Was von Lenin bleibt

Biographie Wolfgang Ruge deutet den russischen Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin in seinem Biografie aus dem Nachlass als ambivalente Gestalt shakespearschen Formats

Es gibt hierzulande wenige Historiker, die solch ein dramatisches Schicksal erleiden mussten. Wolfgang Ruge, im Jahr der Oktoberrevolution 1917 geboren, erlebte den von diesem Umsturz ausgehenden ersten Versuch einer nachkapitalistischen Gesellschaft. Aus einem kommunistischen Elternhaus stammend, floh Ruge nach der Machtergreifung der Nazis in die Sowjetunion.

Zunächst half ihm dort sogar Lenins Witwe, die Krupskaja, und er erlebte noch die letzte Phase des Aufbruchs – und die ersten Schrecken des Großen Terrors. Beinahe hätte er zu dessen Opfer gehört, schließlich saß er sogar in einer Todeszelle, bis ihn die Verhaftung seines Zulieferers rettete. So wandelte sich das Land seiner Wunschträume in das Land seiner Alpträume. All das erzählt Ruge sehr anschaulich in seiner Autobiographie Berlin – Moskau – Sosswa.

Aus dem Nachlass des 2006 Verstorbenen bringen nun der Sohn, der Schriftsteller Eugen Ruge, und Wladislaw Hedeler, der die erste Geschichte eines Lagerkomplexes des Archipel Gulags vorlegte, eine Lenin-Biographie heraus. Für Lenin gilt, was Schiller von Wallenstein sagte: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Auf vielen Plätzen, wo seine Statue einst ikonengleich stand, nennt man ihn heute respektlos einen Verbrecher. Selbst sonst präzise Zeitzeugen widersprechen sich. So treten heute an die Stelle ihn bewundernder Zitate von Maxim Gorki die grollenden, die den Demagogen sehen. Einen großen Chor einander widersprechender Meinungen findet man bei Ruge selbst, der den Revolutionsführer, einen Shakespeare-Charakter, in eine hoffnungsvoll erregte wie grausam schwere Zeit stellt. Immerhin starben im russischen Bürgerkrieg und seinen Folgen, zu denen eine große Hungersnot gehörte, mehr Menschen als an allen Fronten des Ersten Weltkrieges.

Ausweglose Situation

Lenin war der Vorgänger Stalins, aber menschlich und intellektuell liegen Welten zwischen ihnen. Wenn Lenin mit seiner „Partei neuen Typus’“ unerwartete Siege in der Revolution, gegen die Invasionsarmeen und im Bürgerkrieg erkämpfte, so entwickelte sich unter seinem Nachfolger, dem er diesen Apparat übergab, daraus ein unheilvolles Unterdrückungssystem. Und als Lenin, der im Namen der „Sache“ zu Brutalitäten fähig war, erschrocken vor Stalin warnte, war er schon todeskrank, sein Ruf verhallte ungehört. Bis heute türmen sich deswegen Barrieren auf gegen Neuansätze zu einer nachkapitalistischen Welt.

Nach den die Massen aufrührenden Kriegserlebnissen des ersten Weltkrieges glaubte Lenin, die Zeit einer Weltrevolution sei gekommen. Als die europäischen Länder dem russischen Beispiel nicht folgten, geriet er in immer ausweglosere Situationen, die ihn veranlassten, unreife Früchte abzuschlagen. So urteilt Ruge folgerichtig über Lenin, „dass er zwar viel erreichte, dass das Erreichte aber ganz und gar nicht dem entsprach, was zu verwirklichen er angetreten war“. Sein Lenin-Buch ist dadurch vieles, vor allem aber eins: lesenswert.


Lenin Vorgänger Stalins Wolfgang Ruge Bearbeitet und mit einem Vorwort von Eugen Ruge, herausgegeben von Wladislaw Hedeler, Matthes Seitz Berlin 2010, 472 S., 29,90

Von Achim Engelberg ist gerade die Familiensaga Die Bismarcks erschienen (im Siedler Verlag, zusammen mit Ernst Engelberg)

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