Was wahr sein könnte

Film Mit „American Animals“ erzählt Bart Layton eine „true story“ und hinterfragt das Format zugleich

„Based on a true story“. Oder auch: „Inspiriert von wahren Begebenheiten“. So lautet die Zauberformel, mit der uns Filmemacher vom Wahrheitsgehalt ihrer Geschichten überzeugen wollen. Oft erscheint der Hinweis noch vor dem Vorspann eines Films, um ja klarzustellen, dass das Kommende kein bloßes Hirngespinst ist. Filme wie Ben Afflecks Politthriller Argo oder das Journalismus-Drama Spotlight – beides Preisträger des Oscars für den „Besten Film“ – gehen noch weiter und konfrontieren uns nach dem Ende ihrer Erzählung mit Bildern der realweltlichen Vorbilder ihrer Helden. Dieses Streben nach Authentizität versucht zu verschleiern, dass besonders Hollywood-Filme die Realität zwangsläufig zurechtbiegen müssen, um sie konsumierbar zu machen.

Eine hochgradig unterhaltsame, intelligente Investigation dieses prekären Verhältnisses von Wahrheit und Fiktion im Erzählkino ist gerade in Form des unscheinbaren Thrillers American Animals erschienen. Unscheinbar, weil der Film hierzulande leider nur fürs Heimkino veröffentlicht wird und zudem auf den ersten Blick „nur“ wie ein typischer Vertreter des sogenannten „Heist-Films“ wirken mag, also eines Genre-Films, der die Planung und Durchführung eines raffinierten Diebstahls ins Zentrum rückt. Keine Frage: American Animals ist ein fast perfekter Vertreter dieser beliebten Spielart, führt aber auch weitaus mehr im Schilde. Das wird schon an seinem Gebrauch der eingangs erwähnten Floskel deutlich: Zunächst verblüfft der britische Regisseur Bart Layton nämlich mit der offenherzigen Einblendung „This is not based on a true story“ – nur um dann drei Worte langsam verschwinden zu lassen: „This is a true story“.

Die „wahre Geschichte“, auf der American Animals beruht, ereignete sich im Jahr 2004: Vier junge Studenten aus Kentucky entwendeten am helllichten Tag mehrere überaus seltene Bücher aus der Unibibliothek. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen, befanden sich unter dem Diebesgut doch solche Kleinode wie eine prachtvoll illustrierte Ausgabe von John James Audubons Buch The Birds of America.

Echte Leute in Schnipseln

Mit den Illustrationen dieses Werks beginnt Layton seinen Film und macht damit von Beginn an deutlich, dass er hier selbst eine Art Analyse amerikanischer Archetypen versucht: Seine Protagonisten sind getrieben von der verführerischen Ideologie der ultimativen Selbstverwirklichung – des „amerikanischen Traums“. Die Besonderheit von American Animals ist, dass er sich dieser Aufgabe nicht ausschließlich im klassischen Spielfilm-Modus widmet, sondern die real beteiligten Personen in Interviewschnipseln zu Wort kommen lässt. Was nach TV-Doku klingen mag, ist alles andere als das: Die Interviewszenen tragen grundlegend zum Reiz des Films bei.

Denn oft widersprechen sich die Befragten in fundamentalen Details. Anstatt aber nun zum „wahren Kern“ der Geschichte vordringen zu wollen, stellt der Regisseur die verschiedenen Versionen in den Spielfilmszenen gekonnt nebeneinander: Behauptet einer der Diebe, ein Gespräch habe im Auto, und der andere, es habe auf einer Party stattgefunden, changiert die Szenerie um die Schauspieler herum auf visuell höchst geschickte und humorvolle Art und Weise. So gelingt dem Film ein interessanter Schwebezustand zwischen dem Anspruch auf Wahrheit und dem trickreichen Eintauchen in die verschiedenen, naturgemäß immer subjektiv gefärbten Versionen der Geschichte.

Davon abgesehen tragen vor allem die Figuren diesen Film, und damit sind sowohl die realen Interviewpartner als auch die Schauspieler gemeint, die in ihre Rollen schlüpfen. Bei den vier Tätern handelt es sich keineswegs um abgebrühte Kriminelle: Der „Kopf der Bande“ ist Warren, ein hippieesker Footballer, der die anderen mit seinem Elan immer wieder aufs Neue von dem riskanten Plan überzeugt – er wird genial interpretiert von Newcomer Evan Peters. Ebenso überzeugend ist Barry Keoghan (The Killing of a Sacred Deer) als Warrens bester Freund Spencer, ein introvertierter Kunststudent, der sich dem Raub blauäugig wie einer künstlerischen Performance nähert. Letztlich sind sie naive Jugendliche, die ihr Gedankenspiel zu weit treiben. In einer der besten Szenen zeigt der Film, wie sich die beiden Freunde stundenlang Banküberfälle aus Gangsterfilmen anschauen, und illustriert dann, wie sie ihren eigenen Raubzug als stylischen Coup à la Ocean’s Eleven imaginieren. Man darf verraten, dass es schließlich deutlich weniger elegant ablaufen wird.

So wird American Animals auch als Reflexion über die Beziehung von Fantasie und Wirklichkeit relevant: Zwar lädt der Film dazu ein, mit seinen Figuren zu sympathisieren, zeigt aber auch, wie ihre vom Hollywood-Kino geprägten Fantasien vom perfekten Verbrechen an der Wirklichkeit zerplatzen – und sie letztlich zu gewöhnlichen Verbrechern werden lassen, die mit den Konsequenzen ihrer Taten leben müssen. Dass Layton dabei nie den moralischen Zeigefinger erhebt, sondern ernsthaft daran interessiert ist, was vier junge Männer aus mehr oder weniger stabilen Verhältnissen die Schwelle zur Kriminalität übertreten ließ, macht American Animals so packend. Gerade weil der Regisseur dabei verschiedene Perspektiven auf das Geschehen zulässt, ohne eine als die „wahre“ Interpretation zu überhöhen, kommt sein Film dem Wesen der zugrunde liegenden Geschichte näher als viele andere Filme.

Info

American Animals Bart Layton GB/USA 2018, 116 Min., Anbieter: Ascot Elite

06:00 02.02.2019
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare