Was soll die Philosophie?

Wissenschaft Plädoyer für eine Philosophie ohne Absolutismus und Elfenbeinturm: Warum wir uns dem demokratischen Diskurs über Werte und Wahrheit stellen müssen

Nicht das Philosophieren ist in einer schwierigen Lage, sondern die Philosophie. Antonio Gramscis These, alle Menschen seien Philosophen, war überspitzt. Ganz falsch war sie nicht: Existenzielle Fragen stellen wir uns mehr oder weniger alle. Kinderphilosophie, Philosophie- und Ethik-Unterricht schon in Sekundarstufe 1, Philosophen in Ethikkommissionen, Bestseller über das glück­­­­liche Leben – es gibt ganz offensichtlich einen Bedarf, über sich selbst und die Welt nachzudenken und sich philosophisch aufzuklären. Ganz zu schweigen von der Werbung, die das Reizwort „Unsere Philosophie“ einsetzt, um die Kunden zu überzeugen, man habe eine Strategie und biete Werte an. Hegel hat sich in den 1820er Jahren über die philosophy of hairdressing der Engländer mokiert. Wie auch immer: „Philosophie“ ist für die öffentliche Meinung kein Unwort. Wer unesco.org anklickt, stößt auf den Satz „Es gibt keine UNESCO ohne Philosophie“. Wäre dies alles, wäre es schön. Doch die Philosophie steckt in Problemen.

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Die alten ewigen Wahrheiten

Politiker müssen Schwerpunkte setzen. Wie? Das ist eine Frage knapper Finanzmittel, aber nicht nur. Es ist auch eine Frage der Werte, denen sie sich verpflichtet fühlen. Bildung, Aufklärung, Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität, Menschenrechte? Ja natürlich! Wären da nicht die Verhältnisse, die nicht so sind, wären da nicht die Sachzwänge. Wäre da nicht die neoliberale Scheuklappensicht auf den „ökonomischen Nutzen“. Das Problem besteht nicht darin, dass auch die Philosophie in der Gesellschaft rechenschaftspflichtig ist und sich als nützlich bewähren muss. Das Problem entsteht, wenn im Bereich des Politischen nicht aus Verantwortung für Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Menschenrechte gehandelt wird, sondern gesellschaftlich akzeptable Maßstäbe fehlen. Dann stößt das Bedürfnis nach Aufklärung und Bildung des Denkens durch Kritik auf „Grenzen der Finanzierbarkeit“. Sachzwänge? Jeder weiß, dass Grenzen nicht naturgegeben sind, sondern gezogen werden. Wer auf die Frage nach der ökonomischen Verwertbarkeit nicht mit Produktivitätsstatistiken antworten kann, hat heute schlechte Karten. Dies gilt auch für die Philosophie.

Philosophinnen und Philosophen reagieren irritiert. Soll man sich auf die Frage „Philosophie, wozu?“ einlassen, weil in der Wissenschaftspolitik der Nutzen des Philosophierens für die öffentliche Kultur der Demokratie nicht mehr gesehen wird? Die akademischen Philosophinnen und Philosophen sitzen am kürzeren Hebel. Lehrstühle werden nicht wieder besetzt, philosophische Institute werden geschlossen. Dass Studierende weniger Interesse an Philosophie zeigen als noch vor einigen Jahren, ist verständlich: existenzielle Fragen nach dem Sinn auf der einen Waagschale, Verwertbarkeit auf der anderen; die Waage pendelt sich nicht ein. Neu ist weder das Problem noch die Debatte.

Natur- und Ingenieurwissenschaften sind nützlich, keine Frage: Sie sind exakt und objektiv. Aber ist das tatsächlich so? Die politisch und öffentlich herrschende Meinung lebt nicht schlecht vom Irrtum, diese Wissenschaften seien keine Kulturwissenschaften und trügen deshalb nicht an den Lasten von Subjektivität, Interpretationskonflikten und Meinungspluralismus, gepaart mit einer Prise Relativismus.

Philosophie? Wozu? Die eine Antwort gibt es nicht. Die Innenansichten darüber, was Philosophie ist, kann und können soll, gehen weit auseinander. Wundern wird sich nur, wer Pluralismus nicht mag und die alten ewigen Wahrheiten, die nie ewig gehalten haben, vermisst. Die Philosophen haben die Philosophie verändert. Die großen Schulen – bis in die 1980er Jahre etwa die Gadamer- und die Ritter-Schule – gibt es nicht mehr. Die Grenzen zwischen Philosophie und Wissenschaften sind durchlässiger als früher.

