Was wir dem Terrorismus verdanken

Doppeltes Spiel In der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem Terrorismus geht es dem Westen vor allem um Selbstimmunisierung

Ich weiß, angesichts der terroristischen Brutalitäten von Dank zu sprechen, muss obszön klingen. Vermutlich sollte ich eine ganze Reihe von Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um nicht in den Verdacht zu geraten, irgendeiner ominösen gemeinsamen Sache das Wort zu reden, und sei es auch nur einer zufälligen Gemeinsamkeit. Angesichts unschuldiger Opfer, so ließe sich, ja, muss man einwenden, kann man eigentlich nicht in dieser Weise sprechen. Aber vielleicht liegt in der selbstverständlichen Rede von den unschuldigen Opfern des Terrorismus schon das ganze Problem verborgen.

Die Frage nach der Schuld oder Unschuld zu stellen, scheint heute unendlich kompliziert. Wie weit lässt sich eine Schuld ausdehnen? Gibt es eine Beziehung zwischen den zivilen Opfern und den terroristischen Tätern, die nicht bloß der Willkür entspringt? Kann man von einer kollektiven Schuld sprechen, von einer Mitschuld der Opfer, die dermaßen anonym ist, dass die Antwort darauf jeden betrifft und treffen kann? Und wenn ja, wer könnte dann eine solche Schuld überhaupt noch übernehmen?

Solche Fragen lassen sich derzeit nur schwer stellen, ohne Hysterie zu erzeugen. Es scheint viel auf dem Spiel zu stehen. Der Westen versucht, sich ein Bild von der Lage zu machen. Er sucht nach einem Bild von sich selbst und den Problemen, vor die er sich gestellt sieht. Gleichzeitig will er sich schützen, und zwar sowohl präventiv, indem er sein Territorium zu schützen versucht, als auch retroaktiv, indem er seine Kultur und seine Vergangenheit deutet und erklärt. Dabei ist alles, was man zur Zeit unternimmt, stets auch eine Selbstvergewisserung, eine Hochrüstung und Sicherung des eigenen Denkens und ebenso der Geschichte und der Herkunft dieses eigenen Denkens.

Was wollen die Islamisten? Was sind das für Menschen, die sich so bereitwillig selbst opfern und anderen auf diese Weise den Tod bringen? Wer erklärt uns den Hass, der uns aus den gefilmten Gesichtern entgegenschlägt? Und was muss das für eine Kultur sein, die solche Väter und Mütter und Söhne und Töchter hervorbringt? Wer hat hier wem den Krieg erklärt? Und handelt es sich überhaupt um einen Krieg, wenn dieser allen Regeln der herkömmlichen Kriegführung widerspricht und seinem Wesen nach irregulär ist? Alle diese zum Schein gestellten Fragen bergen schon die einzige Antwort, um die es hier geht und in der wir uns selbst immer näher zu kommen meinen, während uns die anderen immer fremder werden. Der Knotenpunkt all dieser Bemühungen um die gleichzeitige Formulierung der Frage und der Antwort besteht darin, dass die gestellte Herausforderung im Kern zugleich als abwegig und als vollkommen klar und unzweideutig begriffen werden soll.

Dieses aufwändige doppelte Spiel, das dem Terrorismus eine Botschaft zuspricht und zugleich abspricht, dient nur dem einzigen Zweck: einer Selbstimmunisierung. Der Terrorismus soll uns ansprechen, ohne uns etwas zu sagen; er soll Angst verbreiten, aber keine Fragen stellen. Deshalb kann zugleich an der Entschlüsselung seiner Botschaft gearbeitet und uns nachdrücklich versichert werden, dieser Terrorismus habe keine Botschaft. Wir sollen verstehen, dass seine Ziele absurd sind, sein Wesen der Willkür unterliegt, seine ganze Art unkalkulierbar ist und seine Methoden jenseits von allem uns Bekannten liegen, kurzum, dass es sich um einen Feind handelt, der in keiner Beziehung zu uns steht und trotzdem auf unsere Vernichtung aus ist. Auch wenn das zu anderen Zeiten vielleicht anders war, so will man uns glauben machen, dass es in einem solchen Fall keine Möglichkeit des Nachfragens oder gar des Verhandelns geben kann.

Wie soll man auch, so könnte ein Einwand lauten, jemanden fragen oder mit jemandem verhandeln, der keine Adresse, keine diplomatische Vertretung, ja nicht einmal eine Gestalt besitzt? Warum ist dieser Feind gestaltlos? Und bestand diese Gestaltlosigkeit von Anfang an? Oder dient dieses Argument vielleicht der Vermeidung, dass wir auch nur irgendetwas an diesem Feind wieder erkennen können? Ein Bedürfnis vielleicht, ein Antrieb, eine uns sehr wohl bekannte Märtyrerschaft und damit nicht zuletzt auch die Bereitschaft, für etwas zu zeugen und zu sterben, das gegen eine fundamentale, uns alle betreffende Ungerechtigkeit aufbegehrt.

Das gesamte Feld der Fragen, um das es hier geht, scheint von einer Reihe sehr sorgfältiger Vorkehrungen umgrenzt zu sein. Und alle diese Vorkehrungen sollen uns davon abhalten, die Frage und die Herausforderung, die der Terrorismus darstellt, so zu stellen, dass sie an uns gerichtet ist. Die Systeme der Sicherung, mit denen wir uns nicht bloß äußerlich zurüsten, haben in den letzten Jahren zu zahlreichen Versuchen von Grenzziehungen geführt, von denen jede auf ihre Weise die sich in alle Richtungen auswirkende Globalisierung zu leugnen versucht. Diese Welt ist tatsächlich grenzenlos geworden, es gibt keine erste, keine zweite und keine dritte Welt mehr, und diese Grenzenlosigkeit gehorcht keinem westlichen Plan. Je deutlicher diese Grenzenlosigkeit zu Tage tritt, desto verschärfter zeigt sich das Politische in den Versuchen neuer Grenzziehungen.

