Was ist die Kunst wert?

Gretchenfrage investieren oder sparen Bremer Theateralltag in Zeiten der Krise

Ein gewisser Herr Puntila zeigt in dieser Spielzeit wieder einmal seine zwei Gesichter am Bremer Theater - und in der dortigen Kulturpolitik. Michael Talke inszeniert den Klassiker von Bertolt Brecht als schräge Komödie mit viel Dampf aus der finnischen Sauna, der schon mal versehentlich hinauf in die Ränge wabert und Heiterkeit bei Schauspielern und Zuschauern auslöst. Jede Menge Nebelkerzen werden zurzeit auch auf der politischen Bühne gezündet, wo das Bremer Theater in Person des Intendanten Klaus Pierwoß um das finanzielle Überleben ab 2004 kämpft - sozusagen ein streitbarer Matti, der hartnäckig einen angemessenen Etat für die künstlerische Arbeit fordert. Kultursenator Kuno Böse (CDU) ist als Puntila sein Gegenspieler. Einerseits preist er pathetisch die Leistungen des Theaters und seines Intendanten. Andererseits verweist er nüchtern auf die Haushaltsnotlage des Landes und will den städtischen Zuschuss kürzen.

Im Theater endet der kurzweilige Abend mit vertauschten Rollen. Auf der politischen Bühne ist nach dem vorläufigen Scheitern der Gespräche der Ausgang offen. Es geht, wie landauf und landab in der Republik, um nicht weniger als die Frage, was das Theater einem städtischen Gemeinwesen wert ist. Die Bremer Politik weicht der Beantwortung dieser Frage aus und stellt sie haushaltstechnisch neu: Wie viel Geld können wir angesichts leerer Kassen noch für das Theater locker machen? Der Senat will, dass bei gleichem Etat wie bisher das Theater künftig die Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst selbst erwirtschaftet. Was beim Personal zugeschossen werden muss, fehlt künftig für die künstlerische Arbeit.

Ein Problem, das nicht nur in Bremen die Theatermacher umtreibt. 85 Millionen Euro zusätzliche Kosten kommen nach Angaben des Deutschen Bühnenvereins durch die Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst bundesweit auf die Theater zu. »Wir können das nicht mehr schultern. Es muss Schluss sein mit Einbußen bei der Kunst zugunsten der Finanzierung von Lohnerhöhungen«, sagt Präsident Jürgen Flimm.

In Bremen konnte Pierwoß bislang größtenteils Kürzungsdrohungen abwehren. Ein Erfolg, der sich einer beständigen Mobilisierung von Gegenöffentlichkeit verdankt. Nicht nur zur Verteidigung seines Hauses, sondern als starke Lobby für die gesamte Kulturszene. Dem vordergründigen Kuschelkonsens der Großen Koalition, verkörpert durch den alle umarmenden und alles integrierenden Bürgermeister Henning Scherf, setzen engagierte Bürger ihre Streitlust entgegen, benennen die Probleme, mischen sich ein und erregen damit Anstoß.

Anstoß - so nennt sich die im November 1996 in Reaktion auf den sogenannten Theaterstreit gegründete Bremer Initiative für Kultur. Ein Jahr zuvor hatte die frisch gewählte Kultursenatorin Bringfriede Kahrs (SPD) den Vertrag mit Pierwoß, der bereits Einsparungen vorsah, für null und nichtig erklärt. Das Theater sollte auf weitere 3,5 Millionen Mark verzichten. Treibende Kraft und Gründerin von Anstoß ist Katrin Rabus. Mit einer von ihr selbst finanzierten Anzeigenkampagne in der Bremer taz verunsicherte sie die Politik. »Verträge müssen eingehalten werden, dieses Theater ist es uns wert!« Dieser Text erschien über Wochen, jeden Tag von einem anderen Bürger unterschrieben. Der Kampf um den Theateretat fand bundesweites Echo. Der Senat knickte ein - Pierwoß konnte seinen Vertrag verteidigen.

