Was war eigentlich gestern?

Erinnern Die Großeltern haben Briefe aufbewahrt, die Eltern Fotos eingeklebt. Und wir? Versinken in digitalen Dokumenten. Und löschen sie. Unser Autor will aber nicht vergessen

Erinnern Sie sich an diese handschriftlich beschriebenen Blätter aus Papier, die man früher an andere Leuten verschickt hat? Ich glaube, man nannte sie „Briefe“. Aber um ehrlich zu sein, kann ich dazu aus eigener Erfahrung überhaupt nichts sagen, denn ich habe in meinen sechzehn Lebensjahren bisher weder einen Brief geschrieben noch einen erhalten.

Briefe sind nicht nur eine Form der Kommunikation, sondern auch historische Dokumente. Denken Sie nur einmal an die Briefe, die Soldaten in den beiden Weltkriegen an ihre Familien geschickt haben. Viele Geschichtsbücher verwenden Briefe als ihre wichtigste Quelle. Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit der Leser in ihrem Leben schon einmal einen Brief an Freunde oder Familienangehörige geschrieben hat. Jedenfalls die Mehrheit derer, die älter sind als ich. Meine Eltern besitzen noch Briefe, die sie vor mehr als 30 Jahren erhalten haben und sie sagen, wenn sie diese heute wieder lesen, würden sie sich an Beziehungen und Freundschaften erinnern. Sie haben eine Unzahl von Informationen über ihre eigene, ganz persönliche Geschichte in nichts anderem als den Briefen gespeichert.

Meine Großmutter besitzt sogar noch Briefe von ihrer Großmutter. Ohne sie wären alle Informationen über die Geschichte meiner Familie verloren oder allein auf die Erinnerung beschränkt. Briefe wurden aufbewahrt, weil man ihnen einen Wert beimaß – schließlich erforderte es eine beträchtliche Menge an Zeit und Anstrengung, sie zu schreiben. Und da man sie in unregelmäßigen Abständen schrieb, enthielten sie auch viel mehr Informationen als SMS heutzutage.

Viele Nachrichten, kein Brief

Meine Generation schreibt keine Briefe. Ich habe Zehntausende von E-Mails, Facebook-Nachrichten, SMS und Instant Messages erhalten oder verschickt – aber keinen einzigen Brief. Das ist ein Problem. Wenn ich darüber nachdenke, worüber ich vor kurzem mit einem Freund diskutiert habe, kann ich mich nicht einmal daran erinnern, auf welche Weise wir überhaupt kommuniziert haben. Und die konkrete Nachricht oder ihren Inhalt finde ich schon gar nicht. Das ist symptomatisch für das digitale Zeitalter, in das ich hineingeboren wurde. Ich verliere dauernd Informationen über mein Leben.

Die Menge und Kürze der heute verschickten Nachrichten führt zusammen mit der Vielzahl der verwendeten Medien dazu, dass diesen persönlichen Informationen ein wesentlich geringerer Wert beigemessen wird. Deshalb wird kaum eine Nachricht aufgehoben oder gespeichert, selbst wenn sie für uns in unserem späteren Leben durchaus noch einmal interessant sein könnte. Wenn der Posteingang unseres Online-E-Mail-Accounts zu voll ist, löschen wir alle eingegangenen Nachrichten. Wir bekommen ein neues Mobiltelefon und alle alten Textnachrichten sind weg. Wir vernichten regelmäßig Teile unserer Kommunikationsgeschichte.

Die Bibliothek des US-Kongresses gab im April bekannt, sie wolle jede Twitter-Nachricht speichern, die jemals versendet wurde. Das wäre bereits ein Unternehmen von phänomenalen Ausmaßen – und doch nur ein Bruchteil unserer Kommunikation. Allein heute habe ich mit Leuten via SMS, E-Mail, Facebook, Whatsapp-Messenger, Skype-Chat und Twitter kommuniziert. Und nur meine öffentlichen Twitter-Nachrichten bleiben gespeichert. Es gibt noch andere Initiativen als die der amerikanischen Kongress-Bibliothek, aber auch sie werden uns nicht helfen, unsere persönliche Geschichte so zu archivieren, dass wir auch einen Zugang zu ihr haben.

Was ist mit Facebook in drei Jahren?

Was ist, wenn ich in drei Jahren die gesamte Kommunikation mit meiner Freundin Revue passieren lassen möchte? Vielleicht habe ich dann kein iPhone mehr und alle meine Nachrichten auf dem Whatsapp-Messenger sind verschwunden. Ich werde mit Sicherheit nicht das gleiche Mobiltelefon verwenden wie heute, also werden auch alle meine SMS weg sein. Mein Gmail-Speicher wird sich bis dahin gefüllt haben, sodass auch unser E-Mail-Verkehr unwiederbringlich verloren sein wird. Ich bezweifle sogar, dass ich in drei Jahren noch bei Facebook sein werde – alle dortigen Unterhaltungen wären dann auch dahin. Welche persönlichen Briefe werde ich eigentlich meinen Enkeln zeigen können?

Dasselbe wie für diesen schriftlichen Austausch gilt auch für Bilder und Videos. Mit Handykameras können wir zwar leicht Bilder und Videos von allem möglichen machen, aber unternehmen wir irgendeine Anstrengung, sie wirklich auf Dauer zu speichern? Ein Bild oder Video, das wir vor einer Woche gemacht haben, mag uns heute womöglich schon nicht mehr interessant erscheinen. Aber was ist in fünf Jahren? Ist der Wert, den ein Bild für mich hat, nicht vielleicht erst dann abzusehen? Werden wir in fünf Jahren aber noch Zugang zum selben Mobiltelefon haben?

Auf Papier entwickelte Fotos wurden wertgeschätzt und in Alben geklebt, um so das eigene Leben detailliert zu dokumentieren: Meine Großmutter hat bis zu meinem neunten Lebensjahr Alben mit Fotos von mir zusammengestellt. Anschließend bekam ich eine Digitalkamera geschenkt und von da an wurde kein einziges Foto mehr von mir gespeichert, da mein alter Computer irgendwann kaputt gegangen ist.

Was tun? Ich persönlich fertige jetzt jeden Tag Sicherheitskopien meiner gesamten Kommunikation an und speichere sie auf Festplatte und via Cloud-Computing. Das ist zwar ein Anfang, aber zugleich der absolute Horror. Und es funktioniert auch nicht wirklich. (Ich werde zum Beispiel nicht alle meine SMS in ein Dokument transkribieren.)

Der Überfluss an Technik führt zu einer ernsthaften Entwertung der Information. Werden wir diese Tatsache auch weiterhin ignorieren und die Details unseres Lebens so verlieren? Oder werden wir uns der Anstrengung stellen und versuchen, unsere Kommunikation sinnvoll zu speichern? Ich weiß, dass ich die Anstrengung auf mich nehmen werde – zumindest solange die Zauberkünstler in Silicon Valley nicht mit einer besseren Lösung aufwarten.

Michael Moore-Jones, 16, lebt in Neuseeland und ist Social-Media-begeistert. Er bloggt, twittert, ist in zahlreichen Netzwerken aktiv und beschäftigt sich mit der Gegenwart und der Zukunft des Internets. Der Text ist die modifizierte Fassung eines Blogbeitrags, der zuerst auf erschien. Ein Leser riet ihm darauf: Michael, benutze Papier und Stift das macht er jetzt manchmal.

Übersetzung: Holger Hutt

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11:00 12.03.2011

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