„Was ist das für eine hinterlistige Frage?“

Interview Ingrid Newkirk aß als Kind gern Leber. Heute kämpft sie mit ihrer Organisation PETA und dubiosen Methoden für Tierrechte

Spitzenkragen, helle Schuhe – wie eine echte britische Lady wirkt sie, eine vornehme Eleganz verströmt sie, als wir uns in der Lounge eines Berliner Hotels treffen. Wenn es um Tierschutz geht, tritt die 68-jährige Aktivistin Ingrid Newkirk oft alles andere als smart auf. Die Kampagnen ihrer Organisation PETA sehen manche als Terror, im Namen der Tiere.

der Freitag: Frau Newkirk, ein bekanntes Zitat von Ihnen lautet: „Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Hund ist ein Junge.“ Stellen Sie Tiere tatsächlich auf eine Stufe mit Kindern?

Ingrid Newkirk: Diese Aussage von mir hat sich auf Empfindungen wie Schmerz, Hunger oder Durst bezogen. Da ist eine Ratte wie ein Schwein, ein Schwein wie ein Hund und ein Hund wie ein Junge.

Wenn ein Haus brennt und Sie sich entscheiden müssten, wen würden Sie retten: den Hund oder das Kleinkind?

Was für eine hinterlistige Frage! Aber wenn Sie wollen: Wenn ich eine Mutter wäre und mein Kind am Ertrinken wäre und ebenso ein Welpe, dann würde ich, als ein Mensch, eine Mutter, sicher erst nach meinem Kind greifen. Doch wenn ich irgendwie könnte, würde ich natürlich auch versuchen, den Welpen zu retten.

Wieso ist die Frage hinterlistig?

Weil sie eine schreckliche Ausnahmesituation benutzt, um von der Situation abzulenken, um die es eigentlich geht: Niemand ertrinkt im Esszimmer. Niemand brennt in der Küche – außer das Schwein. Und wieso brennt das Schwein? Weil ich es angezündet habe. Das ist die Situation, mit der wir uns auseinandersetzen müssen.

Sind Tiere Ihnen wichtiger als Menschen?

Ich bin ein Mensch! Allerdings bin ich auch ein Tier, und ich bin auch eine Frau. Nichtsdestotrotz sind mir Männer wichtig und meiner ganz besonders. Ich sorge mich um alte Menschen, um Kinder. Ich sammle Spielzeug. Es muss leicht sein, denn ich verschiffe es nach Indien. Ich gehe dort in Waisenhäuser, verteile Lakritz auf der Straße. Es geht hier nicht um die Entscheidung zwischen einer Kuh und einem Kind, sondern um die zwischen Grausamkeit und Mitgefühl.

Gibt es in Ihrem Freundeskreis auch Nichtveganer?

Natürlich. Ich freunde mich mit allen möglichen Leuten an. Genauso wie meine Familie lange Zeit nicht vegan gelebt hat. Es ändern sich ja nicht alle Menschen.

Angewandte Ethik

Seit sie 1980 mit ihrem damaligen Partner Alex Pacheco die Tierrechtsorganisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) gegründet hat, macht Ingrid Newkirk als deren Präsidentin immer wieder mit extremen Kampagnen von sich reden.

„Menschliches Barbecue“ nannte sie einen Auftritt in Mumbai, für den sie sich selbst auf einen XXL-Grill legte. Der Landessitte wegen zog sie sich in Indien allerdings nicht nackt aus. Die Aktion erklärte sie damit, dass die Welt sehen sollte: Wir alle sind Tiere. Mein Fleisch ist nicht anders als das einer Krabbe. Beute kein Tier aus, knechte es nicht, töte es nicht, um es zu essen. In den PETA-Anti-Pelz-Kampagnen treten häufig prominente Models nackt auf, die Aktionen werden von Stars wie Michael Schumacher, Pamela Anderson oder Joaquin Phoenix unterstützt. Mit mehr als drei Millionen Unterstützer/-innen ist PETA, mit Sitz in Norfolk, Virginia, heute die weltweit größte Tierrechtsorganisation. Die NGO lehnt jegliche Nutzung von Tieren vehement ab und vertritt eine vegane Lebensweise.

Ingrid Newkirk, geboren 1949 in Surrey, Großbritannien, hat einen Teil ihrer Kindheit in Indien verbracht. Ihr Vater war Navigationsingenieur und arbeitete dort für die Regierung. 1967 zog sie mit ihren Eltern nach Florida, weil ihr Vater zur US-amerikanischen Luftwaffe ging. Danach lebte sie mit ihrem ersten Mann Steve Newkirk im Bundesstaat Maryland und machte eine Ausbildung als Börsenmaklerin. Inzwischen befindet sich Ingrid Newkirk nach eigener Aussage in einer Partnerschaft mit einem „wundervollen, ethischen Mann“

Haben Sie selber früher mal Fleisch gegessen?