Wichtige Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen der Stadt zählen zum inneren Zirkel von Anstoß. Sie alle engagieren sich als Bürger und nicht als Vertreter von Institutionen. Insgesamt haben bislang 280 Verbündete ihren einmaligen Beitrag von 50 Euro in die »Kriegskasse« überwiesen, aus der Aktionen finanziert werden. Als »Feuerwehr der Kulturszene« charakterisiert Intendant Pierwoß die Initiative, als eine »außerparlamentarische Opposition«, die in Greenpeace-Manier öffentliche Ausrufezeichen setzt und damit den »kulturpolitischen Diskurs in der Stadt an sich gerissen hat«.

Das zeigte sich jüngst auf dem von Anstoß alljährlich ausgerichteten alternativen Neujahrsempfang. Die Initiative verteilte ein T-Shirt mit Logo zur Unterstützung der Bremer Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010; Rabus kritisierte in ihrer Eröffnungsrede das vorläufige Konzept, das den Kulturbegriff zu stark in Richtung Kommerz, Technologie und Tourismusförderung erweitere. Und legte den Finger in die Wunde der Kulturfinanzierung. Es sei wieder einmal die Chance vertan worden, den Einrichtungen mit langfristigen Kontrakten Planungssicherheit zu geben.

Mit ihren doch eher moderaten Worten löste die Sprecherin von Anstoß einen Eklat aus. Marketingchef Klaus Sondergeld, der das Bewerbungs-Konzept maßgeblich entwickelt hatte, riss sich das T-Shirt vom Leib und verließ tief verletzt die Galerie Rabus. Er habe die Undankbarkeit der Kulturszene satt, erklärte Sondergeld tags darauf. Kultursenator Böse war ebenfalls schon auf dem Absprung, ließ sich aber zum Verweilen und weiteren Tragen des T-Shirts überreden. Den Eklat versuchte er mit Humor zu nehmen. Zur Kultur gehöre eben auch eine Streitkultur.

Offene Türen rennt die Kultur bei der hiesigen Wirtschaft ein. Vor drei Jahren hat die Handelskammer den paritätisch besetzten Arbeitskreis Kultur und Wirtschaft ins Leben gerufen. Letzterer ist »ungeheuer hilfreich, um Themen zu bewegen«, erläutert der Geschäftsführer Uwe Nullmeyer. Die Handelskammer startete ihr Engagement 1999 mit einem ganztägigen Symposium unter dem Motto »Wie viel Kunst und Kultur braucht Bremen?« Aus Sicht der Wirtschaft sei die Kultur ein ganz wichtiger Standortfaktor, erklärt Nullmeyer. Daraus folgt, »dass wir »Kulturförderung nicht länger als konsumtive Ausgabe, sondern vielmehr als Investition ansehen.« Eine Sichtweise, so Nullmeyer, von der Finanzpolitiker noch überzeugt werden müssten. Mit ihrer Forderung an den Senat, den Kultureinrichtungen längerfristig Planungssicherheit zu ermöglichen, der hohen Gewichtung von Kultur als Standortfaktor sowie als Vermittler von Sponsoren erweist sich die Handelskammer als wichtiger Verbündeter - auch des Theaters. Mit ihrem Engagement übernehme sie bundesweit eine Vorreiterrolle, sagt Nullmeyer.

Ihr Domizil hat die Kammer am Schütting, einem herrschaftlichen Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, in dem der Reichtum Bremer Kaufleute seinen sichtbaren Ausdruck findet - ein stilvolles Ambiente, das bewährte Tradition lebendig halten soll. Tradition hat auch das Engagement der Bremer Kaufleute für die Kultur. Dem fühlt sich Uwe Nullmeyer verpflichtet. Er gerät schon mal ins Schwärmen, wenn er den Auftritt von Udo Lindenberg mit Musikern der Deutschen Kammerphilharmonie im vergangenen Sommer schildert. Den hatte er als Highlight einer Kulturbörse in der Handelskammer organisiert, auf der Künstler und Unternehmer über 50 gemeinsame Projekte verabredeten. Mit dem Theater verbinden Nullmeyer ganz private Eindrücke. Als junger Mann erlebte er bei Proben den Intendanten Kurt Hübner, der das Haus am Goetheplatz in den sechziger Jahren zum führenden in der Republik machte. Das wirkt bis heute nach, wenn Nullmeyer fordert, »das Theater einer Landeshauptstadt dürfe nicht provinziell angelegt werden.«

