Was Jesus kann, können wir schon lange

Mutmach-Liste Künstler, Dinge, Ideen – unerwartete Comebacks sind gar nicht so selten. Freitag-Autoren treten den Beweis an

Johnny Cash

Auftritt toter Mann: 1983 steht Johnny Cash stark schwitzend unter den Scheinwerfern einer „Wetten, daß...?“-Produktion. Zwischen kindischen Spielchen spielt er für ein Publikum, dass Cash nicht von der Band Truck-Stop unterscheiden kann. Der Mann mit der Gitarre steht vermutlich unter Schmerzmitteln oder Alkohol, zieht die Farce aber professionell und freundlich durch. Am nächsten Tag höhnen die Zeitungen über den würdelosen Auftritt eines „Has-Beens“. Der Rebell hat seinen Kampf gegen das Establishment von Nash­ville verloren. Country wird damals auf dem Niveau deutscher Schlager produziert, schlechte Zeiten für Musiker mit Haltung und Meinung. Toter kann man nicht sein.

Gut zehn Jahre später, zehn Jahre, in denen Johnny Cash wie die Karikatur einer vergangenen Epoche wirkt, nimmt der Indie-Produzent Rick Rubin das Album „Unchained“ mit ihm auf. Wenige Instrumente und die immer brüchigere, seelenvolle Stimme. Cash covert Songs hipper Alternative-Bands, alte Klassiker und schreibt neue Songs. Eine sehr gute Platte und perfektes Marketing. Er singt von Leid und Erlösung, von der Liebe, von Gott und von der Welt. Aus seiner Stimme sprechen Wahrhaftigkeit und Glaube. Und plötzlich interessieren sich alle wieder für Cash, Indie-Kids wie alte Fans. Auf „Unchained“ folgen vier weitere Alben aus der „American Recordings“-Reihe, zwei davon erscheinen posthum. Ain’t no Grave, das vorläufig letzte, kam in Deutschland im Februar 2010 heraus. Alexander Kasbohm

Der Mini

Alles hat bekanntlich sein Ende. Vor allem sogenannte Kultobjekte. Weg ist der Trabi, weg das Raiders, weg der Braune Bär, vorbei die klapprig romantischen Zeiten in VW-Käfern, die bei allen Macken einen doch so nett anblickten. Im Jahr 2000 war es so weit für den legendären Mini, der nicht nur als Rennwagen Niki Lauda zu Ehren brachte, sondern die Beatles, Twiggy und die Queen chauffieren durfte. Jenen Mini, den Sir Alec Issigonis für die British Motor Cooperation erfunden hatte, einen damals revolutionären Kleinwagen, der wenig Sprit verbrauchte und trotzdem auf Rennstrecken zu schicken war.

Weil alles ein Ende hat, Kultobjekte aber mindestens zwei, feierte der Mini nur ein Jahr später tatsächlich seine Auferstehung. Im Unterschied zum VW Beetle („Wie hässlich ist der denn?!“) gelang es dem Mini unter BMW, seine Erzählung (revolutionär, schnell, cool, british eben) weiterzuspinnen – auch wenn das angesichts seiner heutigen Besitzer erstaunen mag (so called dynamisch, erfolgreich, German eben). Der Neuanfang hatte eine gewisse Kontinuität: Der Mini schaffte etwas für heutige Zeiten kaum glaubliches. Er gilt als das Auto, in dem sowohl Frauen als auch Männer gerne fahren. Manchmal sogar gemeinsam zum Standesamt, wie Bundesfrauenministerin Schröder jüngst demonstrierte.

Mindestens so zeitgemäße Vorbereitungen trifft derzeit der Trabi, jenes ostdeutsche Produkt mit kaum toppbarem Seltenheitswert und spartanischer Schlichtheit. Derzeit wird an seiner ökologisch korrekten Wiederauferstehung gebastelt: Es soll als Elektroauto auf den Markt kommen. Susanne Lang

Crossover

Auferstehung? Da winkt die Linke normalerweise ab. Und hofft doch insgeheim, dass manches wiederkehren möge. Natürlich nur das Gute und nicht als jene Farce, die Marx auf die Tragödie folgen lässt. Sondern als Fortsetzung auf höherer Stufe. Ob, so verstanden, die gegenwärtige Diskussion der „Crossover“-Idee im Umfeld von Sozialdemokraten, Linken, Grünen, Intellektuellen und Bewegungsaktivisten eine dauerhafte Auferstehung ist, muss sich zeigen. Es geht um eine alte Frage: Ist ein gemeinsames Projekt über die rot-rot-grünen Parteigrenzen hinweg möglich und wie müsste es aussehen?

Das alles hatte schon in den neunziger Jahren eine Menge Leute interessiert – vor allem aber drei Zeitungen: die linkssozialdemokratische SPW, die linksgrüne Andere Zeiten und die PDS-nahe Utopie kreativ. Die Debatte, die den Markennamen „Crossover“ prägte, wurde aber nur so lange geführt, bis Gerhard Schröder und Joschka Fischer die Frage nach dem „linken Projekt“ praktisch beantworteten: Eine wirkliche Alternative war die 1998 an die Schalthebel gekommene Regierung nicht. Oskar Lafontaine verließ das Feld, um später bei der Linken aufzuerstehen. Die alte PDS verschwand, damit eine gemeinsame Partei im Westen entstehen konnte. Und SPD wie Grüne mussten erst wieder in die Opposition absteigen, damit ein Neuanfang überhaupt denkbar wurde.

