Was Rotkäppchen röhrt

Sportplatz Kolumne

"55 Millionen DM Gewinn bei 330 Millionen Umsatz, das soll uns erst mal einer nachmachen." So sprach der ehemalige Bankkaufmann Karl-Heinz Rummenigge, kurz bevor er im Februar 2002 das Amt des Vorstandsvorsitzenden der FC Bayern AG antrat. Die Umwandlung des alten Vereins in eine Aktiengesellschaft war notwendig geworden, um den Bau der Allianz-Arena finanzieren zu können. Dass die dort aufhältigen Anhänger aus Rummenigges Sicht nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, ließ er gleichfalls nicht unerwähnt: "Die Gate-Revenues machen nur noch 12 bis 15 Prozent der Einnahmen aus." Meint: Auf die Erlöse aus dem Eintrittskartenverkauf ist praktisch geschissen.

Jetzt, im Mai/Juni 2005, löste ebendiese minderwertige Claque durch ihr so ganz und gar nicht weltmännisches Gebaren in der Allianz-Arena einen regelrechten Nationaleklat aus. Just während des Eröffnungsspiels zwischen dem FCB und der deutschen Nationalmannschaft schmähten die Horden der Bayern-Fans Keeper Jens Lehmann, Oliver Kahns Konkurrenten um den Stammplatz im Auswahlteam, mit Pfiffen und den obligaten Zurufen. Das brachte Oliver Bierhoff, den DFB-Teammanager, nach der Partie in Rage. Das Pfeifkonzert sei eine "Riesensauerei" gewesen, empörte er sich, und der FC Bayern hätte diesen fürchterlichen Frechheiten durch Stadiondurchsagen oder anderweitige volkspädagogische Maßnahmen begegnen müssen.

So nicht! Dachte sich da der soignierte, die kühle Strenge des Weltmanagers ausnehmend gern zur Schau tragende Karl-Heinz Rummenigge und feuerte retour: "Das geht mir langsam auf die Nerven. Herr Bierhoff soll sich um seinen eigenen Mist kümmern. Zum wiederholten Male mischt er sich nun schon in die Belange des FC Bayern ein [...], und ich kann ihn nur warnen, sich in Zukunft nicht mehr zu Dingen zu äußern, die ihn absolut nichts angehen, sonst passiert hier bald mal was."

Wie erwartet, betrat daraufhin der mittlerweile quasi beschäftigungslose Gerhard Mayer-Vorfelder die Medienbühne und ergriff, seinerseits von Rummenigge diverse Male als Inkompetenz in persona abgekanzelt, für Bierhoff Partei, um sogleich zu schmachten: "Beide Batterien haben ihre Salven gefeuert. Jetzt muß die Sache unter Männern geregelt werden."

Die Konflikte zwischen dem DFB und dem FCB verschärfen sich, seit Karl-Heinz Rummenigge das geschäftliche Zepter schwingt. Erwähnt sei lediglich der Vorwurf an die Adresse von Jürgen Klinsmann, Oliver Kahn habe in der Champions League mehrfach übel gepatzt, weil der Bundestrainer ihn durch die fehlende Bekundung, Kahn sei die Nummer eins, psychisch zerrüttet habe. Vielleicht fühlte sich der einstige Weltstar Rummenigge daran erinnert, wie er als lütter Lippstädter an die Isar kam und oft so nervös war, daß ihm Udo Lattek vor dem Anpfiff einen Cognac einflößte und er den Kosenamen "Rotkäppchen" erhielt. Davon und von seiner auch in späteren Erfolgsjahren auf dem Platz bisweilen erahnbaren Labilität ist seit seiner Wandlung zum smarten Finanzrammbock von der Säbener Straße kein Gran mehr zu spüren.

In streng fußballerischen Belangen plädiert der CDU-Wahlmann für Disziplin und Unterordnung. Die Methoden des neuen FCB-Coaches Magath begrüßte "Kalle van Gogh" (Bild) darob als heilsamen "Kulturschock", in dessen Folge der Schlendrian unter Ottmar Hitzfeld ausgetrieben worden sei und der Ruhmesklub wieder zu dem wurde, was er laut Rummenigge ist: "Mit Verlaub, wer im Ausland kennt die Münchner Pinakothek, die gerade für teures Geld renoviert wird? Entschuldigen Sie meine Arroganz, aber wer außerhalb Deutschlands kennt irgendein Theater? Es gibt keine kulturelle Einrichtung in München, die weltweit so populär ist wie der FC Bayern - höchstens das Oktoberfest."

Man könnt´, mit Verlaub, das Speien kriegen angesichts dieses Dünkels, dieser kleinbürgerlichen Protzgesinnung, dieses Dicke-Eier-Getues. "Woher die 500 Millionen für die Bundesligarechte im Endeffekt kommen, ist mir eigentlich völlig egal", hat Rummenigge der Süddeutschen Zeitung unlängst verraten. Er bekennt: "Ich bin ein überzeugter Freund des freien Marktes" und ein Feind "dieser Neidgesellschaft", weshalb er die Zentralvermarktung wohl für eine Erfindung der Bolschewisten hält: "Wenn es um die Verteilung der Fernsehgelder geht, höre ich nur noch das Wort Solidarität, welches ich inzwischen hasse wie die Pest."

"Ich bin immer ein Freund des Kleinen - wenn der Kleine maßvoll bleibt", kübelt Karl-Heinz Rummenigge höhnisch seinen Führungsmenschenseim aus, und wer wissen möchte, wie es in den verwüsteten Köpfen der herrschenden Klasse aussieht, hört ihm noch einmal zu: "Ich bin ein großer Freund des Verdienstes [vulgo: der hohen Gehälter]. Man stützt die Kleinen nicht, indem man die Starken schwächt. Der Fußball gehört reformiert, wie unsere gesamte Gesellschaft reformiert gehört. Wir sind hier ein Land der Gleichmacherei geworden. Das muss aufhören. Der Fußball muß da möglicherweise auch gesellschaftspolitisch eine Vorreiterrolle spielen. Wo finden überhaupt noch Leistung und Wettbewerb statt? Und zwar auf einer öffentlichen Bühne. Jeden Samstag kann jeder in diesem Land verfolgen, wer welche Leistung gebracht hat, als Mannschaft, als einzelner Spieler. Es wird Zeit, daß wir auch in der Bundesliga eine Grundsatzdebatte führen."

An der Zeit wäre es jetzt, Karl-Heinz Rummenigge als das zu bezeichnen, was er ist: ein Großkotz und Sozialberserker, ein Bestandteil jener Pestbeule, die "gesellschaftliche Elite" heißt. Doch wir unterstehen uns nicht, das zu tun. Wir denken stattdessen daran zurück, welche Leistungen Karl-Heinz Rummenigge Anfang der neunziger Jahre als Co-Kommentator im Fernsehen erbracht hat. Und wie gerne würden wir eine Grundsatzdebatte über die Leistungen der Spitzenfußballkräfte führen, wenn wir sie wieder hören, seine verdienstvollsten Sätze: "Eine gefährliche Parabole aufs Tor." - "Die Flugbahn des Balles beschreibt eine Epilepse." Und: "Das war nicht ganz unrisikovoll."


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00:00 10.06.2005

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