Was wir zu tun haben

Globalisierungskritik Das Ermutigende der Rede, die Arundhati Roy auf dem Weltsozialforum in Mumbai hielt, ging in einem störrischen Gerede fast unter

Als Arundhati Roy in Mumbai vorschlug, kapitalistische Firmen, die am Irakkrieg verdienen, gewaltlos anzugreifen, waren nicht wenige erschrocken; der Vorschlag bricht mit mancher Gemütlichkeit. Ermutigend ist aber, dass sich endlich eine wirksame Strategie abzeichnet. Dies wird besonders deutlich durch die Nähe der Ausführungen Roys zum Ansatz eines anderen bekannten Globalisierungskritikers, des französischen Bauernführers José Bové. Der hatte schon vor Jahren gezeigt, wie man ein Unternehmen wirksam angreift, als er mit seinen Freunden den Bauplatz einer McDonald´s-Filiale besetzte. Das Gemeinsame in der Gedankenwelt Bovés und Roys soll hier nachgezeichnet werden.

Beide begreifen das neoliberale Projekt, das hierzulande immer wieder nur als Angriff auf die einheimische Bevölkerung gesehen wird, in seiner auf globale Deregulierung zielenden Dimension. Es ist ja wahr: Neoliberale lassen die Solidarität mit ihrer jeweiligen Nation vermissen. Aber die daraus entstehende schlimme Konsequenz - der Abbau des einheimischen Sozialstaats - ist doch nur ein Nebeneffekt ihrer internationalen Strategie. Die besteht darin, die Schutzgrenzen um die schwächeren Märkte in aller Welt niederzureißen, damit diese mit dem Angebot der stärksten Konzerne überschwemmt werden können. Umgekehrt werden die Märkte des reichen Nordens, in denen die Konzerne ihren Stammsitz haben, für Importe des armen Südens durchaus nicht geöffnet; vom Import billiger Arbeitskräfte einmal abgesehen, soll der "Freihandel" nur in einer Richtung wirken. Diese Unredlichkeit hält Frau Roy im Begriff der "korporativen Globalisierung" fest. Ihre Antwort und auch die von Bové besteht im Bekenntnis zum Schutz der schwächeren Märkte, auch wenn dazu Zollmauern gebraucht werden.

Diese Position führt beide zu einer differenzierten Haltung den Staaten gegenüber. Die Bewegung der Globalisierungskritiker ist zwar "non governmental", steht aber gleichwohl faktisch an der Seite bestimmter Regierungen. Man kann die Verbrechen der indischen Regierung nicht schärfer geißeln als Arundhati Roy. Dennoch würdigt sie den Kampf derselben Regierung gegen die internationalen Deregulierungspläne der US-Regierung. In diesem Zusammenhang ist die Aussage wichtig, die man von ihr wie häufig auch von Bové gehört hat: Die Bewegung der Globalisierungskritiker brauche keine einheitliche Ideologie. Das ist zunächst in die eigenen Reihen hineingesprochen, bedeutet aber mehr. Früher glaubte man, die Stärke einer Bewegung wachse mit ihrer Einheitlichkeit. Aber ob die einstige Kommunistische Internationale (KI) vom Zwang zur bedingungslosen Solidarität mit der Sowjetunion nur profitierte, kann bezweifelt werden. Mir scheint, sie wäre viel stärker gewesen, hätte sie über Moskau so schonungslos offen, zugleich aber so differenziert reden können wie Roy über Delhi.

