Volker Panzer u.v.a.
Ausgabe 2613 | 02.07.2013 | 18:20 37

Was ist ein Philosophieboom?

Zeitgeist In dieser Woche findet in Köln ein Festival der Philosophie statt, die phil. Cologne. Denken liegt im Trend. Es gibt Schlimmeres, finden wir. Kritiklosigkeit zum Beispiel

Was der Fachmann vom Trend hält

Viele FachkollegInnen belächeln den philosophischen Trend. Precht und Sloterdijk sind die bevorzugten Spottobjekte. Wer mehr als 100 LeserInnen hat, gilt als suspekt – oder als eitler Fernsehphilosoph. Und wer sich anmaßt, philosophisches Geheimwissen zu verbreiten, dem droht die akademische Exkommunizierung. Abgesehen davon, dass hier oft Neid im Spiel ist: Einen Sokrates würde diese akademische Arroganz dazu bringen, den Giftbecher gleich noch einmal auszuleeren. Sokrates ist ein Vorbild, weil er ein öffentlicher Denker durch und durch war. Im stillen Kämmerlein wird aus Philosophie schlechte Esoterik. Kein Wunder, dass sich auch viele Studierende rasch wieder von der Philosophie abwenden. Als universitäres Fach hat sie jungen Leuten oft nicht viel zu sagen. Hinzu kommt, dass man Philosophie heute nicht mehr nur zum Selbstzweck studiert. Man erhofft sich von ihr den Erwerb denkerischer Qualitäten, die man fürs Leben brauchen kann: genaues Lesen und Zuhören, kritisches Diskutieren und Streiten, problembewusstes Schreiben. Dennoch: Man sollte das Plädoyer für mehr populäre Philosophie nicht mit dem Trend zur Populärphilosophie verwechseln. Wirklich gut ist Philosophie nur dann, wenn sie einem auch tatsächlich den Kopf verdreht.  Arnd Pollmann

Was die Philosophin vom Trend hält

Ist es nicht eine Freude, neben den „harten“ wissenschaftlichen Leitdisziplinen plötzlich eine luftige Liebe zur Weisheit multimediale Urstände feiern zu sehen? Philosophie ist endlich wieder dort, wo sie hingehört, nämlich ganz oben, nur mit dem Unterschied, dass sie nun im prallen Leben angesiedelt wird, statt sich im sprichwörtlichen Elfenbeinturm zu verlieren. Vor allem aber kommt sie nicht mehr griesgrämig als Kritik daher, die alles nur schlecht zu machen weiß – nun verkündet sie einladend eine neue „Lust am Denken“. Fast scheint es, dass die von Nietzsche gewünschte „fröhliche Wissenschaft“ wirklich würde. Doch verbündet mit den Meistern des Verdachts, mit Marx, Nietzsche und Freud fragt die Philosophin nach dem Woher, Wie und Warum gerade jetzt. In Zeiten der Krise steigt bekanntlich der Bedarf an Orientierung, und die Philosophie selbst bietet diese Dienste gerne an. Insbesondere Ethik ist gefragt; von der Selbstsorge bis zu Sonderkommissionen geht es nicht nur um die Frage nach dem guten Leben, sondern auch um dessen Optimierung. Instrumente dafür finden sich zwar im Arsenal der Philosophie. Gefragt scheint aber weniger eine skeptische oder gar negative, sondern eine positive, optimistische Philosophie: Sie soll geistig fit machen, damit sich die materiellen Sachzwänge besser ertragen lassen. Ein derart identifizierendes Ansinnen macht Philosophie wahlweise zu etwas, das die Verhältnisse rechtfertigt, das kompensatorisch als Hobby oder eskapistisch als eine Art säkularer Religion fungiert. Doch genauso gehört es seit ihren Anfängen dazu, Sicherheiten zu unterminieren. Geist kann insistieren, bewegen, beunruhigen, verheißen – wie es auch Derridas „Gespenster“ vorführen. Schade wäre es, wenn der geistige Hunger vorschnell gestillt würde. Ist mit ihm doch die Möglichkeit gegeben, nicht gleich vor den Fakten zu kapitulieren, sondern sich etwas darüber Hinausgehendes vorzustellen, mit dem sich ein Freiraum für Denken und Handeln zu eröffnen vermag.

Christine Blättler

Und was denkt Volker Panzer?

Ich gehe jede Wette ein, dass auf die Frage: Welchen lebenden Philosophen kennen Sie?, zuerst Peter Sloterdijk genannt wird. Und dann Richard David Precht. Beide sind „Fernseh-Philosophen“. Natürlich können auch ihre Bücher Bestseller werden. Bei Precht sogar eher als bei Sloterdijk, aber bekannt wurden sie durch ihre TV- Präsenz in Talkshows oder eigenen Sendungen. Und das nehmen viele Feuilletonisten ihnen übel. Warum eigentlich? Ist es für einen Philosophen nicht gerade notwendig, seine Sicht der Welt einem möglichst großen Publikum nahezubringen? Ja, es zuzulassen, dem Philosophen beim Denken zuschauen zu können. Als vor 14 Jahren Peter Sloterdijk im ZDF-nachtstudio zuerst seine „Regeln für den Menschenpark“ mit dem Hirnforscher und Philosophen Detlef B. Linke und dem Philosophen Walther Zimmerli diskutierte, begriffen die rund 400.000 Zuschauer doch erstmals, worum es dem Philosophen ging. Und als vor vier Jahren in der Sendung Sex statt Liebe – wo bleiben die Gefühle? die sehr blond-attraktive Schauspielagentin Heike Melba Fendel dem Philosophen etwas näher rückte und dieser leicht errötete, da sah doch jeder, dass Herr Precht gar nicht immer so cool ist, wie er gerne wäre. Oder nehmen wir den dritten landesberühmten Medienphilosophen im doppelten Sinn: Norbert Bolz. Er hat ja einerseits über die Medien geschrieben und andererseits sich in ihnen wohlgefühlt. Was mich an Bolz bis heute, wo es ein wenig still um ihn geworden ist, verblüffte, war die Tatsache, dass er jedes Mal erst einmal alle anderen Gäste taxierte, ihre Argumente abwartete und dann zielgenau pointiert dagegen sprach. Bolz brachte immer Leben in die Bude. Und warum nicht? Philosophen gehören doch auf den Marktplatz. Deshalb bedauere ich es bis heute, dass die Stillen, die über Glück, Gerechtigkeit, das gute Leben etc. pp. räsonnieren, ich denke da an Volker Gerhardt, Peter Bieri, Christina von Braun, Dirk Baecker, auch Ursula Pia Jauch, nicht viel häufiger in den sogenannten Medien auftreten. Auch wenn Philosophie mittlerweile wieder schick ist, dann gilt das nur für Print. Im Fernsehen haben sie nichts mehr zu sagen. Schade. Und nur ein einziges Mal habe ich Peter Sloterdijk sprachlos erlebt, als der viel zu früh gestorbene Detlef B. Linke ihn stoppte mit der Frage: „Was hört Hölderlin?“ Da war es still im nachtstudio. Sogar Bazon Brock, von der Wuppertaler Schule, hätte es da die Sprache verschlagen. Volker Panzer

Themenreferate

Was ist feministisches Philosophieren?

