Was läuft hier schief?

Literatur Vor zehn Jahren entwarf Juli Zeh die Dystopie einer Gesundheitsdiktatur. Ihr neues Buch legt nun nach
Was läuft hier schief?
Imperativ der Gesunderhaltung: Je weniger die Bürger leben, desto höher ist ihre Sicherheit

Foto: Francesco Cocco/Contrasto/Laif, Illustration: Ulrike Haseloff

Am 25. Mai 2020 erscheint das neue Buch von Juli Zeh: Fragen zu „Corpus Delicti“. Beworben wird es vom Verlag mit der Frage: „Wann wird der Begriff der ‚Gesundheitsdiktatur‘ von der Polemik zur Zustandsbeschreibung?“ Im Buch antwortet Juli Zeh auf Fragen von Leserinnen und Lesern zum Roman Corpus Delicti. Auf die Antworten können wir gespannt sein. Denn die Autorin und Juristin Juli Zeh gehört zu den prominenten Kritikern jener Eingriffe in Freiheitsrechte, die im Zuge der infektionspolitischen Versuche zur Eindämmung einer Pandemie vorgenommen wurden.

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Mehrfach intervenierte sie publizistisch gegen die Fortsetzung dieser Maßnahmen, unter anderem am 24. April, als sie gemeinsam mit Boris Palmer und Julian Nida-Rümelin, Alexander Kekulé und Christoph M. Schmidt ein schnellstmögliches Ende des Lockdown forderte. Interessant werden ihre Überlegungen jedoch auch deshalb, weil Juli Zeh mit der literarischen Versuchsanordnung Corpus Delicti bereits vor über einem Jahrzehnt eine Dystopie vorlegte, die wie eine Antizipation unserer coronösen Gegenwart erscheint.

„Den Ausbruch einer Pandemie habe ich nicht vorhergesehen“, sagte Juli Zeh dem Freitag. „Aber was ich seit Jahrzehnten beobachte und in Corpus Delicti verarbeitet habe, ist ein erst schleichender, dann rasanter Wertewandel innerhalb unserer Gesellschaften, und zwar von ‚Freiheit‘ als höchstem Wert hin zu ‚Sicherheit‘, wobei ‚Sicherheit‘ ein Synonym ist für den Wunsch nach der Kontrollierbarkeit der Zukunft.“

In Corpus Delicti führt ein Prozess in das Jahr 2043 und die Welt eines Imperativs: „Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon.“ So heißt es im fiktiven Bestsellerbuch „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ des Journalisten und Medien-Intellektuellen Heinrich Kramer, das einem autoritären Herrschaftssystem biologisch-medizinischer Observanz ideologische Unterfütterung liefert. Gegenspielerin dieser Gesundheitsdiktatur und Hauptfigur des Werks ist die Biologin Mia Holl (jung und attraktiv, geistig unabhängig und eloquent), die erleben muss, wie ein technologisch hochgerüstetes System des sozialhygienischen Überwachens und Strafens auf individuelle Abweichungen und Ausbrüche reagiert. Nachdem ihr Bruder Moritz wegen Vergewaltigung und Mord zu Unrecht verurteilt wurde und Selbstmord beging, sucht Mia nach Beweisen für seine Unschuld. Dabei fällt sie aus den Bahnen staatlich vorgeschriebener und beständig überprüfter Funktionalität und gerät ins Visier staatlicher Ermittlungen: Wird die Vernachlässigung obligatorischer Schlaf- und Ernährungsberichte und des täglichen Sportprogramms noch mit einem „Klärungsgespräch“ quittiert, kommt es nach weiteren Verfehlungen mit „toxischen Substanzen“ einer Zigarette schließlich zu Anklagen.

Ihr Rechtsanwalt kann in der Hauptverhandlung zwar noch den Fall des Bruders aufklären und dessen Unschuld beweisen. Und auch die Medien scheinen sich für eine Diskussion über mögliche Reformen zu öffnen. Doch als Mia dem smarten Gesundheits-Repräsentanten Kramer ein Pamphlet diktiert, in dem sie dem medizinisch-politischen Komplex ihr Vertrauen entzieht, ist das Maß voll: Mit der Entscheidung für die Ideen ihres freigeistig-individualistischen Bruders stellt sie sich endgültig gegen ein System, das Unterwerfung unter die Regeln der allgemeinen Sicherheit verlangt – und bei Abweichung mit aller Macht zurückschlägt.

