Was sich liebt

Hochzeit Unser Autor, ein Iraner, wollte eine Deutsche heiraten. Und fühlte sich da erst fremd
Was sich liebt

Foto: Boing/ Photocase

"Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?", wurde ich teils augenzwinkernd, teils aber sehr ernsthaft gefragt, als ich meinen deutschen Freunden erzählte, ich würde heiraten. Ich war überrascht. Statt uneingeschränkter Freudensbekundungen, wie ich sie von iranischen Freunden her kannte, reagierten manche deutschen Bekannten mit Skepsis oder sogar leicht spöttischem Überlegenheitsgefühl. Ich ertappte mich dabei, wie ich mich fragte, ob ich ihnen die Tatsache nicht besser verschwiegen hätte.

Obwohl ich schon seit meiner Kindheit in Deutschland lebe, war mir die Skepsis vieler Deutscher gegenüber der Institution der Ehe neu. Im Laufe der Hochzeitsvorbereitungen hatte ich immer wieder solche Fremdheitserfahrungen. Zugespitzt könnte man sagen: Wer wissen will, wie integriert er als Migrant in die hiesige Gesellschaft ist, sollte sich in eine interkulturelle Ehe wagen. Die Erfahrungen, die man dabei sammelt, sind höchst lehrreich.

Vor einigen Jahren hatte ich einmal die Feier eines iranischen Paars in Deutschland besucht. Die Eheschließung wurde standesamtlich und vor einem iranischen Geistlichen vollzogen, da die Ehe ansonsten von der Islamischen Republik Iran, in der Staat und Religion nicht getrennt sind, nicht anerkannt worden wäre. Die anschließende Feier war dann typisch iranisch. Es gab persisches Essen. Danach eröffneten die Frischvermählten zu einem traditionellen Musikstück die Tanzfläche.

Keine Reden, keine Spiele

Reden oder Spiele, wie sie auf so vielen deutschen Hochzeiten üblich sind, gibt es bei iranischen Feiern nicht. Als ich das erste Mal eine deutsche Hochzeit als Gast erlebte, fragte ich mich angesichts der mehr oder weniger komplizierten Mitmachspiele daher, was das eigentlich mit einer Eheschließung zu tun hat. Der Sinn erschloss sich mir nicht. All diese Reden und die Spiele mit ihrem verordneten Spaß wirkten steif und förmlich auf mich. Erst im Laufe des Abends, als schließlich das Brautpaar die Tanzfläche eröffnete, empfand ich die Stimmung als lockerer.

Hätte die Feier meiner iranischen Bekannten nicht in Deutschland, sondern in Teheran stattgefunden, wäre sie wohl auch noch um einiges traditioneller verlaufen. Dort feiern religiöse Familien nach Geschlechtern getrennt, natürlich ohne Alkohol. Zudem spielt sich alles in geschlossenen Räumen ab, da Tanz und westliche Musik in der Öffentlichkeit nicht geduldet werden. Bei der Zeremonie gehört es traditionell dazu, dass die Braut sich ziert. Der Geistliche fragt sie dreimal nacheinander, ob sie den jungen Mann heiraten möchte. Die ersten beiden Male antwortet sie dem Mullah nicht, erst beim dritten Mal sagt sie Ja.

Nach der Trauung geben Braut und Bräutigam einander einen kleinen Finger Honig zu naschen. Währenddessen halten Frauen eine Decke über die Köpfe der Frischverheirateten, während andere Frauen über dieser Decke die Spitzen von Zuckerhüten aneinanderreiben. Beide Rituale haben dieselbe Bedeutung: Das Leben des Brautpaars soll so süß werden.

Nun war ich also selbst dran. Das Wort „Junggesellenabschied“ hatte ich zuvor zwar schon mal gehört. Ich wusste auch, dass es in Deutschland Brauch ist, dass Freunde des Bräutigams ihn „entführen“. Entweder muss er sich dann verkleiden, mit seinen Kumpels durch die Straßen ziehen und seltsame Aufgaben erledigen. Oder er darf Kleine-Jungen-Träume ausleben, etwa wenn seine Freunde einen Nachmittag auf einem Übungsplatz organisieren, wo sie alle zusammen alte Panzer fahren. Ich fühlte mich aber ziemlich sicher davor. Bis es ein paar Wochen vor der Hochzeit an der Tür klingelte. Freunde holten mich ab. Zufällig – so dachte ich zunächst – gesellten sich noch andere zu uns, bis sie mir dann erklärten, worum es ginge. Der Abend verlief allerdings glimpflich. So bekam ich nur Aufgaben, wie bespielsweise eine fremde Frau in einem Club zum Tanzen aufzufordern. Die Vorstellung, vor der Hochzeit noch mal richtig über die Stränge zu schlagen, blieb mir dennoch fremd.

Mit deutschem Drumherum

Meine eigene Hochzeit stellte ich mir immer eher persisch vor: Wir heiraten, essen und tanzen – das war’s. Da hatte ich aber nicht an meine zukünftige Frau gedacht, die sich als Deutsche sicher war, dass wir den Reden, Fotos, Spielen und dem ganzen Drumherum nicht würden ausweichen können. Eine kirchliche Trauung fiel für uns wegen der religiösen Unterschiede weg. Da meine Eltern aber nicht sehr traditionell sind, akzeptierten sie unsere Vorstellungen ohne große Diskussionen.

Uns war wichtig, dass alle Gäste etwas von der jeweils anderen, in diesem Fall vor allem der iranischen Kultur kennenlernten: Natürlich gab es sowohl deutsche als auch persische Spezialitäten. Und mich überraschte, wie begeistert nachts die deutschen Gäste nicht nur zu den englischen Songs, sondern auch zu den persischen tanzten.

Während der Vorbereitungen hatte ich mir öfter Peinlichkeiten und unterschiedlichste kulturelle Missverständnisse vor dem inneren Auge ausgemalt. Aber das war überflüssig. Denn nachdem wir mit unseren Gästen an den Tischen saßen, übernahmen unsere Eltern das Programm. Sie hatten es sich so aufgeteilt, dass beide Seiten ihren Beitrag leisten konnten: Also wurden auf deutscher Seite vor allem Reden gehalten. Da meine Eltern nicht gern sprechen mochten, spielte und sang mein Vater zwischen den Reden alte persische Lieder.

Den Redebeitrag meiner Familie übernahm dafür ein angeheirateter deutscher Verwandter, der erzählte, wie es sich anfühlt, in eine iranische Familie einzuheiraten. Anders als in Deutschland, bemerkte er, bleibt im Iran eine größere Distanz zwischen Angeheirateten und Blutsverwandten bestehen: „So wurde ich durch die Heirat mit meiner Frau nicht ein ‚Onkel‘, sondern nur der ‚Ehemann von der Tante‘.“

Irgendwie auch beruhigend.

Behrouz Moghan kam im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Mit 31 hat er nun im Juni geheiratet

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11:22 14.08.2012

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