Wie Männer über Frauen denken heißt ein Buch, das Annegret Stopczyk 1980 in den Ring warf, und schon der Titel signalisiert den Entlarvungsgestus, den viele feministisch arbeitende Wissenschaftlerinnen damals antrieb. Dass die abendländische Denkgeschichte vom „Menschen und seinem Weib“ (Irene Dölling) handelte, war Anlass der Empörung, weil darin Ausschluss und geschlechtsspezifische Zuweisung zusammenfielen. Feministische Philosophie war in den achtziger Jahren noch auf agitatorische Brauchbarkeit gemünzt. Doch mit der Ausdifferenzierung und Professionalisierung feministischer Wissenschaft begannen auch Philosophinnen ihre Perspektiven auszuweiten: Die philosophische Kernfrage, was der Mensch sei, forderte eine Antwort, die dem überwölbenden kulturellen Ordnungsmuster „Geschlecht“ und der Erfahrung eigener Geschlechtlichkeit gerecht wurde: Mit welchen Bedeutungen laden Menschen „Geschlecht“ in einer historischen Situation auf? Ist den kulturellen Praxen etwas geschlechtlich Bestimmtes vorgängig? Oder ist Geschlecht, wie Judith Butler die feministische Community provozierte, ausschließlich Effekt von Diskursstrategien und damit nicht festlegbar, wie die heutige, sehr populäre queer theory annimmt? Die feministische Philosophie war und ist in das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Differenz eingespannt: Wenn die Geschlechter gleich sind, wie lassen sich dann deren unterschiedliche Erkenntnisse und Erfahrungen abbilden, die zu eben dem führen, „was Männer über Frauen denken“? Und wie soll man kulturelle Zuweisungen kritisieren, wenn man an einer grundsätzlichen Differenz festhält? Ganz abgesehen davon, dass wir gar nicht wissen können, was wir erkennen, wenn wir als Männer oder Frauen Erkennende sind. Es ist bemerkenswert, dass feministische Philosophie heute besonders dort einflussreich ist, wo es um Ethik und Gerechtigkeit geht; man denke an die lebendige Debatte über Geschlechtermoral, die unter anderen Carol Gilligan, Onora O’Neill und Herta Nagl-Docekal angestoßen haben, während Martha Nussbaum „das gute Leben“ in den feministischen Diskurs eingeführt hat. Als ob sich auf akademischem Feld wiederholte, was ohnehin zum Lehrplan von Frauen gehört.  Ulrike Baureithel

Lohnt es sich, Markus Gabriels neues Buch zu lesen?

Noch muss man die Philosophie im Berliner Kulturkaufhaus etwas suchen, sie steht um die Ecke, große Häuser sind träge, aber man hat reagiert: Warum es die Welt nicht gibt türmt sich neben der Kasse. Sein Autor, Markus Gabriel, ist ein Überflieger. War keine 30, als er Professor in Bonn wurde, seither zahlreiche Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie. Warum es die Welt nicht gibt liegt aktuell auf Platz 20 der Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch; vielleicht das erste Werk der Erkenntnistheorie, das es dahin gebracht hat. Ein Kritiker war erfreut, dass Gabriel sich nicht wie Richard David Precht lese. Kann sein. Oder auch nicht, jedenfalls liest er sich gut. Das liegt an seiner Verbindung aus Humor und Verstand, der sich gegen den Konstruktivismus richtet; es kann auch dann jemand in einen Zug einsteigen, wenn ihn grad keiner beobachtet – meint, es gibt nicht nur „Interpretationen“, sondern schon so etwas wie Tatsachen. Es liegt aber auch an seiner Lust an Paradoxien und Verschachtelungen, die man barock nennen möchte, vor allem aber liegt es an seinen Beispielen, Gabriel liebt amerikanische TV-Serien. Seine Grundthese, dass es die Welt im strengen Sinn nicht gibt, sondern nur das, was in einem „Sinnfeld“ erscheint, nimmt Anklang an Seinfeld. Eine Serie offenbar voller brillanter Selbstbezüglichkeiten. Eine Serie, die man sofort sehen möchte – nicht der schlechteste Nutzen, den ein Philosophiebestseller haben kann. Michael Angele

Was ist das Tier, wenn der Mensch auch ein Tier ist?

Ist es schon schwer genug, die vollständige Geschichte nur eines Zugvogels zu beschreiben (Birdwatcher können ein Lied davon singen), so potenzieren sich diese Schwierigkeiten noch, wenn man die allgemeine Geschichte aller darstellen will. „Die Zusammenfassung zu Arten wird daher unvermeidlich“, kommentierte Wolf Lepenies Buffons Naturgeschichte der Vögel von 1836. Diese Arten sind heute wieder ins Werden, in den Fluxus, geraten, mit bloßem Auge ist das nicht erkennbar. „Tiere, auch solche in freier Wildbahn, müssen zu Individuen mit besonderen Eigenheiten werden. Zu lange wurden sie lediglich als Vertreter ihrer Art betrachtet, sogar von Verhaltensforschern. Das machte sie austauschbar und normierte sie zum ‚arttypischen Verhalten‘, aus dem die ‚artgerechte Haltung‘ abgeleitet wurde. Das ist falsch. Erst eine ausgeprägte Individualität erzeugt Nähe“, sagt der Ökologe Josef Reichholf. Wir müssen also zusammenrücken – auch theoretisch. „Sag Du zum Gnu“ titelte die Zeitschrift Cicero. Dieser turn scheint umso populärer, als es heute primär ökologische und kaum noch ökonomische Revolutionen gibt. Angesichts der boomenden animal studies warnte die Jungle Word jedoch: Erst müssen die Menschen aufgeklärt werden, die Befreiung der Tiere sei dann Aufgabe „einer Geschichte, an der das Tier im Mensch beteiligt ist, wie auch der Mensch die Tiere mit in die Geschichte nimmt.“ Dunkle Worte! Der Wissenssoziologe Bruno Latour ist optimistischer: Bald werde man es genauso seltsam finden, „dass die Tiere und Pflanzen kein Stimmrecht haben – wie nach der Französischen Revolution, dass bis dahin die Menschenrechte nicht auch für Frauen und Schwarze galten.“ Helmut Höge

Gibt es Philosophen, die Eigenschaften von Ratten haben?

