Was ist bloß los mit diesen Typen?

Volksbühne Klaus Dörr räumt nach Vorwürfen der sexuellen Belästigungen seinen Posten als Interimschef. Ein Fall unter etlichen. Was geht in diesen Männern vor?
Was ist bloß los mit diesen Typen?
Die Berliner Volksbühne, der verlässlich wiederkehrende Skandalmittelpunkt des hauptstädtischen Kulturbetriebes

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Wäre die Volksbühne in Berlin ein Land, könnte man sagen: Nachdem König Castorf mitsamt seinem magischen Zepter gezwungen worden war, Volksbühnien zu verlassen, legten seine Getreuen das Land wutschnaubend in Schutt und Asche. Danach wurde es endgültig finster unter der Schreckensherrschaft des Fürsten Dörrcon.

Entschuldigung. Ich will Chris Dercon da auf keinen Fall mit reinziehen, dass sein Nachfolger seine Finger nicht bei sich behalten konnte. Aber Spaß muss sein. Man hat so wenig Spaß in diesen Zeiten. Im Gegenteil, es ist alles so sterbensöde und immer dasselbe. Sexuelle Belästigung. Am Montag ist Dercons Nachfolger, der Volksbühnen-Interims-Intendant, den man geholt hatte, um den Volksbühnenkarren aus dem Dreck zu ziehen, aufgrund von diesbezüglichen Vorwürfen von seinem Posten zurückgetreten.

Immer diese sexuelle Belästigung. Was ist denn bloß mit diesen Typen los? Gegrapscht soll er haben, unangemessene SMS soll er verschickt haben. Hatte der denn gar keine Angst? Bei SMS genügt doch ein Screenshot, und den könnte man dann überall hochladen. Vielleicht hatte er deswegen keine Angst, weil er so lange damit durchgekommen war, weil er gar nicht auf die Idee kam, dass es nicht okay sein könnte, Untergebenen in den Ausschnitt zu stieren. Verständlich. Ich meine, er war doch der Chef! Wozu sollte man sich das sonst antun, diese ganze Arbeit und Verantwortung, wenn man sich den Arbeitsalltag nicht versüßen kann, indem man ab und zu an einem verbotenen Früchtchen knabbert? In Stuttgart und Mannheim haben sich die Girls doch auch nicht beschwert.

Es gab intern doch schon diesbezügliche Gerüchte, lese ich, als er seinen Posten in Berlin angetreten hat. Der Kultursenator soll ihm mit dem Zeigefinger gedroht haben. Ich stelle mir das so vor: „Du bekommst den Job, aber halt dich diesmal zurück, okay?“ „Hehe, ich weiß gar nicht, was du meinst, ich versuchs, kann aber nichts versprechen.“

Meine Fantasie geht mit mir durch. Weil ich dieses Mindset einfach nicht verstehe. Man stellt sich immer wieder dieselben Fragen: Schämt er sich jetzt? Wie spricht er mit seinen Kumpels darüber? Geigt ihm wenigstens mal einer die Meinung? Könnte ihn denn nicht mal jemand deswegen interviewen? „Ich bedaure zutiefst, wenn ich Mitarbeiter:innen mit meinem Verhalten, mit Worten oder Blicken verletzt habe“, schreibt er in der Pressemitteilung der Volksbühne. Da steht: „wenn“, nicht „dass“. Typisch. Er schnallt es einfach nicht. Auf Instagram gibt es diverse Accounts zum Thema Narzissmus, da kann man sich relativ schnell zu diesem Thema informieren. Da gibt es Posts wie: „An diesen zehn Sätzen erkennst Du einen Narzissten“, und sein Satz aus der Pressemitteilung könnte einer davon sein. Im Grunde sagt er: Du bist zu empfindlich, ich wollte nur nett sein, aber dir kann man einfach nichts recht machen. Das ist das Schlimmste an diesen Typen.

Die betroffenen Frauen haben sich entschieden, anonym zu bleiben. Ich verstehe das nicht. Es gibt bestimmt nachvollziehbare Gründe, Datenschutz und Privatsphäre betreffend, aber trotzdem. Ich hoffe, es liegt nicht daran, dass die im prekären Kunstbetrieb beschäftigten Frauen Karrierenachteile befürchten. Weil sie denken, dann könnte es mit der Assistentenstelle in Anklam nicht klappen, weil da jemand im Personalbüro sitzt, der sagt: „Die Frau Mustermann nehmen wir lieber nicht. Der darf man nicht in den Ausschnitt glotzen, sonst petzt die das der Bild.“

Sein Name steht jetzt in allen Zeitungen, und ich vermute, das gefällt ihm im Grunde auch ganz gut. Egal. Es ist zu viel der Ehre für solche wie ihn, dass man sich über ihre Psyche Gedanken macht und jetzt ist es schon wieder passiert.

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15:40 17.03.2021

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