Was Sorgen blau macht

Rechtspopulismus Fünf Denkfehler, die materielle Zukunftsängste in ein AfD-kompatibles Ressentiment verwandeln
Was Sorgen blau macht

Foto: Max Sand

Der Frühling schreitet voran, die Tage werden länger, die Nächte werden kürzer – und zwar ganz besonders meine Nächte. Was mich weckt und wach hält, sind Sorgen um die Zukunft. Finanzielle Sorgen. Noch vor nicht allzu langer Zeit bescherte mir mein ungekündigtes, sozialversicherungspflichtiges Angestelltenverhältnis einen ruhigen Schlaf. Doch seit das Einkommen geringer und unregelmäßiger geworden ist, frage ich mich: Wie soll es weitergehen? Halte ich bis zur Rente durch? Wie lang ist das noch? Zu lang – die Geldsorgen nähren das eigenartige Bedauern, trotz all der Lebensjahre noch zu jung zu sein, womit die Gefahr besteht, dass am Ende des Geldes noch so viel Leben übrig bleiben könnte. Zu viel Zukunft.

Für die Rente zu jung, für den Arbeitsstress zu alt, wie machen die anderen das? Die Gedanken wandern zu Freunden und Bekannten, und von hier aus werden sie latent gehässig. Denn die Freunde und Bekannten haben es ziemlich gut. Sie verdienen ordentlich. Sie sind in sicheren Jobs gelandet. Sie ernten die Früchte ihrer mittleren Jahre und müssen sich keine Sorgen machen. Vor allem, weil sie Zugang zu dem einen halbwegs sicheren Arbeitgeber gefunden haben, den es heute gibt, nämlich dem Staat und seinem Umfeld. Während ich mich auf dem freien Markt abkämpfe, haben sie sich vor der Marktkonkurrenz in Sicherheit gebracht. Sie verdienen ihr Geld bei Stiftungen, Parteien, Kommunen, Universitäten – und beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie leben, kurzum, von meinem Steuer- und Gebührengeld und meinen Rundfunkbeiträgen. Sie leben besser als ich – und arbeiten sich gewiss nicht tot! Was ist das für eine Art von Umverteilung, zumal ich weder fernsehe noch Radio höre? Ist das gerecht?

Leistung: eine liberale Finte

Es gibt eine Partei, bei der diese meine Gedanken geradezu zu Hause sind, besonders was den öffentlich-rechtlichen Rundfunk angeht. Sie kritisiert den „Zwangsbeitrag“ für Radio und Fernsehen schon lange als „Ärgernis“ und kennt dafür nur eine Medizin: „AfD wählen!“ Ganz mein Ding in meinen nächtlichen Sorgenstunden! Aber wie bin ich jetzt hier gelandet?

Es ist nicht ganz einfach. Aber auch nicht so schwer. Auf den Weg von privaten Geldsorgen zu den rechten Populisten führen nur fünf gedankliche Dummheiten. Und obwohl sich gewiss nicht belegen lässt, dass sich besonders viele Besorgte aus dem Journalismus den Blauen zuwandten, hat deren tief sitzende Abneigung gegen die öffentlich-rechtlichen Medien nicht nur damit zu tun, dass die Gauland-Höcke-Weidel-Truppe in diesen Programmen oft kritisiert wird. Darüber hinaus lassen sich die „Öffis“ zu einem Topos zurechtzimmern, der diese Denk-Operationen rechter Sozialkritik scheinbar besonders deutlich verdichtet. Doch der Reihe nach.

Der erste Schritt auf dem Weg von der nächtlichen Existenzangst zum rechten Populismus ist eine bestimmte Art des Vergleichens.

Wer häufig Geldsorgen hat, sollte zwecks Problemlösung eigentlich bei der Geldquelle ansetzen: dem eigenen Arbeitsplatz nämlich. Warum kommt hier so wenig raus? Was könnte dagegen helfen? Stattdessen kann man sich aber auch in den horizontalen Vergleich begeben: Andere verdienen mehr als ich! Damit allerdings hat man sich vom eigentlichen Problem ab- und einer Relation zu anderen zugewandt. Das aus diesem horizontalen Vergleich resultierende Gefühl der Ungerechtigkeit nimmt oft genug die Form des Neides an – eine sehr domestizierte Form des Materialismus, die auch dadurch befriedigt werden kann, dass andere weniger verdienen, also auf mein Niveau herabsinken: Ich bin dann schon froh, wenn es anderen schlechter geht. Aus der gleichen Quelle schöpft man Schadenfreude: Mein Mangel wird kompensiert durch den der anderen.