Oh ja, ich habe Fleisch geliebt. Vor allem Leber und andere Innereien. Das habe ich von meinem Vater. Er war ein Gourmet und hat sich für intensive Geschmackserlebnisse interessiert. Kurz bevor wir nach Indien gegangen sind, haben wir zu Hause aufgehört, Kalb zu essen. Da war ich sieben Jahre alt. Meine Mutter traf Aktivisten vor dem Supermarkt, die zeigten ihr Bilder von einem neuen Aufzuchtsystem für Kälber, wie sie da in ihren kleinen Boxen steckten. Meine Mutter war geschockt. Sie kam nach Hause und verkündete, dass es in unserer Familie nie wieder Kalb geben würde. Mein Vater war entsetzt von der Entscheidung meiner Mutter! Eine seiner Leibspeisen war Kalbs-Cordon-bleu.

Sie wurden auch radikaler, haben sich mit 22 Jahren sterilisieren lassen. Aus ethischen Motiven?

Ich versuche einfach mitfühlende Entscheidungen zu treffen. Wenn man einem Waisenkind oder einem heimatlosen Hund ein Zuhause bieten kann, ist das in meinen Augen eine bessere Wahl – statt von sich selbst eine Replik anzufertigen und ein weiteres Kind in diese unsichere Welt zu setzen. Ich war immer glücklich mit meiner Entscheidung. Aber ich bin eine gute Tante und Hundesitterin!

Woher kommt Ihr Extremismus?

Meine Jahre in Delhi haben mich sehr beeinflusst. Ich sah dort, wie schrecklich Dinge für Tiere, Kinder und Arme sein können. Meine Mutter arbeitete mit Waisenkindern, Leprakranken und unverheirateten Müttern. Wenn ich zu Hause war – ich ging auf ein Internat wie damals alle britischen Mädchen in Indien –, rollten wir Bandagen und stopften Spielzeug für die Kinder aus oder verpackten Pillen für die Kranken. Meine Mutter sagte immer: Es ist nicht wichtig, wer leidet. Entscheidend ist, dass er leidet. Unser Haus war immer voll mit gestrandeten Leuten und Tieren, die wir irgendwo gefunden hatten. Aber wir hatten auch Elfenbein und Tierfelle. Es dauerte lange, bis ich verstand, dass der Elefantenfuß-Regenschirmständer in unserer Eingangshalle eigentlich Grausamkeit gegen Tiere bedeutet.

Anfang der 70er Jahre lebten Sie mit Ihrem ersten Mann in Maryland und wollten eigentlich Börsenmaklerin werden.

Ja, doch dann sah ich, wie schlecht die Bedingungen in Tierheimen waren, und begann in einem Hundezwinger zu arbeiten. Ich machte die Missstände bekannt und wurde Hilfssheriff und Tierschutzbeauftragte.

Klar, da muss man Vegetarierin werden ...

Peter Singers Buch Die Befreiung der Tiere hat mich sehr beeinflusst. (Anm. d. Red.: Singer ist wegen seiner Äußerungen zur Euthanasie heftig umstritten.) Da gibt es diesen Absatz, an den ich mich immer erinnere: Tiere existieren nicht für dich, genauso wenig wie schwarze Menschen für Weiße existieren oder Frauen für Männer. Das blieb hängen. Also wollte ich keine Tiere mehr essen. Doch vegan wurde ich erst, als ich Alex Pacheco traf ...

Ihren früheren Partner und PETA-Co-Gründer.

Er fragte: Wieso tust du Milch in deinen Tee – ich benutzte jeden Morgen Kondensmilch. Ich fragte zurück: Warum? Dafür wird die Kuh nicht getötet. Dann hat er mir erklärt, dass in jedem Glas Milch ein kleines bisschen Kalb steckt, wie die Babys den Müttern weggenommen werden. Ich habe mich so geschämt, dass ich diesen Zusammenhang nicht vorher schon selbst gesehen habe.

Sind alle Menschen grausam, die nicht vegan leben?

Ob jemand vegan lebt oder nicht, ist ein Statement, wer er oder sie ist. Niemand zwingt die Leute, Käse zu essen. Niemand befiehlt ihnen, Fisch zu bestellen. Ich weiß, es ist hart, sich zu verändern, weil wir Menschen Wandel bekämpfen. Dies ist sogar biologisch begründet. Tiere essen, was ihre Mütter ihnen zu essen gaben. Und unsere Mütter zogen die meisten von uns mit Fleisch und Sahne groß. Wenn jemand dann suggeriert, dies sei womöglich nicht der beste Weg, sagt unser Instinkt: Das mache ich schon immer so. Aber jeder kann sich ein Bild machen, die Videos anschauen, die Berichte lesen. Wer dann entscheidet: Ist mir egal, der ist egoistisch.

