Was nicht sein darf

Krimi 1983, DDR: Ein Mann aus Mosambik wird ermordet. Max Annas’ neuer Roman basiert auf wahren Ereignissen
Was nicht sein darf
1990: Ostdeutsche werden in Frankfurt/Oder an der Grenze zu Polen kontrolliert

Foto: Imago Images/Werner Schulze

Max Annas lotet in seinen Romanen stets Gesellschaften aus, die in mehr als einer Hinsicht in sich geschlossen zu sein scheinen. Sein neuer Roman Morduntersuchungskommission führt nun zurück in die deutsch-deutsche Vergangenheit: Er spielt 1983 in der DDR. In der Nähe der Bahnstrecke Jena–Rudolstadt wird die erschreckend zugerichtete Leiche eines dunkelhäutigen Mannes gefunden. Vermutlich handelt es sich um einen jener Vertragsarbeiter, die die DDR aus sozialistischen Bruderstaaten angeworben hatte. Die Ermittlungen gestalten sich zäh, es gibt keine Zeugen, lange Zeit ist die Todesursache unklar, auch die Identität das Mannes festzustellen, zieht sich – unter anderem, weil die zuständige Morduntersuchungskommission Gera möglichst unauffällig vorgehen und sich keine Blöße geben will: „Das irritiert nur zu viele Leute. Stellt euch mal vor, man redet davon, dass wir einen Afrikaner suchen und nicht einmal wissen, wen“, erklärt der Chef der Gruppe.

Max Annas wählt erstmals die Form eines Polizeiromans, erzählt aus personaler Perspektive des Oberstleutnants Otto Castorp. Bislang nahmen Polizisten bei Annas eine deutlich untergeordnete Rolle ein. Seine ersten Krimis spielen in Südafrika, wo der Journalist und Publizist lange lebte. Die Farm (2014), sein Krimidebüt, ähnelt einem Kammerspiel: Aus dem Nichts wird ein abgelegenes Farmhaus beschossen; die Menschen, die sich dort zum Teil zufällig befinden, versuchen, irgendwie zu überleben. Dabei brechen alte Konflikte auf, die zeigen, dass die Apartheid mit ihren rassistischen Ausgrenzungen noch lange nicht überwunden ist. Ein ähnlicher Ansatz liegt Annas’ zweitem Roman Die Mauer (2016) zugrunde: Hier sucht Student Moses, ein junger Schwarzer, vergeblich Hilfe in einer Gated Community. Für beide Kriminalromane wurde Annas mit dem Deutschen Krimipreis in der Kategorie „National“ ausgezeichnet.

Seit seiner Rückkehr nach Berlin siedelt Annas seine Krimis in Deutschland an. Im Mittelpunkt von Illegal (2017) steht Kodjo, ein junger Mann aus Ghana, der ohne Aufenthaltsgenehmigung in Berlin lebt. Er beobachtet einen Mord und gerät selbst unter Verdacht. Annas zeichnet ein Berlin „von unten“, das aus Fluchtwegen und Verstecken besteht, er zeigt Vorurteile, Misstrauen und Rassismus, denen Kodjo in der deutschen Gesellschaft begegnet. Finsterwalde (2018) dreht diese Ansätze weiter. Der Roman ist eine düstere Dystopie und spielt in einer nahen Zukunft: Eine rechtspopulistische Partei hat die Macht an sich gerissen, alle nicht-weißen Menschen müssen das Land verlassen. Diejenigen mit deutschem Pass, die sich nicht einfach ausweisen lassen, werden in Lagern wie jenem im titelgebenden Finsterwald festgehalten. Auch für diesen Roman erhielt Max Annas den Deutschen Krimipreis. Annas schafft es, beklemmende und realistische Szenarien zu kreieren, die die Gegenwart weiterdenken, verdichten und zuspitzen. Bei aller Düsternis liegt den Romanen jedoch die Hoffnung auf Menschlichkeit und Solidarität zugrunde. So auch diesmal, denn es ist Otto Castorps Mitgefühl, das ihn dazu bringt, sich gegen das Regime zu stellen.

Max Annas schlägt in Morduntersuchungskommission ein weitaus zurückgenommeneres Tempo an als sonst: Ausführlich zeigt er die zahllosen Versuche der Ermittler, sich einen Reim auf die Geschehnisse zu machen. Zumindest steht irgendwann fest, dass es sich bei dem Toten um Teo Macamo aus Mosambik handelt. Es ist vor allem der Hartnäckigkeit von Otto Castorp zu verdanken, dass nach und nach Einzelheiten ans Licht kommen, zum Beispiel, dass die Ermittler es mit einem Mord zu tun haben.

Konsequent erzählt Max Annas aus Castorps Sicht. Dieser ist kein guter Ehemann, er betrügt seine Frau, und vielleicht ist er ein bisschen naiv, aber er ist ein guter Polizist und ein loyaler Staatsdiener, der an die DDR glaubt.

Im Laufe der Ermittlungen beginnt jedoch seine Überzeugung zu bröckeln, denn nicht nur entpuppt sich die offizielle Doktrin als Lüge, dass es keine Verbrechen in der Mitte der DDR-Gesellschaft gibt, Castorp muss auch erkennen, dass eine Menge unter den Teppich gekehrt wird: Als sich abzeichnet, dass Teo Macamo Opfer eines äußerst brutalen rassistischen Mordes von Neonazis geworden ist, erklärt das Ministerium für Staatssicherheit den Fall kurzerhand für abgeschlossen: Als offizielle Todesursache wird ein Unfall festgelegt. Neonazis und Rassismus darf es im sozialistischen, per definitionem antifaschistischen Staat nicht geben. Castorp ermittelt dennoch auf eigene Faust weiter, denn ihn hat die Tat zutiefst erschüttert. Eine riskante Sache in einem Überwachungsstaat, zumal auch Castorps Bruder eine hohe Position bei der Stasi bekleidet.

Gesamtdeutsche Nazis

Annas’ unaufgeregte Schilderungen lassen Platz für Einblicke in das Alltagsleben der DDR, sie machen eine allgegenwärtige Atmosphäre des unterschwelligen Misstrauens und der gegenseitigen Bespitzelung spürbar. Ebenso zeigt Annas die Kontakte zwischen Neonazis aus West- wie Ostdeutschland auf – und dies beruht auf Tatsachen. Der Fall an sich ist angelehnt an ein Verbrechen aus dem Jahr 1986. Damals ermordeten Neonazis den mosambikanischen Vertragsarbeiter Manuel Diogo auf der Zugfahrt von Berlin nach Dessau. Annas hat die Tat zeitlich vorverlegt, um mehr Freiheiten im Erzählen zu haben. Denn der Fall steht nicht allein: Rassismus und Rechtsradikalismus waren keine westdeutschen Phänomene, die in die DDR „importiert“ wurden, sondern beides bestand in beiden deutschen Staaten ungebrochen seit Ende des Zweiten Weltkrieges fort – und tut es noch heute. Das macht Max Annas’ Roman so brandaktuell. Morduntersuchungskommission bildet den Auftakt einer vielversprechenden Reihe, die in der Vorwendezeit der DDR spielen wird.

Info

Morduntersuchungskommission Max Annas Rowohlt 2019, 346 S., 20 €

06:00 11.11.2019
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