„Als Alain Badiou einmal bei einem meiner Vorträge im Publikum saß“, schreibt Slavoj Žižek, „fing plötzlich sein Handy an zu klingeln. Anstatt es auszuschalten, unterbrach er mich sachte und bat mich, doch bitte ein wenig leiser zu sprechen, damit er seinen Gesprächspartner am Telefon besser verstehen könnte. Wenn das, was Alain tat, kein Akt wahrer Freundschaft war, dann weiß ich auch nicht, was Freundschaft ist.“ Žižek und Badiou sind jedoch nicht nur ziemlich beste Freunde, sondern bilden mit Toni Negri, Jacques Rancière oder Terry Eagleton eine Art radical rat pack der Philosophie: Man zitiert sich, hängt auf Konferenzen ab und hat einen gemeinsamen Gegner: den Neoliberalismus beziehungsweise Kapitalismus. Alle reformulieren sie die Ideen der Gleichheit, der Emanzipation, ja des „Kommunismus“. Letzteres versprüht den Reiz des Radikalen und ist in der Finanzkrise ein aufmerksamkeitsökonomischer Vorteil. Finden Žižek und Badiou dann warme Worte für Mao oder Robespierre, umweht die Freundschaft eine Fama des Verbotenen. Dass Žižek, ein hyperaktiver Allesdenker, der Ideologie anhand von Toilettenschüsseln erklärt, viel gelesen wird, erstaunt nicht. Dass Badiou, der den sanftmütigen Charme eines Briefmarkensammlers besitzt, zu den meist diskutierten Philosophen der Welt gehört, erscheint dagegen erklärungsbedürftig. Sein Werk ist eine Mischung aus ontologischer Mengenlehre und kommunistisch gewendetem Neoplatonismus. Da hilft es schon, als „gefährlichster Denker der Gegenwart“ apostrophiert zu werden. Nils Markwardt

Kann das gute Leben ein künstliches sein?

„Kann man ein künstliches Hirn bauen?“ Die Debatte schwelt schon lange. Auf der phil. Cologne indes scheint man so tun zu wollen, als sei sie bereits im Sinne der Techniker des Künstlichen entschieden. An der Diskussionsrunde zum „Human Brain Project“ ist nur ein Philosoph beteiligt, Michael Pauen, der zugleich Neurowissenschaftler ist. Da er keinen Unterschied zwischen neuronalen und „mentalen“ Zuständen sieht, kann er behaupten, Freiheit (die als „mentale“, gefühlte Freiheit erscheint) und Determinismus (der erforschbaren neuronalen Abläufe) schlössen einander nicht aus. Auf die Frage, warum Künstliche Intelligenz überhaupt erforscht wird, gibt es mehrere Antworten, und manche sind beunruhigend. André Gorz hat sich in seinem letzten Buch mit manchen Professoren an US-amerikanischen Universitäten befasst, die meinen, in der Evolution sei die Menschheit nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Maschinenpopulation. Es werde zum Krieg letzterer gegen erstere kommen, und fortschrittliche Menschen müssten sich dann auf die Seite der Zukunft gegen das Überlebte stellen. In dieser Perspektive würde es gar keine Rolle spielen, ob die Künstliche Intelligenz die menschliche adäquat und vollständig nachbildet. Es würde reichen, Drohnen (und Ähnliches) zu konstruieren, die sich ihre Vernichtungsziele selbst setzen können. Und wenn die Menschen sich einreden lassen, sie seien auch nur eine Art Drohnen, sehen sie tatenlos zu. Nicht nur die Zeit fragte in ihrem Sonderheft prominent nach dem „guten Leben“, auch auf der phil. Cologne gibt es viele Veranstaltungen, die nach dem richtigen (oder guten) Leben fragen. Und dann wird da eben auch die Antwort nahegelegt, das richtige Leben werde das der Roboter sein. Indes wurde schon die 1968er-Revolte von einer Philosophin, Hannah Arendt, als „Antwort auf die Bedrohung des irdischen Lebens durch den Fortschritt der Technik“ gedeutet. Michael Jäger

Was verkaufen die neuen Philosophie-magazine?

„Liegt das gute Leben auf dem Land?“, fragt der moderne Mensch zum Beispiel. Oder: „Wie viel Ungleichheit ist gerecht?“ „Haben wir zu viele Optionen?“ „Eltern werden um jeden Preis?“ Oder (Toptitel des Monats): „Was ist guter Sex?“ – Solche Fragen stellen heutzutage viele Zeitschriften. Zufriedenstellende Antworten darauf verspricht aber nur der jüngste Zuwachs am Kiosk: die Philosophiezeitschrift Hohe Luft und das Philosophie Magazin. Letzteres wirbt mit Friedrich Nietzsches Verheißung: „Die Glücklichen sind neugierig“. Ein Abo auf das Glück, darum geht es den populär-philosophischen Blättern also. Nicht schlecht als Geschäftsidee. Sie funktioniert. In beiden Heft-Varianten. Am Ende der Lektüre weiß man zum Beispiel, dass Peer Steinbrück mit dem berühmten Philosophen Michael J. Sandel auf Englisch über Gerechtigkeit diskutieren kann. Leider habe er für diese Fertigkeiten im restlichen „Medienbereich kaum Transporteure“ und könne daher keine Werte in der Politik vermitteln. Oder, noch besser: Wir erfahren, dass wir nicht nur einfach „mehr Sex brauchen“, um glücklich zu werden, „sondern ein tieferes Verständnis davon, was guter Sex eigentlich ist.“ Und? Fragen Sie nicht, lesen Sie selbst. Wir verraten nur so viel: Das Vortäuschen eines Orgasmus widerspricht womöglich dem kategorischen Imperativ! Susanne Lang

 

Unsere Grafik veranschaulicht, wie sich die Schicksalsmächte der Philosophie zum Kulturbetrieb verhalten

 

 

Unsere Grafik veranschaulicht, wie sich die Schicksalsmächte der Philosophie zum Kulturbetrieb verhalten

 

Arnd Pollmann ist zurzeit Gastprofessor für Praktische Philosophie an der FU Berlin

Christine Blättler ist Philosophie-Professorin an der Christian-Albrechts-Universität Kiel

Volker Panzer leitete und moderierte von 1997 bis 2012 das ZDF-nachtstudio Besonderer Dank an Arnd Pollmann für die Anregungen zu dieser Seite

 

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 26/13.

