Was will Oliver Reese?

Theater Das Berliner Ensemble hat die Nachfolge des Intendanten Peymann geklärt. Der kommende Chef vergleicht die Bühne schon mal mit dem Kino

Als der Nochregierende Bürgermeister Klaus Wowereit am Montag den Intendanten des Berliner Ensembles ab 2017 bekannt gab, war die Verwunderung in der Theaterszene groß. Die Welt hatte schon Luc Bondy zum Nachfolger von Claus Peymann erklärt, während Insider auf den derzeitigen Stuttgarter Intendanten Armin Petras setzten. Dass der 77-jährige Peymann, seit 1999 an der Spitze des Berliner Ensembles, nicht weiter verlängern würde, war zwar klar, Oliver Reese hatte man allerdings nicht auf der Rechnung.

Für Reese ist es eine Rückkehr nach Berlin, denn dort, am Maxim-Gorki-Theater, war er ab 1994 Chefdramaturg des Intendanten Bernd Wilms. 2001 wechselten beide in jeweils gleicher Funktion ans Deutsche Theater, was Skeptiker für einen unerhörten Traditionsbruch hielten, da sie in der sich neu sortierenden Berliner Theaterlandschaft das Gorki als einen Gemischtwarenladen betrieben hatten. Zwei Dutzend Regisseure versuchten sich mit einem bald schon verunsicherten Ensemble, und das Publikum wusste nicht, was Sache war. Das Prinzip Schrotflinte – bei 20 Kugeln drei Volltreffer sind okay – auf das weitaus renommiertere Deutsche Theater zu übertragen, schien mehr als riskant.

Doch schon aus dem holprigen Anfang schälte sich eine Inszenierung heraus, die bald um die Welt reiste und der Theaterliebhaber heute noch mit heißen Ohren gedenken. Emilia Galotti in der Regie von Michael Thalheimer, mit Nina Hoss, in einer auf 75 Minuten intensivierten Klassikerauffassung, die praktisch zum prunkenden Schaufenster des von Kritikern immer noch beargwöhnten Hauses wurde. Ein Gemischtwarenladen war es auch geworden, aber nun ein gediegener. Die Regisseure Jürgen Gosch und Dimiter Gotscheff kamen dazu, die Schauspieler Corinna Harfouch und Ulrich Matthes – an den zu anspruchsvollen Hits der Hauptstadt hochschwingenden Inszenierungen hatte Reese einen großen Anteil.

Thalheimer, Gosch, Gotscheff: Das war eine Triade des Triumphs im letzten Jahrzehnt, deren Erfolgs sich Reese gut bedienen konnte, als er 2008 für ein Jahr das Deutsche Theater vorübergehend leitete. Die großen Hits überdeckten Flops und abgesetzte Premieren. In Frankfurt/Main setzte er dann erfolgreich fort, was in Berlin gelang, mit Schauspielerinnen wie Valery Tscheplanowa und Constanze Becker, die in Thalheimers Medea 2013 beim Theatertreffen gefeiert wurde.

Reeses Spur führt also nach Berlin zurück, aber sicher nicht direkt ans Berliner Ensemble mit seiner Geschichte von Brecht bis Heiner Müller. Die hat Claus Peymann am Anfang seiner Intendanz durchaus beanspruchen können. Vom Burgtheater kommend, wo er mit Thomas Bernhard (Heldenplatz) Österreich erregen konnte, blieb sein „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ in der Berliner Republik aber leider nur ein Milchzahn der Generationserinnerung aus stürmischen Zeiten der Bonner Republik. Gleichwohl kuratierte er ein Spitzenprogramm der großen Regisseure seiner Generation (Zadek, Stein, Langhoff, Robert Wilson als Extra), es wurde zum bestverkauften Theater des Landes.

Zwischen dieser runtergedimmten BE-Tradition und eigenen DT-Erfolgen liegt nun Reeses Weg, mit dem Dramatiker und Autor Moritz Rinke als Compagnon in der künstlerischen Leitung. „Theater so spannend wie ein Kinobesuch“, sagt Reese, soll ihm am BE gelingen, Rinke wiederum steht für das Autorentheater. BE – okay?

06:00 05.12.2014

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