Das hört sich alles so freudlos an.

Freudlos? Ich kann doch essen, was ich möchte. Es gibt inzwischen sogar vegane Spiegeleier. Oder veganen Kaviar. Und auch wenn ich viel arbeite, lache ich gern, mag lustige Filme, sitze im Bett und löse Kreuzworträtsel. Oder ich sticke. Ich weiß, das ist very british.

Also spielen Sie auch Bridge.

Nun, ich spiele kein Bridge. Aber ich liebe die Formel 1. Und Sumoringen! Es gibt so viele Skandale bei Sumo, genauso wie bei der Formel 1. Das ist genauso sehr eine Soap-Opera, wie es ein Sport ist.

Autos sind doch nicht vegan.

Doch! Es gibt vegane Autos! Ferrari hat für die Straße ein neues Elitemodell rausgebracht. Und ich habe mir gerade einen veganen Smart gekauft. Man kann jedes Interesse für sein Anliegen nutzen. Wir von PETA haben es geschafft, dass die Formel 1 weitgehend auf Foie gras verzichtet. Wenn ich zu Rennen gehe, halte ich Plakate hoch. Und ich kann Leute wie Naomi Campbell abfangen. Ich bin großer Fan von Michael Schumacher. Wir haben auch ihm und seiner Frau geschrieben.

Wie haben Schumachers reagiert?

Sie unterstützen uns, haben sich wegen der Versuche an Makakenaffen an die Universität Bremen gewendet. Die Sache ist in Deutschland – auch juristisch – zum Präzedenzfall geworden, aber PETA hat es nicht geschafft, die Versuche zu stoppen. Und als wir nach dem Hurrikan Katrina Hunde aus den Fluten retteten, spendeten sie Geld, sodass wir die Hunde versorgen und medizinisch betreuen konnten.

Stichwort Medikamente: Nehmen Sie welche?

Wenn ich muss. Nichtsdestotrotz versuche ich immer so genau wie möglich hinzuschauen und zu wählen. Zum Beispiel musste ich letztens genäht werden. Ich bat die Ärzte, Nylonfäden zu nehmen statt Katzendarm.

Sie lehnen bei PETA Tierversuche rigoros ab, bei Medizin sehen Sie es nicht ganz so streng?

Ich denke nicht, dass wir das Recht haben, an Tieren zu testen, genauso wenig wie an dem Kind meines Nachbarn, oder an einem armen Kind der sogenannten Dritten Welt. Wir müssen einen anderen Weg finden und wir arbeiten bei PETA hart daran. Doch ich kann die Geschichte nicht rückgängig machen. Ich laufe und fahre auch in den USA auf Straßen, die von Sklaven gebaut wurden.

Sie lösen mit Ihren Kampagnen Proteste aus, erhalten Hasspost.

Ja, die Leute sagen einem die beleidigendsten Dinge. Aber der Hass richtet sich gegen die Botschaft, ich bin nur die Botschafterin. Die Leute kennen mich nicht. Sie wissen nur, wofür ich kämpfe.

Haben Sie manchmal Angst?

Manchmal, klar. Aber vor allem macht es mich traurig. Diese Menschen sind sehr wütend, aber sie könnten so viel größer sein, machtvolle Dinge tun.

Sie vergleichen die Nutztierhaltung mit dem Holocaust – oder schlachten den Prostatakrebs des Ex-Bürgermeisters von New York, Giuliani, gegen Milchkonsum aus. Können Sie die Ablehnung nicht verstehen?

Wenn wir bei PETA nur Dinge tun würden, die uns beliebt machen, anstatt die Leute zum Denken und Diskutieren anzuregen, gäbe es keinen Fortschritt. In der heutigen Zeit müssen wir die Aufmerksamkeit der Massenmedien erreichen. Unsere Giuliani-Anzeige, die übrigens zum Zeitpunkt des Todes meines Eiscreme liebenden Vaters durch Prostatakrebs erschien, hat die Leute aufgeweckt. Giuliani hat Geld von der Milchindustrie bekommen und Milch in seinen täglichen Konferenzen beworben. Mittlerweile ist der Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Prostatakrebs gut untersucht.

Sie betonen oft Ihr Mitgefühl, aber Sie verletzen auch die Gefühle anderer.

Wenn die Leute von unseren Aktionen geschockt sind, dann ist das nichts im Vergleich dazu, wie den Schafen die Hälse gebrochen werden oder einem Hund der Kopf eingeschlagen wird, um aus seiner Haut Leder zu machen. Wir zeigen nur die Realität.

Für manche ist Vegansein nur ein Hype. Wie sehen Sie das?

Er ist nicht zu stoppen!

06:00 08.06.2016
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community