Buchstäblich. Die drastisch ausgemalten Reaktionen des Staates sollten selbst nachgelesen werden: Festnahme als Staatsfeindin, fingierte Beweise und erpresste Zeugenaussagen sowie Folterung sind schwer erträglich. Auch der abschließende Gerichtsprozess, bei dem Mia zu einer Art Todesstrafe verurteilt wird, sowie die Vorbereitungen zur Vollstreckung des Urteils stellen empfindsamere Rezipienten auf harte Proben: Warum muss das so passieren? Was läuft da schief?

Schablonen als Figuren

Man ist überrascht, wie viel von Erfassungs- und Kontrollmaßnahmen bis zu Hygienevorschriften und Denunziantentum von dem dabei ist, was gegenwärtig geschieht oder angedacht wird. Allerdings lebt die mit wenigen Zwischentönen und Nuancen ausgemalte Dystopie des Jahres 2043 von Überspitzungen und Komplexitätsreduktionen, die bis zur Verwandlung von Figuren in Schablonen reichen. So heißt die omnipräsente Zeitung „DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND“.

Zugleich führen Textspuren in tiefere Vergangenheitsschichten. Der smarte Methodist Heinrich Kramer trägt den Namen des Verfassers des frühneuzeitlichen Hexenhammers. Und Mia ist wie die Hexen eine gefährdete Außenseiterin. „Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders, wenn im Inneren der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst.“

Interessant auch, dass die Maßnahmen zur Etablierung einer umfassenden Gesundheitsdiktatur weder auf Pandemie- und Seuchenschutzgründe noch auf konspirative Machenschaften finsterer Hintermänner, sondern auf gesellschaftliche Krisenerscheinungen zurückgeführt werden: „Geburtenrückgang, Zunahme stressbedingter Krankheiten, Amokläufe, Terrorismus. Dazu eine Überbetonung von privaten Egoismen, das Schwinden von Loyalität und schließlich der Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme. Chaos. Krankheit. Verunsicherung.“

Aus der Fähigkeit zur Lösung dieser Probleme erwachse die Kraft der „METHODE“, gegen die nicht zu rebellieren sei. Denn wer sich gegen die Regeln einer keim- und krankheitsfreien Zukunftsgesellschaft stelle, wende sich nicht abstrakt gegen eine Idee, sondern – so der moderne Inquisitor Heinrich Kramer – „ganz konkret gegen das Wohlbefinden und die Sicherheit eines jeden von uns“. Könnten Politiker heute nicht ebenso sprechen?

Maskenpflicht und Desinfektion gehören inzwischen ebenso zu unserem Alltag wie die Beschwörungsformeln fortwährender Achtsamkeit: „Wenn wir aufhören, gemeinsam an Sicherheit und Sauberkeit zu arbeiten, gibt es binnen weniger Wochen eine Epidemie“, erklärt der Methoden-Vertreter Heinrich Kramer im Roman. Formuliert es die Bundeskanzlerin nicht ähnlich, wenn sie vor einer „Zweiten Welle“ warnt und betont, wir dürften uns „keine Sekunde in Sicherheit wiegen“?

Aktives Aufbegehren

Der Roman trifft unsere Gegenwart, obwohl er durch und durch Literatur ist, das macht seine Faszination aus. Nicht ohne Grund sinniert die Heldin vor ihrem Bücherregal: „Rousseau. Mit Widmung von Moritz. Dostojewski. Orwell. Musil. Kramer. Agamben – auch mit Widmung. Habe ich übrigens nie gelesen.“

Im Roman vollzieht die Biologin Mia Holl einen Wandel von schockierter Trauer zu aktivem Aufbegehren. Ihre Absage diktiert sie dem Medienvertreter Heinrich Kramer: „Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikiofreien Lebens stützt. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst.“

Die Autorin Juli Zeh engagiert sich gleichfalls. Öffentlich und bei starkem Gegenwind. Die Courage, die dieses öffentliche Bekenntnis verlangt, wird deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, was seit Ende März 2020 in Europa und zeitversetzt fast überall auf der Welt geschehen konnte: Nahezu alle Subsysteme einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft wie Wirtschaft, Bildung, Kunst, Religion wurden dem Imperativ der Gesunderhaltung unterworfen. Für das Ziel der Lebensrettung nahmen und nehmen wir noch immer hohe Kosten in Kauf. Und zwar nicht nur finanzielle.

Unvoreingenommene Diskussionen darüber haben es schwer; polarisierende Reaktionen und polemische Zurückweisungen bei immer noch schmalen Wissensbeständen machen diskursive Einsätze nicht einfach. Auch deshalb sind wir auf das neue Buch von Juli Zeh gespannt.

Info

Fragen zu ‚Corpus Delicti‘ Juli Zeh , btb Verlag 2020, 240 S., 8,00 €

06:00 21.05.2020

Ausgabe 22/2020

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