Ein zweiter Schritt auf meinem nächtlichen Björn-Höcke-Pfad lässt sich mit dem Wort „Leistung“ überschreiben.

Andere verdienen mehr als ich – aber verdienen sie es überhaupt? Arbeiten sie denn entsprechend mehr, diese Leute zum Beispiel beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, von deren Arbeitsverträgen ich nur noch träumen kann? Damit ist man auf dem Feld des Leistungsvergleichs angelangt und hat abermals das Sujet gewechselt: Ausgehend von der eigenen Geldknappheit ist man plötzlich beim Beäugen des Lohn-Leistungs-Verhältnisses anderer Leute gelandet. Basis dieses Vergleichs ist die Vorstellung, das Einkommen bemesse sich nach der Arbeitsleistung. Diese Vorstellung ist allerdings falsch, allein schon, weil sich „Leistung“ nicht messen lässt. Wer leistet mehr pro Minute, eine Krankenpflegerin oder eine Bandarbeiterin, eine Reinigungskraft, ein Banker oder halt jemand „in den Medien“?

Verschiedene Tätigkeiten lassen sich nicht auf einen Nenner bringen und in Geldsummen beziffern. Was ein Mensch verdient, ist nicht abhängig von seiner individuellen Anstrengung oder von seinem Talent, sondern schlicht von Kräfteverhältnissen auf dem Arbeitsmarkt. Das Einkommen spiegelt nicht den Beitrag eines Individuums zum Gesamtergebnis wider, sondern ist bloß der Anteil, den es daraus erhält. „Leistungsgerechtigkeit“ ist im Kern eine liberale Finte, die bestehende Ungleichheiten legitimieren soll.

Der dritte Fehltritt nach rechts bastelt sich aus dem falschen Vergleich vermeintlicher Leistungen ein Thema, das sich mit „Privilegien“ überschreiben lässt.

Andere verdienen mehr als ich – natürlich könnte man auch den Vergleich nach unten bemühen, schließlich verdienen viele weniger, obwohl sie sich krumm arbeiten. Doch durch den Vergleich nach oben wird aus dem Mehr-Verdienst der anderen ihr Vorteil und aus ihrem Vorteil ein Privileg. Andere haben höhere Gehälter, sicherere Jobs, werden von daher bevorzugt behandelt, woraus das Recht auf ihre Schlechterstellung abgeleitet wird.

Der Blick der Vereinzelten

Aus Vorteilen ungerechtfertigte Privilegien zu machen: Das hat Konjunktur und wird derzeit häufig als „Generationenkonflikt“ angesprochen: Die Alten haben hohe Renten, die Jungen müssen zahlen! „Alt-Verträgler“ haben sichere Jobs, die Jungen leben in der Prekarität! Dass die Zeiten für viele schlechter werden, wird hier als unangemessene Bevorteilung der Älteren kritisiert. So erwächst aus Gegensätzen zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Lohn und Profit, zwischen Eigentümern und Eigentumslosen ein Kampf zwischen benachteiligten Jungen und privilegierten Alten – bei dem klar ist, wer die Last der Anpassung auf ein „gerechtes“ Niveau zu tragen hat: die Privilegierten. Das freut jene, die über die Höhe von Einkommen und die Arbeitsbedingungen entscheiden und die aus der ehemaligen Normalität „Festanstellung plus sichere Rente“ eine Ausnahme gemacht haben. Einen Luxus.

Im vierten Schritt auf unserem angstgetriebenen Abweg verdichtet sich die Wut wegen dieser vermeintlichen „Privilegien“ zu einer besonderen Art von „Staatskritik“.

Denn jener Privilegierung besonders häufig verdächtigt werden die Staatsbediensteten. Die Kritik an den öffentlich Beschäftigten kann anschließen an das verbreitete Misstrauen gegenüber „den Beamten“, die sich auf ihren bequemen Posten ein schönes Leben machen, gut geschützt vor den Schwankungen des Marktes. Hier wird der Markt zum „Ort der Wahrheit“ gekürt, wie der amerikanische Historiker und Ökonom Philip Mirowski einmal geschrieben hat. Wenn man aber den Markt für das „wirkliche Leben“ hält, dann liegt der Schluss nur nahe, dass die Staatsbediensteten demselben erstens nur „künstlich“ entzogen werden können, was zweitens „auf unsere Kosten“ geschieht.

