Was uns Linke eint: Wir haben keine Ahnung

Neoliberalismus Lexikon der Leistungsgesellschaft: Uneins sind wir schon lange. Aber in der Krise finden wir uns eingehakt mit Neoliberalen und der Regierung wieder
Was uns Linke eint: Wir haben keine Ahnung
Der Winter der Linken ist längst nicht vorbei

Foto: Patrik Stollarz/Getty Images

Wir Linken hoffen angesichts der aktuellen Krise, dass sich alles zum Guten wenden könnte, dass es endlich vorbei ist mit dem Kapitalismus, dass wir wenigstens das Ende des Neoliberalismus erleben – und wir fürchten uns vor den Monstern, die von der Krise profitieren. Vor einem immer autoritäreren Staat, vor einer Bevölkerung, die vor lauter Panik jede Grundrechtseinschränkung akzeptiert, vor dem lauernden Faschismus.

Wir Linken befürchten, dass das Virus noch viel tödlicher sein könnte als angenommen, hängen an den Lippen der warnenden Experten, verteidigen Kontaktverbote – und wir halten die Angst vor Covid-19 für übertrieben, erkundigen uns bei angeblich alternativen Medien, lassen uns wie selten zuvor von Verschwörungsmythen blenden.

Wir Linken verteidigen die Krisenpolitik der Regierung, verwechseln den Marsch für staatliche Übernahmen unternehmerischer Risiken mit Schritten in Richtung Sozialismus – und wir finden uns eingehakt mit Neoliberalen wieder. Während diese die Losungen der Unternehmen brüllen, flüstern wir irgendetwas von Grundrechten.

Uns Linke verbindet gerade vor allem eines: Wir haben keine Ahnung.

Brechts Losung, nach der die Widersprüche unsere Hoffnung sind, hilft hier nur jenen, die, von allen Seiten eingemauert, irgendwo sich öffnende Räume erkennen wollen. Unsere Unklarheit und Bedeutungslosigkeit führt uns von Jahr zur Jahr, von Krise zu Krise nur noch weiter auseinander. Uneins sind wir schon lange, die meisten von uns haben sich aneinandergeklammert, um nach 1989 nicht zu erfrieren. Linke Ideen sollten überwintern.

Auf den Frühling hofften wir, setzten auf die Multitude der globalisierungskritischen Bewegung, schöpften Hoffnung aus der vergangenen Krise des Kapitalismus vor mehr als zehn Jahren, verstanden dann aber, dass wir bei der nächsten Krise besser vorbereitet sein müssen. Nun, da die aktuelle Krise schneller und anders kam als erwartet, stellen wir fest, dass wir schon wieder auf dem falschen Fuß erwischt worden sind. Der Winter ist längst nicht vorbei.

Unterschiedliche Wege führen zum Ziel, beruhigen wir uns. Verzweifelt suchen einige von uns nach irgendwelchen Trampelpfaden der uns Vorausgegangenen; andere versuchen neue Schneisen zu schlagen. Doch allen fehlen nicht nur Plan und Kompass, selbst das Ziel wird immer unklarer.

Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht, lobt Bertolt Brecht die Dialektik – doch was, wenn wir Linken gerade nicht das Ende des Neoliberalismus erleben, sondern das Ende von uns?

Sebastian Friedrich ist Journalist und führt in dieser Kolumne sein 2016 als Buch erschienenes Lexikon der Leistungsgesellschaft fort, welches veranschaulicht, wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt

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