Raul Zelik
05.10.2010 | 17:00

Was ist das Leben wert

Communismus Kapitalismus? Staatssozialismus? Wir haben etwas Besseres verdient. Sprechen wir endlich über die Ökonomie des guten Lebens

Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR wird in einigen, längst nicht allen lateinamerikanischen Ländern heute wieder über Sozialismus gesprochen – diesmal „des 21. Jahrhunderts“. Und anders als die Berichterstattung der großen Medien glauben macht, hat der Politikwechsel auf dem Subkontinent tatsächlich einiges in Bewegung gesetzt: Der Neoliberalismus ist angezählt. Gesundheit, Erziehung und Wohnungsbau werden wieder verstärkt als öffentliche Aufgaben betrachtet. Verfassunggebende Versammlungen haben das politische System in Venezuela, Bolivien und Ecuador aus den Angeln gehoben und die Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung erweitert. Vor allem jedoch hat Lateinamerika – auf venezolanische Initiative hin, aber unter brasilianischer Führung – begonnen, sich der Dominanz der USA und Westeuropas zu entziehen. Süd-Süd-Beziehungen, heißt das neue Motto.

Das sind alles keine Kleinigkeiten, und trotzdem stellt sich der socialismo del siglo XXI bei genauerer Betrachtung doch eher als Projekt des 20. Jahrhunderts dar. Akkumulation und Wachstum bleiben das Maß aller Dinge. Dort, wo man die Verwertungslogik in Frage stellt, greift man ausgerechnet auf jene staatssozialistischen Rezepte zurück, die 1989 so grandios gescheitert sind. Zwar wird von alternativen Konzepten geredet: von „endogener Entwicklung“, der Förderung genossenschaftlicher Solidarökonomie oder dem „anzestralen“ Wissen der Indigenen. Doch in der Praxis beschränken sich die Reformen auf einen rohstofffinanzierten Staatsinterventionismus, wie es ihn in Lateinamerika schon öfter gegeben hat.

Dabei ist Weniges so drängend wie die Frage nach Alternativen. In der Finanzkrise hat der Kapitalismus erneut bewiesen, wie schnell er sich selbst erledigen kann, und an den strukturellen Problemen hat sich seitdem nichts geändert. Die Finanzsysteme sind nach wie vor aufgebläht und außerhalb jeder Kontrolle. Verschärft wird das Problem durch die globale Überproduktion. Glaubt man dem Fiat-Chef Sergio Marchionne, dann bestehen allein in der Automobilindustrie Überkapazitäten von weltweit 30 Millionen Fahrzeugen pro Jahr – bei einer Gesamtfertigung von 90 Millionen Stück. Wenn sich Kapital jedoch nicht mehr produktiv verwerten lässt, strömt es in Spekulationsgeschäfte und generiert neue Blasen.

Dazu kommt die soziale Krise. Historisch mag Massenarmut eher kapitalistischer Regelfall als Ausnahme sein, doch im Moment beobachten wir, wie die Vertiefung von Gegensätzen die Hegemonie führender Klassen untergräbt. Werden die Unterschichten materiell immer weniger eingebunden, verlieren auch die Repräsentationssysteme an Legitimation. Und schließlich jagt der Kapitalismus die Menschheit auf ökologische Grenzen zu. Das fossile Energiemodell, dessen Geschichte so eng mit der des Kapitalismus verzahnt ist, erschöpft sich selbst; die bestehenden Wachstums- und Konsummuster sind nicht weiter expandierbar.

Für einen „Communismus“

Wenn nun aber offensichtlich weder Kapitalismus noch Staatssozialismus einen Ausweg aufzeigen, was ist es dann? Die Eckpfeiler eines Gegenentwurfs lassen sich durchaus benennen: Die erste große Herausforderung einer Ökonomie der Vernunft bestünde darin, zu haushalten. Anders als die liberale Erzählung behauptet, ist der Kapitalismus nämlich kein besonders effizientes System. Auf der einen Seite werden Güter, die im Überfluss zur Verfügung stehen könnten, künstlich verknappt – denken wir etwa an digitale Güter oder, noch weitaus dramatischer, an lebensnotwendige HIV-Medikamente. Gleichzeitig wird mit (natürlichen) Ressourcen, die objektiv beschränkt sind, verschwenderisch umgegangen. Der Klimawandel, die Zerstörung von Regenwäldern oder die Luftverschmutzung zeugen davon.

Eine Ökonomie des Haushaltens mit der Natur ist jedoch nur zu haben, wenn auch mit Wachstums-, Entwicklungs- und Energiemodellen gebrochen wird. Der Staatssozialismus hat sich in dieser Hinsicht vom Kapitalismus wenig unterschieden. Nötig ist eine radikal andere Maxime: Der Erfolg einer Ökonomie misst sich nicht an der Zunahme der hergestellten Güter, sondern daran, ob eine umfassende Grundversorgung gesichert ist, die Menschen ein angenehmes Leben führen können und gleichzeitig die ökologischen Grenzen berücksichtigt werden.