Kommentare (37)

Nil 02.07.2013 | 23:33

Ich konnte hier nirgends Integrale Denker finden. Aber unterhalb eines Integralen Bewusstseins wird es nichts wirklich befreiendes geben, weil damit immer nur Teilansichten beackert werden können, statt das Ganze wahrzunehmen, um angemessene Handlungskonzepte zu entwickeln. Vor-moderne, Moderne und Post-moderne, will in einer Post-post-modernen, Post-metaphysischen und Post-rationalen Weltanschauung integriert werden. Dazu müsste man sich allerdings einen Integral methodischen Pluralismus aneignen. Auch muss man lernen zwischen vitalen, psychischen und mentalen Kräften zu unterscheiden. Und so weiter und so fort...

Roesike Axel 03.07.2013 | 04:49

Wenn Sie das selbst alles bereits begriffen haben, dann brauchen Sie ja niemanden mehr, der oder die es Ihnen erklärt. Ist doch "schön" für Sie. Philosophie allgemein hatte immer auch eine Berechtigung als Lehrform, die an Verschiedene gerichtet sein kann. Nicht nur als (mehr oder weniger esoterische) Form eines Best-Wissens oder Best-Denkens oder als allerbestes Weltanschauen. Es geht auch um kleine Fragen. — Vielleicht meinten Sie, es fehlen Ihnen die adäquaten Gesprächspartner? Gerade auf der Basis Ihrer persönlichen geistigen Entwicklung? Das wäre verallgemeinert vielleicht auch ein "sozialer Dauerbrenner". Herzlichst!

anne mohnen 03.07.2013 | 06:31

@ Roesike 1. die Idee es zu machen 2. die Perspektiven 3. ein Artikel ist das nicht

und ja 4. Kritik kann man immer üben z.B.

"ich denke da an Volker Gerhardt, Peter Bieri, Christina von Braun, Dirk Baecker, auch Ursula Pia Jauch,"

Peter Bieri hat sich offiziell als Philosoph zurückgezogen und daraus keinen Hehl gemacht, er ist jetzt als Pascal Mercier resp. Romancier in den Medien unterwegs; wer Sternstunden auf 3. Sat anschaut, kennt auch Ursula Pia Jauch, dund deren Kolleginnen (...)

Jauch will sicherlich zwischendurch mal wieder etwas schreiben und dann ist da noch die Lehre.

@ Nil

Der von Ihnen öfters zitierte Ken Wilber bedient sich in seinen Büchern der Schriften von Hegel, Habermas etc., ohne freilich immer so "pingelig genau" die Quellen anzugeben. Wer die Originalschriften kennt, erkennt weniger "das Integral", eher den Aufguss.

Nils Markwardt 03.07.2013 | 08:28

Peter Sloterdijk muss man aber auch zugute halten, dass er bereits lange vor seiner Fernsehkarriere eine gewisse grenzüberschreitende Prominenz besaß. Dank Mundpropaganda:

"Das vierte Buch schließlich, das ich jedoch nicht gelesen habe, auf das man mich erst kürzlich hingewiesen hat und das letztes Jahr in Deutschland bei Suhrkamp erschien, ist von jemandem namens Sloterdijk und trägt den feierlichen Titel Kritik der zynischen Vernunft. Keine Vernunftkritik wird uns erspart bleiben, weder die der reinen noch die der dialektischen noch die der politischen. Und nun haben wir eine „Kritik der zynischen Vernunft“. Es ist ein zweibändiges Werk über das ich nichts weiß. Man hat mir sozusagen auseinanderstrebende Meinungen über die Bedeutung dieses Buches mitgeteilt. Jedenfalls steht fest, dass man in der zeitgenössischen deutschen Philosophie seit dem Krieg eine richtige Problematisierung des Kynismus in seinen antiken und modernen Formen findet." Das sagt Michel Foucault - in seiner Vorlesung am Collège de France am 29.02.1984.

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Ehemaliger Nutzer 03.07.2013 | 16:43

Hast du auch hinreichend gesucht, nach integralen Denkern, oder nur das Unfreie nach dem Freien differenziert. Die Crux ist, dass jedes Ganze eben doch immer nur ein Teil ist, andererseit kann ich wenigstens mit philosophischem Fug und Recht jeden Teil als Ganzes betrachten, jedes Teil sowieso. ich habe gelernt zu unterscheiden:

ceterum censeo: es ist alles viel schlimmer in Deutschland als man denkt, diese Leute sind nicht integer, aber integrer Bestandteil des Integrals dieser Gesellschaft, so funktionieren sie.

https://www.freitag.de/autoren/justizverfolgung/skandaloeses-aus-der-justiz-ein-aufruf

anne mohnen 03.07.2013 | 19:56

Wie wäre wohl das Urteil Foucaults ausgefallen, wenn er denn tatsächlich das zweibändige Werk Sloterdijks gelesen hätte. Sloterdijk steht der Zeit wie kein zweiter deutscher Philosoph für „Selbstbehauptung“.

Hier eine famose Rezension aus den 1983 Jahren von Reinhard Merkel. Merkel ist ja nicht nur ein renommierter Jurist, sondern hat seine Feder (Literaturstudium) an Karl Kraus geschult.

Nil 03.07.2013 | 20:11

Aufguss?

Ich sehe, Sie haben absolut keine Ahnung. Dabei könnten Sie sehr leicht bei Wiki z. B. brauchbare Informationen über die Arbeiten Wilbers bekommen, wenn Sie schon ein Kommentar über Wilbers Integrale Theorie loswerden wollten, nicht wahr? Ich hatte ihn nämlich gar nicht erwähnt. Sie dürfen es aber gern noch einmal probieren, nachdem Sie sich selbst in die Lage gesetzt haben dazu, denn dann wissen Sie wenigstens in groben Zügen über den Gegenstand Ihrer eigenen Kritik bescheid, nicht wahr?

Nil 03.07.2013 | 20:53

Was haben Sie von Wilber gelesen? Haben Sie überhaupt gelesen, was ich oben geschrieben hatte? Und wenn, haben Sie auch den Inhalt verstanden? Tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass Sie genug kennen, um eine glaubwürdige Kritik zu verfassen. Sie können natürlich machen was Sie wollen, aber dann müssen sich auch anhören, dass Sie auf dem Holzweg sind und das alles hat nichts mit unentspannt sein zu tun?

Roesike Axel 03.07.2013 | 22:45

Sie können übrigens auch auf die Kommentarfunktion unter dem Kommentar klicken; dann müssen Sie den Namen des Angesprochenen nicht extra eintippen und keine Massenantworten in einem Kommentar zusammenfassen.

Seit wann nennt man Beiträge in einer Zeitung, wenn auch online, nicht mehr "Artikel"? Hätte ja sein können, dass Sie den Artikel über das event toll finden. Warum nicht. Es kommt ja nicht jeder nach Köln. Und hat trotzdem Interesse.

Wie meinen Sie das mit der Kritik? Kritisieren Sie da Bieri?

Mir kann es ja egal sein. Immerhin weist Bieri auf eine sehr wesentliche Tatsache hin: man kann als Schriftsteller noch mehr soziale Resonanz erfahren als im Amte eines ordentlichen Professors für Philosophie. Und die verdienen ja schon einige Tausender im Monat, plus Prestige und Anerkennung der Person etc. In gewisser Weise doch auch ein Hoffnungszeichen: da draußen ist auch noch was, wenn nicht sogar noch mehr… Eco war immer ähnlich vorbildlich, in dieser lebendigen Synthese von kreativem Schaffen und Lehren.

Roesike Axel 04.07.2013 | 07:22

Morgen Stund hat Gold im Mund. Wie schön.

Apropos ›Popanz‹ : kennen Sie schon meinen »Lyrischen Bogen«. Ohne dass ich mich hier wichtig machen möchte. Aber die Gedichte "Die unaufrichtige Lüge", "Anleihe afrikanisch – fahl" und "Die Nachstellung – durchdringend" müssen Sie einfach zum Stichwort lesen. Und vielleicht die "Randnotiz Vier – Erster Schoten Zyklus – Aporie" zum Kontext. Es soll natürlich kein Zwang sein, wenn ich schreibe, das müssen Sie einfach lesen… Aber eigentlich würde ich mich über Ihre Meinung freuen.

We are the Boom of Philosophy ! Keep cool, keep straight !

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Ehemaliger Nutzer 04.07.2013 | 09:26

Zeitgeist sponsored by Lanxess (lancer & success), oder:
Hauptsache die Chemie stimmt...

>

„Das neue Philosophie-Festival schärft die Sinne und erweitert den Horizont. Denn nur wer offen ist für Neues oder Anderes wird auch innovativ denken und handeln können.“ Das Engagement bei der phil.COLOGNE eröffne dem Konzern – ähnlich wie bei der großen Schwester, der lit.COLOGNE – einen besonderen Weg, sich für die etwas andere Art der Wissensvermittlung einzusetzen, so van Roessel weiter. LANXESS ist bereits seit 2010 Hauptsponsor von Europas größtem Literaturfestival. „Darüber hinaus unterstreicht unsere Beteiligung an dem neuen Philosophie-Festival unser klares Bekenntnis zu unseren Wurzeln hier in NRW und zu unserer künftigen Heimatstadt.“ Am 3. September wird LANXESS seine neue Konzernzentrale, den LANXESS Tower, am Kennedyplatz 1 in Köln-Deutz offiziell einweihen.


„Wir freuen uns sehr, die LANXESS AG als Hauptsponsor für die phil.COLOGNE gewonnen zu haben und wünschen uns, dass das großartige Publikum der lit.COLOGNE auch diesem Schwesterfestival mit großer Aufmerksamkeit und Enthusiasmus begegnet“, sagt Rainer Osnowski, Geschäftsführender Gesellschafter der lit.COLOGNE GmbH.

<
http://lanxess.de/de/corporate/nachhaltigkeit-home/kulturfoerderung/lokales-engagement/philcologne/

Was sagt uns das?

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Ehemaliger Nutzer 04.07.2013 | 10:00

So´n langer Beitrag mit interessanten Betrachtungen von verschiedenen Autoren und kein link zur Veranstaltung...

Die Philosophie ist wieder gefragt: Die Welt, in der wir leben, war noch nie so komplex wie heute. Nahezu alles Selbstverständliche hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Es wird immer komplizierter, sich im Dschungel aus Wahlmöglichkeiten zu orientieren und den eigenen Weg zu finden. Dies war der Ansatz für die Gründung dieses neuen Festivals, dem Schwesterfestival der lit.COLOGNE. Grundidee ist, die Philosophie in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und somit der allgemeinen und zusehends stärker werdenden Lust an philosophischen Fragen zu begegnen.
[...]

Richard David Precht bestreitet mit „Wozu Philosophie?“ die Auftaktveranstaltung. Der Psychiater Johann Friedrich Spittler diskutiert mit der Philosophie-Professorin Petra Gehring die Frage „Gibt es ein Recht zu sterben?“. Robert Pfaller trifft auf Harald Welzer und die beiden erörtern die Frage „Darf’s ein bisschen mehr sein? – über Genuss, Verzicht und das richtige Leben“.

In der Veranstaltung „Was macht Fußball schön?“ ergründet Gunter Gebauer, Deutschlands führender Sportphilosoph, gemeinsam mit dem Trainer und Erfinder der „Freiburger Fußballschule“ Volker Finke die wahren Tiefen des Spiels. Der französische Philosoph Alexandre Lacroix lädt zum kleinen Versuch über das Küssen ein.

44 Veranstaltungen an fünf Festivaltagen, davon 37 Veranstaltungen im Erwachsenenprogramm, 7 Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche – das ist die erste phil.COLOGNE in Kurzform.

[...]

Weitere Kooperationspartner sind das „Philosophie Magazin“ sowie der Kölner Stadt-Anzeiger.

