Was, Kunst?

Corona Wir haben Künstler und Kulturschaffende gefragt, was sie während der Krise tun und wie sie über die Runden kommen

1. Können Sie sich gerade auf Ihre Arbeit konzentrieren?

2. Wie kommen Sie über die Runden?

3. Würden Sie auch beim Spargelstechen aushelfen (wenn man Sie anlernt)?

Gärtnern Jede Krise birgt die Chance, zu hinterfragen, was in unserer Gesellschaft wertvoll und was verbesserungswürdig ist. Die Schule beginnt sonst um 7.40 Uhr. Wenn wir nun um sieben aufwachen, bleibt Zeit zum Kuscheln, Radiohören. Wir sitzen um neun am Schreibtisch, machen eine Stunde Mathe, dann Deutsch. Dann gehen wir in den Garten, arbeiten, spielen, schwatzen übern Gartenzaun. Wenn das Kind schläft, beginnt das Homeoffice. Finanziell ist die Zeit belastend. Unklar, was mit den Förderanträgen wird. Zum Schreiben komme ich wenig, obwohl die sonderbare Stimmung literarisches Potenzial hat. Als Jugendliche habe ich in der Ernte gearbeitet, ich weiß, wie belastend das für den Rücken ist, wenn man den ganzen Tag gebückt arbeitet. Ich weiß die Arbeit, die in jeder Schale Erdbeeren steckt, zu schätzen.

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Anna Kaleri lebt in Leipzig. Sie ist Initiatorin des Netzwerks „Literatur statt Brandsätze“

Aktualisieren Ob ich mich konzentrieren kann? Nein, die meiste Zeit verbringe ich mit dem Aktualisieren meines Browsers von einer Nachrichtenseite auf die andere. Natürlich ist das Coronavirus eine erschreckende Tatsache, jedoch verschlimmern die Sanktionen gegen den Iran die Situation unnötigerweise erheblich. Auch ist es erstaunlich, dass es kaum Solidarität zwischen EU-Staaten gibt, denn eine Pandemie lässt sich nicht durch das Schließen von Grenzen lösen. Momentan lebe ich von meinen emotionalen und finanziellen Reserven, die sich jedoch bald erschöpfen könnten. In der Zwischenzeit helfen mir Bücher wie Der Tag, an dem Er selbst mir die Tränen abgewischt von Kenzaburô Ôe und Online-Schachpartien. Spargelstechen? Ja, wenn ich keine Gefahr für meine Mitmenschen darstelle.

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Sung Tieu ist Künstlerin. Sie lebt in Berlin und London

Kochen Ich muss mich sonst auch ständig strukturieren und motivieren. Weil die ganze Familie jetzt zu Hause herumhängt, brauchten wir schnell einen guten Plan für Homeoffice, Homeschool, Home-Kita und Home. Mittlerweile läuft es sehr gut. Ich würde allerdings gerne mehr rausgehen. Ich liebe diese Stille mit wenig Verkehr. Glücklicherweise haben wir seit Anfang des Jahres einen eigenen Online-Shop. Dort verkaufe ich jetzt täglich etwas. E-Books sind die perfekte Lektüre für Corona-Zeiten: virenfrei, günstiger, platzsparend. Das spricht sich gerade ein bisschen herum, hoffe ich. Spargel? Ich bin Mitglied in der Gemüsegenossenschaft PlantAge, da wird auch hin und wieder gemeinsam gepflanzt. Jeder sollte einmal im Jahr etwas pflanzen und ernten. Verkrumpelte Kartoffeln schmeißt man dann nicht mehr weg.

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Nikola Richter gründete den Verlag mikrotext, bei dem kürzlich das Buch Kochen mit Zukunft erschien

Erodieren Ich versuche, die Zeit nach der Krise zu organisieren. Sollten die verschobenen Konzerte tatsächlich stattfinden, wird der Herbst sehr turbulent. Neue Musik entsteht im Moment nicht. Um komponieren zu können, brauche ich eine tagträumerische Leichtigkeit, die fehlt gerade. Ansonsten geht es im Moment noch gut. Der Kühlschrank ist voll. „Interessant“ wird es, wenn auch die Termine im Sommer und Herbst abgesagt werden. Spargelstechen? Warum nicht? Um Geld zu verdienen, habe ich in den 1990ern beim Kampfmittelbeseitigungsdienst geholfen, den Baugrund im Regierungsviertel nach Granaten und Phosphorbomben abzusuchen. Danach konnte ich die verschiedenen Geschosse an ihren erodierten Fragmenten erkennen. Die Aussicht, längere Zeit an der frischen Luft zu sein, finde ich verlockend.

