Was ist das für ein Krieg?

Deutsche Kriegsbeteiligung Frieden braucht Gerechtigkeit, Wahrheit und Friedfertigkeit - Vor allem aber Politiker, die noch den Mut zum Frieden haben

"Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen, als ob die alten nicht gelanget hätten: Ich bitt´ Euch, habet mit Euch selbst Erbarmen!" - schrieb Bertolt Brecht kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Nun, mehr als ein halbes Jahrhundert danach, ist amtlich: Deutsche sollen wieder mit in den Krieg ziehen. Im Bundestag zugestimmt haben - gegen ihr Gewissen - auch jene, die dagegen waren, aber in einer Vertrauenszwickmühle zerrieben wurden. Gewissen knirschten und gaben nach. Darauf liegt kein Segen. Symbolisch sei der Beitrag der Deutschen vorerst, höre ich. Aus Mitverantwortung, für eine "gute" gegen eine "böse Sache" notwendig. Gegen eine weltweite Bedrohung helfe nur weltweiter Einsatz, das sei "globale Verantwortungspolitik", höre ich weiter. Verantwortung, an der Seite eines Präsidenten mit einem dichotomischen Weltbild, in dem es nur "für uns" oder "gegen uns" gibt - ein "gut" und ein "böse".

Was aber ist das für ein Krieg, dessen Verlierer schon heute die politische Weltkultur ist, wenn ein Krieg der Kulturen geführt wird? Dessen Verlierer die Armen bleiben werden, solange 400 Milliarden Dollar für den Kriegseinsatz einigen Millionen für humanitäre Hilfe gegenüberstehen. Notgroschen der Rührung, eingesammelt von Hilfsorganisationen, die bisher nicht einmal die erbärmlichste Not im afghanischen Winter lindern können.

Was ist das für ein Krieg? Er richtet sich gegen keinen Staat, sondern gegen ein Schreckensregime. Er richtet sich nicht gegen einen Staat, sondern gegen viele Staaten. Wie viele und welche, ist noch immer offen. Der Irak, Jemen, Somalia, Libyen, Algerien, der Iran könnten ebenso gemeint sein wie Afghanistan. Vorerst ist dieses zerstörte Land weiter zerstört worden, aber die Täter vom 11. September waren zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen nicht gefasst. Also sind die Krieger froh, dass in Kabul die Frauen ihren Ganzschleier abwerfen können, wieder Musik erklingt und ein Fernsehprogramm ausgestrahlt wird. Ist damit das Ziel des Krieges erreicht? Und was wird morgen sein, wenn die siegreiche Allianz wieder in ihre Einzelteile zerfällt? Warlord vom Schlage des Usbeken Dostum, die vor wenigen Jahren Kabul im Kampf jeder gegen jeden in Schutt und Asche gelegt haben, sind zurückgekehrt und wollen bleiben.

Was ist das für ein Krieg? Ein antiterroristischer Krieg gegen skrupellose Terroristen und ihr Netzwerk, höre ich. Da kann auch der Krieg nur skrupellos sein und so intelligent wie intelligente Bomben eben sind. Sie schließen "Kollateralschäden" ein. Schäden an Menschen, nicht nur an Gebäuden mit einem großen Roten Kreuz, das aus der Luft gut erkennbar ist. Der Tod von Zivilisten müsse hingenommen werden - das sei unvermeidlich im Krieg, haben die Krieger zu allen Zeiten beteuert. Mitfühlend klingt, was Gerhard Schröder während seines jüngsten Besuches in Pakistan erklärt hat: "Wenn Schäden auftreten, die niemand gewollt hat, dann bedauert das natürlich jeder ..." - Um es noch einmal zu sagen: die "Schäden" sind Menschen.

Die Bomberpilotin Ashley berichtete laut Berliner Zeitung vom 24. Oktober: "Sie haben mich nicht bemerkt, bis meine Bomben mitten im Ziel einschlugen. Das war schon sehr, sehr aufregend ... Aber ich lächelte, weil meine Bomben im Ziel waren."

Was ist das für ein Krieg? - "Ein langer und schmutziger", hat Donald Rumsfeld angekündigt und ausnahmsweise glaube ich ihm. Schließlich geht es gegen einen Feind, dessen Religion Terrorismus ist, nicht der Islam. Ein Algerier sagte dazu: "Weil Osama bin Laden das Bild vom Islam verbrecherisch verdunkelt hat, hassen wir ihn. Aber der Westen zwingt uns durch seine Bombardements gegen Afghanistan, ihn zu lieben."

Was ist das für ein Krieg, der als Angstkrieg der westlichen Welt geführt wird, die sich als offene Gesellschaft in ihrem Lebensnerv durch destruktiven Hass getroffen fühlt? Getroffen durch einen Hass, der sich gegen die westliche Lebensweise richtet. Die Kriegspolitik folgt einem äußerst fatalen Muster. Wenn einer nicht weiß, was er tun soll, demonstriert er entschlossen Selbstsicherheit in allem, was er tut, um die Unsicherheit des Volkes dadurch zu bannen, dass man ihm Sicherheit verspricht. Wenn man nicht weiß, was man für welche realistischen Ziele mit welchen wirksamen Mitteln tun kann, handelt man erst einmal. Nichts ist belastender als abzuwarten, zumal dann, wenn eine einzige große Wunde ein ganzes unbesiegbares Volk so schmerzt wie die Amerikaner seit dem 11. September 2001.

Im Herzen getroffen zu sein und abzuwarten, das könnte als Schwäche ausgelegt werden. Um die eigene Seele zu therapieren, schlägt man deshalb zu - mit ganzer Kraft und bei weitgehender Vermeidung des eigenen Risikos. Weil man nicht weiß, was das Richtige ist, tut man mit aller Kraft das Falsche, damit keiner sagen kann, man täte nichts. Fühlt sich die Armee der Vereinigten Staaten wirklich in der Lage, Krieg gegen einen unsichtbaren Feind zu führen? Was ist das für ein Krieg, der mit zweifelhaften Zielen, mit zweifelhaften Mitteln, mit zweifelhaften Verbündeten, mit zweifelhaftem Ausgang geführt wird?

"Zieht nun in neue Kriege nicht ..." - Doch es ist ein Neuer Krieg, in den wir ziehen - kein erneuter. Er bringt keine Lösung, er verschärft die Probleme. Wie illusionär es ist, durch militärische Gewalt und massiven Gegenterror Erfolg erzwingen zu wollen, sieht man an Scharon und der Hamas, an Putin und Tschetschenien. Statt uns anhaltende Freiheit erbomben zu wollen, brauchen wir anhaltende, furchtbare Geduld, langen, entschlossenen politischen Atem - wir sehen es an Nordirland, am Baskenland, an Südafrika, an Kurdistan. "Gerechtigkeit erhöht ein Volk, der Frevel ist der Leute Verderben", schärft der Prophet uns ein. Frieden braucht Gerechtigkeit, braucht Recht, braucht Wahrheit und Friedfertigkeit - braucht vor allem Friedensmacher.

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00:00 23.11.2001

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