Alleiniger Hauptsponsor des ersten Philosophiefestivals ist die LANXESS AG.

http://www.philcologne.de/nc/startseite/

Sieht für mich wie ein lancessierter Philosophieboom aus.
Cleveres Marketing kann ich nur sagen.
Da wird auch noch Sport – bzw. Fußballphilosophie integriert, wow. Kann aber nicht überraschen, denn in Köln gibt es ja seit Jahren die Lanxess Arena, da spielen neben dem VFL Gummersbach auch die Kölner Haie, beim FC hängen die bestimmt auch drin...
Und dieses Jahr wird noch der Lanxess Tower fertig und seiner Bestimmung übergeben, das wird wohl der Höhepunkt der kommunalkulturellen Ereignisse mit landesweiter Bedeutung...

Schade, daß kein kulturphilosophischer Beitrag dabei war, der den Einfluss von (DAX) Konzernen wie Lanxess am konkreten Beispiel philcologne (als Ableger der litcologne mit dessen - welch Überraschung - Hauptsponsor Lanxess) mal kritisch auf´s Korn nimmt, denn:
SO wird heutzutage LEITKULTUR gemacht.
(durch ein gesponsortes und medial gepushtes Event wird entlang von Bestsellerlisten und anderen selbstreferentiellen „Belegen“ ein Philosophieboom ausgerufen – der sich nicht nur für die Auftretenden bezahlt machen wird, denke ich)
Und ich dachte beim Thema Philosophie ginge es auch um Kritik an deren Vermarktung in einem Meinungsmedium und dessen Forum.

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Ehemaliger Nutzer 04.07.2013 | 10:44

Man fragt sich, wer war von den AutorInnen eigentlich auf der philcologne, wo es doch einige interessante Dispute gegeben haben muß, von denen kein einziger hier erwähnt wird?
Wie z.B.
„Was tun?!“

Die moderne Arbeitswelt ist – in gewisser Hinsicht – so human wie nie zuvor. Körperlich ruinöse Arbeit nimmt Dank zunehmender Automatisierung ab, die Möglichkeit kreativen Tätigseins hingegen zu. Moderne Kommunikationsmittel erlauben Flexibilität, familienfeindliche Präsenzpflicht gehört mehr und mehr der Vergangenheit an. Doch die Entwicklung hat eine Kehrseite: Der hoch motivierte Leistungsträger befindet sich chronisch nah am Kollaps, weil grenzenloser Einsatz gefordert ist; seine (vermeintliche) Selbstverwirklichung stellt eine perfide Form der Selbstausbeutung dar. Das andere Extrem bildet der Arbeitslose, der sich – aufgrund des hohen ideellen Werts der Arbeit – unwert, nicht existent fühlt. Welcher Weg führt aus der Krise? Sollte der Mensch in der Arbeit oder von der Arbeit befreit werden? Es diskutieren der Sozialphilosoph Oskar Negt („Nur noch Utopien sind realistisch“) und Sahra Wagenknecht, Vizevorsitzende der Partei Die Linke („Freiheit statt Kapitalismus“).

Oder das

„Gastmahl“

Ist Eros ein anderer in Zeiten des Speed-Dating? Wie steht er der Befreiung der weiblichen Libido gegenüber? Und was würde der Gott der Liebe eigentlich einem Menschen raten, der Angst hat vor einem haltlosen „Falling in Love“? In seiner legendären Schrift „Das Gastmahl“ erzählt Platon von einer Runde illustrer Philosophen, die, anfangs noch nüchtern, am Ende aber volltrunken, reihum eine Lobrede über den Eros halten. Aristophanes etwa gibt den berühmten Mythos vom zweigeteilten Kugelmenschen zum Besten, Sokrates philosophiert über den Eros als Dämon … Doch welche Sicht haben Philosophen – und Philosophinnen – eigentlich heute auf die Liebe, die Lust und den Eros? Bei der Neuauflage 2013 trinken und philosophieren: die Autoren Ariadne von Schirach („Der Tanz um die Lust“), Tilman Rammstedt („Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“), der Prüderiefeind und Genussfreund Robert Pfaller und die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken.

(aus dem Programmheft)

Da wird „Kritiklosigkeit“ als das Schlimmere vorgestellt, aber der längst vergangene (daher Gebrauchswert der Beiträge für Online-LeserInnen nahe null) Gegenstand der Kritik verschwindet hinter den Anmutungen der philosophisch gemeinten Beiträge im vorgefassten Allgemeinen, dessen Verhandlungsort schon immer der Markt - der Meinungen - war.
Sprach nicht Sokrates schon von der Philosophie als Mittel der Unterscheidung von Meinen, Wissen und Weisheit, am Beispiel der Poietik und des Eros?
Was also haben Arbeit und Eros gemeinsam und worin liegt das je Besondere der Lust heute, die diese beiden Welten ursprünglich verbindet?

Das Verbindungs-Wort kommt im Programm ganze 2 Mal vor, ansonsten nur im Verbund mit z.B.
Orientierungsver-LUST.

SchrittmacherM 04.07.2013 | 13:31

Die Hoffnung darauf ist verlockend und schmackhaft. Aber die Anthropotechniken seien ja gerade die Strategie, ein "Erwünschtes" in den Vordergrund zu stellen, damit andere Realitäten dadurch verdrängt werden.

Das "integrale" ist deswegen nicht populär, weil daraus kein Ideal / keine Utopie wenigstens gedacht werden kann, damit eine Hoffnung gefüttert wird. Die Komplexität solcher Konstrukte wäre auch schwer verdaulich.

Was aber nicht bedeutet, dass man einmal nicht doch so vorgehen könnte.

Nils Markwardt 04.07.2013 | 15:08

Freilich schwer zu sagen, wie er geurteilt hätte. Zumal Foucault ja bereits vier Monate später verstarb. Immerhin ist beiden ja aber gemeinsam, dass Ihnen - bei Foucault zumindest phasenweise - das Label des „Philosophen-Hallodri“ (taz) anhaftet(e).

Die Rezension von Merkel ist tatsächlich ziemlich luzide und trifft sicherlich auch viele richtige Punkte. Indes würde ich diese harsche Kritik an der „feuilletonistischen Artistik“ Sloterdijks dennoch nicht teilen wollen. Denn ich gestehe, dass ich seinen Stil einfach sehr mag. Im akademischen Deutschland galt dieser ja leider lange als tendenziell verdächtig. Allein aus diesem Grund hätte es hier wohl auch niemals einen Derrida oder Deleuze geben können.

