Was Jesu Geschichte uns lehrt

Christentum An Weihnachten hat jeder Geburtstag. Bis Silvester haben wir Zeit, uns für die Welt frommer Lügen, fürsorglicher Halbwahrheiten und paranoider Fiktionen zu rüsten – durch Mündigkeit
Das Leben Jesu, dessen Anfang wir an Weihnachten feiern, zeigt uns, wie man einem Dilemma entflieht
Das Leben Jesu, dessen Anfang wir an Weihnachten feiern, zeigt uns, wie man einem Dilemma entflieht

Foto: Tiziana Fabi/AFP via Getty Images

Was man an Weihnachten feiert, ist ein Geburtstag, vorgezogen oder nachgefeiert. Jesu Geburtstagsfeier wurde pragmatisch auf das heidnische Wintersonnenwendfest gelegt, beispielhaft für die christliche Übernahme alter Bräuche. Ähnlich verbindet sich mit Sankt Silvester ein besonderer Akt kreativer Aneignung heidnischen Besitzes. Dieser Papst fand eine historische Bedeutung eigener Art posthum als Empfänger der fiktiven Konstantinischen Schenkung, einer gefälschten Urkunde, gemäß der Kaiser Konstantin der Kirche das Gebiet des heutigen Vatikanstaats vermacht habe.

Doch bei allem möglichen Befremden am Umgang seiner Vertreter mit der Wahrheit zum Heil der Kirche: Das weihnachtliche Geburtstagskind ist derselbe Mensch, der Karfreitag am Kreuz hängt. Und in seiner Geschichte legt er unseren Finger in eine Wunde, die auch die unsere ist. Ein Geburtstag symbolisiert das eigene zur Welt Kommen. In dieser Feier will man dafür anerkannt werden, dass man ist, wer man ist. Doch je mehr man ist, wer man ist, umso mehr kann man die Verhältnisse in seinem Sinne gestalten.

Am Wegkreuz

Und umso mehr können einige fürchten, nicht mehr in dem Maße sie selbst sein zu können, wie sie sich das wünschen. Wenn man seine Überzeugung ausspricht, zählt das dann als Kriegserklärung, wenn man sein eigenes Urteil oder eine Entscheidung fällt, als Anmaßung oder Verrat. Dabei mögen sie gesagt haben: Sei aufrichtig, tu das Richtige, entscheide dich! Doch gälte Ihnen eine Erfüllung dieser Aufgabe als Kränkung derer, die sie stellen durften. Sobald man zur Welt kommt, hängt man schon am Kreuz. Die Kreuzigung hat den Namen nicht vom Holzgerüst, an das der Verurteilte fixiert wird, um ihn dem Gespött und dem allmählichen Versagen seines Körpers preiszugeben, sondern vom Wegkreuz, an dem dieses Foltergerät aufgestellt wird. Dort soll sich die Seele des Hingerichteten verirren.

Nach christlicher Darstellung entzieht sich Jesus dieser Logik der Verdammnis und fährt senkrecht zum Wegkreuz gen Hölle, und nach seinem Sieg wieder aufwärts, um eine neue Ordnung zu stiften. Er zeigt, wie man einem Dilemma entflieht, indem man ein neues Bezugssystem wählt, und dabei das Problem zum Mittel einer Lösung macht, die das Problem übersteigt. Das heutige und uralte Dilemma heißt: Rücksichtnahme durch Distanz oder Freiheit der Interaktion.

Aus Rücksichtnahme mag das Notwendige nicht getan und gesagt werden, das Gesagte nicht gehört, das Lächeln nicht erwidert, das Schulterklopfen unterlassen. Auf der anderen Seite mag, was dem einen als freundliche Zuwendung erscheint, für den anderen Zumutung und Bedrohung sein. Die neue Technologie bietet Möglichkeiten, zum anderen auf Distanz zu bleiben. Einschlägige Unternehmen nutzen, ihrer guten Absichten allzu gewiss, die Situation und beeinflussen die politische Überzeugungsbildung.

Bewährte Lebensgewohnheiten

Andere Gruppen protestieren, ihrer Orientierung am Gemeinwohl allzu sicher, für die Beibehaltung ihrer bewährten Lebensgewohnheiten. Alle wollen, dass man ihre Position beziehe. Man scheint nichts richtig machen zu können. So scheint man, ans Kreuz genagelt, in der Irre. Oder man durchkreuzt das Dilemma und nimmt die Unklarheit der Lage zum Anlass, einen guten Abstand zu finden zur jeweiligen Rhetorik z.B. einer politischen Apparatemedizin oder eines selbstbezogenen Wutbürgertums. Man erkennt die Chance zur Mündigkeit.

Zum Geburtstag des Menschen in einem Geist, in welchem er seine Meinung bildet, indem er zuhört, und nicht nur hört, sondern sich seinen Teil denkt. Und den Kompromiss durch Kommunikation und Erfahrung sucht, auf verschlungenem, teils gefahrvollem Weg, doch nicht allein.

An Weihnachten hat jeder Geburtstag. Bis Silvester haben wir Zeit, uns für die Welt frommer Lügen, fürsorglicher Halbwahrheiten und paranoider Fiktionen zu rüsten.

Dierk Streng ist promovierter Philosoph und lebt als freier Autor in Berlin

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