Was ist ein Hindu?

Aufstand im Leisen Drei Romane indischer Autorinnen zeigen, wie sich die althergebrachte Ordnung auf dem Subkontinent auflöst

Pluralismus oder Fundamentalismus - dies sei eine der Kernfragen, an denen sich nicht nur das weitere Schicksal Indiens, sondern überhaupt die politische und humane Lage auf dem Globus entscheiden werde. Dies prognostizierte Shashi Tharoor bereits in seinem letzten Buch Indien - Zwischen Mythos und Moderne aus dem Jahr 2000. Tharoor selbst hat alle Implikationen, die diese Frage mit sich bringt - unter anderem auch die nach der Öffnung zum Westen und dem Beharren auf althergebrachten Traditionen, einer "geschlossenen" Identität - am eigenen Leib erfahren: Er selbst ist 1956 in London geboren, bezeichnet sich als gläubiger Hindu, studierte in Indien und den USA, wo er auch seit 1978 lebt und arbeitet, erst als Executive Assistent von Generelsekretär Kofi Annan, seit Januar 2001 leitet er nun die UNO-Öffentlichkeitsabteilung. Noch in diesem Jahr veröffentlichte Tharoor einen so zynischen wie bitterbösen Artikel über den wachsenden Fundamentalismus und die vermehrte Bereitschaft zur Gewalt auch auf Seiten des Hinduismus - man denke nur an die grausamen Unruhen in Gujarat Anfang vergangenen Jahres.

Auch Aufruhr, der neue Roman aus der Feder dieses gelehrten homme de lettre, gilt der Auseinandersetzung mit dieser entscheidenden Zerreißprobe, vor die Indien seit einiger Zeit gestellt ist. Tharoor erhebt letztlich auch hier ein so dringliches wie hoffnungsvolles Plädoyer für das erneute und fortgesetzte Bekenntnis zur säkularen Toleranz, die der Stolz Indiens - und des Hinduismus ist. In Aufruhr - das sind nicht nur die widersprüchlichen Gefühle des Inders Lakshman, der sich in die junge Amerikanerin Priscilla Hart verliebt hat und sich vor der Entscheidung sieht, seine Ehe, seine Herkunft, sein Land und seine Religion zugunsten dieser Liebe, zugunsten eines Lebens nach westlichem Maßstab hinter sich zu lassen. In Aufruhr sind auch die religiösen Gefühle in der kleinen nordindischen Stadt Zalilgarh, in der Lakshman Bezirksdirektor ist, denn dort kommt es zur gleichen Zeit, wir sind im Jahr 1989, zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems. Auch Priscilla wird an deren Ende tot aufgefunden werden, und Tharoor stellt ihren Tod - ein gefundenes Fressen für die westlichen Medien - an den Ausgang des Romans: Die Eltern reisen nach Indien, um die letzten Lebensspuren ihrer Tochter nachzuvollziehen, die dort für zehn Monate als Mitarbeiterin einer amerikanischen Gruppe indische Frauen über Geburtenkontrolle aufklärte; ein Journalist wird für eine Story auf die Fährte der Eltern gesetzt. Dies ist die Rahmenhandlung, und Tharoor setzt die Spurensuche mittels einer Materialcollage entsprechend in Szene, indem er unter anderem fiktive Zeitungsberichte, Tagebuchnotizen sowohl der Mutter als auch von Lakshman und Priscilla, deren Briefe an eine Freundin und die Notizen des Journalisten aneinander reiht. Es ist somit ein wortwörtlich vielstimmiger Roman, aus dessen Munde Tharoor uns zugleich die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte vernehmen lässt, die derzeit am Gebilde Indien zerren. Kräfte aber, die auch im Roman letztlich auf den Widerpart von Erneuerung und Tradition einzukreisen sind.