Die Fähigkeit, unzählige kleinere aber auch größere Grenzwälle jederzeit aufrichten zu können, durch die nicht nur Territorien, sondern auch Kulturen zu Kampfplätzen werden, ist heute zum entscheidenden Kriterium geworden, nach dem alle staatlichen Institutionen umgebaut werden. Unser Leben wird von einem komplexen Geflecht aus unterschiedlichsten Interventionen beherrscht, die von der großen Politik internationaler Einrichtungen bis zur Mikropolitik des Privaten das hervorragende Instrumentarium darstellen, mit dem die weltweiten Ströme des Sozialen reguliert werden. Unter all diesen Strategien des Eingreifens, der Schnitte und der Korrekturen bildet der Krieg gegen den Terrorismus nicht bloß eine weitere Maßnahme, die zur Abschirmung der Globalisierung ergriffen wird, sondern das kommende Paradigma eines Antwortgebens. Sich diesem Krieg zu verweigern, sich all dem zu verweigern, was in diesem Krieg erklärt wird, ihm zu widerstehen, scheint mir eine der vordringlichsten Aufgaben der Gegenwart zu sein.

Man sagt, man könne und dürfe mit Verbrechern nicht verhandeln. Dabei gibt es in der Vergangenheit, auch in der jüngeren, zahlreiche Beispiele dafür. Man hat immer mit Verbrechern verhandelt, soweit es zweckmäßig erschien. Aber wie auch immer man sich in Zukunft entscheiden wird, man wird die Terroristen nicht davon abhalten können, Politik zu machen. Wir sind schon längst in eine Beziehung eingetreten. Die Frage ist nicht, welchen Spielraum wir ihnen geben oder nicht geben dürfen, sondern welchen Raum für eine Antwort wir uns selbst zugestehen und damit welche Fragen wir uns überhaupt stellen lassen.

Was wollen wir? Was will die westliche Welt? Um was geht es bei ihren Werten und Freiheiten, die derzeit so vehement verteidigt werden? Oder dient die Rede von den Errungenschaften der westlichen Zivilisation tatsächlich einer viel weitgehenderen Verteidigung? Einer Verteidigung gegen einen Angriff, der noch viel grundsätzlicher ist als die terroristische Herausforderung? Dient die Antwort, die man so schnell und umfassend geben will, nicht vielmehr der Verdrängung und der Abschirmung vor der Frage nach der weltweiten Verantwortung, mit der sich die Menschheit in der grenzenlosen Welt konfrontiert sieht?

Man kann den Eindruck haben, der Westen will nichts lieber, als in Ruhe gelassen werden, um weiter seinen Geschäften nachzugehen. Wir wollen alle unsere Lebensläufe planen, unser Dasein gestalten und das so gut wie möglich. Wie weit das scheinbar einzelne Gestalten oder eine scheinbar private Entscheidung reichen, ist jedoch nicht mehr auszumachen. Wie auch immer verzerrt, eine Botschaft, ein Signal, ein Ruf kann heute um die ganze Welt gehen. Niemand ist mehr abgeschirmt durch ein Gebirge, ein Meer oder einen eisernen Vorhang. Die Welt ist zu einem einzigen Resonanzraum geworden. Gerade deshalb ist es so wichtig, hören zu können. Man muss auf sein Echo achten, das sich niemals nur in der Wiederholung des Eigenen erschöpft und trotzdem sehr präzise ist in dieser Wiederholung.

Der Krieg gegen den Terrorismus ist nicht irgendein Krieg, zu dem sich eine Politik aus Not entschlossen hat, sondern die Fortsetzung einer Politik, die in einer historischen Kette von Kriegen ihren Ausgang genommen hat. Diese Kette zu durchbrechen, mit der es in den letzten Jahren gelungen ist, fast alle Pazifismen mühelos beiseite zu räumen, diese Allianz mit den eigenen Kriegen der Vergangenheit aufzukündigen, hieße, etwas wirklich Überraschendes zu Stande zu bringen.

Wir wissen, dass die geschichtliche Epoche, vor der wir stehen, eine neue Epoche weltweiter Auseinandersetzungen zu werden beginnt, von denen der gegenwärtige Terrorismus vielleicht nur ein schwaches Symptom darstellt. Diese Auseinandersetzungen werden nicht mehr allein von den Staaten und ihren politischen Systemen beherrscht sein. Keine noch so ausgeklügelte Ausweitung staatlicher Kontrollen wird das verhindern können. Noch leisten wir uns eine Verdrängung, die vielleicht notwendig ist, um all das am Leben zu erhalten, was wir gerne unter unseren Werten und Freiheiten verstehen möchten. In einer solchen Zeit kann die Stimmung des Kampfes und der scheinbar rechtmäßigen Gegenwehr leicht entlasten. Kritik kann leicht als bloß noch störend empfunden werden. Ein Symptom kann leicht für das Problem genommen werden.

Man sagt, gewinnen kann heutzutage nur derjenige, der schneller ist, der nicht zögert und Mut zu schnell gefassten Entschlüssen besitzt. Aber Schnellsein kann sich auch dem verdanken, dass man die richtigen Fragen stellt, statt die naheliegendsten Antworten immer schon parat zu haben. Es gibt Unverdrängbares, es gibt Zusammenhänge der Schuld, die sich auf die eine oder andere Weise auch weiterhin äußern werden. Und irgendwann wird uns nichts anderes übrig bleiben, als das Symptom zu behandeln, ohne es zu bekämpfen.


00:00 14.05.2004

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