Was ist neu bei Rossini?

Revolution in Zeiten der Restauration Das Rossini-Festival im italienischen Pesaro arbeitet seit Jahren erfolgreich daran, dem als heiter verschrienen Komponisten die Würde der Ernsthaftigkeit zurückzuerobern

Das Rossini Opera Festival in Pesaro, der Heimatstadt des Komponisten, ist zu einem internationalen gesellschaftlichen Ereignis geworden, ohne dass (bisher) das alte Publikum vertrieben beziehungsweise der erworbene Schatz an Erfahrungen und Kennerschaft Marktbedürfnissen preisgegeben worden wäre. Es kommt selten vor, dass ein Festival, das vor 25 Jahren auf höchstem Niveau (Abbado, Pollini, Daniele Gatti, Ponnelle, Ronconi und andere) begann, seine Vitalität bewahrt. Alberto Zedda, heute der bedeutendste Rossiniinterpret und künstlerischer Leiter in Pesaro, erklärt das Geheimnis: "Wir haben nicht nur ein Publikum gewonnen und die Kritiker überzeugt, wir haben mit den Sommerkursen der Rossini-Akademie, die fester Bestandteil des Festivals sind, auch Künstler ausgebildet. Als wir anfingen, gab es gerade ein Dutzend Sänger, die Rossini singen konnten. Heute haben wir mehr Talente entdeckt, als wir in Pesaro beschäftigen können."

Pesaro exportiert Künstler und erobert auf diese Weise in der ganzen Welt Dirigenten, Intendanten, Sänger und ein neues Publikum für Rossini. Musterbeispiel ist Die Reise nach Reims, eine vergessene, über hundert Jahre nicht mehr gespielte Oper, die Abbado und Ronconi 1984 so erfolgreich in Pesaro aufgeführt hatten, dass sie zusammen mit Der Barbier von Seviglia heute zu den meist gespielten Werken Rossinis zählt. Das ist möglich, weil inzwischen viele Sänger/innen den von Verdi und Wagner völlig verschiedenen, besonderen stimmlichen Ausdruck, den Rossini verlangt, beherrschen und man nicht mehr auf wenige Spezialisten mit unbezahlbaren Gagen angewiesen ist. "Wir haben den als leicht und heiteren, ja als oberflächlich und geziert verschrienen Rossini in seiner ganzen Würde der Opernwelt zurückgegeben", sagt Zedda mit berechtigtem Stolz. Die Geschichte dieser Wiederentdeckung verläuft auf drei Ebenen: die experimentelle Aufführungspraxis des Festivals, das philologische Abenteuer einer Rossini-Gesamtausgabe und die Akademie für junge Sänger.

Rasches Welken des Ruhms und erneute Aktualität, Missverstehen und Neuverstehen sind erklärungsbedürftig. Schon zu Lebzeiten galt Rossini als der genialste Musiker seiner Zeit. Stendhal widmete dem noch jungen Maestro eine Biografie. Heine, Schopenhauer und Balzac waren sich einig in der Bewunderung, Schumann, Weber und Berlioz in der Ablehnung. Noch auf der Höhe des Erfolgs verstummte Rossini und es gibt bis heute unterschiedliche Erklärungsversuche für dieses Schweigen. Dieser Künstler war nirgends mehr einzuordnen. War er ein verspäteter Klassiker, ein verhinderter Romantiker oder ein verfrühter, unter Spitzen und Rüschen versteckter Moderner? Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte mit ihm nichts mehr anfangen, denn sie fand als Antwort auf ihre Probleme anscheinend nur virtuose Technik und witzigen Zynismus. Verspätet, verhindert, verfrüht, versteckt, ein technischer Alleskönner, witzig und zynisch? Das wäre ein heutiges, spätmodernes Phantombild, doch irreführend, wie jede rein erkennungsdienstliche Abstraktion.