Ebenso wenig wie Wachstum wäre zweitens auch Beschäftigung als solches ein Ziel. Seit die Eliten den fordistischen Wachstumspakt aufgekündigt haben, rufen politische und gewerkschaftliche Linke beharrlich nach „Arbeit, Arbeit, Arbeit“, und wenn man nicht ignorant ist, versteht man auch, dass es ihnen dabei um das Grundrecht auf gesellschaftliche Teilhabe geht. Trotzdem ist die Forderung in dieser Form falsch. Wenn der Kapitalismus in irgendeiner Hinsicht eine historisch nützliche Funktion erfüllt, dann mit seinem steten Drängen nach Steigerung der Produktivität. Umso weniger wir jene Arbeit zu verrichten haben, die André Gorz als fremdbestimmt bezeichnet hat, desto mehr Zeit zur (freien) Tätigkeit werden wir haben. Das war der Kern des communistischen Versprechens bei Marx.

Eine Ökonomie, die von Vernunft (und nicht von Akkumulation) getrieben wird, impliziert drittens andere Formen des Konsums. Heute sind unsere Lebenswelten so gestaltet, dass jeder von uns aktiver Träger der Massennachfrage ist und den Absatz der hergestellten Produkte gewährleistet. Richtig wäre es umgekehrt: Arbeit und Produktion müssen sich danach richten, was eine Gesellschaft an Gütern benötigt bzw. wünscht. Der Bruch mit dem herrschenden Konsummodell läuft in diesem Sinne nicht auf Verzicht hinaus, sondern auf Selbstbestimmung. Die Gesellschaft verständigt sich darüber, was sie überhaupt braucht. In Lateinamerika verwendet man in den sozialen Bewegungen dafür den Begriff des buen vivir. Nicht Wohlstand (bienestar), sondern gutes Leben heißt das Ziel.

Und viertens schließlich muss eine vernünftige Ökonomie sich den Möglichkeiten der Kooperation bemächtigen. Das große Paradoxon unserer Gesellschaft besteht ja darin, dass uns die Arbeitsteilung immer stärker zu Gesellschaftswesen macht, diese Vergesellschaftung jedoch auf Märkten stattfindet, auf denen wir uns als vereinzelte Konkurrenten begegnen. Der Kapitalismus zerstört das Gemeinschaftliche, das er gleichzeitig in immer komplexeren Formen hervorbringt.

Wir können also sagen, wie eine andere Ökonomie aussehen müsste. Leider aber sind Utopien, die man Gesellschaften – freundlich-idealistisch oder autoritär-technokratisch – überstreift, wenig emanzipatorisch. Der Gegenentwurf, die Ökonomie des guten Lebens, der Communismus auf der Höhe des 21. Jahrhunderts, kann nur aus realen sozialen Praxen entstehen. Die Chance zur Veränderung liegt in den Gesellschaften selbst, die ununterbrochen Möglichkeiten des Anderen hervor bringen – teils ohne sich über diese Dimensionen bewusst zu sein. Die Open-Source-Bewegung etwa, aus der das Betriebssystem Linux und Plattformen wie Wikipedia entstanden, hat Formen produktiver Assoziation geschaffen, die Marx’ Vorstellungen weitaus näher kommen als die VEB der DDR. Programmierer haben sich dezentral, kooperativ, selbstbestimmt und ohne materiellen Anreiz zusammengetan, um in einem transnationalen, sich selbst organisierenden Prozess ein Gemeingut (commons) herzustellen. Welcher sozialistische Staat hat je so radikale Ziele formuliert? Und vergleichbare Praxen hat es auch in anderen Situationen gegeben: Die Arbeiterbewegung hat mit den Genossenschaften demokratische, auf Solidarität beruhende Betriebe hervorgebracht, die zwar im Kapitalismus agierten (und von ihm auch wieder eingefangen wurden), aber gleichzeitig über ihn hinauswiesen. In sozialen Bewegungen wird ständig mit Modellen partizipativer Demokratie experimentiert, ohne die es eine Ökonomie des guten Lebens nicht geben kann.

Den Kopf frei bekommen

Im europäischen Alltagsbewusstsein mag der Gedanke, dass der Kapitalismus von einer lebenswerteren Gesellschaft abgelöst werden könnte, wenig präsent sein. Aber 20 Jahre nach dem Ende des Realsozialismus besteht immerhin die Möglichkeit, den Kopf wieder frei für die Vernunft zu bekommen. Ja, der Staatssozialismus war keine attraktive Alternative: Er war nicht demokratischer, nicht ökologischer, nicht effizienter und in vieler Hinsicht nicht einmal sozialer als der Kapitalismus der Industriestaaten. Im Osten mögen andere Formen von Unglück verbreitet gewesen sein – aber insgesamt ‚glücklicher’ als ihre Zeitgenossen im Westen waren die Bürger der DDR nicht.

Das Scheitern des Staatssozialismus aber ändert nichts daran, dass auch der Kapitalismus in der Krise steckt. Anders als das erstarrte DDR-System übt sich unsere Gesellschaft in hektischer Geschäftigkeit – und ist doch nicht in der Lage, sich mit ihren Systemproblemen auseinander zu setzen.

Seien wir also radikal, seien wir zuversichtlich: Wir haben etwas Besseres verdient. Sprechen über wir die Ökonomie des guten Lebens, der gesellschaftlichen Kooperation, der Demokratie in allen Bereichen (auch der Arbeit) –, sprechen wir über das Versprechen des Communismus.

Raul Zelik, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller, Aktivist und Politikwissenschaftler. Zurzeit arbeitet er als Professor für Politik an der Nationaluniversität in Bogota/Kolumbien