Manche hat der jetzt ins Institut Solidarische Moderne geführt, andere in die Oslo-Gruppe. Den einen geht es eher um gesellschaftliche Hegemonie, den anderen eher um parlamentarische Mehrheiten. Der „Crossover“ ist zurück. Tom Strohschneider

Kathryn Bigelow

Anfang der neunziger Jahre galt Regisseurin Kathryn Bigelow als eine der Erfolgreichsten ihres Fachs. Sie drehte mit Keanu Reeves und Jamie Lee Curtis und etablierte sich mit Blue Steel und Gefährliche Brandung als feste Größe in der von Männern dominierten Actionfilmszene.

Dann aber kam die Durststrecke. 1991 trennte Sie sich von Ihrem Ehemann, dem Regisseur James Cameron. Ihr Film K-19 – Showdown in der Tiefe floppte an den Kinokassen und Kathryn Bigelow, die einst Kinosäle füllte, produzierte plötzlich TV-Serien – ein Genre, das damals noch als wenig durchlässig zum Film galt. Viele Kritiker sahen deshalb schon das Ende ihres cineastischen Schaffens voraus.

Dennoch: Neun Jahre nach dem K-19-Flop verhalf ihr ein Film über den Irakkrieg, eines der Reizthemen ihres Heimatlandes, zum Comeback. Tödliches Kommando – The Hurt Locker feierte auf der diesjährigen Oscarverleihung eine Premiere: Bigelow erhielt sowohl den Preis für die beste Regie als auch für den besten Film. Eine Ehre, die vor ihr noch keiner anderen Frau zuteil geworden war. In beiden Kategorien war auch ihr Ex-Mann James Cameron und sein Monumental-Film „Avatar“ angetreten. Anna-Lena Krampe

Weekly World News

Kalamazoo, Michigan, ist nicht unbedingt der erste Ort, der einem als passende Location für ein Auferstehung in den Sinn kommt, doch die Wege des Herrn sind nicht nur rätselhaft sondern haben auch gewisse Affinität zur Provinz, und so zeigte sich Elvis im Frühjahr 1988 eben dort. Nicht etwa einer Hure, sondern einer Hausfrau und die rief dann nicht beim Rolling Stone an, sondern wählte die Nummer eines schwarz-weißen Käseblättchens, das sich an Supermarktkassen damit brüstete die „einzige zuverlässige Zeitung der Welt“ zu sein. Die Schlagzeile „Elvis lebt!“ bescherte jener Ausgabe der Weekly World News eine Auflage von 1,2 Millionen – und der Nachwelt ein neues Hobby: Elvis-Sichten.

Doch während andere die Geschichte einfach nur immer wieder neu erzählten (zuletzt wurde Elvis am 18. Februar in Little America, Wyoming, gesehen, wo er als Tankwart arbeiten soll) erfand man in der Redaktion der Weekly World News ein neues Sub-Genre der Epiphanie: die multiple Auferstehung. „Elvis ist tot – mit 58“ lautete die Titelzeile 1993 (angebliche Ursache: Zuckerschock), 2005 hieß es dann wieder „Elvis lebt – und kandidiert fürs Weiße Haus“. Weshalb das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Obama und dem auferstandenen King ausfiel? Elvis starb in Las Vegas bei einem Autounfall. Das hätte bis in alle Ewigkeit so weiter gehen können, doch im August 2007 segneten die Weekly World News selbst das Zeitliche. Was blieb, war die Internetseite weeklyworldnews.com – eine selten misslungene digitale Auferstehung des gedruckten Blatts. Doch nun ist den Weekly World News gewissermaßen die perfekte Epiphanie geglückt: Sie soll nun als Beilage ihres ehemals größten Konkurrenten Sun erscheinen. Diese Information konnte der Freitag zwar bisher nicht bestätigen, glaubt aber ausnahmsweise fest daran. Christine Käppeler

Der Kapitalismus

Der Kapitalismus scheint die Fähigkeit zu haben, nicht nur einmal aufzuerstehen, sondern immer wieder. Seit es ihn gibt, läuft er auf Krisen hinaus, die von Mal zu Mal schlimmer werden. Schon im 19. Jahrhundert glaubten viele, er würde den nächsten Zusammenbruch nicht überstehen; aber immer wieder kam er auf die Beine. Nicht nur das: Im Rückblick sah man jedes Mal, dass seine gesellschaftsverändernde Kraft noch zugenommen hatte. Dabei glaubte stets auch die Arbeiterbewegung, ihre Revolution und säkularisierte Auferstehung würde nun gelingen. „Völker, hört die Signale“, die Anspielung ist deutlich: „Denn er selbst, der Herr“, schreibt Paulus im 1. Thessalonicherbrief, wird „mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden auferstehen.“

Diese Arbeiterbewegung gibt es nicht mehr, aber die Frage, ob nach der nächsten Krise die von ihm Erniedrigten auferstehen, aufstehen, zum Aufstand schreiten, bleibt offen. Man kann freilich zweifeln, ob das überhaupt eine gute Frage ist. Denn wenn es ratsam sein sollte, die kapitalistische Produktionsweise zu verabschieden, warum muss es durch eine Krise geschehen? Schnell zu handeln – sobald die öffentliche Einsicht es zulässt –, wäre dann vernünftiger. Man wartet doch auch bei der Teekanne, die einen Sprung hat, nicht ab, bis sie platzt. Michael Jäger

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13:15 31.03.2010

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