Rossini war der Musiker der Restauration, die nach den Napoleonischen Kriegen Epoche machte. Das erklärt jene, als Zynismus gedeutete Haltung, Kritik unter Heiterkeit und Verbeugungen vorzubringen, sie nie existentiell werden zu lassen, sondern die Technik zu benutzen, um in irren Wendungen einer als ehern und ewig geschilderten Ordnung zu entfliehen. Wer liebte sie nicht, diese kreiselförmig sich steigernden musikalischen Sprengsätze! Sie stürzen den Hörer in jenen Schwindel, der den Schwindel der festen Tatsachen entlarvt. Niemand weiß mehr, wo ihm der Kopf steht. Gibt es eine tiefer gehende Revolution in den Zeiten der Restauration? Wer den Barbier von Seviglia ein Mal gesehen hat, wird dieses Gefühl nicht mehr vergessen. Die Regie von Ronconi und das Bühnenbild der Architektin Gaia Aulenti haben es in der diesjährigen Inszenierung sichtbar zu machen versucht. Wenn Almaviva sich als betrunkener Soldat Eingang ins Haus der Geliebten verschafft, beginnen die an Schnüren aufgehängten Einrichtungen der Bühne zu schwanken. Ein Ancien Régime, gezeigt aus der Sicht eines Angeheiterten. In anderen Szenen schweben die Sänger über der Bühne, das bodenständige Rechts-Links-Schema erweitert sich zu einem Raum, in dem niemand mehr Boden unter den Füßen hat. Dieser Art ist der Realismus Rossinis.

Die nicht unumstrittene Inszenierung Ronconis, die den Barbier vom Ballast einer abgekarteten Komödientradition befreit, hat das nicht geringe Verdienst, der Musik freien Lauf zu lassen, ihre Gestik aber, das ist das Entscheidende bei Rossini, in sichtbare Gesten umzusetzen. Die Aufführung mit wunderbaren Sängern und einem großen Dirigent (Daniele Gatti) ist musikalisch so perfekt, dass professionelle Nörgler keine Chance haben und südliche Begeisterungsstürme sich bei offener Szene frei entfalten können.

Perfektion heißt bei Rossini Beherrschung der Technik und der Konvention. Das Unheimliche findet unter dieser Decke statt. So ist es auch bei der zweiten Neuinszenierung des Festivals, der ernsten Oper Bianca e Falliero. Das Bühnenbild von Hans Schavernoch betont die dunklen Seiten der Macht Venedigs. Tintoretto und Goya in giftigen Farben, zu heftig zitiert, geben der Aufführung eine Schwere, die die Musik nicht verdient. Da in Pesaro Rossini immer in der vollständigen Fassung aufgeführt wird, wird die Oper trotz aller Brillanz streckenweise mühsam. Schon Stendhal hat das bemängelt, auch weil die Musik weitgehend wie aus anderen Werken Rossinis zusammengeschustert erscheint. Doch auch diese Montagetechnik gehört zu den postmodernen Seiten des Komponisten, der manchmal zur Verblüffung, manchmal zum Zorn der Zuhörer alte Stücke in immer neuen Zusammenhängen und Kombinationen verwendet hat. "Was ist wirklich neu bei Rossini", fragt Stendhal und Alberto Zedda würde heute antworten: "Darin besteht das Geheimnis von Rossini. Man überfliegt die Partituren und stößt immer auf die gleichen Strukturen. Die Abfolge, die geschlossene Form, die Gefühle, die Sprache, das Vokabular sind immer gleich. Und doch ist der Unterschied der einzelnen Werke bei Rossini viel größer als bei Verdi".

Rossini gehört zu den ersten Theoretikern des Gesamtkunstwerks Oper. In das Festival eingebettet sind seit Jahren die von der Galerie Franca Mancini organisierten Rencontres Rossinniennes, Begegnungen moderner bildender Künstler mit Rossini. Die diesjährige Ausstellung und ihr reicher Katalog (mit der Rückschau auf 25 Jahre) zeigen Rossini gewidmete Arbeiten von Savinio bis Rauschenberg, der Futuristen und zeitgenössischen Künstler wie Jannis Kounellis, Bob Wilson, Joseph Kosuth, Valerio Adami, Arnaldo Pomodoro, Mario Ceroli, Enzo Cucchi, Michelangelo Pistoletto und Giulio Paolini.

Il teatro degli Artisti - Rossini Opera Festival: Les Rencontres Rossinniennes 1980-2005, Verlag Umberto Allemandi C., Torino-Londra-Venezia-New York, 35 EUR


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00:00 19.08.2005

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