Was wir aussprechen, verliert die Kraft des Alptraums

Im Gespräch Bosiljka Schedlich, Geschäftsführerin des Berliner Vereins "südost Europa Kultur", über den Jugoslawien-Krieg als Chance für eine neue Friedenskultur in Europa

FREITAG: Sie sind vielerorts bekannt als eine sanfte, aber sehr entschiedene Streiterin für Dialog und kulturvolle Kommunikation, die Ihnen als Medium friedlicher Konfliktbewältigung gilt. Aber wenn man Gespräche führt, heißt das nicht auch, ein Stück von sich selbst preiszugeben und verletzlich zu sein?
BOSILJKA SCHEDLICH: Bei Gesprächen kommt es auf das Zuhören an. In einem sicheren, vertrauten Rahmen wird auch das erzählt, was schmerzt, oder wofür man sich schämt und Schuld empfindet. Diese innere Befreiung ist schwierig, langwierig und verläuft sehr unterschiedlich, wie eben die Menschen unterschiedlich sind.

In den neunziger Jahren haben wir einen Mann betreut, der während des Krieges in Bosnien durch die Hölle eines Konzentrationslagers ging. Man hatte ihm buchstäblich die Knochen zerschlagen. Wenn er trotzdem überlebte, hatte er das seiner ungewöhnlich guten körperlichen Verfassung zu verdanken: Er war jahrelang ein erstklassig trainierter Fußballer gewesen. Hier nun, in Deutschland, kam er in ein Flüchtlingsheim, das in einer kleinen nordbrandenburgischen Stadt lag. Ehe er noch ein klein wenig heimisch werden konnte, wurde sein Wohnheim von jungen Leuten angegriffen. Sie pöbelten herum, beleidigten die Bewohner und bewarfen das Haus mit Steinen. Wir befürchteten schlimme seelische Folgen. Gerade erst hatte der Betreffende in Berlin begonnen, das Trauma des Krieges zu verkraften. Ein Vorgang, der nicht selten Jahre in Anspruch nimmt. Und nun dieser neuerliche Schock! Aber der Mann reagierte auf eine unglaubliche Weise sicher und souverän. Er lud die Jugendlichen, die ihn attackiert hatten, zum Fußballtraining ein - und die nahmen das überraschende Angebot an. Sie spielten Fußball und hörten zu, als er erzählte, wie in seinem Ort Anfang der neunziger Jahre ein Lager errichtet wurde, und was er selbst dort erlebt hatte. Seitdem gab es keine Angriffe auf das Wohnheim mehr.

Ehrlich gesagt klingen solche Geschichten immer ein bisschen unwirklich.
Vielleicht, weil sie nicht so interessant sind wie die verbreitete Schwarz-Weiß-Malerei und die pauschalen Urteile. In unserem Verein begegnen sich Menschen aus Volksgruppen, die im Krieg verfeindet waren, und lernen, dass jedem das eigene Leid das schwerste ist. Und sie lernen, sich gegenseitig zuzuhören - ein schwieriger, aber lohnender Prozess, um Hass- und Rachegefühle zu verarbeiten. Denn was wir aussprechen, verliert die Kraft des Alptraums. Auch die "von der anderen Seite" werden dann zu Menschen, die genauso gelitten haben wie man selbst.

Da Sie vorzugsweise die Begegnung zwischen Angehörigen der ehemals zu Jugoslawien gehörenden Völker ermöglichen, wird es viele in Deutschland geben, die sagen: Das verdient Anerkennung, betrifft aber den Balkan und hat mit uns wenig zu tun. Oder ist in der Geschichte, die Sie über das Flüchtlingsheim in Brandenburg erzählt haben, mehr verborgen als nur die geschilderte Episode?
Ich denke schon - den Mann, von dem ich sprach, hat das erfahrene Leid offenbar zu seinem erstaunlichen Handeln befähigt. Er hat erkannt, dass auch diese Gesellschaft hier in Gefahr ist, solange es junge Menschen gibt, die sich ausgegrenzt fühlen und keine ernsthafte Zuwendung erfahren. Er hat deshalb getan, was er konnte. Denn Kriege werden letzten Endes immer wieder geführt, weil sich Menschen dazu verführen lassen. Hunderttausende Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Europa Schutz suchten, können das bezeugen.