Wie die Debatten über die Willensfreiheit zwischen Neurowissenschaft und Philosophie zeigen, ducken sich die Philosophen nicht mehr vor der Wucht des naturwissenschaftlich als letzte Wahrheit über den Menschen verkündeten Wissens; sie zeigen sich selbstbewusst, kritisch, nennen das Fragwürdige fragwürdig. Der Streit zwischen den „kontinental“ und den angelsächsisch „analytisch“ Orientierten hat sich in Kooperation aufgelöst. Theoretische und praktische Philosophie sind durch die Brücke „angewandter Philosophie“ verbunden, weil angesichts existenzieller Probleme von der Philosophie wie selten zuvor praktische Orientierungen für das Leben in der pluralistischen Gesellschaft, im Rechtsstaat und in der Demokratie erwartet werden.

Skepsis als Tugend

Die Sicht auf die Probleme und die Problemlösungen ist heute weniger als früher „eurozentrisch“ verengt. Europa wird als transnationaler gesellschaftlicher und kultureller Raum zu einer Perspektive der Philosophie, und in dem Maße, wie im Netzwerk der Kulturen die europäische Herkunft auch als eine Geschichte der Unterdrückung „der Anderen, der Fremden“ gelesen wird, öffnet sich das Philosophieren in seine inter- und transkulturellen Horizonte. Wäre dies alles, wäre es schön.

Doch die Philosophie ist gefährdet, und dies nicht nur aus äußeren Gründen. Es gibt zumindest drei Formen der Selbstgefährdung des Philosophierens: durch medienwirksame hohepriesterliche Ansprüche (siehe den nebenstehenden Artikel von Michael Pauen); durch öffentlichkeitsscheue Flucht zurück in den Elfenbeinturm und durch absolutistische Wahrheitsansprüche: Alle drei Formen sind mit dem Alltagsbewusstsein, mit der Aufgabe der Philosophie in der Demokratie und mit einer den Eurozentrismus überwindenden transkulturellen Offenheit unverträglich. Der Dogmatismus überfordernder Wahrheitsansprüche spielt Machtansprüchen in die Hände; er bereitet den Zwang gegen das Selbstdenken und die Freiheit des Handeln vor. Deshalb muss das Philosophieren den Prozess der Kritik sowohl gegen sich selbst als auch gegen inhumane Verhältnisse anstrengen. Schlampiges Denken, Guantánamo und Hartz IV sind gleichermaßen Gegenstände dieser Kritik.

Bertrand Russell hat gefordert, die Philosophie solle ihren Wert „in der Ungewissheit“ beweisen, „die sie mit sich bringt“. Nur so könne sie dem Schattendasein im „Niemandsland“ zwischen Mythologie und Wissenschaft entgehen.

Zu dem, wozu Philosophen im Prozess der Kritik zu plädieren haben, gehört Selbstaufklärung über ihre Möglichkeiten und Grenzen. Man muss Nietzsche nicht mögen, um zu verstehen, dass er wie wenige andere den intellektuellen Schock der neueren Moderne signalisiert hat: „Das Neue an unserer jetzigen Stellung zur Philosophie ist eine Überzeugung, die noch kein Zeitalter hatte: dass wir die Wahrheit nicht haben.“ Die Philosophie muss sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie es ermöglicht, Grenzen der Erkenntnisgewissheit zu denken. Sie muss dem Mythos des „Gegebenen“ und dem Dogma der einen objektiven Wahrheit den Widerstand von Zweifel und Kritik entgegensetzen.

Skepsis ist eine Tugend des Philosophierens. Mit Dieter Henrich kann man Philosophie „aus einer Art von Regieführung der Vernunft in ihrem Bemühen um Orientierung an den Grenzen des Erkennbaren“ verstehen, als „letzte Instanz für jede Kritik von überzogenen Erkenntnisansprüchen“. Dies ist die eine Seite der Medaille philosophischer Selbstaufklärung. Die zweite Seite ist: Auch wenn wir Wahrheiten nur in menschlichen Grenzen haben, müssen wir auf ein Leben nach dem uns möglichen, das heißt: humanen Menschenmaß nicht verzichten.