Denn unabhängig davon, ob man mit Sloterdijk in inhaltlichen Fragen übereinstimmt, hat es doch, meine ich, einfach einen ästhetischen Mehr- und vielleicht sogar Eigenwert, wenn man (zufällig aus dem nächstliegenden Band herausgegriffene) Sätze wie diese liest: „Gewiß, aus der Sicht der älteren Tradition müsste die Wetterberichterstattung, wie wir sie kennen, bereits als eine Form von Verführung zur Blasphemie erscheinen, weil sie Menschen zu der Unverfrorenheit aufreizt, eine Meinung zu haben über etwas, worin man sich der metaphysischen Orthodoxie gemäß nur in der Haltung stummer Ergebung fügen dürfte. Für die Alten gilt: Wie Geburt und Tod kommt das Wetter von Gott allein.“

anne mohnen 04.07.2013 | 18:06

Lieber Nils Markwardt,

aber sicher bleibt es bleibt Ihnen doch unbenommen Sloterdijks Stil zu mögen.;)) Sein letztes Werk hat durch die Bank gute Kritiken bekommen. Mir stoßen seine politischen Statements sauer auf. Ich denke, dass könnte dem Reinhard Merkel heute auch noch so gehen.

Und zum „Wetter“? Der Mann hat seinen Nietzsche gelesen, doch der wiederum hatte in seiner Religionskritik mehr Ahnung von dem, was er für tot erklärte. "Wie Geburt und Tod kommt das Wetter von Gott allein.“ Von welchen Alten spricht er denn da? Das Mittelalter?

Die französische Philosophie und die deutsche Philosophie möchte ich nicht gegeneinander ausspielen wollen. Zum einen haben die unterschiedliche Wege genommen, sodass eine dezidierte Rezeption des sogenannten Deutschen Idealismus‘ erst Mitte des letzten Jahrhunderts in Frankreich einsetzte. Und dann ist die Wirkmächtigkeit von Nietzsche und Heidegger auf die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts unbestritten.

Es gibt ein sehr interessantes Interview, das Hubert L. Dreyfus & Paul Rabinow 1983 an der Universität Berkeleymit Foucault führten. (Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow. Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Mit einem Nachwortvon und einem Interview mit Michel Foucault. Frankfurt a. Main 1987; S.265-292). Da lernt man nochmal in nuce den Kantianer Foucault kennen, an dem ich vor allem schätze, dass er sich gegen die Vorstellung eines „stetigen Niedergang“ des Abendlandes“ verwahrte. Das stößt mir ja am meisten auf: Philosophen des Untergangs. Leider finde ich auf die Schnelle jenes Interviewbzw. Urteil Foucaults nicht, das er kurz vor seinem Tod gab, und sinngemäß lautete: Hätte er die Frankfurter Schule eher kennengelernt, so hätte er sich vieles einsparen können.

Nun Deleuze: Was wäre der ohne seinen Nietzsche. Deleuze zeigt in seinen Vorlesungen, wie gut er die deutsche Philosophie kennt, und ja, er zeigt darin durchaus einen systematischen Zugriff auf Themen. Und dann ist da Derridas Heidegger-Lektüre, die spätestens bei seiner Auseinandersetzung mit Lévinas diskutiert werden muss.

Überhaupt haben die Franzosen dem Unhold Heidegger ja nach dem Krieg zur Rehab verholfen.

Nein, nein, lieber Herr Markwardt, da ist eine Menge Respekt auf beiden Seiten.

In Erwartung neuer schöner Texte,

Ihre am

anne mohnen 04.07.2013 | 18:29

Waren Sie da?

Pfaller und Welzer - zwei, die sich in Szene setzen können: sicherlich sehr unterhaltsam, wobei Pfaller sich ja ganz besonders gerne reden hört. Welzer war bestimmt der Bissigere, Drahtigere von beiden, oder? Das war sicherlich sehr unterhaltsam.

Wie ich überhaupt finde, dass das "Salonige" der Philosphie gut täte.

Und, hey, der "Sportphilosoph", wie er ja spöttisch an der FU genannt wurde, ist ein den Studenten und Studentinnen sehr zugewandter Professor.

LG am

Nils Markwardt 04.07.2013 | 18:45

Liebe am,

Sie haben natürlich Recht. Denn ich wollte die deutsche und französische Philosphie freilich keineswegs gegeneinander ausspielen. Das wäre Unsinn. Zumal die Rehab von Heidegger tatsächlich vor allem in Paris geleistet wurde. Meine - etwas dahin geworfene These - bezog sich lediglich auf leichte atmosphärische Differenzen im akademischen Apparat. Denn ich glaube, dass jemand mit dem stilistischen Duktus eines Derrida oder Deleuze (man erinnere sich an den legendären Anfang von Mille Plateaux) seiner Zeit in Deutschland wohl durchgefallen wäre. Wobei das Derrida, wie Benoit Peeters in seiner jüngsten Biographie nochmals sehr eingängig beschreibt, in Frankreich auch beinahe passiert wäre. Die These ist also, zugegeben, eher wacklig. :)

Beste Grüße

NM

Nil 04.07.2013 | 22:03

Es wird geschätzt, das etwa 2 bis 3 Prozent der Weltbevölkerung, sich von einem Bewusstsein des pluralistischen Relativismus aus, hin zu einem universellen Integralismus entwickelt hat. Also die integrale Bewusstseinsstruktur bereits realisierten.

Ken Wilber über seine Arbeit:

"Eins wurde mir sehr deutlich, als ich in einer intellektuellen Atmosphäre die darauf ausgerichtet ist, alles zu dekonstruieren, was ihr über den Weg läuft, um die beste Vorgehensweise rang: Ich würde einen Schritt zurücktreten und noch einmal von Vorne beginnen müssen, indem ich ein Vokabular für eine konstruktivere Philosophie schuf. Jenseits des pluralistischen Relativismus ist universeller Integralismus zu finden - ich bemühte mich daher, eine Philosophie des universellen Integralismus zu entwerfen.

Anders gesagt, suchte ich nach einer Weltphilosophie. Ich suchte eine integrale Philosophie, die auf glaubwürdige Weise die vielen pluralistischen Zusammenhänge aus Wissenschaft, Moral, Ästhetik, östlicher wie westlicher Philosophie und den großen Weisheitstraditionen der Welt miteinander verknüpfen würde. Nicht auf der Detailebene - das ist letztendlich unmöglich - aber auf der Ebene der Orientierungs-Verallgemeinerungen: um aufzuzeigen, dass die Welt tatsächlich eins ist, ungeteilt, ganz und in jeder Hinsicht mit sich selbst verbunden: eine holistische Philosophie für einen holistischen Kosmos: eine Weltphilosophie, eine integrale Philosophie."