Bemüht wird dabei das Bild des „Steuerzahlers“, der in dieser Vorstellung quasi als ideeller Auftraggeber der Politik fungiert, seine Steuern und Beiträge als „Preise“ betrachtet, die er zahlt, und von daher einen Anspruch auf Mitsprache bei der Verwendung der Gelder anmeldet, den er gar nicht hat. Aus Sicht dieses „Steuerzahlers“ verursacht der Staat Kosten, die eigentlich immer zu hoch sind. Darüber reißt neuerdings der Halbkomiker Mario Barth seine Possen, regelmäßig beschwert sich auch der Bund der Steuerzahler, der insofern der AfD zumindest geistig nahesteht.

Hier herrscht ganz unhinterfragt ein Alltagsverstand, der eine Perspektive vereinzelter Einzelner einnimmt. Aus dieser Sicht steht die Gesellschaft, von der und in der auch diese Menschen leben, grundsätzlich im Verdacht der Verschwendung.

Scheinbar besonders gut greift diese Denkfigur vom „Steuerzahler“ und von der „Verschwendung“, wenn es um Dienste geht, die privat und öffentlich angeboten werden. Womit wir zum Beispiel beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk wären, an dem sich diese Art von „Staatskritik“ besonders gern abarbeitet. Zwar ist die Abneigung der AfD gegenüber den „Öffis“ hauptsächlich darin begründet, dass sie sich in diesen Medien schlecht dargestellt sieht. Doch solange das so ist, stehen die „Öffis“ wie exemplarisch am Ende unserer Gedankenkette – vom horizontalen Vergleich eines falschen Leistungsbegriffs über die Wut über „Privilegien“ bis hin zur verschobenen Staatskritik. Dabei könnten jene, die sich über unfreiwillige Abgaben aufregen, auch in der Privatwirtschaft fündig werden. Mit dem Profit liefern Beschäftigte den Eigentümern des Unternehmens etwas ab, das sie vorher nicht einmal in die Hand bekommen haben, insofern auch nicht weggeben können.

Im fünften Schritt führt dieser sich kritisch wähnende Gedankengang dann fast unvermeidlich zur Heiligung der bestehenden Zustände.

Das Steuer- und Beitragsaufkommen ist in der Sicht einer solchen Staatskritik nämlich ein gemeinsamer Topf Geld, aus dem sich einige zu viel herausnehmen, weswegen diesen umstandslos die Schuld am eigenen Geldmangel gegeben werden kann. Aus „Ich verdiene wenig, während andere mehr verdienen“ wird so „weil sie mehr verdienen“. Eine ähnliche Haltung wird zuweilen gegenüber dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) eingenommen, das ebenfalls als gemeinsamer Güterhaufen gedacht wird, von dem einige zu viel abgreifen, die daher Schuld an den Geldsorgen anderer tragen. Dabei ist das BIP lediglich die Summe getrennter Einkommen, aus deren Addition niemals „unsere Wirtschaft“ wird.

Insofern thematisiert das „Topf-Denken“ gar nicht mehr, woher der gesellschaftliche Reichtum kommt und wie er eigentlich entsteht – sondern nur noch, wer ihn hat. Es geht um Kuchenstücke, nicht um die Bäckerei. Derartige Verteilungsdebatten sind daher inhärent konservativ und werden umso trauriger, je kleiner der Kreis der Bevor- und Benachteiligten gezogen wird. Statt auf das Wirtschaftssystem richtet sich die Kritik auf Freunde, Kollegen und Bekannte. Wer und was den Inhalt des „Topfes“ füllt und leert, wie sich Chancen und Risiken verteilen, um die sich dann alle streiten, das bleibt außen vor – es ist schlicht das Gegebene: die unangreifbare Realität.

PS: Ein Kollege vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisiert meine nächtlichen Wutanfälle kongenial mit: „Du darfst dich gar nicht aufregen, du hattest jahrelang einen sicheren Job, während ich …“ Das passt.

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06:00 08.06.2021

Ausgabe 23/2021

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