Davon erzählt schon im Kleinen die Liebesgeschichte zwischen Lakshman und Priscilla, die in ihrer Dramatik als Liebesgeschichte allein genommen stellenweise etwas sehr dick aufgetragen, weil allzu exemplarisch wirkt - aber genau hierin auch wieder von Interesse ist. Denn Tharoor lässt sie scheitern, da Lakshman seine Rolle als indischer Mann und damit seine Herkunft aus einer der Gemeinschaft statt dem Individualismus verpflichteten Kultur über die persönlichen Gefühle und Wünsche stellt, die ihn nichtsdestotrotz an Priscilla binden. Im Roman findet diese Liebe vor den Kulissen religiöser Ausschreitungen statt - und in ihnen auch ihr blutiges Ende. Dennoch aber bilden diese den eigentlichen Mittelpunkt des Romans - und verleihen ihm sein nachhaltiges Gewicht. Denn Tharoor gelingt zweierlei: Noch einmal rollt er die Ereignisse um die sogenannte Babri-Moschee in Ayodhya auf, die 1992 von Hinduisten zerstört wurde, da die Moschee angeblich dort errichtet wurde, wo einst der Hindu-Gott Ram geboren worden sein und ihm zu Ehren ein Tempel gestanden haben soll. Für dessen Wiederaufbau riefen fundamentale Hindu-Kräfte wiederum im besagten Jahr 1989 ein Programm ins Leben, das dazu aufforderte, Ziegel mit dem Namen Ram zu brennen und für den neuen Tempel zu sammeln.

Auch argumentativ lässt Tharoor beide Seiten nochmals im Roman aufeinander treffen; eine rhetorische Schlacht, die es ihm nicht allein erlaubt, den Begriff des Hinduismus gegen die stupid verfälschende Reklamation fundamentalistischer Hardliner zu rehabilitieren, die Glauben an Stelle von Recht setzen und die Islamisierung als größte Bedrohung Indiens herbei reden. Faktenreich und doch unterhaltsam belehrt Tharoor die Leser dabei zugleich über die absurde Konstruktion solch eines Konzepts nationaler Identität, indem er fragt: was ist überhaupt ein Hindu, ein Muslim? Sprich: woraus setzt sich die Identität einer Nation zusammen? Für Tharoor ist nur eines klar: Identität ist immer auch ein Produkt von Geschichte, Geschichte aber ein Resultat von Geschichtsschreibung selbst. Und die ist nichts als Politik. Damit aber erhebt der Roman eine weitere jener Fragen, an denen sich die Zukunft der Welt mit entscheiden wird.


Auch Meera Nair inszeniert diese Zerreißprobe des heutigen Indiens zwischen der Verwurzelung in der Vergangenheit und dem unaufhaltsamen Schritt in eine westlich geöffnete Zukunft - und das am Leib einzelner Schicksale: Denn alle Figuren ihres glänzenden Debutbandes Video - zehn Erzählungen, die mit einer Ausnahme allesamt im heutigen Indien angesiedelt sind - sehen sich mit einem Verlangen nach etwas Neuem konfrontiert, das ihre althergebrachte Ordnung umzuwälzen, gar zu zerstören droht. In jeder Hinsicht programmatisch dafür ist schon die erste Titel gebende Erzählung, in der ein Muslim durch Zufall bei einem westlich orientierten Vetter zum ersten Mal in seinem Leben ein Pornovideo sieht - und fortan an nichts anderes mehr denken kann, obwohl seine Ehe fast daran zerbricht.

Wie nahe dabei Komik und Tragik liegen, das verdeutlicht Nair in manchen der Geschichten mit einer Wendung ins Groteske: So etwa, wenn der Ehemann der Begeisterung seiner Frau für die Einführung des Valentintags nur Ablehnung und Verachtung entgegenbringt, und an eben diesem Tag von jugendlichen Blumenverkäufern wortwörtlich verfolgt wird und sich nur durch den Kauf der Rosen retten kann. Oder wenn Dilip Alva die frühe Begabung seiner exzellenten Nase, jedes Gewürz zu erraten, ausgerechnet wiedererlangt, als er schon in den Staaten lebt, doch bei seiner jungen indischen Frau, der er wiederum das Kochen beibringen muss, damit nur auf pures Unverständnis stößt. Immer lässt Nair uns dabei teilhaben am inneren Kampf ihrer Figuren: an ihrem Widerspiel zwischen Wollen und (Nicht)Dürfen, zwischen Sehnen und Schuld und der bitteren Enttäuschung - wie die des kleinen Chik Chik, der für kurze Zeit in den Genuss kommt, die edlen Murmeln jenes Hotelgastes, dem er immer Frühstück bringt, berühren zu dürfen, bis dieser eines Tages ohne Abschied verschwunden ist.