Die Konsequenz daraus ist die Verweigerung einer Kapitulation: Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Menschenrechte sind nur zu oft Opfer politischer und ökonomischer Macht; aber es genügt nicht, Verletzungen zu beklagen und zu beschreiben; eine Philosophie, die ihre Grenzen kennt, kennt auch ihre Möglichkeiten und Aufgaben. Von der Philosophie müssen gute Gründe für ein Leben erwartet werden können, das nicht nur aus Opfern besteht. Mit bescheidenen Wahrheitsansprüchen kann die Philosophie in praktischer Absicht dazu beitragen, den Pluralismus der Wahrheiten und das Recht auf Dissens zu verteidigen sowie den für die Demokratie überlebenswichtigen Verzicht auf Wahrheits- und Machtmonopole zu fordern.

Moderne Gesellschaften sind durch einen Pluralismus von moralischen Einstellungen, Bedürfnissen, Interessen und ­Kulturen charakterisiert, und mit der Einstellung „meine Überzeugung, meine Wahrheit“ geht Relativismus einher: meine Überzeugung, mein Recht. Aus theoretischen und praktischen Gründen kann die Schlussfolgerung nur lauten: Keine private Ethik und keine private Moralvorstellung kann die gesellschaftlichen Praxis leiten; dies muss vom Recht geleistet werden.

Demokratie ohne Illusion

Von welchem Recht? Vom Recht, das dem Maßstab der Menschenwürde, der Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit genügt. Das Recht verschiebt – so Jürgen Habermas – „die normativen Zumutungen vom moralisch entlasteten Einzelnen auf die Gesetze, die die Kompatibilität der Handlungsfreiheiten sichern“. Dies ist eine der philosophischen Antworten, die in Europa nach der Erfahrung des Faschismus gegeben wurde: Nicht nur der Staat ist der potentielle Feind der Grundrechte, sondern Terror gegen die Grundrechte droht auch von Individuen. Das hier geforderte Recht ist kein bloßes Ideal. Es existiert in der Gesamtheit der universell gültigen positivierten politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Menschenrechte. Dieses Recht wird zur letzten Grundlage der Kritik an unmenschlichen Zuständen.

Demokratie ist der Inbegriff kollektiver Selbstbestimmung einer Gesellschaft Freier und Gleicher. Aber sind die Freien und Gleichen auch von Natur aus gut, gerecht und solidarisch? Zweifel sind nicht nur erlaubt, sondern sie sind der Grund einer Demokratie, die wegen der Mängel des Souveräns eine Herrschaft des Rechts sein soll. Propagandisten des „starken Staates“ schlagen Alternativen vor – etwa die Herrschaft der Eliten, die über umfassendes Wissen verfügen, wie Platons Philosophenkönige oder das Politbüro der Einheitspartei.

Die Demokratie stellt die höchsten Anforderungen an die Menschen und gleicht auf die einzig vernünftige Weise deren Mängel aus. Sie ist nicht die ideale Gesellschaft und wird es nicht sein. Sie verhindert den Terror im Namen des Ideals. Sie ist die politische Form einer Verweigerung: Das eine Ideal, die eine Wahrheit – sie sollen kein Privileg genießen und kein Anrecht auf Macht haben. Demokratie ist andauernde Desillusionierung: Wir handeln nicht alle und nicht immer gut, frei und rational. Weil wir dies wissen, setzen wir auf den demokratischen Rechtsstaat als Ausgleich des Pluralismus und Relativismus der theoretischen und praktischen Wahrheiten und der sich daraus ergebenden Konflikte. Die rechtsstaatlich verfasste Demokratie ist die Herrschaft, mit der wir uns selbst beherrschen.

Philosophie? Wozu? Zur Analyse, Kritik, Aufklärung und Intervention für die Menschenwürde.

Hans Jörg Sandkühler leitet die deutsche Abteilung "Menschenrechte und Kulturen" des UNESCO-Lehrstuhls für Philosophie in Paris und hat kürzlich Philosophie, wozu? (Suhrkamp 2008) herausgegeben. Im Herbst erscheint die dreibändige Neuauflage der von ihm herausgegebenen Enzyklopädie Philosophie im Felix Meiner Verlag

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05:00 14.05.2009

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