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Robert Lippok macht elektronische Musik und arbeitet als Bühnen- und Kostümbilder

Kaufen Ich mache natürlich keine Kunst mehr, meine Geldjobs sind zum Teil weggefallen. Auf die politische Arbeit konzentriere ich mich die ganze Zeit, weil das sein muss. Wie ich über die Runden komme? Diese Frage ist auch ohne pandemiebedingten ökonomischen Infarkt eine der allerletzten Fragen von Nichtkünstler*innen an Künstler*innen, aber das hindert sie nicht daran, es oft zu tun. Mich hat mal ein Zahnarzt, während er in meinem Mund werkelte, gefragt, ob ich denn gut von meiner Kunst leben könne. So ein **********. Leute, macht das nicht! Alternative: Jetzt ist ein Superzeitpunkt, eine Arbeit von der* vom Lieblingskünstler*in zu kaufen. Würde ich beim Spargelstechen aushelfen? Wer jetzt noch einen Job hat, sollte vielleicht nicht Menschen, die kein Einkommen mehr haben, ironische Fragen stellen.

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Zoë Claire Miller ist Künstlerin und Sprecherin des berufsverbands bildender künstler*innen berlin

Liegen Wie ich über die Runden komme? Ich habe bereits fünf Kilo zugenommen, weil ich von morgens bis abends auf meinem Diwan liege und darüber nachdenke, wovon mein neues Buch handeln könnte. Das neue Buch wird Ende September erscheinen, Suhrkamp ist da gnadenlos. Notfalls werde ich es Das leere Buch nennen, das kann man dann auch als Skizzenbuch benutzen. Zu meinem Tagesablauf: 11 Uhr: Erwachen (auf dem Diwan), 11.15 Uhr: Frühstück (auf dem Diwan), 11.15 Uhr bis 15 Uhr: Warten auf Inspiration (auf dem Diwan). Ab 15 Uhr schaue ich Zeichentrickfilme auf meiner Videoleinwand, bis tief in die Nacht. Dazwischen unregelmäßig verstreut Snacks, kulinarische Köstlichkeiten, Lieferdienst, Schokolade, Pudding, Toffifee. Spargelstechen? Ja. Vielleicht könnte ich darüber dann mein neues Buch schreiben. Mein Jahr in der Provinz. Gruß an Peter Mayle und Moritz von Uslar.

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Rafael Horzon ist Unternehmer, Autor und Möbeldesigner

Sehen Ich fotografiere Baustellen, seit ich denken kann. Da habe ich nun zufällig eine vor meiner Nase. Den Ablauf fotografiere ich jeden Tag, die Veränderungen sind täglich zu sehen. Meine Situation ist auch nicht so super. Sämtliche Ausstellungen bis Juni wurden abgesagt. Gott sei Dank habe ich vor Kurzem noch ein Werk verkauft, und das Geld kam nun herein. Es hält nicht lange, aber ich bin sehr sparsam. Durch die Corona-Krise habe ich Zeit, meinen Kunst-Keller und das unsägliche Büro aufzuräumen. Das liegt mir seit langer Zeit auf der Seele. Spargel stechen würde ich sogar machen, ich bin gern an der frischen Luft. Ich würde das dokumentieren, denn Fotografie ist mein Leben und nicht zu trennen von mir als Mensch. Kunst ist es doch, selbst in Krisenzeiten das zu nehmen, was geht, um nicht unterzugehen. Wir haben es noch gut, im Gegensatz zu den Flüchtlingen.

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Eva-Maria Horstick ist Fotografin. Sie lebt und arbeitet in Dortmund

Umdisponieren Nach dem Chaos stellt sich bei mir gerade eine Art ernster Klarheit ein. Mir ist wie vielen das aktuelle Kunstprojekt weggebrochen, eine Veranstaltungsreihe in der Berliner Archenhold-Sternwarte. Seit zwei Wochen strukturiere ich um. Das globale Ausmaß der Pandemie relativiert die eigene Situation ungemein. Zum Beispiel habe ich mit einer befreundeten Künstlerin in Bangalore gesprochen. Das wird ein Alptraum in Indien. Die tatsächlichen Infektions- und Todeszahlen wegen COVID-19 werden politisch unterdrückt. Niedriglohnarbeiter*innen versuchen, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Wie komme ich über die Runden? Erst mal Zahlungen aussetzen und brav bei der Berliner Soforthilfe-II-Lotterie mitspielen. Spargelstechen? Schutzausrüstung in Heimarbeit herstellen und nach Südeuropa schicken ist angesagt.

