Wie Dumont durch Berlin pflügt

Medien Der Zusammenschluss von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ ist weder Rettungsversuch noch mutiges Experiment. Dabei ist Dahinsiechen nicht alternativlos
Juliane Wiedemeier | Ausgabe 44/2016
Wie Dumont durch Berlin pflügt
„Freiräume für neue journalistische Projekte“ – ein Drittel der Belegschaft muss gehen
Foto: Jürgen Ritter/Imago

Wenn man deutschen Verlegern Glauben schenkt, dann schaffen viele Entlassungen erst die Voraussetzung für guten, besseren, besten Journalismus. Das aktuellste Beispiel dafür bietet der in Köln ansässige Verlag M. Dumont Schauberg. Rund ein Drittel der Belegschaft von Berliner Zeitung und Berliner Kurier soll gehen – um „Freiräume für neue journalistische Ideen, Themen und Projekte“ zu schaffen und „der führende Newsroom für Berlin zu werden“. So heißt es in der Erklärung „In eigener Sache“, in der Dumont nun die Pläne für seinen Berliner Standort verkündet hat.

Den Tageszeitungen dort geht es nicht gut. Die verkaufte Auflage der Berliner Zeitung ist seit 2006 von knapp 180.000 auf 97.000 zusammengeschrumpft; bei der Boulevardzeitung Berliner Kurier ging es im gleichen Zeitraum von 140.000 auf 82.000 runter. Mit solchen Print-Einbrüchen sind diese beiden Titel nicht alleine. Darüber hinaus haben sie aber auch die Existenz des Internets verschlafen.

Die der Essener Funke-Gruppe gehörende Berliner Morgenpost hat sich als Anlaufstelle für Datenjournalismus etabliert, der Tagesspiegel hat sich ein kleines Newsletterimperium aufgebaut, dessen Flaggschiff namens Checkpoint aus der Feder des Chefredakteurs Lorenz Maroldt jeden Morgen über 100.000 Leser erreicht. Die Berliner Zeitung betreibt derweil eine Internetseite, auf der sie Printartikel republiziert. Doch auch das soll sich ändern.

„Perspektive Wachstum“ heißt ironischerweise das Dumont–Programm, demzufolge die Redaktionen von Berliner Zeitung und Berliner Kurier in einer Newsroom GmbH zusammengelegt werden, die dann für die beiden Printtitel sowie diverse digitale Produkte verantwortlich sein soll. 140 Stellen werden dabei geschaffen – auf die sich die aktuellen Mitarbeiter neu bewerben dürfen. 50 von ihnen werden leer ausgehen, ein Rechtsstreit deswegen ist absehbar. Die Leitung diese Konstrukts übernimmt das Männertriumvirat aus Jochen Arntz (Berliner Zeitung), Elmar Jehn (Berliner Kurier) und Thilo Knott (Digitales). Mitte 2017 will man arbeitsbereit sein. Gegenüber dem Fachmagazin Kress Pro hatte Dumont-Vorstand Christoph Bauer zuvor eingeräumt, dass auch eine komplette Abwicklung des Standorts Berlin eine Option gewesen wäre. Nun sagt er: „Nur ein kompletter Neuanfang kann die wirtschaftliche und damit publizistische Unabhängigkeit und Qualität sicherstellen.“

Die „Deutsche Washington Post“ sollte die Berliner Zeitung nach dem Fall der Mauer werden. So hatten es sich die damaligen Besitzer von Gruner + Jahr ausgemalt. Nun soll sich das Blatt stärker auf Lokales konzentrieren. Dort liegen die Kompetenzen des Berliner Kuriers – einer zwar gemäßigten, aber eben doch einer Boulevardzeitung. Wie deren Mitarbeiter mit denen der gescheiterten überregionalen Zeitung zusammenarbeiten sollen, ist schwer vorstellbar. Hinzu kommt die geplante Eroberung des Internets bei gleichzeitiger Reduktion des Personals: Mögen Verleger es auch immer wieder anders behaupten – mehr und besser mit weniger Leuten, das geht nicht.

Hinter dem vermeintlichen Neuanfang versteckt Dumont das Auspressen der bekannten Marken, letztlich ihr Dahinsiechen. Dabei hätte es Alternativen gegeben. Etwa den Abschied vom Print und eine konsequente Umstellung auf Online, mit Paywall und modernem Lokaljournalismus. Für solche Experimente gibt es keine Erfolgsgarantie. Aber das wäre ein echter Rettungsversuch gewesen.

06:00 03.11.2016

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