Was wäre, wenn?

Literatur Michal Hvorecky hat sich ein verrücktes Szenario ausgedacht. Den Ernst hat der Slowake in „Tahiti Utopia“ klug versteckt
Was wäre, wenn?
Südseefantasie mit Ahnherr: Wird Milan Rastislav Štefánik hier zu Recht verehrt?

Collage: der Freitag, Material: CPA Media/dpa, Ludek Perina/CTK Photo/Imago Images

Was in aller Welt machen denn Slowaken in der Südsee?! Der slowakische Schriftsteller und Journalist Michal Hvorecky erzählt in seinem neuesten Roman Tahiti Utopia eine irrwitzige Was-wäre-gewesen-wenn-Geschichte. Es ist nicht das erste Mal, dass der in Bratislava lebende 44-Jährige ein findiges soziopolitisches Szenario entwirft. Bereits in seinem Werk City: Der unwahrscheinlichste aller Orte (2006) beschrieb er eine globalisierte, hyperkapitalistische, digitale Welt der Zukunft, in der Kinder Vornamen von Marken erhalten, etwa Nivea oder Gucci. In seinem letzten Roman Troll (2018) ging es um Hass im Internet: Die Europäische Union liegt in Trümmern, ein Heer von Bots und Trollen lenkt die öffentliche Meinung.

Von der Sci-Fi-Groteske zur Retro-Utopie: Hvorecky erfindet in Tahiti Utopia eine Tschechische Republik, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist, die Slowakei ist weiterhin Teil von Ungarn. Der spätere Hitler-Verbündete Miklós Horthy regiert den Nachfolgestaat der ehemaligen Doppelmonarchie und verfolgt eine Magyarisierung des Landes. Die Rahmenhandlung des Plots ist vorwiegend auf das Jahr 2020 festgelegt. Auf Tahiti, in „Neu-Slowakien“, lebt die namenlose Ich-Erzählerin, Historikerin und Urenkelin des bekannten slowakischen Astronomen, Philosophen, Diplomaten und Militärfliegers Milan Rastislav Štefánik. Das Kuriose: Diesen Štefánik gab es wirklich, er war einer der Gründerväter der Tschechoslowakei, gemeinsam mit Edvard Beneš und Tomáš Masaryk; nach Štefánik ist der Flughafen von Bratislava benannt.

Die Urenkelin ist Anfeindungen ausgesetzt, denn sie stellt unangenehme Fragen: Wer war Milan Rastislav Štefánik? Wie sollte man ihn darstellen, damit die Menschen ihn nicht nur als Held wahrnehmen, sondern endlich als widersprüchlichen Menschen? Die Ich-Erzählerin sieht sich zudem in der Tradition ihrer weiblichen tahitianischen Vorfahren, der Geschichtenerzählerinnen, der Rauti.

Von George Soros bezahlt

Sie hat jahrelang über ihren Urgroßvater Štefánik geforscht, viele Quellen gesichtet, die Ergebnisse dann veröffentlicht. Die Crux: Er wird auf Tahiti verehrt, da er die Slowaken 1919 vor Verfolgung und Terror der Ungarn gerettet und ins „Gelobte Land“ Tahiti geführt hat. Aber um den tragischen Flugzeugabsturz vor Tahiti 1919 – den es real vor den Toren von Bratislava gab – ranken sich seitdem Verschwörungstheorien. Die Urenkelin hat zudem herausgefunden, dass Štefánik unter anderem ein glühender Monarchist gewesen ist und nach einem König für Neu-Slowakien Ausschau hielt. Auch hatte er sich gegen die Gleichberechtigung der Frau und das Frauenwahlrecht ausgesprochen. Mit dieser neuen Lesart des unantastbaren Helden von Neu-Slowakien sind viele Bewohner der Insel nicht einverstanden, junge Rechtsradikale protestieren vor ihrem Haus, beschimpfen sie als Landesverräterin und „ausländische Agentin“. Bücher werden verbrannt.

Die Urenkelin wird aber auch in Ungarn angefeindet, wo Politiker eine nationalideologische Geschichtsschreibung verteidigen, indem sie die Vertreibung und Gewalt gegenüber Slowaken weiter ignorieren. Es sei eine Verschwörung der Neu-Slowaken, sie sei von George Soros bezahlt, und so weiter und so fort – Orbán, ick hör dir trapsen!

Michal Hvorecky gelingt es erneut, ein ausgefallenes und hintersinniges Szenario darzustellen. Man könnte kurz meinen, dass sich dieser Text an das slowakische Nationalgefühl richtet oder gar an anti-ungarische Gefühle appellieren möchte. Ganz im Gegenteil: Der Schriftsteller zeigt, wie nationalistische Weltanschauung dazu tendiert, Fakten zu verdrehen, und so Hass gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden geschürt wird. Gerade mit diesem Was-wäre-gewesen-wenn-Trick erzeugt er einen heilsamen Perspektivwechsel. Hvorecky beschreibt in seiner Fiktion, wie schnell man zu einer diskriminierenden Minderheit zählt oder wie man plötzlich zum Geflüchteten wird. Es sind diesbezüglich die stärksten Passagen der Binnenerzählung um Štefánik: Die „Donaukarawane“, der Zug der slowakischen Geflüchteten, erlebt auf dem Weg nach Tahiti durch Mitteleuropa sämtliche Entbehrungen, Strapazen, erfährt Abweisung, Ausgrenzung und Ausbeutung. Aber nicht nur: In München wird die „Donaukarawane“ herzlich empfangen, die Geflüchteten dürfen sich zunächst dort aufhalten, bis sich Flüchtlingsgegner einmischen ...

Die Referenz zur Flüchtlingskrise von 2015 ist klar zu sehen. Man erinnert auch das Verhalten der Visegrád-Staaten, die keine Geflüchteten aufnahmen, Ängste schürten und Ressentiments verbreiteten. Hvorecky macht zudem deutlich, wie mit jeder erzwungenen Flucht einer Minderheit die kulturelle Vielfalt eines Landes verloren geht. So hatte Bratislava bis 1919 mehrheitlich eine deutsche Bevölkerung, mit den ungarischen, slowakischen und jüdischen BürgerInnen war Bratislava eine quirlige, kosmopolitische Stadt. Dies veränderte sich mit der tschechoslowakischen Staatsgründung: Die Stadt wurde im Lauf der Jahre und Jahrzehnte immer weiter „slowakisiert“. Hvorecky tut gut daran, in Artikeln und Erzählungen immer wieder auf das reiche Erbe Bratislavas hinzuweisen.

Ein großes Manko des Romans jedoch: Der Kolonialismus-Aspekt wird leider unterkomplex behandelt, da hätten mehr Tiefe und historische Reflexion gutgetan. Trotzdem: Tahiti Utopia ist ein furios erzählter Roman mit vielen tollen Einfällen, eine treffende Gegenwartsanalyse, vor allem Mittel- und Osteuropas.

Info

Tahiti Utopia Michal Hvorecky Mirko Kraetsch (Übers.), Tropen 2021, 256 S., 20 €

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