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Sophie-Therese Trenka-Dalton ist bildende Künstlerin und Vorstandsmitglied des bbk berlin e.V.

Weitermachen Ob ich in der jetzigen Situation zum Arbeiten komme? Ja klar arbeite ich. Ich habe allerdings ziemlich wenig Zeit, weil mein fünfjähriger Sohn die ganze Zeit zu Hause ist und meine Frau noch arbeitet. Ich habe deshalb eigentlich mehr Konzentration, wenn es um die eigene Arbeit geht. Wie es uns finanziell geht? Okay. Wir haben viel Gespartes (hauptsächlich von der Familie meiner Frau), und auch meine Eltern haben nachgeholfen. Und es gibt auch ein bisschen Hilfe von verschiedenen Kunststiftungen. Zu guter Letzt sind da ja dann auch noch die glorreichen 1200 Dollar Einmalzahlung für jeden Steuerzahler von Orange Twitler. Ob ich zum Spargelstechen antreten würde, um die Ernte zu retten? Ich wohne in den Vereinigten Staaten, in New York City. Also Jain... Es gibt hier ja keine Spargelzeit, dank Jesu Chrisi!

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Jochen Rückert ist Jazzschlagzeuger. Der gebürtige Kölner lebt seit 25 Jahren in New York

Dranbleiben Kann ich mich auf meine Arbeit konzentrieren? Meine Arbeit hat sich verändert, im Vergleich zu vor Beginn der Krise, ich mache mehr Berichterstattung, weniger Analyse, Einordnung, Bewertung. Das ist fokussiert, da fällt die Konzentration leicht. Was fehlt: die Lust an der Abschweifung. Das Mäandernde. Die Hingabe an die Kunst, die sich durch Krisenberichte nicht abbilden lässt. Über die Runden komme ich irgendwie, noch. Ich habe eigentlich ganz gut zu tun, mit Artikeln über Kunst in Corona-Zeiten: Wie gehen Künstler*innen mit der Situation um, wie schnappen sie nach Luft? Das ist gerade kein schöner Job. Würde ich beim Spargelstechen aushelfen? Fiese Frage. Sage ich nein, heißt es: Der hält sich für was Besseres. Sage ich ja, bin ich jemand, der sich in gnandenloser Selbstüberschätzung alles zutraut. Aber weswegen sollte ich Spargelstechen können? Ich habe während des Studiums viel in der Produktion gearbeitet. Und ich machte diese Jobs zum Gotterbarmen schlecht. Ich glaube, ich wäre keine Hilfe.

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Falk Schreiber ist Theaterkritiker aus Hamburg

Abfedern Ich habe eine kleine Keramikwerkstatt in Glindow in Brandenburg, da stelle ich Porzellan für den Gebrauch her: Schalen, Becher, Teller. Dadurch, dass Porzellan länger haltbar ist, kann ich vorarbeiten. Meine Produkte werden nicht schlecht. Spontan wirkt sich die Krise noch nicht aus, aber was ist in einem halben Jahr, in zwei Jahren? Werden die Leute dann noch Porzellan kaufen? Es ist schwer, sich zu konzentrieren. Im Moment halte ich die Familie über Wasser. Mein Mann ist freier Künstler, er hat zur Zeit überhaupt keine Einnahmen. Ich habe eine Stelle als Werkstattleiterin an der Kunsthochschule Weissensee, das ist unsere Sicherheit. Für viele Vollzeit-Keramiker ist die Lage existenziell: Die offenen Ateliers im Frühling fallen weg, Keramikmärkte wurden von Mai auf Oktober verschoben. Anfang April sollten die Europäischen Tage des Kunsthandwerks stattfinden – lauter Termine, wo die Leute ins Atelier kommen und kaufen. Auf dem Markt kann man das Porzellan in die Hand nehmen, das Material prüfen, man hat diesen direkten Kundenkontakt. Jetzt versuchen viele, einen Onlineshop einzurichten. Wäre meine Festanstellung nicht, die das abfedert, kämen wir auf Hartz IV. Ich würde dann auch Spargel stechen, lieber als in die Pflege gehen oder in einer virusfreien Fabrik arbeiten. Weil es draussen wäre, an der frischen Luft.

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Carolin Wachter ist Keramikerin und lebt in Brandenburg

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06:00 04.04.2020
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Ausgabe 28/2020

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