Das integrale Forum in Deutschland

Was ist integral?

Der Begriff "integral" hat unterschiedliche Bedeutungen. Im Rahmen der Verwendung des "Integralen Forums" beziehen wir uns dabei auf eine Weltsicht und Methodik, die den Anspruch hat auf der Höhe des jeweiligen Wissens- und Erkenntnisstandes ein dynamisches, und mit dem Wissensfortschritt wachsendes Erklärungsmodell für die Wirklichkeit, das Leben, den Menschen, das Sein und die Welt zu liefern.

Die meisten Philosophen und ForscherInnen haben versucht, das Wissen ihrer Zeit zusammen zu fassen und ihren Zeitgenossen zu vermitteln, auf einem Spezialgebiet, in der Verbindung mehrerer Spezialgebiete, oder in der Integration aller Erkenntnis ("Universalgelehrte"), mit dem (ausgesprochenen oder unausgesprochenem) Ziel einer "Theorie von Allem".

Dies ist auch das erklärte Ziel der integralen Theorie (und Praxis) Ken Wilbers, dessen Arbeit wir als einen Ausgangspunkt (und nicht als Endpunkt) unserer Bemühungen eines umfassenden Modells der Welterklärung betrachten.

Dabei geht es nicht (nur) um ein philosophisches oder akademisches Interesse, sondern es geht vor allem darum, dieser Welt und den Lebewesen die sie bevölkern bessere Möglichkeiten aufzuzeigen und "Landkarten" an die Hand zu geben, um auf einem begrenzten Planeten ein sinnvolles, würdiges und liebevolles Leben miteinander zu führen.

Ken Wilber schlägt fünf gleichwertige und allgemeine Kategorien zur Beschreibung von Wirklichkeit vor:

Quadranten (Quadrants)

Entwicklungsebenen (Developmental Altitude)

Entwicklungslinien (Lines of Development)

Zustände(States)

Typen (Types)

Die englischsprachige Abkürzung dafür ist AQAL (sprich:"ah-kwal") und steht für "all quadrants, all levels, all lines, all states, all types".

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Ehemaliger Nutzer 05.07.2013 | 10:10

Nein, ich war nicht in Köln. Zu lange Anfahrt, zu teurer Eintritt und das Angebot – bis auf die zwei herausgepickten – für mich nicht von so großem Interesse, daß ich mich auf den Weg gemacht und mir eine Unterkunft besorgt hätte. Es reicht mir darüber im Feuilleton zu lesen, Talkshows u.Ä. meide ich.
Ansonsten unterstütze ich seltenst die Eventisierung und Promisierung des Kulturbetriebs in Gestalt von Festivals dieser Größenordnung, erst recht wenn sie die Welle des sog. Philosophiebooms absatzmäßig nach oben treiben sollen.
In der Breite sehe ich da, auch bei Pfaller und Welzer, nichts Neues – nur zweite und dritte Aufgüsse der Vorgängergeneration, was leider in der Literatur ebenso überwiegend der Fall zu sein scheint, soweit ich diese beobachten kann.
Pfallers These von der neoliberalen Lustvermeidung finde ich ganz sympathisch, wenn ich mir allerdings ansehe, daß seine Anti-Bevormundungs-Initiative „Mein Veto“ von Tabak – und Bierkonzernen gestützt bzw. gesponsort wird, dann reduziert bzw. zentriert sich sein Verständnis von Lust letztlich doch wieder auf die der KonsumentInnen, auf Konsumlust – weia, was sich da für eine „philosophische“ Grundlage seines Denkens entpuppt...
Welzer kenne ich noch aus Studientagen. Sein Engagement zum Klimaschutz ist bemerkenswert, die kritischen statements zu Kapitalismus, Konsumismus und Fortschritts/Wachstumsideologie lesenswert. Neu ist das jedoch nicht, man merkt an allen Ecken, daß er Soziologe und Sozialpsychologe ist – Bourdieu u.a. lassen grüssen.
Beispielhaft bekannt wurden beide durch populärwissenschaftliche Publikationen, die mit philosophischem Duktus daherkommen – ihr wissenschaftlichen Beiträge wurden dagegen kaum beachtet und besitzen innerhalb der akademischen Debatte n.m.E. auch keinen besonderen Stellenwert.
Überhaupt kann ich keine „neue Lust am Denken“ entdecken, sondern nur eine offenbar aufgehende Marketingstrategie für leichter konsumier – und kommunizierbare philosophische Lektüre, herunter gebrochen bis in die Kinder – und Jugendliteratur.
Das gab es früher schon mal, z.B. das Büchlein „Die philosophische Hintertreppe“ für Erwachsene und Gaarders „Sophies Welt“ für Kinder und Jugendliche. Nun ist wieder mal Philosophiekonjunktur, als eine Art rhetorischer (oft sophistischer) Gegentrend zum inhaltlich entleerten PC – und neoliberalen Worthülsen & Politsprech dieser Tage, auf die keine/r mehr LUST hat – eben...

anne mohnen 05.07.2013 | 22:40

Ich finde schon, dass der Philosophie so eine Veranstaltung gut tut und auch Vertreter, die nicht so "hardcore" mäßig daherkommen. Weischeidel ist mir schon rein zeitlich zu weit weg. Allerdings hat er nicht nur seine Zeit mit philosophischen Hintertreppen vertan, sondern maßgeblich an einer Kantausgabe mitgewirkt.

In Frankreich ist man entspannter, was die Popularisierung von Philosophie anbelangt. Das hat dort Tradition. Für Sartre, Camus, Derrida, Deleuze, Foucault, de Beauvoir etc. war es kein Widerspruch, öffentlich wirksam zu sein. In Deutschland ist Habermas eher die Ausnahme.

Was mein Interesse anbelangt, so sind es Theorien über Gerechtigkeit. Und alles was mit der "Zeit", dem Gedächtnis zu tun hat; hier ist dann auch für mich der Konnex zu den Naturwissenschaften.

Ich habe den „Artikel“, die Beiträge gerne gelesen, insbesondere den von Frau Baureithel, da ich mich in der Feministischen Philosophie nicht so gut auskenne, was ich für ein Defizit halte -inzwischen.