Es zeichnet sich nun aber ab, dass die Bewegung der Globalisierungskritiker zu einer anderen Antwort auf die Klassenfrage gelangt als einst die Internationale. Bisher konnte es ja scheinen - wenn man die Bewegung an dem Buch von Hardt und Negri maß -, als sei ihr schon die Frage zu altmodisch. Die genannten Theoretiker setzten weder aufs Proletariat noch überhaupt auf eine Klasse, vielmehr auf die pure Menge der Protestierenden und im Übrigen auf die Immigrantenströme. Aber dabei kann die Globalisierungskritik nicht stehen bleiben. Bové und Roy blenden nicht aus, dass die Menschen des Südens überwiegend Bauern sind. Es wäre albern und geradezu kriminell, sie alle zur Emigration zu ermutigen. Man muss vielmehr begreifen: Der Kampf gegen die korporative Globalisierung ist ein Kampf für ihre Klasseninteressen und darüber vermittelt für die Ernährung ihrer selbst und ihrer Landsleute. Ihre Märkte sind es, um deren Zerschlagung sich die Konzerne des Nordens mühen, wobei die "Freihandels"-Ideologie und die Praxis der "korporativen Globalisierung" als Büchsenöffner fungieren. Deshalb ist es kein Zufall, wenn Arundhati Roy, um die Ungerechtigkeit der Weltmarktstrukturen zu illustrieren, immer wieder auf den Zusammenhang von Industrieprojekten und dem Agrarbereich verweist. "Warum", fragt sie etwa, "werden Kakao anbauende Länder wie die Elfenbeinküste und Ghana mit Besteuerung vom Markt gedrängt, wenn sie versuchen, ihren Rohkakao in Schokolade zu veredeln?"

In der Perspektive der einstigen Kommunistischen Internationale stellte sich die Bauernfrage so dar, dass das Land neu verteilt und dann mit Industriemethoden bearbeitet werden müsse; im Zuge einer solchen Umwälzung werde die Bauern- in der Arbeiterklasse aufgehen. Der erste Teil der Antwort bleibt richtig, der zweite bedarf der ökologischen Modifizierung, der dritte ist falsch. Es war enttäuschend, dass Kommunisten aufs Ziel oder auch nur Zwischenziel einer Einheitsklasse setzten, statt immer schon an der Abschaffung aller Klassen, damit aber an der besseren Wahrnehmung und höheren Wertschätzung der Arbeitswelten in ihrer Verschiedenheit zu arbeiten. Dass Bauern der Ernährung und somit einem anderen Ziel dienen als etwa die Hersteller von Polizeimützen, soll man sich daran wirklich erst im vollendeten Kommunisten erinnern? Bové verneint energisch. Er wirft umgekehrt der klassischen europäischen Arbeiterbewegung vor, sie habe es versäumt, ihren Führungsanspruch auf die Güte der von ihr geforderten Arbeitsziele - marxistisch gesprochen: einer klug und human bestimmten Verwendung des Mehrwerts - zu stützen. So hätte es erst gelingen können, die Forderung gesellschaftlicher Produktionsplanung verständlich und plausibel zu machen.

Der konkrete Blick auf Arbeitsziele begünstigt die Öffnung für die symbolischen Formen des Kampfes. Damit holen wir den Ausgangspunkt ein: die Idee, kapitalistische Firmen gewaltlos anzugreifen. Wenn Roy warnt, der gewaltlose Widerstand dürfe "nicht zu ineffektivem, wohlgefälligem politischem Theater verkümmern", spricht sie keineswegs gegen symbolische Politik, sondern eben nur gegen deren ineffektive Varianten. Denn als Vorbild nennt sie Gandhis Kampf gegen die britische Salzsteuer: Unter seiner Führung marschierten Tausende Inder zum Meer, um ihr Salz dort zu gewinnen. Dieser Schritt war symbolisch und ein Schlag gegen die Salzsteuer zugleich. Das Beispiel illustriert darüber hinaus den Zusammenhang zwischen Ausbeutung und militärischer, damals britischer Gewalt. Heute nehmen Roy und auch Bové US-amerikanische Firmen ins Visier. Es geht um bestimmte Ziele bestimmter Firmen, ob sie nun den Irakkrieg produzieren oder das "malbouffe" - wie Bové sagt - das üble Essen bei McDonald´s. So können lokale Kämpfe globale Zusammenhänge sichtbar machen, wie eben überhaupt ein Symbol vieles verdichtet und somit sein Gebrauch zur Beschleunigung der politischen Kommunikation führt.

Das Ermutigende der Rede, die Frau Roy auf dem Weltsozialforum hielt, ging in einem störrischen Gerede fast unter. Ob man sich denn etwa mit dem gewaltsamen irakischen Widerstand solidarisieren oder gar an ihm teilnehmen solle? Dabei hatte sie klar unterschieden: Es geht um unseren Widerstand; den der Iraker haben wir nicht zu bewerten. Was wir zu tun haben, ist jetzt klarer.


00:00 06.02.2004

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