Was ist geschehen?

Im Kino "Weiße Raben" dokumentiert das Schweigen ehemaliger Tschetschenien-Krieger

Seit zehn Jahren wird in Tschetschenien Krieg geführt, auch wenn die jetzige russische Führung lieber - in Angleichung an US-amerikanische Gepflogenheiten - vom "Kampf gegen den Terrorismus" spricht. Die relative Gleichgültigkeit bei uns dürfte viele Gründe haben: Abstumpfung, Opportunismus, Relativierung. Schließlich ist Tschetschenien nicht der einzige Krisenherd auf der Welt. Doch auch in Russland selbst wird der glücklose Krieg im Kaukasus verschwiegen und verdrängt - und die, die aus ihm zurückkehren, werden nicht als Helden empfangen, sondern abgeschoben in die Dunkelkammern einer Gesellschaft, deren militaristisches Werteprogramm sie eigentlich bereitwillig erfüllen wollten: Alkohol und Drogen, Psychiatrie, Selbstmord, Gefängnis.

Explizit angesprochen wird der russische Militarismus im Dokumentarfilm Weiße Raben nicht. Auch Tschetschenien selbst bleibt außen vor - wohl nicht nur, weil Dreherlaubnis für dort kaum zu bekommen ist. Stattdessen rollen die Filmemacher Johann Feindt und Tamara Trampe den Krieg von hinten auf. Ihre Helden sind jene "weißen Raben" (wie sie ein Soldat im Vorspann nennt) die oft nach nur wenigen Monaten als Krüppel an Körper und Seele aus dem Krieg zurückkehren und erst einmal familiäre - genauer mütterliche - Pflegefälle werden.

Petja etwa aus Sibirien ging mit 18 freiwillig zur Armee. Gleich nach der Grundausbildung wurde er nach Tschetschenien geschickt und verlor vier Monate später durch eine Mine Arm und Bein. Was in seinem Inneren zerstört wurde, kann man nur ahnen, wenn er in der engen Familienwohnung auf dem Sofa sitzt. "Was kommt, kommt", sagt er, "ich kann nichts ändern." Die Eltern wollen ein Haus für ihn bauen und eine nette Frau finden, dann wird schon alles gut. Kiril wurde eingezogen, im Kaukasus geriet er bald in Gefangenschaft, konnte aber fliehen. Äußerlich scheint er unversehrt, als die Mutter ihn im Krankenhaus besucht. Doch sein Schweigen ist unheimlicher als ein fehlendes Bein. Als er irgendwann entlassen wird, erfüllt er die "Normalität" perfekt, schmiedet Heiratspläne und findet sogar eine Arbeit als Wachmann. Nur sein leerer Blick lässt Abgründe erahnen. Bald sitzt er in einer Käfigzelle, verurteilt zu fünfzehn Jahren.

Warum sie in den Krieg gegangen sind? Um sich endlich die eigene Wohnung leisten zu können, für die der Lohn daheim nicht reicht. Um eine Familie gründen zu können. Weil es dazu gehört. Und: Um ein richtiger Mann zu sein, in einer Gesellschaft, in der nicht viel anderes geblieben ist, was zählt - und Abweichendes keinen Ausdruck findet. So bekommt Tamara Trampe auch keine Antworten auf ihre insistierenden Fragen nach den Kriegserlebnissen selbst. Was ihnen zugestoßen ist? Was sie getan haben? Schweigen. Einen Schritt weiter ist da Sergej, ein Afghanistanveteran, der nach zwei Jahrzehnten und einer Therapie endlich von den Alpträumen erzählen kann, die aus der Kriegswirklichkeit geboren wurden.

Gespiegelt werden diese Schicksale in den Fotos zweier Frauen, vermutlich gefangene tschetschenische Kämpferinnen, die die Filmemacher ihren russischen Gesprächspartnern vorlegen. Was meint ihr, wird mit den Frauen geschehen? Leben sie noch? Die Antworten - mehr noch die Art, wie sie gegeben werden - verstören als Abbild des vereisten Gefühlsklimas einer Gesellschaft ohne Mitgefühl. Auch die von hiesigen Medien oft als Repräsentantinnen pazifistischen Widerstands präsentierten Frauen vom Komitee der Soldatenmütter lassen sich in ihre Büroroutine nur widerwillig für die Erörterung solcher Nebensächlichkeiten stören.

Tamara Trampe und Johann Feindt haben beide eine eigene Beziehung zum Thema: Trampe wurde in der Ukraine geboren, ihre Eltern waren selbst Traumatisierte von den Kriegserfahrungen in Roter Armee und spanischem Bürgerkrieg. Johann Feindts Vater war als Nazi im Weltkrieg. Vielleicht auch wegen dieses Hintergrunds versuchen die Filmemacher, einfache Täter-Opfer-Zuschreibungen zu brechen, etwa, indem sie das Erzählkontinuum durch kurze eingeschnittene Sequenzen in die jeweilige persönliche Vergangenheit öffnen. Eine durchaus gelungene Methode, auch wenn manche dieser Montagen rhetorisch etwas überladen scheinen. Oder ist das nur unsere eigene Projektion? Die emotionale Anteilnahme besonders von Gesprächsführerin Tamara Trampe ist gegen Ende immer deutlicher erkennbar. Aber das ist in Ordnung. Denn es wird mit offenen Karten gespielt.


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00:00 02.12.2005

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