Aber Kriegserfahrung als Quelle von Friedensfähigkeit - hat es die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht bereits im Übermaß gegeben?
Gewiss, nur was ist durch den Kalten Krieg daraus geworden? Die Menschen wurden in unverrückbarer Weise in Sieger und Besiegte eingeteilt und in Ost und West vielerlei Gründe dafür erdacht, die Wahrheit über das Vergangene unter der Decke zu halten. Geschichte fand nicht in der Dimension des tatsächlich Erlebten mit all seinen - in der Tat oft unerträglichen - Widersprüchen statt, sondern in der Dimension vorgegebener Erklärungsmuster.

Und das ist jetzt anders?
Teilweise. Der Schock, den der jugoslawische Krieg ausgelöst hat, war groß. Ausgerechnet in dem Land, das als Musterbeispiel des Anti-Nationalismus und des antifaschistischen Widerstandes galt, tobte ein ungezügelter Nationalismus, der 250.000 Menschen das Leben kostete. Die Spuren der erlebten Grausamkeiten trugen die Flüchtlinge in die europäischen Länder, die sie aufnahmen. Sie berichteten von einem unvorstellbaren Schrecken. Immer mehr Psychotherapeuten mussten sich ihrer annehmen - eine Behandlung derartiger Kriegstraumata, von denen die Opfer des neuen Nationalismus im Südosten Europas heimgesucht wurden, hatte es bis dahin nicht gegeben.

Hat Europa diese Herausforderung bestanden?
Ich will jetzt nicht von den Widrigkeiten reden, mit denen sich die Betroffenen konfrontiert sahen, auch nicht über die ausgebliebene Wirtschaftshilfe für Jugoslawien vor dem Krieg und die falschen Interventionen. Ich will mich hier auf zivilgesellschaftliche Entwicklungen konzentrieren, in denen eine große Hoffnung liegt. Europa lernt gerade, sich darin zu bewähren. Heute gibt es nicht nur überall Vereine, die sich der Kriegstraumata annehmen. Auch in der psychologischen Forschung Westeuropas wird daran mittlerweile wissenschaftlich fundiert gearbeitet. Die Veränderungen im Gehirn, die Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaften, auf Sieger und Besiegte, werden bewusster wahrgenommen - das ist anders als nach dem Zweiten Weltkrieg.

Warum legen Sie soviel Wert auf den Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg?
Weil ich entdeckt habe, dass angesichts des Krieges auf dem Balkan auch in Deutschland Dinge in Gang gesetzt wurden, von denen ich eine Zeitlang geglaubt hatte, sie müssten doch längst bewältigt sein. Aber siehe: Die Weltkriegstraumata sind eben noch nicht verarbeitet. Eine allzu lange Verdrängung hat Folgen, die bis weit in die nächste Generation hineinreichen. Da gibt es Väter, die jetzt, 60 Jahre nach Kriegsende, vor ihrem Tode, plötzlich ihren erstaunten Kindern bekennen, SS-Verbrecher gewesen zu sein. Andere erleben an sich selbst, wie Lebenshaltungen jahrzehntelang durch unverarbeitete Fluchterlebnisse geprägt wurden. Das alles kann jetzt, endlich, öffentlich besprochen werden.

Nicht wenige meinen ja sogar, dass die Kultur der Friedensarbeit zu einer besonderen Stärke Europas in der Welt werden sollte.
Das ist vorstellbar. Unverarbeitete Traumata sind eine Quelle für Bedrohungsängste, die sich durch Kriegen entladen können. Das ist eine menschliche Erfahrung, die natürlich nicht an staatliche oder kontinentale Grenzen gebunden ist. Der Krieg in Jugoslawien hat erneut gezeigt, wie schnell die dünne Decke zivilisatorischer Sicherheiten reißen kann. Aber deshalb resignieren? Wenn wir den Frieden wollen, haben wir gar keine andere Wahl: Wir müssen das Verdrängte offen legen, damit wir frei werden für eine Kultur des friedlichen, angstfreien Umgangs mit einander, für eine Kultur des Mitgefühls für uns selbst und für die anderen. Nur was wir persönlich verarbeiten, übertragen wir nicht auf unsere Kinder.

Das Gespräch führte Wolfram Adolphi

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00:00 27.05.2005

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