Oder die der Bewohner jenes kleinen bengalischen Dorfes, die sich tagelang voller Hoffnung auf den Besuch von Präsident Clinton vorbereiten - und die eigens für ihn errichtete Toilette vom Mob erstürmt sehen, als Clinton nicht kommt. Dass Nair dabei in allen Geschichten auf eine Auflösung des Konfliktes verzichtet, verleiht ihnen gerade die Kraft - und auch ihr Geheimnis. Dies gilt vor allem für jene Erzählungen, die im Tonfall einem magischen Realismus verhaftet sind - wie die des jungen Katholiken Jesu D´Costa, der die Menschen seines Dorfes mit Sandskulpturen wortwörtlich verzaubert und sie noch zu blenden vermag, als er die Leiche einer Frau in eine lebende Skulptur verwandelt. Doch Nair, die in Indien geboren ist und seit 1997 mit Kind und Mann in Brooklyn lebt, ist dennoch fern davon, ein exotisch verklärtes Indien zu zeichnen - auch wenn sie das lokale Kolorit sinnlich einzufangen weiß. Doch wo sie einerseits einen amüsiert-neugierigen Blick wirft auf den cultural clash, mit dem sich das heutige Indien herum plagen darf, scheut sie auch nicht davor zurück, gesellschaftliche Tabuthemen anzusprechen - wie etwa den sexuellen Missbrauch eines jungen Mädchens durch den ältesten Cousin, oder den verbitterten Kampf eines alten Grundbesitzers gegen seinen durch die Bodenreform erstarkten Landarbeiter. In nüchternem Ton entlarvt auch sie in diesen (vielleicht besten) Geschichten, dass mit der starken Verhaftung im Glauben und der Tradition, von der die indische Kultur geprägt und auch zusammen gehalten wird, auch die Bereitschaft einher gehen kann, das altgediente Regelwerk notfalls mit Gewalt zu verteidigen und aus Tradition Recht abzuleiten.


Wie sehr gerade die Geschlechterrollen in der indischen Gesellschaft von strengen Vorschriften geregelt sind, lassen sowohl bereits Tharoor als auch Meera Nair erahnen. Anita Nair wiederum, die schon mit Ein besserer Mann auch in Deutschland literarisch von sich reden machte, verleiht nun in ihrem neuen Roman den indischen Frauen eine Stimme - vor allem ihrem subtilen aber unaufhaltsamen Aufbegehren innerhalb der von Männern bestimmten indischen Gesellschaft, die Frauen gegenüber zwischen ritterlicher Hofierung und patriarchaler Unterwerfung schwankt. Ladies Coupé ist der schöne, schön vielsagende Titel im Original, und darin geht es nicht nur um sechs Frauen im Alter zwischen 15 und 53, die auf einer langen gemeinsamen Fahrt in einem für Frauen reservierten Zugabteil ihre Erfahrungen miteinander teilen. Ladies Coupé erhebt auch die immer noch aktuelle, vor allem aber in Indien fast aufrührerische Frage nach dem eigenen Raum, den eine Frau für sich beanspruchen kann: Ob es möglich sei, als indische Frau allein zu leben und glücklich zu sein. Mit dieser Frage im Herzen bricht die 45-jährige Akhila zu ihrer ersten Bahnfahrt auf. Nach einem Leben, das sie als älteste Schwester dem Wohl der Familie geopfert hat, der sie Dienerin und Ernährerin zugleich war, hat sie endlich genug davon, "immer die Erweiterung der Identität eines anderen Menschen zu sein". Die Reise soll ihr Gewissheit über ihr eigenes Leben geben; sie wünscht, endlich "so zu leben, wie sie es wollte, ohne Zurückhaltung oder Angst vor Tadel", und so befragt sie neugierig die anderen Frauen nach deren Schicksal.

Jedes einzelne dieser Leben, das Nair hier mit großer Intensität einzufangen weiß, gäbe Stoff für einen eigenen Roman. Doch ob verheiratet und wohl behütet, ob im zähen Ringen mit einem tyrannischen Mann oder mit der Furcht vor dem Alter, ob profane oder existenzielle Sorgen sie quälen: eines eint die Frauen bei Nair - dass sie selbst die Stimme erheben und lernen, ihren Wünschen Ausdruck zu geben. Der westlich geprägten Leserin scheint das ein Aufstand im Leisen. Seine Kraft muss deswegen nicht weniger sein. Indien - immer noch ein Land zwischen Mythos und Moderne.

Shashi Tharoor: Aufruhr. Aus dem Englischen von Anke Kreutzer. Insel, Frankfurt am Main 2002, 332 S., 24,90 EUR


Meera Nair: Video. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Kindler 2002, 254 S., 17,90 EUR


Anita Nair: Das Salz der drei Meere. Aus dem Englischen von Angelika Naujokat. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, 368 S., 21,90 EUR

00:00 28.02.2003

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