es sei nichts als das denken selbst hinter das er mit jedem gedanken nicht komme das sei eine wand gegen die er immer laufen müsse."
Am Ende ragt ein einzelner Satz hervor aus den mal kreisenden, mal springenden Sprachbewegungen, vielmehr eine Frage, die sich als Zentrum aller Telegrammstil-, Reisetagebuch- und Todesbeobachtungsszenen zu erkennen gibt: Ist denn der tod die doch nicht erlebbare einsicht, mit dem denken nicht über das denken hinauszugelangen?"

Michael Lentz: Muttersterben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002, 186 S., 18 EUR


00:00 09.08.2002

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