Wer sich auf der Kulturmeile mit ihren drei Museen dem Theater am Goetheplatz im »Viertel« nähert, sieht eine lange Warteschlange. Die Van-Gogh-Ausstellung in der Kunsthalle sprengt alle Rekorde. 322.000 Besucher machen die sehenswerte Schau zur aktuell bestbesuchten in Deutschland. Dennoch kann Leiter Wulf Herzogenrath von Glück sagen, dass es ihm zusätzliche Wettgelder aus irgendeinem Finanztopf auch in diesem Jahr ermöglichen auf gleichem Niveau weiterzuarbeiten. Für Herzogenrath gilt wie für Pierwoß, dass Erfolg noch lange keine Planungssicherheit garantiert.

Nach Pierwoß haben sie jüngst am pleite gegangenen Musicaltheater die Bar benannt: Zum dicken Klaus. Der Bauch ist eines seiner Markenzeichen. Ein anderes die Leidenschaft für Fußball. Bundesweit sorgte sein Auftritt mit dem Bremer Erfolgscoach Otto Rehhagel für Aufsehen. Pierwoß posierte im Werder-Trikot, König Otto im Frack. Dieses Plakat hängt gleich links hinter der Tür zum Intendantenbüro. Und ein kleiner Kulturkönig ist Pierwoß längst in Bremen. Wie ein Hans Dampf in allen Gassen ist er überall zur Stelle, wo er für die Belange des Theaters und der Kultur streiten kann. Das hat ihm hohen Respekt in einer Stadt eingetragen, in der Konflikte lieber hinter verschlossenen Türen ausgetragen werden.

Auf knapp 21 Millionen Euro beläuft sich der aktuelle Landeszuschuss für das Bremer Theater, nicht weit entfernt in Hannover steht fast das Dreifache zur Verfügung. Pierwoß hat die Nase voll von Kämpfen um den Erhalt des Status Quo und will endlich Planungssicherheit. Die Bremer gehen wieder ins Theater. Die Auslastung liegt mit 79 Prozent über dem Bundesschnitt. Doch der Senat fordert auch von Pierwoß einen Sparbeitrag.

Investieren und Sparen, auf diese Formel bringt Kultursenator Böse gerne die Strategie der Großen Koalition. Investiert wird liebend gerne in prestigeträchtige Großprojekte, wie das bankrotte Musicaltheater. 45 Millionen Euro setzte die Stadt mit Jekyll Hyde und später Hair in den Sand. Sparen sollen hingegen die etablierten Kultureinrichtungen wie das Theater. Letzteres inszeniert mit Erfolg Musicals - aktuell Cabaret und My Fair Lady. Und spielt sie wegen Umbauarbeiten im eigenen Haus vor vollen Rängen im ansonsten leerstehenden Musicaltheater. Doch solche Absurditäten bringen die Politik noch lange nicht zur Vernunft. Nicht kleckern, sondern klotzen werde man mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010, sagte Kultursenator Böse. Eine Aufbruchstimmung wolle er in der Stadt erzeugen

Da spricht wieder Puntila und schwelgt in Träumereien. Doch die Realität holt ihn schneller ein, als er denkt. Gleich bei der ersten Nagelprobe entpuppt sich das Klotzen als heiße Luft. Das Vertragsangebot für das Bremer Theater ist ein Schlag ins Gesicht des Intendanten. Matti Pierwoß verlässt die Bühne, erklärt die Verhandlungen für gescheitert und setzt erneut auf starken Druck der Öffentlichkeit. Zurück bleibt ein verzagter Puntila. Er kann mit seinen Kollegen vom Senat nicht länger der Frage ausweichen, was ihnen das Theater wert ist.

00:00 31.01.2003

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